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Porträt Oswald Pander
Oswald Pander
© Privat

Oswald Pander * 1881

Brahmsallee 6 (Eimsbüttel, Harvestehude)


HIER WOHNTE
OSWALD PANDER
JG. 1881
DEPORTIERT 1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 19.8.1943

further stumbling stones in Brahmsallee 6:
Julius Behrend, Minka Behrend, Bertha Gansel, Martha Hess, Siegfried Hess, Henny Hoffmann, Max Hoffmann, James Hermann Schwabe

Oswald Pander, geb. am 12.5.1881 in Berlin, deportiert am 16.7.1942 nach Theresienstadt, dort gestorben am 19.8.1943

Brahmsallee 6

Oswald Pander war Theaterkritiker und Schriftsteller. Das Interesse für die darstellende Kunst war ihm in die Wiege gelegt, denn sein Vater Kaskel (Carl) Pander, geboren 1844, war Schauspieler und Regisseur in Berlin als Mitglied des Residenztheaters, seine Mutter, Albertine Friederike, geb. Philipp, trat als Sängerin auf. Das Paar fühlte sich nicht religiös gebunden, so bedeutete es nicht mehr als eine Formalität, dass Kaskel Pander als "mosaisch", seine Frau als "lutherisch" in der Heiratsurkunde erschienen. Der erste Sohn, Oswald Hermann, wurde 1881 in Berlin, sein Bruder Hans 1883 in Bremen geboren, beide wurden laut Eintrag "lutherisch" erzogen.

Über die Kindheit und Jugend Oswald Panders wissen wir nichts. Erziehung und Bildung der beiden Söhne waren bestimmt durch das unstete Leben der Eltern, deren auswärtige Engagements einen häufigen Ortswechsel mit sich brachten. Die Eltern trennten sich 1895, als Oswald 14 Jahre alt war. Sein Vater Carl Pander gastierte in Bremen und Hamburg, wo er 1883 bis 1897 am Thalia Theater wirkte. Nach langer Krankheit starb er, öffentlich betrauert, 1905 in Bergedorf, wohin er sich zurückgezogen hatte.

Im selben Jahr, am 22. Oktober 1905, heiratete sein Sohn Oswald Pander die aus Bergedorf gebürtige acht Jahre ältere Helene Elisabeth Katharina Wihe, Tochter des Kaufmanns Ludwig Heinrich Daniel Wihe und der Maria Sophia, geb. Spät. Auf der Heiratsurkunde sind beider Religion als "lutherisch" angegeben, Oswald Pander erscheint hier als "Polizeischreiber". Nach der Absolvierung eines Polizeilehrgangs wurde er in den Staatsdienst aufgenommen und stieg darin im mittleren Dienst bis zum Obersekretär im Versicherungswesen auf. Es ist anzunehmen, dass ihn das Beispiel seiner Eltern veranlasste, die unsichere Existenz eines Künstlerlebens zu vermeiden und für die Familiengründung eine sichere Grundlage zu suchen. Gleichwohl begann er bereits 1904 mit journalistischer Nebentätigkeit. Der einzige Sohn des Paares, nach dem Großvater Karl Pander genannt, wurde am 21.9.1907 in Hamburg-Lohbrügge geboren. Als er 13 Jahre alt war, wurde die Ehe seiner Eltern am 9. Dezember 1920 vor der Zivilkammer des Landgerichts Hamburg geschieden.

Wie Oswald Pander den Ersten Weltkrieg erlebte, wissen wir nicht. Seine schriftlichen Zeugnisse lassen erkennen, dass er einen geistig-kulturellen Weg in die "neue Zeit" suchte und sich dabei weniger parteipolitisch als gesellschaftskritisch orientierte. 1918 erschien in der Zeitschrift "Das junge Deutschland" ein Aufsatz von ihm mit dem Titel "Revolution der Sprache", der allgemein beachtet wurde. Er entwarf eine expressionistische Vision des "neuen Menschen", der sich der Welt bemächtigt "durch Wollen, Schauen, Formen". Es ging um die Entfesselung der Sprache aus den Zwängen der Grammatik. Auf den Spuren Johann Gottfried Herders deutete Pander die Evolution als zunehmenden Verlust an Ursprünglichkeit und Unmittelbarkeit. Dagegen wolle der Expressionismus "die dem Erleben abgestorbene Sprache aus Erleben neu gebären". Dem Expressionismus als "bewegter Ausdruckskunst" widmete Pander noch viele seiner späteren Essays.

