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Anna Flora Gaden (née Hecht) * 1897

Königstraße 1 (Altona, Altona-Altstadt)


HIER WOHNTE
ANNA FLORA GADEN
GEB. HECHT
JG. 1897
GEDEMÜTIGT / ENTRECHTET
FLUCHT IN DEN TOD
16.7.1942

further stumbling stones in Königstraße 1:
Sara Eva Bonfil, Wolf Rechtschaffen, Rosa Rechtschaffen, Leo Rechtschaffen, Jacob 'Jeannot' Rechtschaffen, Josef 'Joe' Rechtschaffen, Karl Rechtschaffen, Hinda Blume Rechtschaffen

Anna Flora Gaden, geb. Hecht, geboren am 3.11.1897, gedemütigt/entrechtet, Flucht in den Tod am 16.7.1942

Königstraße 1 (früher Bachstraße 77) Altona-Altstadt

Anna Flora Hecht wurde am 3. November 1897 als Kind der jüdischen Eheleute Hermann Hersch Hecht und seiner Ehefrau Rÿwka Hecht, geborene Waldmann in der Palmaille 1/Altona geboren.

Um 1890 ließ sich das aus Lemberg (heute Lwiw, Ukraine) stammende Ehepaar Hecht in der damals noch selbstständigen Stadt Altona nieder. Als österreichische Staatsangehörige gehörten sie bis zur Einbürgerung Hermann Hersch Hechts im November 1915 dem Habsburgerreich an; danach besaß die Familie die preußische Staatsangehörigkeit. Hermann Hersch Hecht war als Buchhalter tätig und arbeitete außerdem als Schuhwarenagent.

Das Ehepaar bekam weitere Kinder: Paul Jacob Hecht, geboren 14. August 1892 (gestorben am 15. August 1892), Charlotte Hecht, geboren am 8. Februar 1893, Bertha Hecht, geboren am 28. August 1895, Jacob Hecht, geboren am 18. Oktober 1896, Rosalie Hecht, geboren am 25. Februar 1899 und Lea Hecht, geboren am 23. August 1901 (gestorben am 24. August 1901). Die Familie wohnte in der Bachstraße 77 (heute Königstraße 1) in der Altonaer Altstadt. Die Eltern blieben Mitglieder der Jüdischen Gemeinde, aber die Kinder wurden evangelisch erzogen und getauft.

Flora Hecht durchlief eine Ausbildung zur Buchhalterin.

Zwei Häuser weiter, in der Bachstraße 81, lebte die nichtjüdische Familie Gaden. 1917, als Arthur Carl Heinrich Gaden aus dem ersten Weltkrieg zurückkehrte, lernten sich Flora und Arthur kennen.

Arthur Gaden war am 13. Dezember 1891 in Altona geboren worden. Seine Eltern waren der Kaufmann Carl Adolph Heinrich Gaden und Minna Christiane Catharine Gaden, geborene Wiggers. Carl Gaden betrieb in der Bachstraße 81 eine Schneiderei und ein Verkaufsgeschäft für Herrenkonfektion. Er bildete in seinem Betrieb junge Menschen im Schneiderhandwerk aus. Auch sein Sohn Arthur profitierte von dieser Ausbildung.

Flora Hecht und Arthur Gaden heirateten am 12. August 1922 in Hamburg.

Flora Gaden führte nun als gelernte Buchhalterin und Kontoristin die Geschäftsbücher der Schneiderei und den Verkauf der Herrenbekleidung. Sie besaß für den Betrieb die Bankvollmacht. Das kleine Unternehmen erwies sich als erfolgreich. 1926 mietete Arthur Gaden eine zusätzliche Wohnung in der Bachstraße 83 im Erdgeschoß an und vergrößerte damit seine Schneiderei.

Minna Gaden, Arthurs Mutter starb am 7. März 1931 in der Bachstraße 81. Im gleichen Monat zog Carl Gaden bei seinem Sohn Arthur und seiner Schwiegertochter Flora in deren Wohnung Bachstraße 81 mit ein. Carl Gaden hatte im Ersten Weltkrieg ein Bein verloren. Seitdem war er auf eine Beinprothese angewiesen.

