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Helene Burchard
© Ellen Broido, Johannesburg

Helene Julie Burchard (née Warburg) * 1877

Feldbrunnenstraße 21 (Eimsbüttel, Rotherbaum)

1942 Auschwitz

further stumbling stones in Feldbrunnenstraße 21:
Dr. Edgar Burchard, Margarethe Guradze

Helene Burchard, geb. Warburg, geb. 19.9.1877 in Altona, deportiert 11.7.1942 nach Auschwitz, ermordet
Dr. Edgar Burchard, geb. 6.7.1879 in Breslau, Flucht in den Tod am 10.7.1942 in Hamburg

Feldbrunnenstraße 21

Edgar Burchard und seine Ehefrau Helene, geb. Warburg, lebten von 1914 bis 1938 in der Feldbrunnenstraße 21 in Hamburg-Rotherbaum in der Nachbarschaft vieler Juristen und Politiker. Das Haus hatte Albert Warburg (23.6.1843 - 19.2.1919), Helenes Vater, 1913 erworben. Er gehörte zu dem weniger prominenten Zweig der alteingesessenen jüdischen Familie Warburg, nämlich dem Altonaer Zweig, nicht zu deren Hamburger Linie mit ihren bekannten Mitgliedern Aby, dem Kunsthistoriker (1866 – 1929), und Max, dem Bankier (1867 – 1946), oder anderen, die in Wissenschaft und Politik tätig waren.

Albert Warburgs Ehefrau Margaretha, geb. Rindskopf (23.11.1856 – April 1943), genannt Gerta, stammte aus den Niederlanden. Ihre älteste Tochter, war Helene Julie, geb. 19.9.1877, genannt Ellen. Ihr folgten Ada Sophie (11.9.1878), Betty (27.9.1881) und 1884 der einzige Sohn, Wilhelm, der bereits mit sieben Jahren an Diphtherie starb.

Die Kinder wuchsen in einer herrschaftlichen Atmosphäre auf. Der Vater führte das Bankhaus W. S. Warburg, war Abgeordneter der oppositionellen liberalen Deutschen Fortschrittspartei in Preußen, Vorsitzender der Hochdeutschen Israelitischen Gemeinde Altonas und hatte noch weitere Ämter inne. Die Mutter führte in ihre Villa in der Palmaille 33 mit Hilfe von zahlreichen Angestellten in einem gesellschaftlichen Stil, wie er in Frankreich oder mit Diners in Berliner Salons gepflegt wurde. Zu den Bällen wurden junge Offiziere der Altonaer Garnison und junge Assessoren des Gerichts eingeladen. Hier wuchsen die Töchter in ein anregendes Stadtleben hinein.

Neben der Schule, die die Kinder pflichtgemäß besuchten, ergänzten Hauslehrer und Gouvernanten für Englisch und Französisch den Unterricht, und ihre künstlerischen Neigungen wurden von Künstlern gefördert. Zum Leidwesen der Mutter zeigte keine der Töchter eine musikalische Begabung. Den gesellschaftlichen Schliff erhielten sie von ihr selbst. Tochter Helene teilte die Naturliebe ihres Vaters.

Außer ihrem Wohnhaus unterhielten Albert und Margaretha Warburg wie andere wohlhabende Kaufleute ein Sommerhaus in Großflottbek am Jenischpark mit einem großen Garten. Dort ließ sich Gerta Warburg ein Atelier einrichten, in dem sie ungestört malen konnte. Eine besondere Beziehung bestand zu Ernst Barlach (1870-1938), den sie förderte und auch in seinem Atelier in Güstrow besuchte, eine andere zu Edvard Munch, der 1905 Helene/Ellen portraitierte. (Das Bild ist Teil der Edvard Munch-Sammlung im Kunsthaus Zürich.)