1924 kündigte Oswald Pander aus freier Entscheidung seine feste Stelle im Staatsdienst, um sich fortan ganz der Schriftstellerei zu widmen. Die neue Lebensplanung war mitbestimmt durch seine zweite Heirat. Am 5. Juli 1922 heiratete er die am 29.10.1892 geborene jüdische Sara Susanne Goldschmidt. Susanne Pander war durch die Abschlussprüfungen 1912 und 1913 an der Klosterschule St. Johannis zur Lehrerin an höheren Schulen befähigt, außerdem bestand sie das Examen für Gymnastik und Tanz bei Rudolf von Laban und das Examen für Heilgymnastik im Schwedischen Institut von H. Petersen in Hamburg. Sie unterrichtete 1913–1914 an der Hamburger Volksschule, 1914–1920 an der Israelitischen Töchterschule Carolinenstraße; von 1929 bis 1933 war sie an der Blinden- und Sehschwächenschule im Hamburger Schuldienst tätig.

Ihre Eltern, der Lehrer Jonas Goldschmidt und Jenny, geb. Mendel, bewohnten in Harvestehude eine Acht-Zimmerwohnung im 3. Stock der Brahmsallee 6 mit ihren Töchtern Frida und Susanne. Zur Zeit der Hochzeit seiner Tochter Susanne lebte der Vater nicht mehr, seit 1921 war die Witwe Jenny Goldschmidt alleinige Mieterin in der Brahmsallee, seit 1925 stand Oswald Pander unter Brahmsallee 6 im Adressbuch. Am 24. Oktober 1924 wurde Miriam Renate, die einzige Tochter von Susanne und Oswald Pander, geboren. Die Fotos, die uns Tochter Miriam, heute 92-jährig, zeigte, vermitteln ein in künstlerischer Freiheit gelebtes Familienglück, ungestört durch wirtschaftliche Sorgen, durch die Misere der deutschen Politik und nicht einmal durch den wachsenden Antisemitismus.

Oswald Pander veröffentlichte zahlreiche Beiträge in den verschiedensten Zeitschriften der kulturell bewegten 1920er-Jahre, im "Freihafen", in den Blättern des Deutschen Schauspielhauses "Die Rampe", in der "Theater Rundschau", in der "Monatszeitschrift für Literatur und Theater", in der Münchener Zeitschrift für "Bücher, Kunst und Lebensstil", dem " Zwiebelfisch" und vielen anderen. In der dem literarischen Expressionismus zuneigenden Monatsschrift "Der Querschnitt" lieferte er im September 1931 "Hamburgensien". Mit leichter, aber genau zeichnender Feder skizzierte er einige Charakteristika Hamburgs: Das "Vorland" des Alstersees, fest in der Hand der prominenten Anwohner, das Eppendorfer Moor, das durch Bebauung zu verschwinden drohte, die verschiedenen Arten der Senatsempfänge und die neue Einrichtung des Künstlerklubhauses in der Neuen Rabenstraße, dessen Förderer Ivo Hauptmann, der Sohn des Dichters, mit Pander befreundet war. Die im Text enthaltene Kritik ist weder aggressiv noch spöttisch. Pander rezensierte ferner neu erscheinende Romane und Dramen, wie "Der arme Vetter" von Barlach, "Perrudja" von Hans Henny Jahnn und die Bestseller der Autorin Leonore Niessen-Deiters. Ihr bescheinigte er, sie sei "unter allen lebenden Schriftstellern wohl die einzige, die wirklichen Humor hat, einen Humor, der die Härten und Klüfte des Lebens nicht übersieht". Oswald Pander war Mitglied des Schutzverbandes deutscher Schriftsteller. Seine Theaterkritiken fanden über Hamburg hinaus Interesse. Als ständiger Redakteur des "Hamburger 8 Uhr Abendblatts" würdigte er am 17. Juni 1924 die Kunst seiner Frau in dem Artikel "Tanzprobe". 1933 erhielt er Schreibverbot. Von da an finden sich nur noch in jüdischen Blättern Texte von ihm. Entsprechend versiegten die Einnahmen fast ganz. Um zu publizieren, hätte er Mitglied der Reichsschrifttumskammer sein müssen, die keine Juden oder jüdischstämmigen Personen aufnahm. Dennoch schickte Pander in seiner Notlage ein Gesuch um Aufnahme, vielleicht hoffte er auf eine Ausnahmegenehmigung. Am 9. März 1935 erhielt er folgenden Bescheid:
"Nur wer sich aus der rassischen Gemeinschaft heraus seinem Volk verbunden und verpflichtet fühlt, darf es unternehmen, mit einer so tiefgreifenden und folgenschweren Arbeit, wie sie das geistige und kulturelle Schaffen darstellt, einen Einfluss auf das innere Leben der Nation auszuüben. Durch Ihre Eigenschaft als Nichtarier sind Sie außerstande, eine solche Verpflichtung zu empfinden und anzuerkennen. Ich muss Ihnen daher die Zuverlässigkeit und Eignung, die die Voraussetzung für eine Mitgliedschaft bei der Reichsschrifttumskammer geben, absprechen."

