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Johanna Bachrach (née Borchardt) * 1867

Husumer Straße 1 (Hamburg-Nord, Eppendorf)


HIER WOHNTE
JOHANNA BACHRACH
GEB. BORCHARDT
JG. 1867
DEPORTIERT 1942
THERESIENSTADT
1942 TREBLINKA
ERMORDET

Johanna Bachrach, geb. Borchardt, geb. 18.2.1867 in Exin, deportiert am 19.7.1942 nach Theresienstadt, am 21.9.1942 weiterdeportiert nach Treblinka

Husumer Straße 1

Johanna Bachrach stammte aus einer orthodox-jüdischen Familie aus der ehemaligen preußischen Provinz Posen, einer ihrer Großväter war Rabbiner. Sie war Lehrerstochter und Lehrersgattin und wurde schließlich Mutter einer Lehrerin. Ihr Vater, Salomon Borchardt, bekleidete Stellen in Exin, Schrimm und Rogasen, wo sie und ihre sechs Geschwister geboren wurden. Ihre Mutter Sophie war eine geborene Rosenthal. Johannas Ehemann Wolf Bachrach, Sohn des Handelsmanns Josef Bachrach in Nentershausen in Hessen und seiner Ehefrau Zerline, geb. Levy, war als Lehrer nach Altona gekommen. Sie heirateten am 24. Februar 1896 "auf Grund der Ermächtigung des Königlichen Standesamtes zu Altona vom 30. Januar 1896" in Rixdorf, heute Berlin-Neukölln, wo keiner von beiden wohnte, wohl aber Johannas Bruder, der Arzt und Chirurg Moritz Borchardt. Er hatte 1892 ein Praktikum in Hamburg absolviert und war dann nach Berlin gezogen. Bei der Trauung seiner Schwester vertrat er die Väter der Brautleute, die nicht anwesend waren. Johanna hatte bis zu ihrer Heirat bei ihren Eltern in Samter, ebenfalls preußische Provinz Posen, gelebt, wo sie zunächst wohnen blieben. Wolf Bachrachs Eltern waren bereits verstorben.

Johanna, geb. 18.2.1867, war die Älteste, gefolgt von Moritz (geb. 29.7.1868) und Isaac, der sich später Ivan nannte (geb. 9.7.1870), alle drei in Exin geboren. Während ihrer Zeit in Schrimm wuchs die Familie um eine zweite Tochter, Zerline, und einen weiteren Sohn, Julius. Salomon Borchardt nahm eine Stellung als Lehrer in Rogasen an, wo die beiden Söhne Hugo (geb. 5.6.1878) und Hermann (geb. 15.9.1881) zur Welt kamen. Als Johanna im Alter von 29 Jahren heiratete, war ihr Bruder Hermann gerade Bar-Mitzvah.

Während die Brüder kaufmännische Ausbildungen erhielten, ist über Johannas Werdegang nichts bekannt. Zwei Brüder, Isaac/Ivan und Hugo, lebten bereits in Hamburg, als sie 1896 heiratete, Isaac/Ivan hatte schon eine eigene Familie gegründet. Sie ließen sich später im preußischen Alt-Rahlstedt nieder. Hugo heiratete 1904. Ihre Ehefrauen waren die Schwestern Martha und Fanny, geborene Hildesheim (s. Biographien Fanny Borchardt und Eva Leonore Borchardt).

Nach ihrer Heirat zog Johanna Bachrach zog zu ihrem Ehemann in das damals preußische Altona, wo sie beinahe 40 Jahre lang wohnte. Ihre erste Adresse war Wohlers Allee 22, wo sie am 7.2.1897 eine Tochter zur Welt brachte, Lotte Selma. Nach einem Umzug in die Waterloostraße 30 wurde dort zwei Jahre später, am 25.5.1899, ihr Sohn Reinhard Josef geboren. Wolf Barach war Lehrer der Israelitischen Gemeindeschule in Altona und gehörte mit seiner Familie der dortigen Hochdeutschen Israeliten-Gemeinde an. Er bezog ein regelmäßiges Gehalt, das unter dem Einkommen seines Schwagers Ivan lag. Salomon und Sophie Borchardt zogen in die Nähe der im Raum Hamburg lebenden Kinder und wohnten zunächst in Untermiete in der Missundestraße 38 I unweit von ihrer Tochter Johanna.