Zu einem der Bälle in der Palmaille wurde der Jura-Referendar Edgar Burchard eingeladen. Zwei Jahre jünger als Helene Warburg, verliebte er sich nach der Familienüberlieferung "auf den ersten Blick" in sie, umwarb sie mit Charme, Humor und Wissen und beeindruckte sie mit einem Schmiss auf der linken Wange. Der Heirat stand allerdings entgegen, dass er seine Ausbildung noch nicht abgeschlossen hatte, jünger als die Braut war und dass sein Vater eine Mischehe mit einer Jüdin ablehnte.

Eduard Walter Edgar Burchard, geb. 6.7.1879 in Breslau, stammte aus einer evangelisch-reformierten Arztfamilie in preußischen Diensten. Sein Vater, August Albert Burchard, geb. 10.2.1845 in Breslau, war als Sanitätsrat in Breslau tätig. Am 20. Oktober1872 heiratete er in der Hofkirche in Breslau Anna Windmüller, geb. 18.7.1850 in Breslau. Die preußische Kirche war uniert, d.h., sie vereinte Lutheraner und Reformierte. Ihr gehörten beide Eltern Edgar Burchards an, die Mutter Anna als Konvertitin

Ihr erstes Kind, Bertha Martha, geb. 28.10.1875, blieb die einzige Tochter. Das jüngste Kind, Oswald, wurde am 16.1.1883 geboren. (Martha heiratete später den Chirurgen Hans Wagner und blieb in Breslau. Nach seinem Tod im Jahr 1904 verliert sich ihre Spur.)

Anders als in Hamburg, besaßen Juden in Preußen seit dem Erlass des Judenedikts 1812 das Bürgerrecht, unabhängig davon, ob sie getauft waren oder nicht. Außer Staatsämtern und Militär standen ihnen alle Berufe offen. Viele wurden Ärzte, wie auch Edgar Burchards Vorfahren.

Edgar und sein Bruder Oswald besuchten bis zur Hochschulreife die Schule in Breslau und studierten dort anschließend Rechtswissenschaft. Einer von Edgar Burchards Professoren, der Rechtsgelehrte und Schriftsteller Felix Dahn, prägte mit seinem Geschichtswerk "Ein Kampf um Rom" das nationalliberale nationale Denken seiner Zeit und beeindruckte auch Edgar Burchard nachhaltig. Edgar schloss sich der "Wratislavia" an, einer nicht farbentragenden studentischen Verbindung, die ihren Mitgliedern die Mensur freistellte. Über spätere Kontakte zu Verbindungsbrüdern ist nichts bekannt. Die weitere Ausbildung der Assessoren erfolgte an verschiedenen Gerichten. Sie führte Edgar Burchard nach Altona und Kiel.

Helene/Ellen und Edgar konnten das Hindernis einer Mischehe, die ihrer Heirat entgegenstand, ausräumen: Sie trat vor ihrer Heirat zum Christentum über, was in Hamburg traditionell den Eintritt in die lutherische Kirche bedeutete. Am 12. Mai 1905 wurde sie in der St. Katharinenkirche getauft und das Paar dort am 25. Mai 1905 getraut. Die standesamtliche Heirat hatte am 23. Mai 1905 in Altona stattgefunden, wo sie noch bei ihren Eltern in der Palmaille 33 wohnte. Als Trauzeugen nahmen ihre Väter, Sanitätsrat Albert Burchard aus Breslau und der Geheime Kommerzienrat Albert Warburg aus Altona teil. Beide unterstützten ihre Kinder finanziell bei der Gründung eines eigenen Haushalts.

Edgar Burchard wohnte 1905 in Hamburg, Alsterufer 17. Er beantragte einen Reisepass mit einer sechswöchigen Gültigkeit für das Ausland vom 12. Mai bis 1. Juli 1905. Daraus geht hervor, dass er groß war, dunkelbraunes Haar, graue Augen, ein rundes Gesicht und als Kennzeichen eine Mensurnarbe hatte. Näheres über die Verwendung dieses Passes ist nicht bekannt; es könnte sich um die Hochzeitsreise gehandelt haben. Helene Burchard war einem späteren Pass gemäß von mittlerer Statur, hatte schwarze Haare, braune Augen und ein ovales Gesicht.