Im März 1932 verkaufte Arthur Gaden die Schneiderei. Das Ehepaar Gaden lebte erst einmal von dem Geld, welches sie in den letzten Jahren erwirtschaftet hatten.

In den folgenden Jahren entwickelte Arthur Gaden eine Alkoholabhängigkeit und kehrte häufig betrunken in die gemeinsame Wohnung zurück. Seit 1935 ertrug Flora Gaden die gemeinsame Lebenssituation mit ihrem Ehemann offenbar nicht mehr. Am 29. Dezember 1935 verließ sie die gemeinsame Wohnung und zog in die General-Litzmann-Straße 86 in Altona (heute Bernstorffstraße). 1938 wechselte sie in die Straße Käthnerort 74 nach Barmbek-Süd. Die Ehe wurde am 14. Mai 1936 geschieden.

Nach der Scheidung heiratete Arthur Gaden am 25. Mai 1937 in Kiel Elly Anna Maria Schmidt.

Bis dahin hatte Flora Gaden in der Definition der Nationalsozialisten einer "privilegierten Mischehe" gelebt: Die Ehe war kinderlos geblieben und sie der jüdische Teil. Die evangelische Taufe und Erziehung wirkten sich auf diesen Status nicht aus.

Der Mieterschutz für jüdische Menschen wurde am 30. April 1939 aufgehoben. Damit fiel dem Jüdischen Religionsverband e.V., wie sich die Jüdische Gemeinde Hamburgs nun nennen musste, die Aufgabe zu, die wohnungslosen Jüdinnen und Juden unterzubringen. In der Regel nutzte sie dazu auf Anweisung des Hamburger Wohnungsamtes die "Judenhäuser", meist frühere Stiftsgebäude. Jüdinnen und Juden sollten auf Anweisung der Stadt im Grindelgebiet leben. Davon war auch Flora Gaden betroffen. Sie musste ein Zimmer im "Judenhaus" in der Bundesstraße 43 beziehen. Am 30. Oktober 1939 zog sie in die Heinrich-Dreckmannstraße 4 (heute Susannenstraße) im Sternschanzenviertel. Am 31. Mai 1941 bezog sie ein Zimmer in der Oderfelder Straße 42/Harvestehude.

Inzwischen zwang ein neues Gesetz der Nationalsozialisten Personen wie Flora Gaden, die sie als "volljüdisch" einstuften, Mitglied des Jüdischen Religionsverbandes zu werden. Waren sie nicht durch eine Mischehe geschützt und/oder hatten minderjährige Kinder zu versorgen, erhielten auch diese Jüdinnen und Juden den Deportationsbefehl.

Flora Gaden sollte am 11. Juli 1942 deportiert werden. Ihren Deportationsbefehl hatte sie wenige Tage zuvor erhalten. Das Ziel war Auschwitz, blieb aber den Aufgerufenen unbekannt. Ohnehin hätten sie mit dem Namen des Vernichtungsortes zu diesem Zeitpunkt nichts anfangen können, seine traurige Berühmtheit erlangte er erst später.

Flora Gaden war das letzte Mitglied ihrer Geschwistergeneration, das noch in Hamburg lebte. Die Familie war bereits schwer von der nationalsozialistischen Verfolgung betroffen: Bertha Hecht war am 23. September 1940 in der früheren "Heilanstalt" und jetzigen Tötungsstätte Brandenburg ermordet worden, Charlotte Hecht, genannt Lotte, war am 25. Oktober 1941 ins Getto Litzmannstadt/Lodz deportiert worden, Jacob Hecht befand sich seit 1940 im Konzentrationslager Groß-Rosen und Rosalie Hansen, die inzwischen geheiratet und wieder geschieden war, war am 6. Dezember 1941 nach Riga deportiert worden.

So beschloss Flora Gaden - um ihrer eigenen Deportation am 11. Juli 1942 zu entgehen – am 10. Juli 1942 eine Überdosis Schlaftabletten zu nehmen.