Zwischen 1896 und 1911 wurden Johannas eigene Kinder und sieben Nichten und zwei Neffen geboren. Inwieweit Johanna und Wolf Bachrach Kontakt zu den entfernter wohnenden Geschwistern hielten, ist nicht bekannt. Wolf Bachrachs ältere Schwester Rebekka hatte wie der Bruder Jakob (geb. 15.12.1870) Nentershausen verlassen und geheiratet, Jakob 1894 die in Fritzlar lebende Rosa Speier. Rebekka war eine "Mischehe" eingegangen und wohnte am Ende ihres Lebens 1942 in Rheydt. Johannas Bruder Julius lebte als Anwalt in Zürich, Hermann war Ingenieur geworden und wohnte in Stuttgart.

Wolf Bachrach, auch Willy genannt, zog 1906 mit seiner Familie von der Waterloostraße 30 in die Waterloostraße 14. Die Kinder Lotte und Reinhard waren inzwischen schulpflichtig geworden und besuchten vermutlich die Israelitische Gemeindeschule, an der ihr Vater unterrichtete. Bevor sie volljährig wurden, starben ihre Großeltern Borchardt, Salomon am 26. März 1913 im Alter von 68 Jahren zuhause, Sophie im Alter von 77 Jahren am 30. Oktober 1915 im Israelitischen Krankenhaus. In beiden Fällen zeigte ihr Schwiegersohn Wolf Bachrach ihren Tod beim Standesamt an. Sie wurden auf dem jüdischen Friedhof Bornkampsweg in Bahrenfeld beerdigt.

Reinhard Bachrach nahm wie seine Cousins Hans und Werner Borchardt, die Söhne Isaac/Ivan und Martha Borchardts, am Ersten Weltkrieg teil. Sie kehrten, wenn auch versehrt, nach Hause zurück, während je ein Sohn von Johannas Bruder Moritz und ihrer Schwester Zerline ihn nicht überlebten.

Lotte wurde Lehrerin. Die Stationen auf dem Weg dorthin sind nicht bekannt. Reinhard studierte an den Universitäten Berlin und Hamburg Medizin und legte die ärztliche Prüfung am 7. Februar 1924 ab. Er schrieb anschließend eine Dissertation über "Beitrag zur Klinik des Pankreasdiabetes mit besonderer Berücksichtigung seiner Entstehung durch Infektionskrankheiten" und wurde am 13. Mai 1925 in Hamburg promoviert. Schon zuvor, am 9. März 1925, hatte er die Approbation erhalten und wurde mit Erhalt des Doktordiploms im Mai 1925 in die Matrikel Hamburger Ärzte eingetragen.

Während Lotte bis zu ihrer Heirat im Elternhaus lebte, zog Reinhard 1925 in die Eimsbütteler Chaussee. Er meldete ein Gewerbe als praktischer Arzt an, führte seine Praxis zunächst in der Eimsbütteler Chaussee 42, dann in Nr. 37, und betrieb zusätzlich eine Sprechstunde von 2 bis 3 Uhr in der elterlichen Wohnung in der Waterloostraße 14. Einmalig für das Jahr 1926 wurde er von der Altonaer jüdischen Gemeinde zu einem Beitrag veranlagt, der ihm jedoch erlassen wurde, als er in die Hamburger jüdische Gemeinde wechselte. Bevor er 1932 eine Kassenzulassung als Arzt erhielt, praktizierte er privat und im Auftrag der Wohlfahrtsbehörde. Die Machtübergabe an Adolf Hitler 1933 und die unmittelbar darauf folgenden antijüdischen Maßnahmen trafen ihn als Teilnehmer des Ersten Weltkriegs nicht sofort, aber er befürchtete zu Recht nach den Aufrufen zum Boykott jüdischer Geschäfte einen Rückgang seiner Praxistätigkeit.

Lotte Bachrach unterrichtete von 1924 an in der jüdischen Privatschule Bieberstraße 4 im Grindelviertel, einer streng orthodoxen Höheren Schule für Mädchen. Gleichwohl war sie Mitglied der "Freunde des vaterstädtischen Schul- und Erziehungswesens", der damaligen Lehrergewerkschaft. Nach der Schließung der Schule 1931 aufgrund wirtschaftlicher Schwierigkeiten wechselte sie an die jüdische Mädchen-Realschule in der Carolinenstraße 35. Wolf Bachrach, der inzwischen Schulleiter an seiner bisherigen Schule geworden war, ging offenbar 1931 im Alter von 64 Jahren in den Ruhestand.