Nach seiner Heirat wurde Eduard Burchard zunächst beim Grundbuchamt auf Helgoland eingesetzt. Dem folgte eine Tätigkeit in Kiel. Dort brachte Helene Burchard am 2.3.1906 ihr erstes Kind, Gertrud Anna, zur Welt. Um die gleiche Zeit lebte in Kiel auch der Jurist Ernst Siegfried Guradze, dem Edgar Burchard schon als Gerichtsassessor in Altona begegnet sein könnte, mit seiner Ehefrau Margarethe, dem Sohn Hans Werner Manfred und den Töchtern Elisabeth, genannt Ise, geb. 1902, und Hedda, geb. 1904. Margarethe und Hedda Guradze zogen 1934 als Mieterinnen zu Edgar und Helene Burchard in die Ferdinandstraße.

Edgar und Helene Burchard kehrten nach Hamburg zurück und bezogen in der Magdalenenstraße 54 in Hamburg-Rotherbaum eine kleine Mietwohnung. Dort wurden Gertruds Geschwister geboren: Albert Edgar (4.1.1908), Oswald Ernst (3.10.1909) und Marie Betty (12.1.1912). Gertrud wurde im März 1906 in der St. Johanniskirche in Eppendorf getauft und im April nach Bettys Geburt eingeschult. Edgar Burchard gab seine juristische Tätigkeit auf und wurde Geschäftsführer der 1910 gegründeten Hanseatischen Pflanzenbutterwerke GmbH, die verschiedene Margarinemarken produzierte und vertrieb.

Albert Warburg stattete seine Töchter Helene und Ada großzügig mit Aussteuer und Wohnraum aus. Für Ada, seit 1908 mit dem Ingenieur Ernst Martienssen (geb. 1875) verheiratet, erwarb ihr Vater 1911 das Haus Mittelweg 106 in Harvestehude, wo sie bis zum Tod ihres Mannes 1927 mit ihren vier Kindern lebte. Auch Ada wurde evangelisch wie ihr Ehemann.

1913 kaufte Albert Warburg ein weiteres Haus, Feldbrunnenstraße 21 in Rotherbaum, wo Helene Burchard mit ihrer Familie einzog. Dieses Haus wurde Anlaufstelle für die Familie bis zum Auszug von Helene und Edgar Burchard im Jahr 1938. Helene brachte auch die Einrichtung, Teppiche, Bilder, Tafelsilber, Geschirr, Leinen und Schmuck mit in die Ehe.

Nach dem Umzug wurde - noch vor Beginn des Ersten Weltkriegs - Albert eingeschult, Oswald und Marie folgten während des Kriegs. Die Töchter Helene und Ada begannen ihre Grundschulzeit auf "Frl. Henckel’s Lyzeum" an der Moorweide, die Söhne Albert und Oswald auf der ebenfalls privaten Gustav-Bertramschule in der Esplanade.

Bevor Albert und Gerta Warburg noch vor Ende des Ersten Weltkriegs ihre Häuser in Altona und Groß Flottbek verkauften, lieferte der Garten Gemüse und Obst für ihre Kinder und inzwischen acht Enkelkinder, was besonders den "Steckrübenwinter" 1917 zu überstehen half. Edgar Burchard war während des Ersten Weltkriegs als Kaufmann für die Zweigniederlassung der französischen Firma D. Becot & Cie. tätig, sein Einkommen reichte jedoch nicht, um die Familie zu ernähren.

Inzwischen auf einen Rollstuhl angewiesen, zog Albert Warburg mit seiner Ehefrau in ein Appartement des Hotels Esplanade am Stephansplatz, unweit ihrer Töchter und Enkelkinder. Dort starb er am 19. Februar 1919 und wurde auf dem Jüdischen Friedhof in der Königstraße in Altona-Altstadt beigesetzt.

