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Minna Aron (née Levy) * 1879

Abteistraße 35 (Eimsbüttel, Harvestehude)

1941 Riga
ermordet

further stumbling stones in Abteistraße 35:
Edith Cahn, Hermann Glass

Minna Aron, geb. Levy, geb. 3.9.1879 in Altona-Ottensen, deportiert 6.12.1941 nach Riga

Abteistraße 35 (Harvestehude)

Minna Levy wurde 1879 als Tochter des Zigarrenhändlers Eduard Levy (geb. 25.4.1847 in Hamburg) und der Oldesloerin Elisabeth "Elise" Levy, geb. Gosch (1844–1912) in Ottensen in der Arnoldstraße 4 geboren. Zweieinhalb Jahre nach ihr kam die Schwester Selma zur Welt. Nach dem Tod seiner Ehefrau in der gemeinsamen Wohnung Eppendorferweg 258 im September 1912, zog Eduard Levy noch im gleichen Monat zu seiner Tochter Minna in die Bismarckstraße 90. Seit dieser Zeit wurde er als Mitglied der Deutsch-Israelitischen Gemeinde Hamburg geführt. Er verstarb 1924.

Minna Levy, über deren Kindheit und Jugend wir nichts wissen, heiratete im August 1906 den kaufmännischen Angestellten Albert Aron (geb. 3.8.1877 in Hamburg), Sohn des Hamburger Musikers Meyer Aron (1854–1891). Albert Aron hatte mit seinen Eltern in der Schlachterstraße 7 III (Neustadt) und später bis zur Heirat bei seiner verwitweten Mutter Therese Aron, geb. Fränckel in der Hoheluftchaussee 37 gewohnt.

Die Eheleute zogen unmittelbar nach der Heirat in die Roonstraße 34 (Hoheluft-West). Ein halbes Jahr vor der Geburt der Tochter Margot (1910) wechselten sie in den Eppendorferweg 260 I. Stock (Hoheluft-Ost). Die zweite Tochter Ruth wurde 1912 geboren. Wenige Tage vor ihrer Geburt war die Familie in die Bismarckstraße 90 III. Stock (Hoheluft-West) umgezogen. An den Geschäften im Erdgeschoss dieses Hauses lässt sich die gehobene Wohngegend ablesen: neben dem Putzgeschäft (Putzwaren für Hüte) von Witwe H. Leonhardt und dem Friseurgeschäft von August Lüdemann hatte sich dort die Konditorei mit Cafe und Konfitürengeschäft von Fräulein L. Stelling, eine Filiale von Colonialwaren Carl Schmitt und der Delikatessenladen von A.H.F. Bargfeld eingemietet. Zu den Mietern des Hauses zählten u.a. der Zigarren-Fabrikant Adolph Levy (1849–-1929, Inhaber der Firma Heinrich Rosenberg Nachfolger) und der Architekt Ernst Dehmlow (1880–1945).

Im Sommer 1914 erschütterten außenpolitische Drohgebärden, Mobilmachungen und Kriegserklärungen Europa. Auch Albert Aron, der 1897 nach seinem Militärdienst der Infanterie-Ersatzreserve zugeteilt worden war, wurde zur Kaiserlichen Armee eingezogen und zum Fronteinsatz abkommandiert. Er starb am 16. Juli 1916 als Soldat des Füsilier-Regiments 90 in Aachen im Reserve-Lazarett 3.

Seine 36-jährige Witwe musste nun allein für sich und die beiden fünf- und dreijährigen Töchter sorgen. Aus der Wohnung Bismarckstraße 90 zog sie mit den Kindern und ihrem 70jährigen Vater 1917/1918 in die Grindelallee 186 (Rotherbaum). Finanziell stand sie sich nicht gut: Seit 1923 war sie von der Kultussteuer der Jüdischen Gemeinde befreit. 1926 belief sich ihre monatliche Kriegerwitwenrente auf 88,90 Reichsmark. Die ältere Tochter Margot besuchte dennoch bis 1926 die private und religiös-liberale Realschule für Mädchen (Lyzeum) von Dr. Jacob Loewenberg (1856–1929) in der Johnsallee 33.

