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Passfoto Heinrich Ahrens
Heinrich Ahrens
© Privat

Heinrich Ahrens * 1906

Kalischerstraße 22 (Harburg, Harburg)


HIER WOHNTE
HEINRICH AHRENS
JG. 1906
VERHAFTET JULI 1942
"HOCHVERRAT UND
WEHRKRAFTZERSETZUNG"
MARINEGERICHT BORDEAUX
TODESURTEIL 20.5. 1943
ERSCHOSSEN 9.7.1943

Heinrich Ahrens, geb. 8.9.1906 in Harburg, am 9.7.1943 wegen Hochverrats und Wehr-kraftzersetzung verurteilt und am 20.5.1943 in Bordeaux erschossen

Kalischer Straße 22 (früher Feldstraße 32) (Harburg Altstadt)

Heinrich Ahrens, in Harburg geboren, verlor seinen Vater, einen Arbeiter, im Jahr 1913. Seine Mutter Elisabeth Ahrens brachte ihn zunächst allein durch, indem sie arbeiten ging. Irgendwann zwischen 1915 und 1922 verheiratete sie sich neu, mit dem Tallymann (Kon-trolleur von Schiffsladungen) Hermann Schiemann. Sie zog mit ihrem Sohn aus der Mietwohnung in der Feldstraße 32 (heute Kalischerstraße 22) im Harburger Phoenixvier-tel in die Wohnung Hermann Schiemanns in der Werderstraße 78.

Heinrich Ahrens bewegte sich gemeinsam mit seinem Stiefvater seit Mitte 1929 im Um-feld der KPD und war seit 1931 in Harburg als kommunistischer Aktivist bekannt. Im Herbst 1931 musste er wegen unerlaubten Waffenbesitzes für drei Monate ins Gefängnis, ein Vorfall, der ihm in der Stadt den Spitznamen "Revolver-Ahrens" eintrug.

Anfang 1933 ging er in den Untergrund oder fuhr kurzentschlossen wieder zur See, um der "Schutzhaft" der Nazis zu entgehen. Im Oktober 1933 tauchte er in Antwerpen auf. Die belgische Polizei nahm ihn im dortigen Seemannshaus als illegalen Einwanderer in Haft. Am 20.10.1933 schob sie ihn wegen seiner "politischen Motive" über die französi-sche Grenze ab.

Nun fehlen uns anderthalb Jahre in seinem Leben. Am 7.3.1935 reiste er ohne Papiere von Dänemark aus in Deutschland ein. Er wurde in Lübeck kurz festgenommen, seine Einreise der Harburger Polizei mitgeteilt, die ihm die Auflage erteilte, sich pro Woche zwei Mal bei ihr zu melden.

Heinrich Ahrens blieb anschließend zunächst in Harburg. Er arbeitete 1935 und 1936 als Hilfstankwart bei der Shell Tankstelle Paasch am Ortseingang der Bremer Chaussee in Appelbüttel.

Um diese Zeit lernte er die Hamburgerin Elisabeth Schenke kennen; die beiden zogen 1938 in Altona zusammen und heirateten im Februar 1939. Das Paar lebte zunächst von Gelegenheitsarbeiten im Hafen und in verschiedenen Fischbetrieben. Im November 1939 fand Heinrich Ahrens feste Arbeit beim Bau- und Erstbetrieb der Munitionsfabrik Polte in Duderstadt; das Paar zog nach dort um. Ob Heinrich Ahrens hierfür dienstverpflichtet worden war oder sich die Arbeit selbst gesucht hatte, wissen wir nicht. Für letzteres spricht, dass Elisabeth Schenke in Nesselröden nahe Duderstadt zur Welt gekommen war. Im März 1939 wurde ein Mädchen und im Januar 1941 ein Junge geboren.

Heinrich Ahrens wurde bei Kriegsbeginn im September 1939 mit 33 Jahren zunächst nicht eingezogen. Vermutlich galt er aufgrund seiner KPD-Geschichte und seiner politi-schen Gefängnisstrafe als "wehrunwürdig". Allerdings zwang ihn im Juli 19412 eine Auf-forderung der Arbeitsverwaltung, im Betrieb Polte Urlaub einzureichen und zeitweilig auf dem Versorgungs- und Reparaturschiff "Südmeer", einem umgebauten Walfänger, den die Kriegsmarine nun in Kiel stationiert hatte, anzuheuern. Dieses Kommando beendete er vorzeitig wegen einer schweren Mittelohrinfektion. Anfang Februar 1942 wurde er erneut dienstverpflichtet, diesmal auf dem Frachtschiff "Tannenfels"..


Im Frühjahr 1942 machte die "Tannenfels" eine Fahrt um das Kap der Guten Hoffnung nach Yokohama. Sie hatte Chemikalien und Werkzeugmaschinen für den Kriegsverbün-deten Japan und Versorgungsgüter für die Etappenhäfen deutscher U-Boote an Bord. In Japan lud das Schiff Versorgungsgrundstoffe wie Öle und Fette sowie rüstungsrelevante Rohstoffe für die Industrie in Deutschland und in den besetzten Ländern Europas, vor al-lem Gummi und Metalle.

