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Karoline Ornstein (née Birnbaum) * 1870
Stresemannstraße 29 (Altona, Sternschanze)
HIER WOHNTE
KAROLINE ORNSTEIN
GEB. BIRNBAUM
JG. 1870
´POLENAKTION` 1938
BENTSCHEN / ZBASZYN
ERMORDET IM
BESETZEN POLEN
further stumbling stones in Stresemannstraße 29:
Simon Ornstein, Seli Ornstein
Simon Ornstein, geb. 12.7.1868 in Chrzanów (Polen), zwangsausgewiesen am 28.10.1938 nach Zbaszyn ("Polen-Aktion"), danach Aufenthalt in Krakau, ermordet im besetzten Polen
Keila-Fradla (Karoline) Ornstein, geb. Birnbaum, geb. 13.4.1870 in Krakau, im August 1939 ihrem Ehemann nach Polen gefolgt, ermordet im besetzten Polen
Seli (Sali, Sara, Sally) Ornstein, geb. 16.9.1901 in Teschen (heute Cieszyn, Südpolen), emigriert am 5.9.1939 nach Frankreich, deportiert ab Drancy am 9.9.1942 nach Auschwitz, ermordet
Stresemannstraße 29 (frühere Hausnr. 47)
Das jüdische Ehepaar polnischer Nationalität Simon und Keila-Fradla Ornstein (eingedeutschter Vorname Karoline) ließ sich 1915 mit seinen fünf Kindern in der damals selbstständigen preußischen Stadt Altona nieder. Vier der Kinder waren in Teschen (heute Cieszyn, Südpolen) geboren, Osna (Olga) in Krakau (heute Krakow).
Simon Ornstein war am 12. Juli 1868 in dem damaligen Ehrzanow etwa 40 km westlich von Krakau im ehemaligen Österreich/Schlesien geboren worden. Dieser Ort wurde 1918 Polen zugesprochen und heißt heute Chrzanów. Seine Ehefrau Keila-Fradla (Karoline), geborene Birnbaum, war am 13. April 1870 in Krakau zur Welt gekommen.
Simon Ornstein hatte die Schule in Ehrzanow besucht und anschließend in einem Textilwarengeschäft gearbeitet.
Nach seiner Heirat mit Keila-Fradla Birnbaum im Jahre 1892 hatte er mit seiner Ehefrau in Teschen ein Wäschegeschäft eröffnet und mit seinen Waren die Märkte in der Umgebung besucht.
Das älteste Kind, Osna (deutsch Olga) war am 14. Oktober 1895 in Krakau zur Welt gekommen. Ihr waren in Teschen/Cieszyn Hirsch (Hermann) am 8. Januar 1898, Moritz am 12. September 1899, Seli (auch Sali, Sara, Sally) am 16. September 1901 und Samuel am 17. September 1903 gefolgt.
In Altona verdienten Simon und Keila-Fradla Ornstein ihren Lebensunterhalt zunächst als Hausierer mit Wäscheartikeln. Wie ihre Tochter Osna nach dem Zweiten Weltkrieg berichtete, machten sie sich 1920 mit einem Wäschegeschäft, in dem man auf Raten kaufen konnte, in der Kleinen Gärtnerstraße 47 in Altona selbstständig. (Diese Straße wurde gegen Ende der Weimarer Zeit in Stresemannstraße umbenannt und erhielt nach 1933 den Namen General-Litzmann-Straße. Heute trägt sie wieder den Namen Stresemannstraße.)
Von 1930 bis 1931 fuhr Simon Ornstein als ritueller Koch für die Hamburg-Süd-Amerika-Linie zur See. Danach war er arbeitslos. Simon und Keila-Fradla Ornstein lebten bis 1938 von einer kleinen Rente und von Wohlfahrtsunterstützung. Anscheinend hatten sie den Wäschehandel aufgeben müssen.
Am 28. Oktober 1938 wurden während der sogenannten Polen-Aktion 17 000 Jüdinnen und Juden polnischer Herkunft aus dem Deutschen Reich nach Polen abgeschoben, darunter etwa 1 000 aus Hamburg. Die polnische Regierung hatte zuvor damit gedroht, die Pässe der im Ausland lebenden Polen ungültig werden zu lassen. Dadurch wären sie zu Staatenlosen geworden. Die NS-Regierung befürchtete, dass Tausende von "Ostjuden" dann dauerhaft auf deutschem Gebiet bleiben würden. Ohne Vorwarnung und ohne Ansehen der Person wurden Männer, Frauen und Kinder von ihren Arbeitsplätzen oder aus ihren Wohnungen im gesamten Deutschen Reich abgeholt. Sie wurden an verschiedenen Orten zusammengetrieben und noch am selben Tag mit der Eisenbahn über die polnische Grenze bei Zbąszyń (Bentschen), Chojnice (Konitz) in Pommern und Bytom in Oberschlesien deportiert. Die Kosten der Aktion sollten die abgeschobenen Jüdinnen und Juden tragen. Nur wenn dies nicht möglich wäre, sollte der Reichshaushalt in Anspruch genommen werden.
