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Iwan van der Walde
© Norma van der Walde

Iwan von der Walde * 1883

Curschmannstraße 8 (Hamburg-Nord, Eppendorf)

KZ Fuhlsbüttel 1938
Freitod 18.8.1942 HH

Weitere Stolpersteine in Curschmannstraße 8:
Helene Elsa Bauer, Ilse Lippstadt, Sara Gertrud Theiner

Iwan van der Walde, geb. 31.12.1883 in Hamburg, Suizid am 18.08.1942

Iwan van der Walde, am 31.12.1883 in Hamburg geboren, war der 3. Sohn des Magnus van der Walde, gebürtig aus Emden. Nach dessen Tod führte Iwan mit seinem Bruder Max die väterliche Firma weiter. Es bestand ein großer Familienzusammenhalt mit Max und den drei Schwestern Marianne, Sarah und Minne, so wohnten sie mehrere Jahre in benachbarten Wohnungen in der Haynstraße in Hamburg-Eppendorf.

Iwan war Mitglied der Henry-Jones-Loge im B’nai B’rith (Söhne des Bundes) und muss ein reges gesellschaftliches und kulturelles Leben geführt haben. Den Berichten im Familienkreis lässt sich entnehmen, dass er aus rassischen Gründen seine langjährige Partnerin nicht heiraten durfte. Ihr Sohn, von dem angenommen wird, dass er der seine war, versuchte, in England eine Arbeitsmöglichkeit als Butler für ihn zu finden, vergeblich. Noch bis 1941 gibt es Belege für Versuche, in die USA auszuwandern, doch sein sich rasch verschlechternder Gesundheitszustand mag einer der Gründe dafür sein, dass er den Plan aufgab. Noch am 25.10.1941 war er mit seinem Bruder Max knapp der Deportation nach Litzmannstadt entgangen, weil ihr beider Name auf der "Ersatzliste" durchgestrichen war.

Max konnte mit Frau, Schwiegermutter und Schwager auf dramatischen Wegen Deutschland verlassen und nach Argentinien entkommen, Iwan war das nicht mehr möglich. Er muss am Ende seiner Kräfte gewesen sein, denn am 18. 08. 1942 nahm er sich, kurz vor der Deportation nach Theresienstadt, das Leben.

© Norma van der Walde

Quellen: Hamburger jüdische Opfer des Nationalsozialismus. Gedenkbuch, Staatsarchiv Hamburg Bd. XV, bearbeitet von Jürgen Sielemann unter Mitarbeit von Paul Flamme, Hamburg 1995; Recherchen Sabine Brunotte (Stadtteilarchiv Eppendorf)


Iwan van der Walde, geb. 31.12.1883 in Hamburg, gestorben durch Suizid am 18.8.1942 in Hamburg

Curschmannstraße 8

Die Familie van der Walde blickt auf eine lange Geschichte zurück. Ende des 15. Jahrhunderts hatten ihre aus Portugal stammenden Vorfahren, die den Namen "de Silveira" trugen, sich in den Niederlanden angesiedelt. 1722 zog einer von ihnen, Binjamin Wolf da Silveira, von Amsterdam nach Emden und benannte sich in "van der Walde" um. Dort wurde sechs Generationen später, nämlich 1846, Magnus Moses van der Walde geboren. Dieser siedelte nach Hamburg um und heiratete Frederike Amalie (Malchen) Seligmann (geb. 1853). Die beiden hatten sechs Kinder: Max Magnus, der Älteste, geboren 1880 in Ham­burg, konnte noch 1942 mit seiner Frau durch eine dramatische Flucht nach Südamerika emigrieren, wo er 1956 in Buenos Aires starb. Der zweite Sohn von Malchen und Magnus, Siegmund, geboren 1882, fiel 1917 in Flandern. Iwan war der dritte Sohn, gefolgt von drei Töchtern: Marianne, geboren 1886, starb in den USA, ebenso wie Sara (Ary) van der Walde, die 1888 zur Welt gekommen war. Die Jüngste, Minna, geboren 1890, wurde 1942 zusammen mit ihrem Mann und ihrem Sohn in Izbica ermordet. Das Schicksal dieser Familie wurde in dem Buch "In einem unbewachten Augenblick" von Mark Roseman sehr bewegend geschildert.

Iwans Vater Magnus hatte in der Poolstraße (bei den Kohlhöfen) eine Firma eröffnet, die Baufirmen mit Kupferblechen, -rohren, -dächern und Zink belieferte. Später verlegte er die Firma in die Carolinenstraße. Als seine Frau 1908 gestorben war, führten ihm in der Wohnung Schlüterstraße 80 die Töchter den Haushalt. Auch die drei Söhne lebten noch dort. Magnus starb 1912. Seine Kinder zogen gemeinsam in die Haynstraße 7 nach Eppendorf, die wie zahlreiche andere Straßen in der Gründerzeit neu entstanden war. Minna blieb für den Haushalt der Geschwister zuständig. Iwans Bruder Max heiratete 1913 seine Braut Goldi Krombach aus Posen. Im Nachbarhaus, in der Haynstraße 5, fanden die beiden eine Wohnung. Auf dieser Hochzeit lernte Minna Goldis Bruder David kennen. 1916 heirateten die beiden und lebten anschließend in Essen.