Auch Susanne Pander war von den nationalsozialistischen Gesetzen in Mitleidenschaft gezogen. 1933 musste sie infolge des "Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" als Jüdin den Schuldienst verlassen. Wie die bekannte, ebenfalls jüdische Tänzerin Erika Milee war sie Schülerin des Tanztheoretikers Rudolf von Laban gewesen, der 1922 in Hamburg die "Tanzbühne" und im nächsten Jahr die erste Labanschule gegründet hatte. In Abkehr vom klassischen Ballett entwickelte er den Tanz aus individueller Improvisation heraus als Ausdruck seelischen Erlebens. In diesem Sinn gründete Susanne Pander 1933 in ihrer Wohnung Brahmsallee 6 eine "Schule für Gymnastik und Tanz, Akrobatik, Pantomime und Step", in der sie weitgehend der Methode Labans folgte. Wie sehr ihre Auffassung von Körperarbeit und Bewegungskunst mit den expressionistischen Theorien ihres Mannes harmonierte, zeigen verschiedene Texte von ihm, vor allem sein Aufsatz "Bühne und Bewegung" in den "Monatsblättern des Jüdischen Kulturbundes" 1936.

Susanne Pander trat mit ihren Schülerinnen im Rahmen des "Jüdischen Kulturbundes" öffentlich auf, erstmals am 6. und 8. November 1937 im Gabriel Riesser Saal des Tempels in der Oberstraße. Zum Klavierspiel von Senta Lissauer bot die Gruppe junger Tänzerinnen einen Querschnitt durch ihr schulisches Programm. Ihre zweite Choreographie, "Biblische Gestalten im Tanz" führte Susanne Pander am 10. April und am 8. Mai 1938 auf der Bühne des jüdischen Gemeinschaftshauses in der Hartungstraße auf, ebenfalls mit Klavierbegleitung von Senta Lissauer. Tanzend wurde die Geschichte des persischen Königs Ahasver und seiner jüdischen Frau Esther erzählt, die durch kluge List ihr Volk vor der Vernichtung bewahrte. Die tänzerische Gestaltung der biblischen Geschichte erklärte sie im Programmheft: "Diese Gestalten tanzen wir – nicht in der erdrückenden Größe ihrer geschichtlichen Bedeutung, auch nicht in der spielerischen Verkleinerung einer pantomimischen Nachahmung. So, wie viele dieser biblischen Gestalten uns zu dauernden Vorbildern – Sinnbildern des zeitlosen Lebens geworden sind, so wollen wir sie auch im Tanz auffassen." Der ethische Gehalt dieser Tanzpädagogik bestand in der Stärkung von Körper und Geist und von Widerstandsfähigkeit gegen die immer bedrohlicher werdenden Härten des Lebens.