Albert Warburg hielt sein Vermögen – Immobilien und Wertpapiere – in einem Testament zusammen, für dessen Vollstreckung er zwei Verwalter einsetzte. Alleinerbin des Kapitals wurde seine Witwe, danach würden die drei Töchter erben und erst nach ihnen die Enkel. Damit sorgte er auch für den weiteren Zusammenhalt seiner Töchter untereinander und mit ihrer Mutter. Gerta Warburg nahm wieder ihre niederländische Staatsangehörigkeit an.

Im Dezember 1919 erwarb sie auf dem städtischen Friedhof Ohlsdorf ein Familiengrab, dessen Grabstein Ernst Barlach entwarf. Dorthin wurde im Januar 1920 Albert Warburgs Urne umgebettet. Außerdem kaufte Gerta Warburg ein Haus in der Hochallee 5 für sich und ihre ledige Tochter Betty, die dort später auch ihre Arztpraxis einrichtete (s. www.stolpersteine-hamburg.de).

Edgar Burchards Bruder Oswald, als promovierter Jurist in Berlin als Staatsanwalt beamtet, diente als Freiwilliger beim Kaiserlichen Heer. Nach seiner Rückkehr aus dem Krieg heiratete er noch im selben Jahr in Hamburg, am 9. September 1919, Franziska Elisabeth, geb. Lange, geb. 4.10.1891 in Hamburg, von Beruf Fürsorgerin. Sie war evangelisch-lutherisch. Noch in Berlin wurde am 16.6.1920 ihr erster Sohn geboren.

Als in Hamburg neue Stellen beim Landgericht eingerichtet wurden, bewarb Oswald Burchard sich, wurde aufgrund seiner tadellosen Beurteilungen auf den Stationen seines bisherigen beruflichen Weges eingestellt und ließ sich nach Hamburg versetzen. Sein Antrag auf Einbürgerung in Hamburg erfolgte zügig am 19. Oktober 1920 unter Aufgabe der preußischen Staatsangehörigkeit. Die Familie zog in die Isestraße 53 in Hamburg-Harvestehude. Dort kam am 4.8.1921 ein zweiter Sohn zur Welt, ihm folgte am 26.4.1924 eine Tochter.

Der Erste Weltkrieg beendete das bisherige Leben von Edgar und Helene Burchard mit seiner Geselligkeit und dem Personal. Allein die Köchin blieb. Helene hatte schon nach dem Hungerwinter, als es kein Heizmaterial gab und die Kinder deswegen keinen Schulunterricht hatten, das Esszimmer als Unterrichtsraum genutzt und die Lehrer und Lehrerinnen ihrer Kinder eingeladen, dort zu unterrichten.

Edgar Burchards reformierte Strenge, die bei ihrer Eheschließung auf ihren liberal-jüdischen Geist getroffen war, hatte ihr Leben, so säkular es war, doch beeinträchtigt. Helene hing keinem Glauben an, die Kinder wurden areligiös erzogen. Sie erfuhren nicht, dass es Juden gab und dass sie aus Sicht der Antisemiten zu diesen gehörten.

Nur Tochter Gertrud fand den Weg in die lutherische Kirche und ließ sich 1922 in der St. Johanniskirche in Eppendorf konfirmieren. Die Inflation 1923 vernichtete einen großen Teil des Albert Warburgschen Vermögens. Dennoch studierte Gertrud Burchard Biologie an der Hamburger Universität; sie finanzierte ihr Studium vor allem durch Nachhilfeunterricht selbst.

Edgar Burchard konnte seine Familie nicht mehr ernähren und erkrankte. Als Ausweg bot sich an, die Wohnung umzugestalten und Zimmer an Engländer zu vermieten, die in Devisen zahlen konnten. Helene Burchard übernahm außerdem gegen Bezahlung die Pflege der Kleidung der Mieter.

Die wirtschaftliche Situation Edgar Burchards besserte sich, als er Mitinhaber der Firma Adolf Dannenberg Nachf., einem Ex- und Importgeschäft für Eisen, wurde. Sein zu versteuerndes Einkommen betrug nun jährlich 6000 Mark, was ihm endlich ermöglichte, sich und seine Familie "naturalisieren" (einbürgern) zu lassen. Am 8. November 1924 wurde auch sie wie schon vier Jahre zuvor die seines jüngeren Bruders in den Hamburgischen Staatsverband aufgenommen. Im selben Jahr schied Edgar Burchard wieder aus der Firma aus und machte sich selbstständig.