1933 zogen Wolf und Johanna Bachrach mit ihrer Tochter Lotte nach Hamburg in die Husumerstraße 1 in Hoheluft-Ost, wo sie zunächst ihren gutbürgerlichen Lebensstil beibehielten. Ob ihr Umzug eine Reaktion auf die Machtübertragung an Adolf Hitler war, ist nicht bekannt. Wolf Bachrach wollte Mitglied der Hochdeutschen Israeliten-Gemeinde in Altona bleiben und dorthin seine Kultussteuer entrichten, statt die Gemeinde zu wechseln oder gar in zwei Gemeinden Beiträge zahlen. Da er nicht der einzige derartige Fall war, verhandelten die Leitungen beider Gemeinden über das künftige Verfahren in solchen Fällen, beließen es dann aber dabei, dass mit dem Umzug von Altona nach Hamburg nicht automatisch ein Gemeindewechsel mit den entsprechenden Steuerpflichten verbunden sei. Gleichzeitig ersuchte Wolf Bachrach die Gemeinde um eine Minderung der Steuer von 80 RM auf 50 RM jährlich, die ihm gewährt wurde.

Reinhard Bachrach heiratete am 8. Dezember 1933 Edith Samson, geb. 19.1.1903 in Hamburg, die noch bei ihren Eltern, Henry und Käthe Samson, in der Sierichstraße 100 in Hamburg-Winterhude, einer gutbürgerlichen Adresse, wohnte. Ihr Vater war im Metallhandel tätig, Edith hatte als Angestellte ein eigenes Einkommen. Reinhard Bachrach praktizierte zunächst weiter. Nach der Verabschiedung der Nürnberger Rassegesetze 1935 sah er für sich und seine Familie keine Zukunft mehr in Deutschland, gab seine Kassenzulassung zurück und betrieb seine Auswanderung. Mit dem 11. Dezember 1935 schieden er und seine Ehefrau, die ihr erstes Kind erwartete, aus der jüdischen Gemeinde aus und emigrierten am 21. Januar 1936 in die USA. Sie nahmen die Praxiseinrichtung und Teile des Hausrats einschließlich Silbersachen mit. Während der Überfahrt wurde ihr Sohn geboren. Johanna Bachrach würde ihren Enkel nie kennen lernen.

Lotte Bachrach wurde am 14. Juni 1934 als selbstständiges Mitglied in der Hamburger jüdischen Gemeinde aufgenommen. Wie ihr Vater, zahlte sie ihrem Gehalt entsprechend regelmäßig Kultussteuern. Als die Altonaer Gemeinde Wolf Bachrach für das Jahr 1936 wieder mit 80 RM Jahresbeitrag veranlagen wollte, bat er im Hinblick auf die Kosten der Emigration seines Sohnes und auf die bevorstehende Heirat seiner Tochter, es bei 50 RM bewenden zu lassen. Dabei blieb es.

Am 14. Dezember 1936 schloss Lotte Bachrach mit dem jüdischen Arzt Moritz Krayn, geb. 6.4.1897 in Pudewitz, damalige preußische Provinz Posen, die Ehe. Er hatte sich in Bunzlau in Niederschlesien niedergelassen, wohin offenbar die Familie Bachrach Kontakte hatte. Lottes Onkel Jakob Bachrach hatte schon vor dem Ersten Weltkrieg vorübergehend in Bunzlau gelebt und war 1936 wieder nach Niederschlesien gezogen. Bei ihrer Heirat in Hamburg fungierten beide Väter der Brautleute als Trauzeugen, wozu Moritz’ Vater Bruno Krayn aus Berlin angereist war. Lotte Krayn zog zu ihrem Ehemann nach Bunzlau und schied endgültig aus der Hamburger jüdischen Gemeinde aus.

Am 18. Dezember 1937 starb Wolf/Willy Bachrach und wurde auf dem jüdischen Friedhof an der Ihlandkoppel in Hamburg-Ohlsdorf beerdigt. Seine Witwe Johanna blieb zunächst in der Husumerstraße 1 und wechselte 1938 zur Deutsch-Israelitischen Gemeinde in Hamburg. Sie erhielt aus Schleswig eine Witwenpension, von der sie regelmäßig ihre Kultussteuer entrichtete, die bis zu ihrer Deportation über dem Grundbetrag von einer Reichsmark monatlich lag.