Zu den Zwangsausgewiesenen gehörte auch Simon Ornstein. Er wurde zunächst in ein Sammellager in Hamburg gebracht und am Abend des 28. Oktobers zusammen mit den anderen in Hamburg lebenden polnischen Juden zur deutschen Grenzstation Neu-Bentschen (heute Zbąszynek) transportiert. Von dort mussten die Ausgewiesenen am nächsten Morgen einen etwa sieben Kilometer langen Fußmarsch durch unwegsames Gelände in Richtung polnische Grenze antreten. Die polnischen Grenzbeamten wollten die Menschen nicht durchlassen, konnten die große Menschenmenge jedoch nicht aufhalten.
Auf der polnischen Seite in Zbąszyń kamen die Menschen notdürftig unter: in Pferdeställen einer ehemaligen Kaserne, einer Getreidemühle und, soweit sie genügend Geld hatten, in Pensionen und Privatzimmern. Wer konnte, verließ Zbąszyń und reiste zu Verwandten. Josef Ornstein, offenbar ein Verwandter, berichtete nach dem Kriege, dass Simon Ornstein Ende 1938 nach Krakau gekommen sei. Er habe bis Dezember 1940 bei ihm in der Ulica Smoiki 16 in Krakau 22 gewohnt. Anschließend sei Simon Ornstein aus Krakau in ein Lager bei Lublin abtransportiert worden. (Der von Josef Ornstein genannte Ort Meseritsch bei Lublin konnte nicht verifiziert werden.) Von dort – so Josef Ornstein – sei Simon Ornstein im März 1941 nach Staszów südlich von Kielce geflohen und im dortigen Getto bis zu dessen Liquidation im November 1942 geblieben.
Ein anderer Zeuge berichtete, dass Simon Ornstein in dem ab Anfang März 1941 eingerichteten Getto im Krakauer Stadtteil Podgórze im Süden der Stadt gelebt habe. Laut dieser Aussage sei er am 28. Oktober 1942 mit unbekanntem Ziel deportiert worden und nicht mehr zurückgekehrt.
Simon Ornstein wurde auf den 8. Mai 1945 für tot erklärt. An ihn erinnert ein Stolperstein in der Stresemannstraße 47.
Keila-Fradla Ornstein und ihre Tochter Seli waren der sogenannten Polen-Aktion entkommen. Keila-Fradla war am 28. Oktober 1938 bettlägerig krank und somit nicht transportfähig. Wie es Seli gelang, sich dem Abtransport zu entziehen, wissen wir nicht.
Am 8. März 1939 beantragte Keila-Fradla Ornstein die Erlaubnis, ihrem Mann in Krakau einige wenige Wäschestücke, einen Beutel mit Ritualien und hebräische Bücher schicken zu dürfen. Dagegen wurden keine Bedenken erhoben. Es gibt jedoch keine Hinweise darauf, dass Simon Ornstein diese Gegenstände erhalten hat.
Kaila-Fradla und Seli Ornstein bereiteten 1939 ihre Ausreise nach Paris, alternativ nach Polen vor. Sie meldeten sich am 5. August 1939 nach Paris ab. Tatsächlich reiste jedoch nur Seli Ornstein dorthin. Kaila-Fradla Ornstein ging später von sich aus nach Polen, und zwar nach Krakau, wo sich ihr Mann aufhielt.
Wie sich schon aus dem Bericht über Simon Ornstein erkennen lässt, sind die Geschehnisse in Krakau ungewiss. So wissen wir beispielsweise nicht, ob das Ehepaar Ornstein dort wieder zueinanderfand und wie lange es ggf. zusammenbleiben konnte. Die Familienangehörigen in Frankreich erhielten noch zwei Postkarten aus Polen. Ein Brief, datiert vom 11. Juni 1941, kam aus Košice. Damit war die im Osten der Slowakei gelegene Stadt Kaschau gemeint, die 1938 Ungarn zugeschlagen worden war. Nach der Besetzung des Landes durch die deutsche Wehrmacht entstand im April 1944 in Kaschau ein Getto, aus dem die Juden nach Auschwitz-Birkenau deportiert wurden.
Nach dem letzten Brief gab es nie wieder ein Lebenszeichen von Kaila-Fradla Ornstein. Auch sie wurde auf den 8. Mai 1945 für tot erklärt, und auch an sie erinnert ein Stolperstein in der Stresemannstraße 47.
