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Already layed Stumbling Stones



Reinhold Meyer * 1920

Edmund-Siemers-Allee 1 (Hauptgebäude Universität Hamburg) (Eimsbüttel, Rotherbaum)


HIER LERNTE
REINHOLD MEYER
JG. 1920
IM WIDERSTAND
WEISSE ROSE
VERHAFTET 1943
KZ FUHLSBÜTTEL
ERMORDET 12.11.1944

see:

further stumbling stones in Edmund-Siemers-Allee 1 (Hauptgebäude Universität Hamburg):
Raphael Broches, Ernst Delbanco, Friedrich Geussenhainer, Hedwig Klein, Agathe Lasch, Gerhard Lassar, Hans Konrad Leipelt, Martha Muchow, Kurt Perels, Margaretha Rothe

Meyer, Reinhold Hans-Heinrich, geb. 18.7.1920 Hamburg, gest. 12.11.1944 im Polizeigefängnis Fuhlsbüttel

Edmund-Siemer-Allee 1 (Universität Hamburg)
Hallerplatz 15

Reinhold Meyer war als Sohn des Buchhändlers Johannes Paul Meyer und seiner Frau Christine Louise am 18.7.1920 in Hamburg geboren worden. Er hatte zwei Geschwister: Walter und Anneliese. Als 12jähriger litt Reinhold Meyer an einer Osteomyelitis (Knochenmarkentzündung, auch Knochentuberkulose) und verbrachte deswegen zwei Jahre in einem Krankenhaus. Danach benötigte er einen Stock zum Gehen.

Reinhold Meyer besuchte die Wichern-Schule und anschließend das Wilhelm-Gymnasium. Er wuchs in einer freiheitlich, humanistisch geprägten Familie auf, er war ein sehr gläubiger Mensch. 1940 legte er das Abitur ab und immatrikulierte sich an der Philosophischen Fakultät der Hamburger Universität, um Germanistik zu studieren und arbeitete zugleich als Juniorchef der "Buchhandlung der Agentur des Rauhen Hauses" am Jungfernstieg 50, die auch eine Galerie betrieb. Sein Vater leitete die Agentur des "Rauhen Hauses" und die Buchhandlung. Neben dem Studium schloss Reinhold Meyer eine Ausbildung als Buchhändler 1942 ab.

Durch seinen Schulfreund Albert Suhr (1920-1996) sowie im "Musenkabinett", einem literarisch interessierten Zirkel unter der Leitung des Philosophen und Pädagogen, Prof. Wilhelm Flitner (1889-1990), lernte Reinhold Meyer regimekritische Kommilitonen kennen. Von Albert Suhr erfuhr Meyer von den Flugblättern der Münchener "Weißen Rose".

Die Buchhandlung des "Rauhen Hauses" entwickelte sich neben der Buchhandlung Kloss und der Hamburger Bücherstube Felix Jud zu einem der Hamburger Treffpunkte NS-kritischer junger Frauen und Männer. In Hamburg waren mehrere miteinander verflochtene Freundeskreise entstanden, die sich untereinander oftmals nicht kannten. In der Buchhandlung des "Rauhen Hauses" – oder besser: in deren Keller - war es möglich, verbotene Literatur zu lesen oder zu kaufen und über Themen zu debattieren, die gewagt waren. Neben Studierenden fanden sich auch Schauspieler, Schriftsteller und andere ein. Sie alle verband eine Gegnerschaft zum NS-Regime, wenngleich sie sich zunächst auch "nur" auf individuelle Verweigerung und Nonkonformismus beschränkten. Doch nach der Hinrichtung der Geschwister Scholl und Christoph Probst in München am 22. Februar 1943 beschlossen sie, auch nach außen aktiv zu werden. Sie druckten das letzte Flugblatt der Weißen Rose mit dem Zusatz "Ihr Geist lebt trotzdem weiter" nach und gaben es weiter.

Unglücklicherweise gehörte zu diesen Kreisen der französisch-jüdische Schriftsteller Maurice Sachs (1906-1945, eigentlich Maurice Ettinghausen), der ab August 1943 in der Buchhandlung des "Rauhen Hauses" verkehrte und an den Diskussionen teilnahm. Später entpuppte er sich als Spitzel der Gestapo, der viele Widerständler aus dem Kreise der Hamburger "Weißen Rose" auslieferte.