1929 lebte Minna Aron kurzzeitig in der Hochallee 10 (Harvestehude), wo als einziger weiterer Mieter der Redakteur der Zeitung "Konfektionär" und Schwager Paul Israel (geb. 19.6.1868 in Hamburg) mit seiner Ehefrau Selma Israel, geb. Levy (geb. 8.2.1882 in Altona-Ottensen) und den drei Kindern Egon Simon, Ilse Elisabeth und Hans-Heinz Ludwig wohnte (die Familie emigrierte laut Kultussteuerkartei 1937 ins Ausland). Danach war Minna Aron laut Hamburger Adressbuch von 1931 bis 1933 im Abendrothweg 64 (Hoheluft-Ost) und von 1934 bis 1940 im Hauersweg 10 (Winterhude) wohnhaft. Vermutlich bewohnte sie bereits kurz nach den diskriminierenden NS-Mietgesetzen vom 30. April 1939 keine eigene Wohnung mehr, sondern nur noch ein Zimmer zur Untermiete bei jüdischen Hauptmietern oder Eheleuten einer nach NS-Rassekriterien "privilegierten Mischehe", so im Hegestieg 12 (Eppendorf) bei Leopold Müller (geb. 1.8.1891 in Altona, emigriert 27.8.1941 in die USA) und Marianne Müller, geb. Polack (geb. 21.10.1893 in Hamburg, deportiert 6.12.1941 nach Riga) ab Januar 1940. Zwei Monate später zog sie in die Moltkestraße 19/Hoheluft-West, wo auch der Schwager und Vertreter Ludwig Aron (geb. 26.2.1879 in Hamburg) im 1. Stock wohnte. Zuletzt war sie in der Abteistraße 35 (Harvestehude) bei dem Haus- und Landgütermakler Hermann Glass (geb. 8.11.1863) und dessen Ehefrau Martha Glass, geb. Stern (geb. 31.1.1878 in Mönchengladbach) gemeldet; Hermann Glass betrieb seit 1917 seine Firma und hatte 1932 dieses Stadthaus erworben.

Aus ihrer letzten Unterkunft wurde Minna Aron am 6. Dezember 1941 nach Riga deportiert. Der Hamburger Transport gelangte nicht bis ins Ghetto, sondern wurde auf den nahegelegenen Jungfernhof, ein heruntergekommenes Gut, geleitet. Schon während der Fahrt starben einige der Deportierten. Die schlechten Unterkünfte auf dem Gut, die kaum vorhandene medizinische Versorgung und die geringen Lebensmittelrationen führten bald schon zu einer hohen Sterblichkeitsrate. Im März 1942 wurde ein Großteil der Deportierten in der sog. Aktion Dünamünde erschossen. Wann und unter welchen Umständen Minna Aron verstarb ist nicht dokumentiert; sie wurde nachträglich auf den 8. Mai 1945 für tot erklärt.

Welches Schicksal erlitten die Töchter?

Margot hatte nach der Realschule eine Tätigkeit bei dem Handschuh- und Strumpfhaus Ignatz Brinitzer (gegr. 1899, Gutruf-Haus, Neuer Wall 10) begonnen, das von Siegbert Brinitzer (1887–1928) in zweiter Generation geführt wurde und weitere Filialen in der Mönckebergstraße 6, dem Steindamm 27 und der Lübeckerstraße 121 eröffnet hatte.

Im November 1930 schied sie dort aus, um mit dem Kollegen Eduard Kranz gemeinsam einen eigenen Strumpfreparaturbetrieb aufzumachen. Doch nach dem vom NS-Staat organisierten Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April 1933 gaben sie ihre selbständige Unternehmertätigkeit auf. Arbeitslosigkeit folgte. Erst im Mai 1935 gelang es ihr, eine Aushilfstätigkeit bei der Großhandlung und Fabrik für Kurz-, Weiß- und Wollwaren, Wäsche, Schürzen, Parfümerie, Papier und Spielwaren L. Wagner (Elbstraße 70-84) zu bekommen, dessen Inhaber Max Haag sie jedoch im Zuge der vom NS-Staat verordneten "Entjudung" der Hamburger Wirtschaft Ende Dezember 1937 entließ.

Im Oktober 1937 heiratete Margot den kaufmännischen Angestellten Herbert Julius Bernstein (geb. 7.9.1910 in Berlin-Treptow) Sohn des jüdischen Hausinspektors beim Kaufhaus Tietz, Leopold Bernstein (geb. 1877 in Berlin-Spandau, 1911–1933 in Hamburg bei Tietz tätig, 1936 emigriert, 1939 in Brasilien gestorben) und der christlichen Verkäuferin Helene geb. Lehmann (1879–1957) aus Berlin-Lichterfelde. Trauzeugen waren der Kaufmann Ludwig Aron (geb. 26.2.1879) aus der Moltkestraße 19 und der Schwager und Kaufmann Gerhard Bernstein (geb. 11.2.1905 in Klötze/Kreis Gardelegen) aus der Pappelallee 6.