Eine geistige Heimat fanden Oswald und Susanne Pander im Jüdischen Kulturbund, Susanne auch als Mitwirkende bei der "Jüdischen Künstlergruppe". Beide lebten ganz in der Kunst und für die Kunst. Damit verbanden sich hohe ethische Ansprüche. Das Theater betrachteten sie als bewegte Kunstform, die von vielseitig ausgebildeten Schauspielern gestaltet wurde. Das Ideal sah Oswald Pander in dem "entfesselten Theater" des russischen Regisseurs Alexander Jawkolewitsch Tairow (1885–1950). Jüdische Künstler vereinten "sinnliche Phantasie mit scharfer Logik" und seien deshalb besonders geeignet für das "bewegte Theater". Dem Ehepaar Pander bedeutete das Theater eine Kultstätte. Als Freigeister wollten sie sich nicht konfessionell binden. Oswald vollzog keine offizielle Änderung seiner Religionszugehörigkeit. Auch wenn er sich als Jude verstand, wurde er nicht zur Kultussteuer herangezogen. Mitglied der Jüdischen Gemeinde mit einer eigenen Kultussteuerkarte war nur seine Frau.

Wie erlebte die Familie Pander die demütigenden Restriktionen und das "Schicksalsjahr" 1938? Jedenfalls konnten sie die Augen nicht vor der Realität verschließen. Es gelang, die 14-jährige Miriam am 12. Januar 1939 mit auf einen Kindertransport nach Liverpool/England zu schicken. Susanne ließ sich von Miriams Gastfamilie als Haushaltshilfe anfordern. Weil ihr Permit auf wenige Wochen befristet war, bat sie wiederholt um Beschleunigung ihres Falls. Die sechs Seiten lange Liste von Haushaltsgegenständen, getrennt nach gebrauchten und neuen, seit 1933 angeschafften Objekten musste vorliegen. Zu den "neuen", für die eine "Dego-Abgabe" fällig war, gehörte zum Beispiel die Reparatur einer alten Schreibmaschine. Dafür mussten 15 Reichsmark Degosteuer entrichtet werden. Susanne gab an, den Großteil des Hausrats verpackt in der Wohnung zu lassen. Ihr Mann werde alles mitbringen, wenn er nachreise.

Dem schien nichts Unüberwindliches im Wege zu stehen. Allerdings besaß Oswald Pander kein Geld mehr, um die erforderlichen Steuern und Abgaben aufzubringen. Die Auswanderung von Frau und Tochter hatte das gemeinsame Vermögen verschlungen. Er begann, das Mobiliar und seine Bücher zu verkaufen. Außerdem erwartete er ein Erbe, das eine Verwandte zu gleichen Teilen seiner Tochter Miriam und seiner Schwägerin Frida Goldschmidt, die 1934 nach Palästina auswandert war, zugesprochen hatte. Die Rechtslage schien Pander ganz eindeutig, aber es wurden ihm Fallstricke gelegt. Darüber versäumte er einen Termin, was ihm eine Rüge eintrug, über die er beim nächsten Vorgang stolperte. Über solchen bürokratischen Hemmnissen zog sich die Erbschaftsangelegenheit in die Länge. Als Pander im Mai 1939 merkte, dass sich die Schlinge zuzuziehen begann, bat er Freunde und Bekannte um Gutachten über seine Person. Bereitwillig wurde ihm "die unbedingte bürgerliche Zuverlässigkeit und Ehrlichkeit" (Ivo Hauptmann) bestätigt; er sei als "ehrenhafter, zuverlässiger Mensch und angesehener Mitarbeiter an großen Tageszeitungen" bekannt (Direktor Raphael Israel Plaut). Einem weiteren Gutachter erschien Oswald Pander "sehr zurückhaltend im Urteil, nur für die Interessen der Kunst eingetreten, als ganz ausgezeichneter Charakter". Alle Befragten stimmten darin überein, dass sie Oswald Pander wichtige Einsichten und Anregungen verdankten. Solcherlei Urteile verfehlten allerdings ihre Wirkung auf nationalsozialistische Behörden, die rigoros nach Schema arbeiteten.