Im Sommer erhielt Heinrich Ahrens in Japan drei Wochen Urlaub in einem deutschen Soldatenheim. Er erfuhr kurz vor seiner neuerlichen Einschiffung durch einen Brief, dass seine Frau ihr drittes Kind, ein Mädchen, entbunden hatte. Ebenfalls kurz vor der Abfahrt erfuhr die Schiffsführung in Tokio, dass Heinrich Ahrens im Urlaub defätistische Aussa-gen getätigt habe und außerdem im Verdacht stehe, mit den Russen zu konspirieren, was ihm aber nicht zu beweisen sei. Dessen ungeachtet dürfe er auf keinen Fall lebend in die Hände der Alliierten fallen.

Auf der Rückfahrt von Japan zur französischen Atlantikküste im Spätsommer/Herbst 1942 fuhr die "Tannenfels" hinter dem Kap der Guten Hoffnung eine Schleife in die süd-atlantischen Gewässer vor Brasilien, um dort deutsche Schiffe zu versorgen. Dabei kam es am 27.9.1942 zu einem Gefecht mit einem bewaffneten amerikanischen Frachtschiff. Die-ses wurde dabei versenkt, ein Schiff des deutschen Geleitschutzes ebenfalls. Die "Tannen-fels" nahm die 350 deutschen Marinesoldaten an Bord, die amerikanischen Seeleute ließ die Schiffsführung ertrinken.

Bei dieser Gelegenheit soll Heinrich Ahrens Zweifel am deutschen Endsieg geäußert und dazu aufgefordert haben, die Schiffsführung einzusperren und das Schiff in einen neutra-len Hafen zu bringen. Er wurde noch an Bord festgesetzt und im November 1942 in Frankreich der deutschen Marinegerichtsbarkeit übergeben. Aus der Haft heraus infor-mierte er seine Frau in seinem ersten, von der Zensur kontrollierten, Feldpostbrief vom 22.11.1942 noch nicht von seinem Schicksal. Erst am 16.12.1942 gab er die traurige Nachricht preis, ohne sie aber näher erläutern zu können.

Seine Frau begann nun, mehrere Mitmatrosen nach genaueren Einzelheiten zu befragen. Am 2.2.1943 antwortete ihr ein Georg Wiechmann aus Rodenkirchen, dass ihr Mann sich während der ganzen Reise kommunistisch betätigt habe und dafür nun bestraft werde.

Das Marinegericht in Bordeaux verurteilte Heinrich Ahrens wegen Aufrufs zu "hochver-räterischen Handlungen und fortgesetzter Wehrkraftzersetzung" am 20.5.1943 zum Tode und ließ ihn am 9.7.1943 in Bordeaux erschießen.

Er hinterließ einen handschriftlichen Abschiedsbrief an seine Frau, dem eine Liste seines damaligen Besitzes beigefügt wurde, von dem sie jedoch nicht ein einziges Stück zu se-hen bekam.

"Liebe Frau u. Kinder!
Heute morgen ist mir eröffnet worden, dass das Urteil vollstreckt werden soll. Ich verste-he nicht, wie es dazu kommen konnte, dass ich nun erschossen werden soll. Ich muss die-sen Weg mutig gehen, sei auch Du mutig und verlasse [dich] auf die Gerechtigkeit und W a h r h e i t, die an den Tag kommen werden.
Deine Post habe ich erhalten, meine Letzte bekommst Du. Gerne hätte ich die Kinder nochmal gesehen. Möchten die Kleinen auf ihrem Lebenswege viel Sonne haben und das Glück ihnen richtig helfen.
Es grüsst und küsst Dich tausendmal
Dein Mann"


Liste des persönlichen Besitzes, Juli 1943:
50 Stück Seife
2 Dosen Japan-Tee à 500 g
3 Paar neue Schuhe
14 Paar Socken neu
13 Pakete Cigaretten à 20 St.
2 Pakete Cigaretten zus. 51 St.
7 Pakete Tabak
1 Pfund heilen Pfeffer
Karton Kinderspielzeug
2 Damen-Morgenröcke, Japan
Stoff – Tuch
Japan-Seide, Naturseide für Mantel
Kinderschlafanzug Japan
Stoff
12 Paar Socken
17 Oberhemden neu

© Christian Gotthardt

Quellen: Allgemeines Reichsarchiv Brüssel, Dossier Ahrens A 94.785; Briefe und andere persönlichen Unterlagen der Familie Ahrens, die der Autor einsehen durfte; Staatsarchiv Hamburg 213-12 Nr. 0718/ Bd. I; Staats-archiv Stade Rep. Stade 171 a Nr. 246; VVN-BdA Harburg (Hrsg.): Widerstand und Verfolgung in Harburg und Wilhelmsburg 1933–1945, Harburg 2005; Gotthardt, Christian: Die radikale Linke als Massenbewegung. Kommunisten in Harburg und Wilhelmsburg 1918–1933, Hamburg 2007, S. 152ff.; Volksblatt für Harburg und Umgebung v. 18.9.1931, 6.10.1931, 16.1.1932, 5.4.1932; Spiegel v. 20.10.1965, 7.3.1966, 26.9.1966; Gotthardt, Christian: Auf Geheiß der Gestapo von der Marinejustiz ermordet. Der Harburger Seemann Heinrich Ahrens, http://www.harbuch.de/index.php/frische-themen-artikel/Ahrens.html.

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