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Selma Isenberg
Selma Isenberg
© Privatbesitz

Selma Isenberg (née Katzenstein) * 1889

Bornstraße 22 (Eimsbüttel, Rotherbaum)


HIER WOHNTE
SELMA ISENBERG
GEB. KATZENSTEIN
JG. 1889
DEPORTIERT 1942
AUSCHWITZ
ERMORDET

further stumbling stones in Bornstraße 22:
Emma Cohen, Jenny Drucker, Minna Drucker, Ursula Geistlich, Adele Jacobsohn, Lea Lippmann, Alfred Pein, Emmy Pein, Elly Rheine, Nathan Rheine, Abraham Schwarzschild, Betty Schwarzschild, Sara Schwarzschild, Ignatz Schwarzschild, Rachel Süss, Clara Weil, Rosa Wolff, Bella Wolff

Selma Isenberg, geb. Katzenstein, geb. 5.3.1889 in Abterode (Nordhessen), deportiert am 11.7.1942 nach Auschwitz, ermordet

Bornstraße 22

Selma Isenberg, geborene Katzenstein, wurde am 5. März 1889 in Abterode (heute ein Ortsteil von Meißner im nordhessischen Werra-Meißner-Kreis) geboren. Sie war die Tochter des Händlers Isaak Katzenstein und seiner Ehefrau Jettchen, geborene Nußbaum, die beide der jüdischen Religion angehörten. Über ihre Kindheit, Jugendzeit und eine eventuelle Ausbildung ist uns nichts bekannt.

Am 20. Februar 1914 heiratete Selma Katzenstein in Abterode den kaufmännischen Vertreter Martin (Martin Max) Isenberg, der am 2. Februar 1880 in Hamburg geboren worden war. Er war eines von sechs Kindern des Lotterieverkäufers Moses Isenberg und dessen Ehefrau Jeanette, geborene Posner, geboren am 5. Dezember 1840 in Norrköping, Schweden.

Selma und Martin Isenberg ließen sich in Hamburg nieder. Ihr einziger Sohn Manfred wurde dort am 26. November 1914 geboren.

Über Selma Isenbergs Leben in den darauffolgenden Jahren wissen wir nichts. Vermutlich führte sie den Haushalt und kümmerte sich um den Sohn, bis dieser die elterliche Wohnung verließ.

Manfred Isenberg berichtete später, dass er im Jahr 1921 an der Talmud-Tora-Schule am Grindelhof 30 in Hamburg-Rotherbaum eingeschult wurde.

Die Familie Isenberg wohnte bis 1933/1934 zunächst in der Blücherstraße 38, später in der Heidestraße 20 (heute Heider Straße). Beide Straßen gehören zum Hamburger Stadtteil Eppendorf.

Manfred Isenberg bezog laut seiner Steuerkarte der Jüdischen Gemeinde eine eigene Wohnung in der Liliencronstraße 8 in Eimsbüttel (1938 umbenannt in Von-Watter-Straße, heute Bundesstraße). Im Juni 1933 verlor er seinen Ausbildungsplatz zum Im- und Exportkaufmann in der ehemals jüdischen Exportfirma H. Haberer & Co. in der Mönckebergstraße 18. Laut Hamburger Adressbuch gehörte die Firma schon deutlich vor 1933 den nichtjüdischen Brüdern Heinrich und Hermann Kahn. (Heinrich Kahn war Mitglied der in Hamburg seit mehr als 500 Jahre bestehenden "Versammlung eines Ehrbaren Kaufmanns".)

Manfred Isenberg begann daraufhin eine landwirtschaftliche Ausbildung in der zionistischen Hachscharah-Einrichtung "Ma´anit" in Hamburg-Rissen, um ein Zertifikat zu erhalten, das ihm die spätere Einwanderung nach Palästina ermöglichen sollte.

Damit zeichnete sich bereits die bevorstehende Trennung von seinen Eltern ab, die für sie sehr schmerzhaft war.

Nach Erhalt des Einwanderungszertifikats der britischen Mandatsbehörden verließ Manfred Isenberg am 18. Juni 1934 Hamburg und fuhr zunächst nach Irschenhausen bei München. Dort befand sich auf einem jüdischen Privatanwesen eine Sammelstelle für junge jüdische Auswanderer.

Anfang Juli reiste er mit etwa 30 jungen Menschen weiter. Kurz vorher hatte er am 25. Juni 1934 in München die aus Berlin stammende Hortense (Chaya) Friedler geheiratet.