Dank Edgar Burchards einträglicher Berufstätigkeit konnten und er und seine Ehefrau auf die Mieteinnahmen verzichten und stellten wieder eine Haushilfe ein. Darüber hinaus nahmen sie eine Hypothek auf, um in der zweiten Etage des Hauses eine vollständige Wohnung mit Küche und Bad einzurichten.

Sanitätsrat Albert Burchard und seine Ehefrau Anna, Edgar und Oswald Burchards Eltern, zogen Mitte der 1920er Jahre nach Hamburg in die Moorweidenstraße 4 in die Nähe ihres ältesten Sohnes Edgar und der Enkelkinder, deren Kindheit bis dahin wesentlich durch die Warburg-Großeltern geprägt war. Anna Burchard starb am 26. November 1926 im Hause ihrer Schwiegertochter Helene/Ellen. Danach zog Albert Burchard zu seiner Familie in die Feldbrunnenstraße.

Marie besuchte noch die Grundschule von "Frl." Henckel an der Moorweide, als der Großvater zu ihnen zog. Sie wechselte 1927 auf die Klosterschule, die sie 1930 mit der Unterprimareife verließ, ohne eine Berufsausbildung anzuschließen.

Albert und Oswald Burchard hatten Schulschwierigkeiten, die die Eltern stark belasteten, zumal keiner der beiden Interesse daran am Bankwesen zeigte. Sie wurden Kaufleute.

Gertrud erwarb 1928 den Titel eines Dr. rer. nat. der Universität Hamburg mit einer Arbeit über "Beiträge zur Kenntnis parasitischer Pilze", die 1929 in der Phytopathologischen Zeitschrift veröffentlicht wurde. Sie verließ Hamburg, um für die "Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft" zu arbeiten, erforschte am "Institut für Pflanzenkrankheiten" in Bonn-Poppelsdorf eine an Getreide weit verbreitete Pilzkrankheit (Fusariose der Halmbasis) und hielt dort Vorlesungen. 1931 ging sie nach Kitzingen am Main, um sich an der dortigen Kreislehranstalt in Geflügelzucht zu qualifizieren. Im Oktober des Jahres heiratete sie den promovierten Agronomen Alexander Wenzel, einen Nicht-Juden. Sie gehörte auch als aktives Mitglied der Gesellschaft der Naturforscher und Ärzte an. Als ihr Großvater Albert Burchard am 16. August 1932 starb, war sie bereits nach Gruiten an der Düssel im Rheinland gezogen, wo sie und ihr Mann einen Betrieb für Landwirtschaft und Geflügelzucht führten. Dort brachte Gertrud Wenzel am 23.11.1933, dem 76. Geburtstag ihrer Großmutter Gerta Warburg, einen Sohn zur Welt.

Weitere einschneidende Ereignisse der Familie Burchard im Jahr 1931 waren die Auswanderung Oswalds nach Kairo und Maries Heirat. Gegen den Willen ihrer Eltern schloss sie die Ehe mit dem elf Jahre älteren Dozenten an der Hamburger Landeskunstschule Alfred Ehrhardt. Ihr Sohn Klaus wurde 1932 geboren.
Als sich die Eheleute 1933 trennten, blieb er bei dem Vater. Mittellos und von ihrer Familie entfremdet, lebte Marie Ehrhardt bis zur Scheidung 1934 als Praktikantin im Bethlehem-Krankenhaus am Anscharplatz. Sie wurde schuldlos geschieden. Danach arbeitete sie als Reisebegleiterin bei der Hamburg-Amerika-Linie auf Fahrten nach New York.