Als im Herbst 1943 die ersten Verhaftungen stattfanden (die insgesamt schließlich 30 Personen betrafen), versuchte Reinhold Meyer noch, in der Provinz unterzutauchen. Die Gestapo spürte ihn aber am 19. Dezember in Blankenburg im Harz bei Bekannten seines Vaters auf und nahm ihn fest wegen des Verdachts auf Hochverrat. Er kam zunächst im Polizei-Gefängnis Fuhlsbüttel in Einzelhaft. Im Juni 1944 wurden Meyer und einige andere seiner verhafteten Freunde in das KZ Neuengamme verlegt, wo Reinhold Meyer in der Gärtnerei und später in der Schreibstube der Kommandantur arbeitete und mit Albert Suhr und Felix Jud "in einem Saal lag". Am 16. Oktober 1944 wurden sie wieder zurück nach Fuhlsbüttel gebracht – wohl um ihre Widerstandskraft zu brechen.

Reinhold Meyers Familie hielt zu ihm: Sein Bruder Walter war bei Stalingrad gefallen, aber Mutter und Schwester besuchten ihn zweimal wöchentlich. Bei einem dieser Besuche tobte der Gestapo-Mann, als ihm die beiden einen Strauß Stiefmütterchen mitgeben wollten und schmiss die Blumen hinter sich: "Der braucht keine Blumen!" Dass das Marmeladenglas mit dem Kartoffelsalat einen Blechdeckel mit zwei Pappscheiben hatte, entdeckte er jedoch nicht. Darin war eine kleingedruckte Seite aus dem Johannes-Evangelium versteckt.

Inzwischen hatte die Hamburger Gestapo gegen die Verhafteten ermittelt. Der Oberreichsanwalt erhob vor dem Sondergericht Anklage gegen 24 Personen, nicht jedoch gegen Reinhold Meyer. Die Beschuldigten wurden ins Untersuchungsgefängnis verlegt, er blieb in Fuhlsbüttel und konnte seiner Familie noch mitteilen, dass er hoffe, bald entlassen zu werden. Doch statt dessen erhielt sie kurz darauf die Todesmeldung.

Reinhold Meyer hatte sich unter den menschenunwürdigen Haftverhältnissen in Neuengamme eine schwere Diphtherie zugezogen. Diese galt als offizielle Todesursache. Doch vermutlich starb er – wie Mithäftlinge der Familie mitteilten – am 12. November 1944 an den Folgen eines Verhörs.

Reinhold Meyer wurde 23 Jahre alt.


In der Nachkriegszeit wurden diese Freundeskreise als "Hamburger Zweig der Weißen Rose" bezeichnet. Felix Jud schrieb 1969, die "Buchhandlung der Agentur des Rauhen Hauses" habe in der Geschichte der zwischen Hamburg und München verzweigten "Weißen Rose" ihren Ehrenplatz; Reinhold Meyers Ehrenplatz sei im deutschen Buchhandel und in den Herzen seiner Freunde und Weggefährten zu finden.
Die "Agentur Rauhes Haus" übernahm Schwester Anneliese. Ihre Buchhandlung wurde 1960 umbenannt in "Buchhandlung am Jungfernstieg Anneliese Tuchel".

An Reinhold Meyer erinnert heute eine Bronzetafel im Auditorium Maximum der Universität Hamburg, eine Gedenktafel an der Hauswand der "Buchhandlung am Jungfernstieg Anneliese Tuchel", ein Weiße-Rose-Mahnmal im Einkaufszentrum Volksdorf, Stolpersteine am Hallerplatz 15 sowie vor dem Hauptgebäude der Universität Hamburg und die Reinhold-Meyer-Straße in Niendorf.

© Rebecca Schwoch (red. Bearbeitet: Beate Meyer)

Quellen: Rebecca Schwoch, Reinhold Meyer, in: Hamburgische Biografie Bd. 6, hrsg. Franklin Kopitzsch/Dirk Brietzke, Göttingen 2019, S. 216f.; Felix Jud, Reinhold Meyer und die Weiße Rose, in: Bücher und Zeiten. 125 Jahre Buchhandlung am Jungfernstieg, von ihren Freunden unter den Autoren, Lesern, Verlegern und Druckern, Frankfurt/M. 1969, S. 132-137; Ursel Hochmuth, Candidates of Humanity. Dokumentation zur Hamburger Weißen Rose anläßlich des 50. Geburtstages von Hans Leipelt, hg. von der Vereinigung der Antifaschisten und Verfolgten des Naziregimes Hamburg e.V., Hamburg 1971, S. 49-50; Buchhandlung am Jungfernstieg Anneliese Tuchel: Der braucht keine Blumen, in: Erinnerung an Reinhold Meyer, Hamburg 1994; Sönke Zankel, Mit Flugblättern gegen Hitler. Der Widerstandskreis um Hans Scholl und Alexander Schmorell, Köln/Weimar/Wien 2008, S. 539, 543; Sammlung Eckart Krause, Hamburger Bibliothek für Universitätsgeschichte.

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