Wie Manfred Isenberg später berichtete, wurden damals alleinstehenden Frauen kaum Einwanderungszertifikate erteilt. Aus diesem Grunde heiraten manche Paare – entweder tatsächlich oder nur zum Schein – um eine gemeinsame Auswanderung zu ermöglichen.

Manfred Isenberg und Hortense Friedler waren schon während ihrer Hachschara-Zeit in Hamburg gut befreundet. Da sie erst neunzehn bzw. zwanzig Jahre alt waren, dachten sie zunächst nicht an eine wirkliche Ehe, sondern betrachteten die Heirat vor allem als eine Möglichkeit, gemeinsam auszuwandern. Ihre Eltern jedoch, die aus streng religiösen jüdischen Familien stammten, wollten einer Scheinehe nicht zustimmen. Daher wurde kurzfristig eine formale Eheschließung im Münchener Standesamt vollzogen.

Die frisch verheirateten Manfred und Hortense Isenberg verließen Europa über Triest.

Im Juli 1937 gehörte Manfred Isenberg zu den Gründern des Kibbuz "Ma´oz Chaim" im Nordosten des damaligen Palästinas im heutigen Staat Israel.

Manfred und Hortense Isenberg bekamen am 24. Dezember 1936 ihren Sohn Amnon, Selmas Enkel. Etwa drei Jahre später beschlossen beide, sich im Guten zu trennen. Sie blieben bis an ihr Lebensende freundschaftlich verbunden. Auch ihre Familien pflegen bis heute enge feundschaftliche Beziehungen.

Nach der Emigration ihres Sohnes traf Selma Isenberg am 24. Mai 1939 der nächste Schicksalsschlag. Ihr Ehemann Martin Isenberg verstarb im Alter von nur 59 Jahren. Er hatte eine Ausreise aus Deutschland immer abgelehnt. Trotz mehrerer Versuche gelang es ihrem Sohn später nicht, der Mutter die Ausreise nach Palästina zu ermöglichen.

Selma Isenberg musste Ende 1939 in eine kleine Wohnung in das "Judenhaus" in der Bornstraße 22 im Stadtteil Rotherbaum umziehen.

Nachdem sie aufgrund der Zweiten Verordnung zur Durchführung des Gesetzes über die Änderung von Familiennamen und Vornamen vom 17. August 1938 den Zusatznamen Sara hatte annehmen müssen, musste sie weitere Freiheitsbeschränkungen erdulden und ab 19. September 1941 den Judenstern offen sichtbar tragen. Sie verdiente ihren Lebensunterhalt als Reinigungskraft in der Mädchenschule der Jüdischen Gemeinde.

Aus zwei handschriftlichen Erklärungen von Selma Isenberg an den "Jüdischen Religionsverband", wie sich die Jüdische Gemeinde nun nennen musste, vom 20. September 1940 geht hervor, dass sie "für das Jahr 1939 keine Einkommens- und Vermögenssteuer zu zahlen habe". Selma erklärte: "Nach Rückfrage bei meiner Arbeitsstelle Schule Karolinenstraße wurde mir gesagt, dass ich keine Lohnsteuer zu zahlen brauche."

Auf eine weitere Anfrage wegen Ausbleibens der Kultussteuer erläuterte Selma Isenberg am 7. August 1941 erneut ihre schwierige finanzielle Situation: "Ich bin in der Schule als Reinmachefrau angestellt und verdiene wöchentlich durchschnittlich 12 Mark brutto. Sie wollen sich bitte in der Schule Karolinenstraße erkundigen, da ich augenblicklich im Krankenhaus Johnsallee 54 bin und Ihnen deshalb keine Belege vorlegen kann." Die Krankheit, die im Krankenhaus in der Johnsallee behandelt wurde, kennen wir nicht.
(In der Karolinenstraße 35, Stadtteil St. Pauli, befand sich die Israelitische Töchterschule, die mit Einschränkungen und Unterbrechungen bis Mitte 1942 bestand. Das Krankenhaus Johnsallee 54 in Hamburg-Rotherbaum war von 1939 bis 1942 ein Ersatzstandort für das ehemalige Israelitische Krankenhaus Hamburg in St. Pauli, das sich die Nationalsozialisten angeeignet hatten.)