Anfang der 1930er Jahre zog Max‘ Schwiegermutter mit Goldis Bruder Emil in die Haynstraße 8. Der Familienzusammenhalt scheint eng gewesen zu sein. Pessach, Purim und Chanukka feierten die Krombachs und die van der Waldes gemeinsam, an den hohen Feiertagen gingen die Männer zusammen in die Synagoge.

Über Iwans Schulzeit und Ausbildung ist nichts bekannt. In den Telefonbüchern von 1914 und 1918 war am Grindelberg 3a unter seinem Namen ein Geschäft für Papier, Lederwaren und Annoncen-Annahme aufgeführt, 1925 und 1931 verzeichnete ihn dieselbe Quelle "in Fa. Adolph Riefling & Sohn". Später führte er zusammen mit Max als gemeinsamem Inhaber die väterliche Firma weiter, die im Börsenverzeichnis von 1933 unter der Adresse Mercurstraße 7 als "Lager von rohen und gewalzten Metallen" verzeichnet war. Irgendwann in den Jahren zuvor war Iwan in die Curschmannstraße 8 umgezogen.

Wie schon sein Vater war er Mitglied der Henry-Jones-Loge. Dieser jüdische Orden in der Tradition der Freimaurer war 1887 als regionale Vereinigung des Bn‘a Brith (Söhne des Bundes) gegründet worden. In seinem Gefolge entstanden zahlreiche Initiativen und Vereine, die sich mit sozialer Arbeit, Bildung und Kultur befassten. Ausgelöst worden war diese Bewegung durch eine Welle des Antisemitismus in den 1870er Jahren, als man Sündenböcke für die Wirtschaftskrise "brauchte". Iwan muss also ein Mann gewesen sein, der an Gemeinschaft interessiert war und ein reges gesellschaftliches und kulturelles Leben führte. Wie in der Familie überliefert, wurde jedoch über seine privaten Angelegenheiten im Kreis der Geschwister nicht gesprochen. Iwan hatte vermutlich eine Liebesbeziehung zu einer Nichtjüdin, die ungefähr 1920 einen Sohn namens Otfried zur Welt brachte. Kurze Zeit später starb ihr Mann. Warum die beiden jetzt nicht heirateten, ist unbekannt. Später, als Iwan als Jude das Leben in Deutschland unmöglich gemacht wurde, fuhr Otfried, von dem "alle wissen, dass er Iwans Sohn ist, und der auch zu Familienfeiern eingeladen wurde", nach England, um für seinen Vater eine Stelle als Butler zu suchen. So erzählte es später Iwans Neffe Kurt seiner Tochter. Warum Otfried keinen Erfolg hatte, wissen wir nicht, vielleicht war sein Vater zu alt oder zu krank. Ende der 1940er Jahre wanderte Otfried in die USA aus.
1938 wurde die Firma Magnus van der Walde "arisiert". Iwan und Max mit Familie – Goldi und er hatten die Kinder Kurt Wolfgang und Vera – lebten wahrscheinlich anschließend vom "Verkaufserlös" und von Ersparnissen. Das Vermögen war unter "Sicherungsanordnung" gestellt worden. Im Zuge der Pogromnacht 1938 wurde Iwan ins KZ Fuhlsbüttel eingeliefert.

Die weitere Lebensgeschichte Iwans geht aus verschiedenen Schreiben an den Oberfinanzpräsidenten hervor. Für jede Extraausgabe, praktisch alles, was nicht unter Miete oder die genehmigten Lebenshaltungskosten fiel, musste ein Antrag auf Freigabe des eigenen Vermögens gestellt werden.

Im Juni 1939 bat Max um Erlaubnis, für die nächsten drei Monate für seinen erkrankten Bruder Zahlungen von dessen "Freibetrag" vornehmen zu dürfen, u. a. um fällige Gebühren zu bezahlen. Im Juli schrieb er, dass Iwan voraussichtlich bald aus dem Krankenhaus entlassen werde und eine Kur antreten solle, dafür bat er um eine Extrafreigabe. Iwan selbst beantragte im August eine Unbedenklichkeitsbescheinigung, da er anscheinend versuchte, in die USA auszuwandern – auf seiner Kultussteuerkartei steht (später ausgestrichen):

"Ausgeschieden Sept. 39 durch England/USA." Ob der Beginn des Zweiten Weltkrieges seine Pläne zunichte gemacht hat? Jedenfalls verfolgte er seine Absicht mindestens bis 1941. Beleg dafür ist eine Rechnung über Telegrammgebühren, die er im Juni 1941 beim Oberfinanzpräsidium einreichte: "Betr. Telegramm nach USA wegen Auswanderung an die HAPAG RM 22,-."