Zur Zeit der Volkszählung im Mai 1939 hielt sich Johanna Bachrach bei ihrer Tochter und ihrem Schwiegersohn in Bunzlau auf. Ob sie schon vorher oder erst danach als Untermieterin zu de Wild in die Haynstraße 5 gezogen war, ließ sich nicht ermitteln. Schließlich brachte die jüdische Gemeinde sie in Blankenese im "Judenhaus" Steubenweg 36 (heute Grotiusweg) unter. Von ihren Verwandten lebte in Hamburg nur noch ihre Schwägerin Fanny Borchardt in Horn. Dort besuchte Johanna sie ab und an. Eine Enkelin Fanny Borchardts erinnert "Tante Johanna aus Blankenese" als eine elegante Dame, distinguierter als ihre eigene Familie. Diese Besuche endeten mit dem Befehl, dass Johanna Bachrach am 19. Juli 1942 in das "Altersgetto" von Theresienstadt übersiedeln musste.

Die Organisation des formellen "Heimeinkaufsverfahrens", durch das sich das Deutsche Reich das restliche Vermögen der nach Theresienstadt zwangsdeportierten alten Menschen sicherte, musste von der "Reichsvereinigung der Juden in Deutschland" eingezogen werden. Es diente angeblich zur Deckung aller mit dem "Heimaufenthalt" verbundenen Kosten, war in ihrem Fall aber im Juli 1942 noch nicht abgeschlossen. Johanna Bachrachs Restvermögen betrug 1680,71 RM, es wurde vom Jüdischen Religionsverband, wie die jüdische Gemeinde nun hieß, eingezogen und an die "Reichsvereinigung der Juden in Deutschland" in Berlin überwiesen.

Tatsächlich wurden im Sommer 1942 vor allem ältere Menschen nach Theresienstadt deportiert, wo sie jedoch kein Altenheim vorfanden, sondern ein überbelegtes Getto mit einer hohen Sterberate seiner Bewohner und Bewohnerinnen, wobei von "wohnen" keine Rede sein konnte. Alle Räume waren eng belegt, Neuankömmlinge wurden auf unmöblierten Dachböden untergebracht. Die Sterberate stieg, aber auch die Zahl der nach Theresienstadt Deportierten von 21.000 im Juni auf 58.000 im September. Zur "Entlastung" des Gettos wurden Tausende von Menschen in 36 Großtransporten in Vernichtungslager transportiert, wo nur wenige von ihnen überlebten. Theresienstadt stellte sich statt eines Altenheims als eine Durchgangsstation zu verschiedenen Vernichtungslagern heraus.

Johanna Borchardt wurde zwei Monate nach ihrer Ankunft, am 21. September 1942 mit 2020 Personen nach Treblinka weiterdeportiert. Dabei handelte es sich um einen der sogenannten Todestransporte, von denen weniger als 10 % der Deportierten nach dem Krieg zurückkehrten. Das traf auch für Johanna Bachrach zu.

Von Johanna Bachrachs Tochter Lotte und ihrem Ehemann Moritz verliert sich die Spur bereits 1939. Es gibt keinen Hinweis auf Zeit und Ort ihres Todes. Das gilt auch für Johannas jüngsten Bruder Hermann. Über den Tod von Jakob Bachrach, Johannas Schwager, liegen widersprüchliche Angaben vor.

© Hildegard Thevs

Quellen: 1, 4, 5, 7, 9; Hamburger und Altonaer Adressbücher; Landesarchiv Berlin, Standesamt Berlin-Rixdorf, Heiratsregister 1896, Nr. 65; StAH 332-5, 14027-772/1933; 332-8 Melderegister; 351-11 AfW, 22629; 522-1, 161; 992 e 2 Band 5; Hamburgisches Lehrerverzeichnis, 1920-1938; Tomas Fedorovic, Vernichtungsstätte Malyj Trostenez und die Juden aus dem Ghetto Theresienstadt, in: Der Vernichtungsort Trostenez in der Europäischen Erinnerung. Materialien zur internationalen Konferenz vom 21.-24. März 2013 in Minsk; http://www.erzwiss.uni-hamburg.de/UrsulaRandt/Randt_juedSchulen.pdf; www.alemannia-judaica.de/nentershausen_synagoge.htm, Zugriffe 15.5.2017; Mitteilungen von Angehörigen.
Stand: 20. September 2017
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

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