Offensichtlich in Kenntnis der Schwierigkeiten seiner Schwester, bat ihr Bruder Hermann Israel Katzenstein aus Witzenhausen (Nordhessen) bei der Devisenstelle des Oberfinanzpräsidenten in Kassel, seiner Schwester vier Überweisungen über die "Devisenstelle – Üb.Abt. Hamburg 11 am Gr. Burstah 31" zukommen zu lassen: am 29. Februar und 7. August 1940 RM 125,- und RM 90,- und am 12. Februar und 7. November 1941 nochmals RM 90,- und RM 100,-. Alle Überweisungen erfolgten aus einem "beschränkt verfügbaren Sicherungskonto" bei der Dresdner Bank in Kassel. Die erste Überweisung war als "Anteil aus einer Grundstücksveräußerung" und die drei nachfolgenden als "Unterstützung" und "einmalige Unterstützungszahlung" deklariert.

Selma Isenberg kam – so berichteten auch überlebende Verwandte – aus einem ehemals durchaus bürgerlichen Haushalt mit Möbeln und Einrichtungsgegenständen einer komfortablen 3 ½ -Zimmerwohnung. Durch den erzwungenen Umzug in eine Ein-Zimmerwohnung in der Bornstraße 22 verblieben ihr nur einzelne Möbelstücke, silberne Bestecke und sehr wenige Wertsachen.

Von Manfred Isenberg wissen wir, dass er bis zum Kriegsbeginn regelmäßig Nachricht von seiner Mutter aus Hamburg erhielt. Einmal im Monat kamen Kurznachrichten über das Rote Kreuz voller Sehnsucht und dem Wunsch, ihren Sohn und Amnon, ihren einzigen Enkel, zu sehen. Ihre letzte Nachricht muss kurz vor ihrer Deportation geschrieben worden sein. Sie lautete:
"Liebe Kinder, Fahre zu Tante Minna [sie wurde zwei Monate vor Selma Isenberg deportiert]. Mir geht es gesundheitlich wieder gut. Nächsten Monat schreibe meine Adresse. Herzliche Grüsse Küsse Eure Euchliebende Mutter, Grossmutter".

Die gewählte Grußformel lässt darauf schließen, dass Selma Isenberg von Amnon, ihrem am 24. Dezember 1936 geborenen Enkel, gewusst hat.

Selmas Isenbergs Hinweis "fahre zu Tante Minna" enthielt die versteckte Nachricht ihrer bevorstehenden Deportation. Sie bezog sich auf die Deportation ihrer Schwägerin Minna Schack, geborene Isenberg, und deren Ehemann Karl Schack, die bereits am 6. Dezember 1941 vom Hannoverschen Bahnhof nach Riga deportiert worden waren (Biografien siehe www.stolpersteine-hamburg,de).

Die Kurzmitteilung – so berichtete Manfred Isenberg - war maschinengeschrieben und von der Mutter handschriftlich unterzeichnet. Tatsächlich wurde dieser Brief am 21. Juli 1942 vom Roten Kreuz verschickt, nachdem Selma Isenberg bereits nach Auschwitz deportiert worden war.

Wahrscheinlich musste sich Selma Isenberg am 10. Juli 1942 in der Sammelstelle in der Hartungstraße 9/11 (heute Hamburger Kammerspiele) einfinden. Sie wurde am 11. Juli 1942 vom Hannoverschen Bahnhof (heute: Am Lohsepark) zusammen mit weiteren elf Nachbarn aus der Bornstraße 22 in einem Transport von insgesamt 300 Personen mit Hamburger Adressen in Waggons der Deutschen Reichsbahn in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Auf ihrer Kultussteuerkarteikarte der Jüdischen Gemeinde wurde nachträglich notiert: "ausgeschieden den 11.7.42 durch Abwanderung".

Selma Isenberg hatte wie alle Jüdinnen und Juden ihre Wertgegenstände "abgeben" müssen. Das Landgericht Hamburg (Wiedergutmachungskammer 2) legte den Wert ihrer Gold- und Silbersachen auf geschätzt 1.500 DM fest. Nach einem Widerspruch der Oberfinanzdirektion Hamburg vom 29. Oktober 1964 erfolgte dann ein "Vergleichsangebot" über reduzierte 1.100 DM, da "davon auszugehen sei, dass die Erblasser infolge ihres geringen Einkommens einen erheblichen Teil ihrer Wertsachen bis zum Jahre 1939 zur Aufbesserung ihrer wirtschaftlichen Verhältnisse veräußert haben". Die Wiedergutmachungskammer entschied: "Die Kosten der Rechtsverfolgung werden nicht erstattet". Selma Isenbergs Sohn musste die von ihm beauftragten Anwälte in Haifa und Berlin von der niedrigen Wiedergutmachungssumme selbst bezahlen.