Johanna Adler, die mit ihr eng befreundet war, sollte wenige Tage später selbst nach Theresienstadt deportiert werden. Vermutlich wollte sie sich von ihrer Freundin verabschieden, als sie am 10. Juli 1942 deren Wohnung aufsuchte. Nachdem auf ihr Klopfen niemand reagiert hatte, öffnete sie die unverschlossene Tür und fand Flora Gaden noch mit schwachen Lebenszeichen vor. Johanna Adler veranlasste daraufhin die Einlieferung in das Jüdische Krankenhaus in der Johnsallee 54/Rotherbaum. Dort starb Flora Gaden am 16. Juli 1942. (Für Johanna Adler liegt ein Stolperstein in der Heider Straße 21, siehe www.stopersteine-hamburg.de)

Zum Schicksal der Geschwister von Anna Flora Gaden:
Charlotte Hecht wurde am 25. Oktober 1941 nach Litzmannstadt/Lodz deportiert. Für sie liegt ein Stolperstein in der Isestraße 79 in Harvestehude. (Siehe www.stolpersteine-hamburg.de)

Bertha Hecht wurde am 23. September 1940 in der "Heilanstalt" Brandenburg an der Havel mit Gas ermordet. Für sie liegt ein Stolperstein in der Palmaille 1 in Altona. (Siehe www.stolpersteine-hamburg.de)

Jacob Hecht wurde zunächst in Fuhlsbüttel (KolaFu) und im Konzentrationslager Sachsenhausen inhaftiert. Am 9. Juni 1939 stellte er einen Antrag auf Auswanderung nach Paraguay, der jedoch abgelehnt wurde. Jacob Hecht wurde am 25. März 1942 im Konzentrationslager Groß-Rosen ermordet. Für ihn liegt ein Stolperstein Beim Schlump 9. (Siehe www.stolpersteine-hamburg.de)

Rosalie Hecht heiratete 1933 den nichtjüdischen Walter Hansen; die Ehe wurde 1934 aus "rassischen Gründen" geschieden. Am 6. Dezember 1941 wurde sie nach Riga deportiert. Sie überlebte die Haft und Todesmärsche bis zur Befreiung am 25. Januar 1945 in Bromberg. Im Oktober 1945 erreichte sie Hamburg. Ihre Entschädigungsanträge wurden wegen fehlender Nachweise zurückgewiesen.

© Bärbel Klein

Quellen: 1, 2; 4; 8; StaH, 351-11 AfW 22513 und 22608 (Rosalie Hansen); 331-5 Unnatürliche Sterbefälle 3 Akte 1155/1942 (Anna Flora Gaden); 424-3 Gewerbe Altona Abt. XXXII A II A 60 a 126 (Gaden); 332-5 Geburtsregister 6228 Nr. 2891/1883 Clara Henriette Minna Gaden, 6272 Nr. 4084/1891 Arthur Carl Heinrich Gaden, 6279 Nr. 489/1893 Charlotte Hecht, 6290 Nr. 2604/1895 Bertha Hecht, 6301 Nr. 3274/1897 Anna Flora Hecht, 13002 Nr. 616/1899 Rosalie Hecht, 13678 Nr. 2435/1901 Lea Hecht; 332-5 Heiratsregister 5878 Nr. 649/1882 Gaden/Wiggers, 5991 Nr. 146/1910 Ruest/Hecht, 8774 Nr. 615/1922 Gaden/Hecht, 13953 Nr. 19/1933 Hecht/Gaden; 332-5 Sterberegister 6296 Nr. 3198/1896 Jacob Hecht, 5247 Nr. 1802/1901 Lara Hecht, 5370 Nr. 278/1928 Rywka Hecht, 5402 Nr. 318/1936 Hersch Hecht, 8180 Nr. 337/1942 Anna Flora Gaden, 11861 Nr. 449/1944 Arthur Carl Heinrich Gaden, 4973 Nr. 796/1965 Clara Henriette Minna Schmidt, 1485 Nr. 2299/1973 Rosalie Hansen; 741-4 Fotoarchiv K 4429 (Gaden), K 4446 (Gaden), K 4690 (Gaden), K 4739 (Hecht), K 6105 (Gaden), K 2447 (Oderfelder Straße), K 2516 (Heinrich-Dreckmannstraße); Landgericht Kiel, Justizinspektorin Birte Schulze, Scheidungsurteil vom 14. Mai 1936 Flora Gaden/Arthur Gaden; www.ancestry.de (Einsicht am 27.12.2020).
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

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