In einem weiteren Brief Anfang September 1939 bat Iwan um Extrafreigabe von Geld, um die Rechnung des Allgemeinen Krankenhauses Altona sowie den Chefarzt bezahlen zu können. Anschließend verschlechterte sich sein Gesundheitszustand erneut, denn, so Max: "Mein Bruder Iwan ... hat sich einer Operation unterziehen müssen und befindet sich gegenwärtig im Krankenhaus." Zusatz von Iwan: "Ich weise auf meine Anfälligkeit hin. Ich war mit kurzer Unterbrechung fast 3 Monate im Krankenhaus und bedarf daher der bes. Pflege."

Seit 1936 wohnte Iwan wieder in der Haynstraße 5. Anscheinend war er Untermieter bei Bruder Max und Schwägerin Goldi, denn diese gab im Oktober 1939 dem Oberfinanzpräsidium als Einkommen 100 RM Zahlungen von den Untermietern Iwan van der Walde und Frl. Sara Gunst an. Außerdem schrieb sie: "Meine Aufwendungen schätze ich monatlich auf RM 25,-. Ich bitte erg. darum, mir die überschiessenden RM 75,- zur eigenen Verfügung zu belassen." Der Antrag wurde abgelehnt. Im Januar 1942 informierte Max das Oberfinanzpräsidium davon, dass sie keinen Untermieter mehr hätten. Iwan war in den Großneumarkt 56, Haus B verzogen. Im Mai 1942 wohnte er wieder mit Bruder und Schwägerin zusammen – Goldi, Max und Schwager Emil hatten ebenfalls ins ehemalige jüdische Stift umziehen müssen, das zu einem "Judenhaus" umfunktioniert worden war. Zwar war für sie die Leidenszeit in Deutschland bald zu Ende, aber es erwarteten sie neue Strapazen. Monatelang mussten die drei auf einer Segeljacht außerhalb der spanischen Hoheitsgewässer aushalten, bis sie endlich die benötigte Durchreisegenehmigung erhielten und im Februar 1943 das sichere Argentinien erreichten.

Einige Monate zuvor waren Iwan und Max knapp dem Abtransport entgangen. Auf der "Ersatzliste" für die Deportation nach "Litzmannstadt" am 25. Oktober 1941 wurden die Namen der beiden gestrichen. Es waren also "genügend viele" der zur Deportation vorgesehenen Menschen in der Sammelstelle erschienen, sodass die vorgegebenen Zahlen erreicht worden waren. Wäre das nicht der Fall gewesen, wäre mithilfe der Ersatzliste "aufgefüllt" worden.

Ein Schreiben des "Jüdischen Religionsverbands" vom Januar 1942 informierte das Friedhofsamt Hamburg-Ohlsdorf darüber, dass "Herr Iwan Israel von der Walde für den Begräbnisplatz in Pflicht genommen werden sollte", d. h. für die jüdischen Begräbnisse zuständig sei. In dieser Funktion kam Iwan unter anderem für die Beerdigung von John Kronach (s. dort) auf, der sich im Juli 1942 vergiftet hatte. Auch Iwan muss am Ende seiner Kräfte gewesen sein – einen Monat später nahm er sich das Leben. Er hatte nachts Brandwache in dem leer stehenden Gebäude des ehemaligen Jüdischen Waisenhauses Papendamm 3 gehabt. Am Morgen des 19. August 1942 fand ein Mitarbeiter auf dem Tisch in der Bibliothek seinen Abschiedsbrief. Iwan van der Walde, zum Todeszeitpunkt 58 Jahre alt, hatte sich auf dem Dachboden des Hauses erhängt. In seinem Abschiedsschreiben an den "Jüdischen Religionsverband" hieß es: "Ich kann dieses Leben nicht ertragen, denn ich weiß, daß ich geistig den Anforderungen, die man an mich stellt, nicht mehr gewachsen bin. ... Allen denen, die mir gut gesinnt waren, danke ich mit den besten Wünschen Iwan van der Walde".

Den Stolperstein ließ 60 Jahre später seine Großnichte Norma van der Walde, Enkelin seines Bruders Max, für ihn legen.

© Sabine Brunotte

Quellen: 1; 2; StaH 351-11 AfW, 311283; StaH 314-15 OFP, R 1938/3390; StaH 213-8 Staatsanwaltschaft Oberlandesgericht Verwaltung, Abl.2 451a, E1.1c; StaH 331-5 Polizeibehörde – Unnatürliche Sterbefälle 1942/1465; StaH Friedhofsverwaltung 273; 300 Jahre der Familie van der Walde (privat); private Aufzeichnungen zur Familiengeschichte (ohne Titel), beides freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Norma van der Walde, März 2010; mündliche Auskunft Norma van der Walde, 2.3.2010; Verzeichnis der Mitglieder Der Drei Hamburger Logen U.O.B.B. Henry Jones Loge, Steinthal Loge und Nehemia Nobel Loge (1933); Hamburger Telefonbuch von 1933 und von 1938; Verzeichnis Hamburger Börsenfirmen (abgeschl, Mitte Feb. 1933); Hirsch, Die Henry-Jones-Loge, in: Wamser/Weinke, Ehemals in Hamburg, 1991, S. 64ff.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

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