Durch seine Entscheidung zur frühen Flucht aus Deutschland überlebte Selma Isenbergs Sohn Manfred. Nach Gründung des Staates Israel nannte er sich Yshai Eilat. Er heiratete ein zweites Mal. Mit seiner neuen Ehefrau Chava, geborene Itzkovish, bekam er zwei Söhne, Odet und Yossi. Yshai Eilat hinterließ drei Söhne, zehn Enkel und Enkelinnen sowie 23 Urenkel und Urenkelinnen, die alle in Israel leben. Er lebte bis zu seinem Lebensende im Kibbuz "Ma´oz Chaim". Manfred Isenberg verstarb am 2. Oktober 1996.

Am 23. Mai 2011 wurde ein Stolperstein in den Fußweg vor dem Wohnhaus Bornstraße 22 zur Erinnerung an Selma Isenberg eingelassen. Anwesend waren ihre drei Enkel Amnon, Oded und Yossi Eilat sowie deren Angehörige aus Israel, nämlich Batja, Ronit und Ela, Anat und Guy sowie weitere Angehörige aus Hamburg und Bad Bramstedt.

Von Selma Isenbergs Angehörigen aus der Familie ihres Ehemannes kamen sechs Verwandte in der Shoa ums Leben:
Hanna Hertha Sander, geborene Isenberg, und ihr Ehemann John Sander kamen am 15. Juli 1942 nach Theresienstadt und wurden am 21. September 1942 nach Treblinka weiterdeportiert. Beide wurden ermordet (Biografien siehe www.stolpersteine-hamburg.de). An beide erinnern Stolpersteine in den Colonnaden 41.

Martin Isenbergs Schwester Rosa (Roline), geboren am 25. Juli 1872 in Hamburg, und der mit ihr verheiratete Cousin David Isenberg, geboren am 26. April 1861, wurden am 19. Juli 1942 in das Getto Theresienstadt deportiert und dort ermordet, David Isenberg am 22. Februar 1943, Roline Isenberg am 27. Februar 1944. An beide erinnern Stolpersteine in der Billstedter Hauptstraße 50 (Biografien siehe www.stolpersteine-hamburg.de).

Minna Isenberg, geboren am 14. Juni 1878 in Hamburg, heiratete am 23. März 1928 den Handelsvertreter Karl Schack, geboren am 15. Mai 1868 in Hamburg. Karl und Minna Schack, geborene Isenberg, wurden am 6. Dezember 1941 von Hamburg nach Riga-Jungfernhof deportiert und ermordet.
Bereits am 8. November 1941 war, Karl Schacks Sohn aus erster Ehe, Kurt Schack, geboren am 19. März 1904, aus Hamburg nach Minsk deportiert worden. An die Familie Schack erinnern Stolpersteine am Großneumarkt 38 (vorm. Schlachterstraße) (siehe www.stolpersteine-hamburg.de).

© Georg-Michael Schwarz (Enkel von Line Isenberg, einer Schwägerin von Selma Isenberg)

Quellen: StaH 522-01 Jüdische Gemeinden 992b, Kultussteuerkartei der Deutsch-Israelitischen Gemeinde Hamburgs, 213-13 Landgericht Hamburg Wiedergutmachung 0188 (Selma Isenberg), 25781 (Selma Isenberg), 314-15 Oberfinanzpräsident (Devisenstelle und Vermögensverwertungsstelle) R 1940 0188 (Selma Isenberg), R 1941 0035 (Selma Isenberg), 332-5 Standesämter 1975 Geburtsregister Nr. 593/1880 (Martin Isenberg), 9904 Sterberegister Nr. 818/1939 (Martin Isenberg). Standesamt Abterode, Heiratsregister Nr. 6/1914 (Martin Isenberg/Selma Katzenstein). Standesamt München Heiratsregister Nr. 838/1934 (Manfred Isenberg/Hortense Fiedler). Persönliche Erinnerungen von Manfred Isenberg vom Mai 1986. Karin Guth, Bornstraße 22 - Ein Erinnerungsbuch, Hamburg/München 2001. Randt Ursula, Carolinenstaße 35, Hamburg 1984, ‚S. 79 ff. Kulka Otto Dov/Jäckel Eberhard (Hrsg.), Die Juden in den geheimen NS-Stimmungsberichten 1933-1945, siehe Irschenhausen, veröffentlicht in https://www.bundesarchiv.de/assets/bundesarchiv/de/Downloads/Meldungen/kulka-jaeckel_ns-stimmungsberichte-gesamt.pdf (Zugriff am 9.8.1926).
Auskünfte der Verwandten Oded und Ori Eilat, sowie Anat Eilat-Tirosh.

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