Sie erstritt die Rückkehr ihres Sohnes zu ihr, der durch die Trennung in seiner Entwicklung gestört war, und ging zunächst zusammen mit ihm als Helferin in ein anthroposophisches Heil- und Erziehungsinstitut in Norddeutschland. Nach einigen Monaten wechselte sie als Hilfsgärtnerin in eine Einrichtung in den Niederlanden, die ihrem Sohn besser entsprach. Dort erhielt sie Besuch von ihrer in Amsterdam geborenen Großmutter Gerta Warburg, die sie bewog, zu ihren Eltern nach Hamburg zurückzukehren.

Dort gab es nicht nur genug Platz für sie und ihren Sohn, sondern auch für Mieterinnen. Seit dem 1. April 1934 wohnte bei ihnen die von ihrem Ehemann, dem in Wiesbaden lebenden Landgerichtsrat Dr. jur. Ernst Guradze getrennt lebende Margarethe Guradze, mit ihrer Tochter Hedda, Bibliothekarin der Bücherhalle in der Mönckebergstraße. Beide waren jüdisch.

Da die Familien Edgar und Oswald Burchard assimilierte Juden und nicht Mitglieder der jüdischen Gemeinde waren, blieben sie zunächst von den antijüdischen Maßnahmen der NS-Regierung unberührt. Mit den Nürnberger Rassegesetzen vom September 1935 wurden jedoch Helene Burchard als "Volljüdin" und ihr Ehemann Edgar als "Halbjuden" bzw. "Mischling 1. Grades" klassifiziert. D.h. ihre Ehe wurde als jüdische behandelt. Ihre Kinder waren "Dreivierteljuden" und wurden als "Geltungsjuden" eingestuft, die wie "Volljuden" behandelt wurden.

Die Tochter Gertrud lebte nun in einer Mischehe, die ihr und ihren Kindern vorläufigen Schutz bot. Marie bereitete sich auf eine mögliche Emigration vor. Ihr unklarer Status als "Geltungsjüdin", die Mutter eines Sohnes mit "arischem" Vater war, erlaubte ihr nicht, den gewünschten Beruf als Kindergärtnerin zu ergreifen, aber sie konnte eine Handelsschule besuchen und Berufserfahrung bei einer Bank sammeln. Ihr Sohn war bei den Großeltern gut aufgehoben.

Am 24.6.1936 wurde Gertrud Wenzel-Burchards Tochter geboren, im selben Jahr verließ Albert Burchard jun. Deutschland und emigrierte nach Johannesburg.

Edgar Borchards Bruder, Landgerichtsrat Oswald Burchard, ebenfalls "Mischling 1. Grades", mit einer Nicht-Jüdin verheiratet, entging noch einer Entlassung aus dem Beamtenverhältnis. Seine Versetzung 1936 vom Landgericht ans Grundbuchamt als dessen Leiter kann als Verfolgungs-, aber auch als Schutzmaßnahme verstanden werden.

Edgar und Helene Burchard zogen 1938/39 mit ihrem vollständigen Haushalt in die nahe Innocentiastraße 78, Marie emigrierte mit ihrem Sohn nach Melbourne. Ihr Grundstück in der Feldbrunnenstraße verblieb noch eine kurze Zeit im Familienbesitz, bis ab 1941 neue Eigentümer und Mieter mehrfach wechselten. Edgar Burchard erlitt einen Schlaganfall mit einer halbseitigen Lähmung und Arbeitsunfähigkeit als Folge. Er erholte sich gerade so weit, dass er seiner Frau zur Hand gehen konnte.

1939 mussten Edgar und Helene Burchard zwangsweise Mitglieder des Jüdischen Religionsverbandes e. V., wie sich die Jüdische Gemeinde nun nennen musste, also der jetzigen Bezirksstelle der Zwangsorganisation der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland, werden.

Damit war die Darlegung ihrer Vermögen verbunden. Helene Burchard besaß keines, weil ihre Mutter Erbin des Nachlasses des Vermögens ihres Vaters Albert Warburg war. Es hatte einen ungefähren Wert von einer halben Million Reichsmark, die in Grundstücken und Wertpapieren festgelegt waren. Einer der Testamentsvollstrecker war ausgewandert, der andere hatte allein keine Verfügungsgewalt über das Vermögen. Der Oberfinanzpräsident ordnete die "Sicherung" des Vermögens an und zog zu Lasten von Helene Burchards Erbe die Zwangsabgaben für Jüdinnen/Juden ein, die sie nun zahlen mussten.