Margot emigrierte mit ihrem Ehemann am 7. Oktober 1938 in die USA. Dort starb sie im Oktober 1995 im Bundesstaat New Jersey. Sie wurde auf dem BNai Israel Memorial Park in Pleasant Plains, Ocean County/New Jersey neben ihrem 1979 verstorbenen Ehemann Herbert Bernstein beigesetzt.

Minnas Tochter Ruth Betsy Aron (geb. 17.2.1912 in Hamburg) war ab 1934 eigenständiges Mitglied der Jüdischen Gemeinde, auf ihrer Karteikarte stand "Lehrling". Sie heiratete im Juli 1937 Erich Meier (geb. 24.9.1900 in Friedrichstadt/Eider). Das Ehepaar soll laut Aussage der Schwester 1937 oder 1938 nach Rumänien emigriert sein und zeitweilig in Bukarest im Hotel Egipt gewohnt haben. Für den Nachweis einer Deportation in ein rumänisches Konzentrationslager und ihre Ermordung liegen keine Dokumente vor – das Ehepaar gilt als verschollen. Rumänien war wohl nicht das Ziel ihrer Emigration, sondern vermutlich nur eine Zwischenstation auf dem Weg nach Palästina. Seit 1938 erlaubte Rumänien Schiffen aus Wien und Bratislava die Durchfahrt auf der Donau bis zum Schwarzen Meer. Von der rumänischen Schwarzmeerküste fuhren Schiffe mit Flüchtlingen durch das Marmarameer, die Dardanellen, das Ägäische Meer und das östliche Mittelmeer nach Palästina. Ein Hindernis stellten neben den mittlerweile rechtsnational ausgerichteten rumänischen Behörden, das neutrale Transitland Türkei und Großbritannien als zuständige Macht für das Mandatsgebiet Palästina dar. Von ihrer Durchreise- und Einreisezustimmung hing das Gelingen der Flucht ab. Seit September 1940 existierte in Rumänien eine Militärdiktatur, die seit Juni 1941 an der Seite NS-Deutschlands kämpfte. Von Juni bis November 1941 wurden mehr als 120.000 Jüdinnen und Juden aus der Bukowina in Gettos in das eroberte ukrainische Transnistrien deportiert, wo sie auf den Märschen oder durch Hunger und Krankheiten starben. Auch beim Internationalen Suchdienst (ITS) in Bad Arolsen liegen keine Informationen über das weitere Schicksal von Ruth und Erich Meier vor.

Minnas Schwager Ludwig Aron (geb. 26.2.1879 in Hamburg), selbständiger Schuhvertreter, musste zum 31. Dezember 1938 aufgrund antijüdischer Berufsverbote seine Tätigkeit aufgeben und zum 1. Februar 1941 seine Mietwohnung in der Moltkestraße 19 (Hoheluft-West) räumen. Die Jüdische Gemeinde wies ihm, seiner Ehefrau Emilia, geb. Korngold (geb. 24.9.1882 in Krakau) und ihrem gemeinsamen Sohn Martin (geb. 27.12.1911) zwei Zimmer in der Kielortallee 22 (Eimsbüttel) zu, einem "Judenhaus". Anfang September 1941 emigrierte die Familie nach Barcelona und im Juni 1943 nach Philadelphia/USA, wo ein Hermann Korngold die erforderliche Bürgschaft für sie abgegeben hatte. Eine amerikanische Organisation zur Unterstützung jüdischer Emigration HIAS (Hebrew Sheltering & Immigrant Aid Society of America) streckte die Reisekosten vor.

An den Hausmakler Hermann Glass (geb. 8.11.1863 in Stranowitz/ Böhmen) erinnert vor seinem Wohnhaus in der Abteistraße 35 (Harvestehude) ein Stolperstein. Er hatte nach dem Konkurs seiner Firma im Jahre 1913 vier Jahre später wieder eine Hausmaklerfirma eröffnet. Seit mindestens 1913 war er Mitglied der Deutsch-Israelitischen Gemeinde in Hamburg und des liberalen Tempelverbandes. Zusammen mit seiner Ehefrau und den Töchtern Edith (geb. 1904) und Inge (geb. 1912) wohnte er in der Isestraße 6, Beim Andreasbrunnen 5 und in der Abteistraße 35. Seine Hausmaklerfirma wurde im März 1939 im Handelsregister gelöscht. Hermann Glass wurde am 19. Juli 1942 zusammen mit seiner Ehefrau Martha Glass nach Theresienstadt deportiert und starb dort am 19. Januar 1943. Martha Glass, geb. Stern (geb. 31.1.1878 in Mönchengladbach) überlebte den Holocaust und emigrierte später in die USA.