Am 23. August 1939 lag die Unbedenklichkeitsbescheinigung für Oswald Pander vom Finanzamt zum Zwecke der Auswanderung vor, sie wurde am 25. August durch die Devisenstelle bestätigt mit Eintragung in die Passliste des Steuerfahndungsamts, Permit nach England war da, es fehlte nur noch das aus der Erbschaft fällige Geld, als am 1. September der Krieg begann und die Ausreise für unbestimmte Zeit verzögerte.

Karl Pander musste mehrmals die Wohnung wechseln, von der Brahmsallee in die Flemingstraße, seine letzte Hamburger Adresse war das "Judenhaus" Kielortallee. Im Sommer 1941 begegnete Käthe Starke dem Dichter Oswald Pander. Sie lernte "zwei Panders" in ihm kennen, "einen soignierten, etwas eigenbrötlerischen Herrn (…) und einen Vagabunden, der wanderburschenmäßig gekleidet Moor und Heide durchwanderte". Inzwischen war die Emigration offiziell verboten. Im Herbst/Winter 1941 fanden Großdeportationen aus Hamburg statt. Oswald Pander musste sich dem ersten nach Theresienstadt bestimmten Transport VI/1 vom 15./16. Juli 1942 anschließen. Unter den 925 Personen befanden sich außer den Hamburgern ungefähr 30 aus anderen norddeutschen Städten. Wenige der Reisenden mochten der Behauptung glauben, am Ziel werde sie eine sichere Altersresidenz erwarten. Trotzdem war die Ankunft am Bahnhof, der Fußmarsch mit Gepäck auf staubigem Weg und die Ankunft in einer überfüllten Stadt ein schwerer Schock für die Deportierten. Die bisherigen Bewohner des Gettos waren Tschechen aus dem Protektorat Böhmen/Mähren. Sie empfanden die ankommenden Reichsdeutschen als Eindringlinge und begegneten ihnen feindlich. Oswald Pander war ein Leben in gebildeten, assimilierten Kreisen gewöhnt. Wenig mit materiellen Sorgen befasst, hatte er der brutalen Realität des Gettolebens keine Widerstandskräfte entgegenzusetzen. In der Zwangsgemeinschaft Theresienstadts konnte er sich nicht zurechtfinden, und so traf ihn die ebenfalls nach Theresienstadt deportierte Käthe Starke ein Jahr später in der "Dvorka", der geschlossenen Irrenabteilung der mit alten Menschen belegten Kaserne "Kavalier". Sie beschrieb ihn als äußerlich verwahrlost, völlig ausgehungert, aber im Verhalten und Sprechen ganz normal. Er entschuldigte sich für die Gier, mit der er das mitgebrachte Wurstbrot verschlang, beklagte nicht sein Schicksal, sondern nur den entsetzlichen Hunger. Die Darbietungen seiner wahnsinnigen Leidensgenossen führte er der Besucherin vor wie Theateraufführungen. Bei einem nächsten Besuch traf sie ihn nicht mehr an und kommentierte sein Verschwinden mit einem Zitat aus seinem Lustspiel "Man türmt": "Er konnte es auch nicht anders ändern." Am 19. August 1943 starb Oswald Pander an "Enteritis TbC". Als Krankheit bescheinigte der Arzt "Schizophrenie" und "Gespaltenes Bewusstsein".