Edgar Burchard gab ein Vermögen an, das per 1. Januar 1935 RM 160 000 betrug und rückwirkend mit einer Kultussteuer von RM 700 belegt wurde. (Bis 1939 wurde die Kultussteuer im Voraus nach der an das Finanzamt abgeführten Einkommensteuer berechnet und gezahlt.) Durch die neuerliche Erhebung der Steuer auf das Vermögen und durch Zwangsabgaben an den NS-Staat verringerte sich Edgar Burchards Vermögen auf RM 70 000 per 1. Januar 1940. Die Vorauszahlung der Kultussteuer für 1942 wurde mit 472,50 RM veranschlagt, da die Jüdische Gemeinde nun ihrerseits einen Zuschlag erhob.

Am 8. Mai 1940 kehrte Gerta Warburg in das Land ihrer Geburt zurück, begleitet von ihrer jüngsten Tochter Betty. Einen Tag später besetzte die deutsche Wehrmacht die Niederlande und führte sukzessive auch dort die antijüdischen Maßnahmen ein, auf Grund derer ihre mittlere Tochter Ada am 17. Mai 1940 für drei Wochen wegen illegalen Rundfunkhörens im Gefängnis Fuhlsbüttel inhaftiert wurde.

Landgerichtsrat Oswald Burchard starb am 11. Oktober 1940 im Universitätskrankenhaus Eppendorf in Hamburg. Sein Sohn Jürgen wurde 1941 zur Wehrmacht eingezogen und kam noch im selben Jahr mit 20 Jahren als Soldat ums Leben. Durch den Tod ihres Mannes Ernst Martienssen im Jahr 1927 entfiel der Schutz, den seine Witwe Ada eine bestehende Mischehe geboten hätte. Im Januar 1944 wurde sie zu einem vorgeblichen "Arbeitseinsatz" nach Theresienstadt deportiert, den sie überlebte.

Am Ende des Jahres 1940 gaben Helene und Edgar Burchard auch die Wohnung in der Innocentiastraße 78 auf und wurden von der Jüdischen Gemeinde in einer Eineinhalbzimmerwohnung in der Kleinen Papagoyenstraße 1 in Altona einquartiert. Überzählige Möbel schickten sie an ihre Tochter Gertrud Wenzel-Buchard. Sie richteten sich geschmackvoll ein und versorgten eine alte Mitbewohnerin mit, auch Dank der Lebensmittelpakete von Gertrud. Der Kontakt riss auch weiterhin nicht ab, Edgar und Helene Burchard besuchten ihre Tochter, Helene strickte für die Enkelkinder, Edgar Burchard zeichnete Postkarten mit Mäusebildern für die Enkelkinder und beschrieb sie mit Geschichten.

Am 9. Juli 1942 traf der Befehl der Gestapo zur "Evakuierung" am 11. Juli 1942 bei Edgar und Helene Burchard ein. Er enthielt keine Zielangabe. Edgar Burchard hatte für diesen Fall vorgesorgt, um sich das Leben zu nehmen, er nahm eine hohe Dosis Veronal-Schlaftabletten. Seine Schwägerin Ada Martienssen wurde herbeigerufen, Helene Burchard begleitete ihren Mann in das Israelitische Krankenhaus in der Johnsallee 68. Dort starb er trotz aller lebensrettenden Maßnahmen am 10. Juli 1942. Er wurde auf dem städtischen Friedhof Ohlsdorf beigesetzt.

