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Siegfried Berliner * 1871

Gryphiusstraße 7 (Hamburg-Nord, Winterhude)


HIER WOHNTE
SIEGFRIED BERLINER
JG. 1871
GEDEMÜTIGT / ENTRECHTET
FLUCHT IN DEN TOD
21.6.1943

Siegfried Berliner, geb. 20.6.1877, Flucht in den Tod am 21.6.1943

Gryphiusstraße 7, Hamburg Nord

"Der Beklagte hat die Ehe schuldhaft so tief zerrüttet, dass die Wiederherstellung einer ihrem Wesen entsprechenden Lebensgemeinschaft nicht mehr erwartet werden kann. Grund hierfür ist, dass der Beklagte der jüdischen Rasse angehört, während die Klägerin arisch ist." So begründete das Hamburger Gericht 1938, nach 24 Jahren Ehe, die Scheidung von Siegfried und Wilhelmine Berliner. Der jüdische Beklagte Siegfried Berliner verlor damit den Schutz der "privilegierten Mischehe".

Siegfried Berliner war als Kind der jüdischen Eheleute Edward Berliner und Bianka, geb. Schwartzer, am 20.6.1877 in Kattowitz/Schlesien geboren worden (die Angabe 1871 auf dem Stolperstein beruht auf einem Irrtum).

Über seine Kindheit und Schulbildung ist uns eben so wenig bekannt wie der Zeitpunkt, an dem er nach Hamburg kam. Seine berufliche Laufbahn begann er hier mit der Ausbildung zum Kaufmann. Er wohnte laut Meldekartei am 11. Januar 1909 in der Lagerstraße 5 in Hamburg St. Pauli bei Dörnbrack.

Am 8. Februar 1914 heiratete er in Kopenhagen die nichtjüdische Wilhelmine Therese Bagger. Während der NS-Zeit galt diese Ehe als Mischehe.

Wilhelmine Bagger war am 11.1.1868 in Mühlhausen/Ostpreußen als Kind der Eheleute Wilhelm Bagger und Henriette, geb. Langhans, geboren worden. Sie war von 1891 bis 1903 in erster Ehe mit dem nichtjüdischen Kaufmann Johann Kolochowski verheiratet, der am 19. Dezember 1912 im Krankenhaus St. Georg verstorben. war. Das Ehepaar lebte in Hamburg. Aus ihrer Ehe gingen zwei Töchter hervor, Frieda Johanna Louise (geb. 15.5.1891), die bereits am 5. April 1916 starb, und Ernstine Emilie Elisabeth (geb. 21.8.1892).

Nach der Heirat ihrer Mutter mit Siegfried Berliner adoptierte dieser sie. Die Familie Berliner wohnte zur Untermiete bei Familie Stegemann in der Kleinen Gärtnerstraße 103 in Altona. Ihre Ehe blieb kinderlos. Das Ehepaar legte sich stattdessen einen Papagei zu, den sie beide sehr liebten.

Die Adoptivtochter Ernstine heiratete am 15. März 1921 Heinrich Ferdinand (Heinz) Berens, geb. am 28.5.1886, in Sonderburg.

Von 1916 bis 1935 wohnten Siegfried und Wilhelmine Berliner in der Gryphiusstraße 7 in Winterhude. Von dort zog das Ehepaar nach Wellingsbüttel in die Hamburger Straße 112 (heute Bramfelder Chaussee). Das Ehepaar lebte sehr zurückgezogen und pflegte nur mit wenigen Freunden Kontakte.

Heinz Berens gründete 1921 mit seinem Schwiegervater Siegfried Berliner eine Firma für Laborgeräte, die am 19. März 1921 im Handelsregister eingetragen wurde: Heinrich Ferdinand Berens war Geschäftsinhaber, Siegfried Berliner erhielt Prokura. Ein Jahr später erhielt Heinz Berens‘ Ehefrau, Ernstine Berens, ebenfalls Prokura. Als Siegfried Berliner 1926 als Gesellschafter eintrat, blieb Ernstine die einzige Prokuristin in der Firma.

Unter den Kunden befand sich die Phototechnikfirma Homrich & Sohn mit Sitz in der Großen Rainstraße 41–43 in Altona, die zugleich Darlehensnehmerin war. Deren Eigentümer waren nicht jüdisch. Mit Beginn des Jahres 1935 nahmen sie von ihrem Geschäftspartner, der Firma Heinz Berens, mit der Begründung, es handele sich um ein jüdisches Unternehmen, keine Aufträge mehr entgegen. Um geschäftliche Nachteile zu vermeiden, schied Siegfried Berliner aus und Heinz Berens wurde alleiniger Inhaber. Die Übertragung der Firma an ihn wurde am 29. November 1935 im Handelsregister dokumentiert, an der praktischen Tätigkeit Siegfried Berliners in der Firma änderte sich dadurch nichts.

Als jedoch am 11. April 1937 Heinz Berens starb, verlor Siegfried Berliner nicht nur seinen engsten Mitarbeiter. Dessen Witwe, seine Adoptivtochter Ernstine Berens, wurde am 27. September 1937 als alleinige Inhaberin der Firma im Handelsregister eingetragen. Wilhelmine Berliner und ihre Tochter Ernstine kauften in der Hamburger Straße 112 (heute Barmfelder Chaussee 112) ein Haus. Siegfried Berliner erwarb daran ein Miteigentumsrecht.