Die mit Tochter Miriam in New York lebende Susanne Pander erfuhr durch das Rote Kreuz vom Tod ihres Mannes. Sie übte in den USA weiter ihren Beruf als Tanzpädagogin und Heilgymnastin aus. Miriam Pander war ebenfalls Tänzerin. In den 1970er-Jahren fühlte sie sich krank und unbefriedigt und kehrte nach Deutschland zurück. In der Vorstellung, das sozialistische System der DDR werde ihren Idealen von fortschrittlicher Kunst besser entsprechen, zog sie mit ihrer Tochter nach Berlin-Ost und arbeitete dort. Sie wollte in der Nähe ihres Stiefbruders Karl Pander sein, der im ebenfalls in der DDR gelegenen Kuhlenfeld bei Boitzenburg lebte. Karl Pander war 1948 aus dem Lazarett entlassen worden und stand als Ausgebombter vor dem Nichts. 1949 heiratete er Anni Brümmer aus Bergedorf und übernahm in Kuhlendorf seine infolge der Zeitläufte sehr veränderte Stelle im Büro einer Getreidefirma. Er fühlte sich seinem Vater verbunden. Am Abend vor der Deportation von Oswald Pander – so erzählte Käthe Starke – sei er in Wehrmachtsuniform erschienen, um seinen nur "halbjüdischen" Vater frei zu bekommen. Man habe ihn jedoch nicht angehört, sondern mit Verweis an seinen Standort zurückgeschickt. Jetzt, nach dem Tod von Oswald Pander, kümmerte er sich um dessen literarischen Nachlass, indem er einige Kopien der unveröffentlichten Schriften an den ihm von früher her bekannten Vermittler Hans Harbeck nach Hamburg schickte mit der Bitte, diese Stücke an die Redaktion des "Delphin" weiterzuleiten. Karl Pander trat auch in Kontakt mit dem Verlag Max Pfeffer, der die beiden inzwischen verloren gegangenen Bühnenstücke Oswald Panders angenommen hatte. Bei den von Tochter Miriam aufbewahrten Texten ihres Vaters befand sich das Gedicht:
An Susanne
"Alle Lust entgleitet, alles Leid,
Was da ist, entschreitet aus der Zeit.
Eh du tief gesehen, voll gehört
Muss der Klang vergehen, ist das Bild zerstört.
Stunde schlug und Schritt verhallte kaum,
Da verflog der Trug, da verhallt der Traum,
Da ertrinkt des Lichtes Flamme und zerfällt,
Da versinkt ins Licht farberfüllte Welt.
Sahest Anfang nie, noch Weg noch Ziel …
Wer erkennt das namenlose Spiel?
Dein Pet


© Inge Grolle/Christina Igla

Quellen: 1; StaH: 314_15 Oberfinanzpräsident _ FVG 3213, _ FVG 6013; 332-5 Personenstandsunterlagen _ 8677/361/1922 (Heiratsurkunde Pander), _9077/1692/1892 (Geburtsurkunde Susanne Pander), _10579/26/1905 (Sterbeurkunde Kasel (Carl) Pander), _ 10842/63/1905 (1. Eheschließung Pander) 332-8 Meldewesen-"Toten-und Verzogenenkartei" Film Nr. 7402, Nr. 6701 Hausmeldekartei 351-11 Amt für Wiedergutmachung _ 5268 (Pander, Oswald Hermann), _14797 (Pander, Susanne), _32468 (Pander, Carl Ludwig); 731-8 Zeitungsauschnittsammlung _ A765 Pander, Karl; www.http://tracingthepast.org/minority-census (Volkszählung 17.5.1939) (eingesehen am 1.2.2016); http://agora.sub.uni-hamburg.de/subhh-adress/digbib/start Hamburger Adressbuch – online – eingesehen am 1.2.2016;www.deutsche-digitale-bibliothek.de (eingesehen am 28.1.2016); www.bremea.suub.uni-bremen.de (eingesehen am 28.1.2016); E-Mail von Lisa Marshall vom 17.1.2016; Monatshefte des Jüdischen Kulturbundes, Mikrofilm in Institut für die Geschichte der Deutschen Juden, Signatur: X/1625:1936/38; Anz/Stark,(Hrsg.), Expressionismus, S. 612f.; Anz, Literatur; Der Querschnitt, IX. Jahrgang Heft 9 Ende September 1931, Berlin. S.636f.; Pander, Revolution, (1918) Nr. 5, S. 147f.; Ders.: Kunst, in: Der Sturmreiter 2. Jg. (1920) H.1, Oktober, S. 26–27; Ders.: Roman, in: Die Flöte. 3. Jg. (1920/21), S. 241–244, Starke, Führer, S. 69–74.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

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