Helene Burchard gab die Hoffnung auf ein gutes Ende nicht auf. Sie wurde am 11. Juli 1942 abtransportiert. Noch auf dem Hannoverschen Bahnhof schrieb sie vor Abfahrt des Zuges an ihre Tochter Gertrud Wenzel-Burchard eine Postkarte des Inhalts, sie sei mit warmer Winterkleidung und einem Schlafsack ausgerüstet und habe Stricknadeln mitgenommen, um sich vielleicht etwas verdienen zu können. Sie werde immer an ihre Kinder und Enkel denken und glaube an ein gutes Ende.
Edgar Burchards letzte Mäusekarte an seine geliebten Enkelkinder und ihre Mutter endete
"Der Mäuseahne sinkt ins Grab
und blickt auf die Enkel segnend herab."
Das Ziel des Deportationstransports vom 11. Juli 1942 lautete, wie wir heute wissen, Auschwitz-Birkenau. Die Teilnehmer wurden dort nicht registriert und ausnahmslos ermordet, unter ihnen auch Helene Burchard.

Dies war auch noch nicht bekannt, als Marie Ehrhardt, geb. Burchard, 1946 von Melbourne aus einen Suchantrag nach ihrer Mutter Helene an das Internationale Rote Kreuz richtete, der abschlägig beschieden wurde.

Mit der "Abreise in den Osten" verloren die Deportierten die deutsche Staatsangehörigkeit und ihr Vermögen fiel an den Staat. Helene Burchards Haushaltsinventar wurde versteigert, der Erlös an die Kasse des Oberfinanzpräsidenten überwiesen. Besonders wertvolle Einzelstücke wie Gemälde oder Teppiche wurden nicht separat ausgewiesen.

Im November 1942 starb Alexander Wenzel bei der Einkesselung Stalingrads. Seine Witwe behauptete sich gegen starke Anfeindungen und erlebte das Kriegsende in Gruiten. 1951 wanderte sie mit ihren Kindern nach Australien aus und kehrte 1963 nach Europa, aber nie nach Deutschland zurück, nachdem ihre Kinder in Australien Fuß gefasst hatten.

Nach Ablauf der Ruhezeit wurde das Grab Edgar Burchards oberirdisch geräumt, aufgrund "gartenlandschaftstechnischer Veränderungen" existiert auch die Grablage nicht mehr.

© Hildegard Thevs

Quellen: 1, 2, 4, 5, 9; Hamburger Adressbücher; StaHH 213-13_11633; 242-1_ 252; 314-15, R 1939/569; 331-5 Polizeiwesen, 3 Akte 1942/1147; 332-5 Personenstandsregister; 332-7, Staatsangehörigkeit, B III, 540/1924; 332-7332-8 Melderegister; 351-11, 3440, 3441; 522-1, 992 d Band 4, 992 e 2 Band 4; Arolsen Archives, Abruf 30.2.2022; Friedhof Ohlsdorf, E-Mail 15.3.2022; Gertrud Wenzel-Burchard, Granny, Hamburg, 1971; Heiko Morisse, Ausgrenzung und Verfolgung der Hamburger Juristen im Nationalsozialismus, Band 2, Beamtete Juristen, Göttingen 2013;
https://www.stolpersteine-hamburg.de/?&MAIN_ID=7&r_name=warburg&r_strasse=&r_bezirk=&r_stteil=&r_sort=Nachname_AUF&recherche=recherche& submitter=suchen&BIO_ID=929; https://portal.dnb.de/opac/opacPresentation?cqlMode=true&reset= true&referrerPosition=0&referrerResultId=%22Burchard%22+and+%22Edgar%22%26any&query=idn%3D117295299; https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Leopold_Burchard, Abruf 30.2.2022;
https://www.geni.com/people/Anna-Maria-Burchard/6000000016938316041; https://www.dortmund.de/media/p/institut_fuer_zeitungsforschung/zi_downloads/nachlaesse_1/Wenzel.pdf; https://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Ehrhardt; Abruf 5.4.2022;
https://de.wikipedia.org/wiki/Preu%C3%9Fisches_Judenedikt_von_1812; 20.4.2022;
https://www.alamy.de/ellen-warburg-von-edvard-munch-1905-kunsthaus-zurich-schweiz-image353316120.html.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

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