Bis 1938 wurde die Firma als Handel mit photographischen Artikeln unter der Adresse Steindamm 7 in Hamburg St. Georg geführt, die Firma Dürkopp wurde Mitinhaberin. Danach verlegte Ernstine Berens den Firmensitz nach Wellingsbüttel in ihr Wohnhaus. Ihr Adoptivvater Siegfried Berliner blieb weiter im Geschäft tätig. Die Firma musste sich nun verpflichten, keine Kopier- und Vergrößerungsgeräte mehr herzustellen, alle in ihrem Besitz befindlichen Photozellen an die Dürkopp Werke auszuliefern und nur noch Ersatzteile für Reparaturen zu liefern. Trotz dieser Restriktionen musste die Firma im Rahmen der "Arisierungen" an die Dürkopp Werke verkauft werden. Dies geschah per Datum 23. November 1938. Damit hatte Siegfried Berliner seinen Lebensunterhalt verloren.

Im Sommer 1938 musste sich Wilhelmine Berliner einer schweren Augenoperation unterziehen. Als Folge blieben ein schweres Nervenleiden wie eine gravierende Sehschädigung blieb zurück.

Nach dem Novemberpogrom von 1938 wurde Siegfried Berliner zur Zahlung der "Judenvermögensabgabe" verpflichtet, er leistete am 16. Dezember 1938 die erste Rate von 1.500 Reichsmark und die zweite dann am 19. Januar 1939 in Höhe von 4.650 Reichsmark. Unmittelbar im Anschluss daran vermachte er sein restliches Vermögen seiner Ehefrau Wilhelmine.

Die Eheleute trennten sich, ihre Ehe wurde am 21. Februar 1939 rechtskräftig geschieden. Als Begründung diente die jüdische Herkunft des Ehemanns wie eingangs zitiert. Siegfried Berliner, so betonte er vor Gericht, liebte seine von ihm getrennt lebende Ehefrau nach wie vor. Die Trennung sei für ihn nur schwer zu akzeptieren.

Für den 8. März 1939 plante Siegfried Berliner seine Auswanderung in die USA.
Seine Adoptivtochter lieh ihm für die Kosten einen Beitrag von 5.800 RM. Die Mittel sollten vor allem zur Begleichung der "Reichsfluchtsteuer" eingesetzt werden. Er zahlte eine erste Rate am 19. Januar 1939 und eine zweite am 21. Februar 1939 von insgesamt 9.597 RM. Daraufhin erhielt er vom Finanzamt die unerlässliche "Unbedenklichkeitsbescheinigung", mit der er hätte legal ausreisen können – was nicht geschah.

Es bleibt unklar, woran die Auswanderung letztendlich scheiterte. Seine Adoptivtochter Ernstine forderte über einen Rechtsanwalt das Geld zurück, das sie ihm für die Auswanderung in die USA zur Verfügung gestellt hatte.

Bis zum 9. Mai 1941 wohnte Siegfried Berliner in der Hamburgerstraße 112. An diesem Tag wurden seine Möbel beschlagnahmt und über die Firma Peters & Löwenthal, Deichtorstraße 8, verkauft. Der Erlös betrug 5.648,50 RM. Für die Einlagerung der Möbel stellte die Firma Siegfried Berliner 1.173,70 RM in Rechnung.

Das Anwesen in der Hamburgerstraße wurde 1942 durch den amtierenden Stadtinspektor Theo Klever beschlagnahmt. Die Unterlagen der Firma Heinz Berens befanden sich noch im Haus, nichts durfte mitgenommen werden.

Die geschiedene Ehefrau Berliner durfte weiterhin dort wohnen, Siegfried Berliner zog zunächst in die Grindelallee 54 und von dort in die Rutschbahn 35.

Er wurde am 29. Oktober 1942 ohne Angabe von Gründen kurzzeitig im Konzentrationslager Fuhlsbüttel inhaftiert. Am 18. November 1942 wurde er ein weiteres Mal verhaftet und ins Stadthaus an der Stadthausbrücke gebracht.

Statt in der Rutschbahn 35 brachte ihn die Jüdische Gemeinde nun im "Judenhaus" Dillstraße 15 unter. Am Abend des 20. Juni 1943 kehrte Siegfried Berliner nach Wellingsbüttel zurück und nahm vor seinem Haus in der Hamburgerstraße 112 Schlafmittel ein mit der Absicht, sich das Leben zu nehmen. Er wurde schlafend aufgefunden und in das Jüdische Krankenhaus an der Schäferkampsallee transportiert, wo er am folgenden Tag verstarb. Einen Abschiedsbrief hinterließ er nicht.

Siegfried Berliner wurde am 21. Juni 1943 auf dem nichtjüdischen Teil des Friedhofs Ohlsdorf in der Grabstätte BM 67 – 172-173 beigesetzt.


Stand: Oktober 2019
© Bärbel Klein

Quellen: StaH, 1; 2; 5; 8; StaH 621-1/87_37; StaH 351-11_54001; StaH 331-5_3 Akte_1012 /1943; StaH 522-1_992d Band 3; StaH 332-5_2070/1891; StaH 332-5_2104/1892; StaH 332-5_1129/1891; StaH 332.-5_91/1948; StaH 332-5_148; StaH 332-5_268/1937; StaH 332-5_190/1943; StaH 332-5_410/1965; In conformity with the ITS Archives, 1966, 6.3.3.2 [873066974] [7105] ITS Digital Archive Bad Arolsen.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

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