© Björn Eggert

Quellen: Staatsarchiv Hamburg (StaH) 231-7 (Handelsregister), B 1981-153 Band 1 und Band 2 (Brinitzer); StaH 332-5 (Standesämter), 1910 u. 3593/1877 (Geburtsregister 1877, Albert Aron); StaH 332-5 (Standesämter) 1952 u. 1074/1879 (Geburtsregister 1879, Ludwig Aron); StaH 332-5 (Standesämter), 6152 u. 504/1879 (Geburtsregister Ottensen 1879 Minna Levy); StaH 332-5 (Standesämter), 6155 u. 104/1882 (Geburtsregister Ottensen 1882, Selma Levy); StaH 332-5 (Standesämter), 295 u. 1003/1891 (Sterberegister 1891, Meyer Aron); StaH 332-5 (Standesämter) 9522 u. 321/1906 (Heiratsregister 1906, Minna Levy und Albert Aron); StaH 332-5 (Standesämter), 9715 u. 2667/1912 (Sterberegister 1912, Elise Levy geb. Gosch); StaH 332-8 (Meldewesen, Alte Einwohnermeldekartei 1892-1925), Albert Aron; StaH 342-2 (Militär-Ersatzbehörden), D II 87 Band 1 (Albert Aron); StaH 351-11 (Amt für Wiedergutmachung), 4241 (Minna Aron geb. Levy); StaH 351-11 (AfW), 36194 (Margot Bernstein geb. Aron); StaH 351-11 (AfW), 37497 (Ruth Meier geb. Aron); StaH 351-11 (AfW), 4420 (Ludwig Aron); StaH 351-11 (AfW), 4372 (Helene Bernstein); StaH 351-11 (AfW), 29483 (Gerhard Bernstein); StaH 351-11 (AfW), 3922 (Martha Glass); StaH 522-1 (Jüdische Gemeinden), 992b (Kultussteuerkartei der Deutsch-Israelitischen Gemeinde Hamburg) Albert u. Minna Aron, Ruth Aron, Ludwig Aron, Siegbert Brinitzer, Hermann Glass, Paul Israel, Ad. Levy, Eduard Levy, Leopold Müller; Sonderarchiv Moskau, Signatur 500-1-659, SD-Oberabschnitt Nordwest, Liste einflußreicher und vermögender Juden, Blatt 56–58 (Nr. 17 Hermann Glass); Jüdischer Friedhof Hamburg-Ohlsdorf, Gräberkartei im Internet (Grablage B 12-150 Albert Aron); Handelskammer Hamburg, Handelsregisterinformationen (Hermann Glass, HR A 19630); Ulrich Bauche (Hrsg.), Vierhundert Jahre Juden in Hamburg (Ausstellungskatalog), Hamburg 1991, S. 327, 338–339 (Jakob Loewenberg); Martin Gilbert, Endlösung. Die Vertreibung und Vernichtung der Juden. Ein Atlas, Reinbek bei Hamburg 1982, S. 54, 72–73, 87 (Deportationen in Rumänien); Heimat und Exil, Emigration der deutschen Juden nach 1933 (Ausstellungskatalog), Frankfurt/ Main 2006, S. 54 (Exilland Rumänien); Bernhard Press, Judenmord in Lettland 1941–1945, Berlin 1988, S. 96–97, 111–112, 121, 122; Martha Glass, "Jeder Tag in Theresin ist ein Geschenk". Die Theresienstädter Tagebücher einer Hamburger Jüdin 1943–1945, Hamburg 1996; Reichsbund jüdischer Frontsoldaten, Ein Gedenkbuch. Die jüdischen Gefallenen des deutschen Heeres, der deutschen Marine und der deutschen Schutztruppen 1914–1918, Hamburg 1932, S. 369 (Albert Aron, 13/Füs. R. 90); Staatsarchiv Hamburg, Gedenkbuch, Opfer der Verfolgung der Juden …, Hamburg 1995, S. 11; Hamburger Börsenfirmen, Hamburg 1910, S. 554 (Heinrich Rosenberg Nachfolge); Hamburger Adressbuch 1909–1914, 1916–1919, 1924, 1927–1929, 1931–1935, 1937, 1939, 1940; Hamburger Adressbuch (Straßenverzeichnis Neuer Wall 10) 1932, 1934–1936, 1938–1940; Hamburger Telefonbuch (Konfektionär) 1920 (Vertreter Paul Israel, Neuer Wall 70–74, Zi.41), 1931 (Vertreter Paul Israel, Woldsenweg 3); www.ancestry.de (Sterbeindex der US-Sozialversicherung; Grave-Index USA, jeweils Margot Bernstein geb. Aron).

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