Die Kinder
Osna (Olga) Ornstein, verheiratete Birnbaum
Osna (Olga) Ornstein emigrierte wahrscheinlich vor 1933 nach Frankreich. Sie trug später den Ehenamen Birnbaum. Dies ergibt sich aus den Anträgen, mit denen sie nach dem Kriege "Wiedergutmachung" für ihre verfolgten und ermordeten Eltern geltend machte. Sie hatte ein Kind, das etwa 1948 geboren wurde. Näheres über die Lebensgeschichte von Osna Birnbaum ist uns nicht bekannt.
Hirsch (Hermann) Ornstein
Hirsch (Hermann) Ornstein war von Beruf Kaufmann. Er zog 1926 nach Hagen (Westfalen). Aus seiner Ehe mit der ebenfalls jüdischen Gyttel Gizela Rypp ging am 8. Februar 1928 der Sohn Max hervor. Die Familie übersiedelte 1929 nach Hamburg, da Hirsch Ornstein dort eine Anstellung bei der Schifffahrtsgesellschaft Norddeutscher Lloyd gefunden hatte. Die Familie wohnte zunächst bei Simon und Kaila-Fradla Ornstein in der General-Litzmann-Straße 47 und anschließend bis Januar zur Untermiete in der Langenfelder Straße 117.
Angesichts des wachsenden Antisemitismus reisten Hirsch und seine Frau Gyttel Gizela im September 1932 nach Frankreich, zunächst noch in der Absicht, nach einiger Zeit nach Altona zurückzukehren. Max blieb in der Obhut seiner Großmutter in der General-Litzmann-Straße 47. Obwohl er schulpflichtig war, behielt sie ihn aus Angst vor antisemitischen Übergriffen zu Hause. 1935 brachte Kaila-Fradl Ornstein den Jungen zu seinen Eltern nach Paris. In Paris besuchte Max bis 1940 die Volksschule.
Die Familie flüchtete im Juni 1940 in den unbesetzten Teil Frankreichs nach Limoges. Von dort wurden sie 1942 in das Dorf Champagnac La Riviere verwiesen. Bis Kriegsende hielt sich die Familie in ständiger Angst vor Entdeckung in einem kleinen Dorf versteckt. Von 1945 bis 1949 lebte die Familie wieder in Paris und ließ sich dann in Israel nieder. Max Ornstein arbeitete dort als Dekorateur. Er musste seine Eltern unterhalten.
Moritz Ornstein
Moritz Ornstein arbeitete in den 1930er Jahren als Handelsvertreter. Er war mit der ebenfalls jüdischen Frieda Rohs verheiratet und hatte mit ihr eine Tochter, Renate, die am 30. Juli 1933 geboren wurde. Die Familie wohnte an wechselnden Adressen in Altona, zuletzt in der General-Litzmann-Straße 124 a. Sie soll am 28. Oktober 1938 im Rahmen der sog. Polen-Aktion über die deutsche Grenze nach Bentschen/Zbaszyn abgeschoben worden sein. Dies ergibt sich aus einem Eintrag auf Moritz Ornsteins Karteikarte der Jüdischen Gemeinde über Kultussteuern. Näheres ist nicht bekannt.
Seli (Sali, Sara, Sally) Ornstein
Wie oben erwähnt, flüchtete Seli (auch Sali, Sara oder Sally) Ornstein am 5. September 1939 nach Frankreich. Wie es ihr dort erging und ob sie Kontakt zu ihren bereits in Frankreich lebenden Verwandten aufnahm, ist nicht bekannt. Am 9. September 1942 wurde sie aus dem Sammel- und Durchgangslager Drancy, das nordöstlich von Paris liegt, mit Transport Nr. 30 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.
An sie erinnert ein Stolperstein in der Stresemannstraße 47.
Samuel Ornstein
Samuel Ornstein lebte bei seinen Eltern in der Kleinen Gärtnerstraße 47. Er soll den Beruf des Kürschners ergriffen haben. Von 1920 bis 1926 zahlte er Kultussteuern an die Jüdische Gemeinde und soll dann Altona verlassen haben. Über sein weiteres Schicksal wissen wir nichts.
© Ingo Wille
Quellen: StaH 314-15 Oberfinanzpräsident FVg 5855 (Keila Karoline Ornstein), 332-8 Meldewesen A 34/1 (div. Meldekarten), 351-11 Wiedergutmachung 1403 (Hirsch Ornstein) 48910 (Max Ornstein), 522-01 Jüdische Gemeinde 0161 Hochdeutsche Israeliten-Gemeinde Mitgliederliste 1924-1926, 922b Steuerkarten der Jüdischen Gemeinde. Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945. https://ressources.memorialdelashoah.org/zoom.php?code=182440&q=id:p_244241&marginMin=0&marginMax=0&curPage=0 (Transportliste Sally Ornstein nach Auschwitz, Zugriff 11.1.1026).

