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Alfred Beer * 1896

Isestraße 80 (Eimsbüttel, Harvestehude)

1941 Lodz
ermordet am 1.4.1942

Weitere Stolpersteine in Isestraße 80:
James Lewie

Alfred Beer, geb. 24.1.1896, am 25.10.1941 nach Lodz deportiert, am 1.4.1942 verstorben

Isestraße 80 bei Wiener

Alfred Beer wurde als Sohn von Moritz Beer und seiner Frau Bianca, geb. Simon, in Hamburg geboren. Sein Vater, ein Kaufmann, betrieb ein Geschäft für Haushaltswaren im Schaarsteinweg 19. Die Familie wohnte in der großen Michaelisstraße 9. Seit 1920 war Alfred Beer in der Kultussteuerkartei der Jüdischen Gemeinde Hamburg als Mitglied eingetragen. Beim Eintritt war die Adresse noch die seiner Eltern, Grindelhof 7e. Danach zog er bis 1937 fünfmal um. Als Beruf ist "Reisender" (= Vertreter) angegeben. Sein Einkommen blieb gering, und wir wissen nicht, mit welchen Waren er handelte.

Alfred Beer blieb ledig, seine Familie bestand aus einer Schwester und Kusinen in Hamburg.

Im Rahmen der großen Verhaftungswelle nach der Pogromnacht kam er vom 11. auf den 12. November 1938 ins KL Fuhlsbüttel. Eine spätere Haft in Sachsenhausen, die im Gedenkbuch des Bundesarchivs als Vermutung verzeichnet ist, hat es nicht gegeben.

Wir wissen wenig über ihn, aber wir kennen vieles aus den letzten zweieinhalb Jahren seines Lebens, denn sein Freund Werner Satz wanderte im Dezember 1938 in die USA aus, und die Sammlung der Briefe, die seine Mutter, Selma Satz an ihren Sohn schrieb, ist erhalten und Alfred Beer wird dort oft erwähnt.

Alfred Beer, blieb in engem Kontakt zur Familie seines Freundes, die in der Isestraße 69 wohnte. "Er kommt einem fast schon wie ein Verwandter vor", schrieb Selma Satz. In der Sammlung befinden sich zwei Briefe von Alfred Beer selbst und Selma Satz berichtet ausführlich über sein Schicksal. Sie schrieb immer wieder, wie verlassen Alfred Beer sich fühle, und dass er viel Unterstützung brauche, um mit den Anforderungen des täglichen Lebens zurechtzukommen. Alfred Beers Schwester und die Kusinen halfen bei der Unterkunft. Bei Selma Satz konnte er sich manchmal satt essen, ging aber auch für wenig Geld in öffentlichen Küchen.

Alfred Beer träumte davon, seinem Freund in die USA folgen zu können. Zunächst war sein Ziel aber offenbar England, wie schon einmal 1937. Damals war in seiner Kultursteuerkarte "England" als Grund für sein Ausscheiden vermerkt, wieder durchgestrichen worden und im April 1939 wieder eingetragen. Am 3. April 1939 schrieb er an Werner Satz: "Alle gehen fort und ich werde hier wohl verrecken. Ich hörte gerade dieser Tage aus London vom Commitee, dass ich einen zweiten Bürgen stellen muss und weiß nicht, woher nehmen, da mein Vetter die Bürgschaft nicht allein übernehmen will. Ferner verlangt das Commitee ein Affidavit, das P.T aber erst frühestens im Mai geben kann … Ich muss nun noch weiter warten … trotzdem. Heute fährt mein Bekannter Marc S. nach New York, Heymann ist auch längst weg…" Wie so viele in dieser Zeit, litt er unter dem Hin und Her zwischen Hoffnung auf Auswanderung, Enttäuschung und Verzweiflung, wenn wieder ein Papier oder das Geld fehlte.

Am 28. Oktober 1939 schrieb er an Werner Satz, diesmal voller Hoffnung auf die Emigration in die USA: "Letzte Woche bekam ich vom Amer. Konsulat Bescheid, dass meine Wartenummer an der Reihe ist und ich meine Papiere ausschicken soll..." Er hatte inzwischen wohl durch Werners Vermittlung eine zweite Bürgschaftserklärung von einer Kusine aus New York bekommen. Aber nun erfuhr er, dass auch die zwei Erklärungen nicht ausreichten, um den Lebensunterhalt in den USA zu garantieren. Vergeblich wartete er auf eine dritte. Auch das Geld für die Überfahrt besaß er nicht. Dennoch besorgten er und Selma Satz sich im Februar 1940 gemeinsam die nötigen ärztlichen Atteste, Führungszeugnisse und Passbilder.

Die Sorge, den Alltag zu bewältigen, ging weiter, auch die Suche nach Arbeit. Im Sommer 1939 hatte er Arbeit im Stadtpark gefunden, sie aber nach kurzer Zeit wieder verloren, weil die körperliche Anstrengung zu groß war. Mehrmals zog er noch um. Mal bezahlte seine Schwester, die selbst erwerbslos war, die Miete für ihn, mal kam er bei einer Kusine unter.

Anfang 1941 erhielt er eine feste Arbeitsstelle, von der er bescheiden leben konnte, wie Selma Satz schreibt. (In der Hamburger Deportationsliste ist "Erdarbeit" als Beruf eingetragen.)

Im Mai 1941 fand er ein Zimmer in der Isestraße 80, seine letzte Wohnadresse, wo der Stolperstein für ihn verlegt wurde.

Mit seinen Bemühungen auszuwandern, kam er nicht weiter. Immer noch hoffte er auf eine dritte Bürgschaft und das Wiedersehen mit seinem Freund. Am 19. Oktober 1941 schrieb Selma Satz an ihren Sohn: "Von deinen Bekannten sind keine mehr hier, nur eben Bär (!), der 5 Minuten von uns wohnt… hat noch seinen alten Humor und denkt gern an die Autofahrten mit dir zurück, wie lange, lieber Werner, ist dies schon her."

Sechs Tage später, am 25. Oktober 1941 wurde Albert Beer ins Getto Lodz deportiert. Er "wohnte" dort Aleksanderhof 37, eine Adresse, die ein normales Unterkommen vortäuschte, jedoch den engen Raum des Quartiers musste er mit vielen teilen. Die Eiseskälte des letzten Winters und Hungersnot nahmen ihm wohl die letzten Kräfte. Ob er Arbeit bekommen und damit eine etwas höhere Lebensmittelzuteilung als die Nichtarbeitenden, ist nicht bekannt. Ebenso wenig kennen wir seine genaue Todesursache.

Er starb am 1. April 1942, sechs, Wochen bevor im Mai viele Juden aus Hamburg in das Vernichtungslager Chelmno in den Gastod geschickt wurden.

Stand: Februar 2020
© Christa Fladhammer

Quellen: 1;5; StaH, Geburtsanzeige Alfred Beer; ITS/Archiv/ZNK; https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/directory.html.de; Die Chronik des Gettos Lodz/Litzmannstadt, (Hrsg.) Sascha Feuchert, Göttingen 2007; div. Hamburger Adressbücher; Briefe der Selma Satz an Ihren Sohn Werner 1938 bis 1941, Privatbesitz; Hamburger Deportationsliste v. 25.10.1941: https://www.statistik-des-holocaust.de/list_ger_nwd_411025.html; ancestry.com: Ghetto Lodz: Bewohnerliste Alekshandhof 37, Ghetto Lodz: alphabetische Liste der Bewohner des Ghettos Lodz.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Recherche und Quellen.

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