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Ilse Kleinwort
Ilse Kleinwort
© Privatbesitz

Ilse Kleinwort (née Loewenthal) * 1907

Kallmorgenweg 6 (Altona, Groß Flottbek)


HIER WOHNTE
ILSE KLEINWORT
GEB. LOEWENTHAL
JG. 1907
VON DEPORTATION 1945
WEGEN KRANKHEIT
ZURÜCKGESTELLT
MIT HILFE ÜBERLEBT

Ilse Kleinwort, geborene Löwenthal, geboren 14.8.1907, von der Deportation 1945 zurückgestellt, überlebt

Kallmorgenweg 6 (Altona, Groß Flottbek)

Ilse Löwenthal wurde am 14. August 1907 in Hamburg geboren. Ihre Eltern Margareth, geborene Salomon, und Erich Otto Löwenthal lebten zunächst in der Hochallee und später in Blankenese. Der Vater war Innenarchitekt und führte ein Möbelgeschäft. 1915 bezog die Familie ein Haus im damaligen Pappelstieg, heute Espenreihe.

Ilse besuchte die höhere Mädchenschule in Blankenese. Ihre Lehrerin Hanna Räthling wurde für sie zu einer wichtigen Bezugsperson und unterstützte sie auch während längerer Erkrankungen. Schon als Schülerin interessierte sich Ilse für die Arbeit mit Kindern. Nach dem Schulabschluss absolvierte sie eine Ausbildung zur Kindergärtnerin am Fröbelseminar. Ab 1926 arbeitete sie im Kindertagesheim Fruchtallee 98, wo sie ab 1927 fest angestellt war.

In ihrer Kindheit erfuhr Ilse durch ihren Großvater von der jüdischen Herkunft der Familie. Ihr Großvater Moritz Löwenthal lebte religiös und hatte ihr erklärt, dass die Familie jüdisch sei. Ihre Eltern waren dagegen freireligiös und standen dem jüdischen Glauben distanziert gegenüber. Ilse Löwenthal erhielt deshalb keinen jüdischen Religionsunterricht. Erst später, unter den Bedingungen der nationalsozialistischen Verfolgung, gewann ihre jüdische Herkunft eine existenzielle Bedeutung.

Gegen Ende ihrer Schulzeit lernte Ilse Löwenthal in einem Tanzkurs den Prokuristen und Importkaufmann Ernst Heinrich Kleinwort kennen. Er war nichtjüdisch. 1929 verlobten sie sich. Am 14. Juni 1932 heirateten sie in der Kapelle des Sülldorfer Friedhofs. Ilse Kleinwort hatte sich zuvor taufen lassen. Kinder aus ihrem ehemaligen Tagesheim begleiteten die Trauung mit Blumen und Liedern.

Nach der Hochzeit zog das Ehepaar in eine Dreizimmerwohnung am Schaudinnsweg 11/Barmbek. Am 2. Juli 1933 wurde ihr Sohn Klaus Kleinwort geboren. Zwei Jahre später, am 5. April 1935, kam ihre Tochter Margret Kleinwort zur Welt.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 veränderte sich das Leben der Familie grundlegend. Ilse und ihre Angehörigen waren als Juden zunehmend Ausgrenzung und Verfolgung ausgesetzt. Der Möbelhandel ihres Vaters geriet unter wirtschaftlichen Druck. Die Eltern mussten ihr Haus im Pappelstieg 5 (heute Espenreihe) in Blankenese verkaufen und versuchten, mit verschiedenen Tätigkeiten ihren Lebensunterhalt zu sichern. Ilses Bruder Robert Löwenthal verließ Deutschland 1936 und emigrierte nach Kolumbien. Von dort aus drängte er die Eltern nachzukommen. Am 7. November 1936 flüchteten Margareth und Erich Otto Löwenthal ebenfalls nach Kolumbien.

Im September 1936 hatten Ilse und Ernst Kleinwort ein eigenes Haus im Kallmorgenweg 6 in Groß Flottbek bezogen. Wegen ihrer gesundheitlichen Beschwerden beschäftigte Ilse Kleinwort eine junge Frau, die über mehrere Jahre bei der Familie Kleinwort blieb. Die Familie lebte nun sehr zurückgezogen. Die nationalsozialistische Judenverfolgung bestimmte zunehmend den Alltag. Ilse Kleinwort hatte nur noch wenige Freunde. Eine besonders wichtige Verbindung aber blieb die zur Lehrerin Hanna Räthling, die sie weiterhin regelmäßig besuchte, obwohl sie sich dadurch als Beamtin selbst gefährdete. (Hanna Räthling verweigerte zudem den Eintritt in die NSDAP.)

Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs verschärfte sich die Situation. Als Jüdin erhielt Ilse Kleinwort bei der Lebensmittelversorgung nur eingeschränkte Zuteilungen und keine Kleiderkarte. Noch schwerer wog die gesellschaftliche Ausgrenzung. Menschen verweigerten ihr auf der Straße den Gruß, und Kinos wie Theater durfte sie nicht besuchen.

Das am 15. September 1935 erlassene "Blutschutzgesetz" verbot Ehen zwischen Juden und sogenannten Deutschblütigen und regelte auch den rechtlichen Status bereits bestehender Ehen. Die Ehe von Ilse und Ernst Kleinwort galt als "privilegierte Mischehe", da sie als Frau der jüdische Ehepartner war und da minderjährige, nicht jüdisch erzogene Kinder vorhanden waren. Das bewahrte Ilse Kleinwort vor einigen Repressalien, doch anderen antijüdischen Vorschriften unterlag sie.

Ilse Kleinwort musste im Januar 1939 bei der Ortspolizei in der Beseler Straße/Othmarschen zum Erwerb einer Kennkarte erscheinen. Ihrem Namen wurde der jüdische Zwangsvorname "Sara" hinzugefügt, und so sollte sie auch unterschreiben. Das verweigerte sie zunächst, doch nach Drängen der Beamten unterschrieb sie schließlich mit "Sara".

Am 11. Dezember 1941 wurde die Tochter Antje Katrin Kleinwort geboren.
Gleichzeitig brach der Kontakt zu Ilses Eltern in Südamerika ab. Ihr Vater war bereits 1938 an Leberkrebs gestorben. Ilse erfuhr erst später, dass ihre Briefe die Mutter nicht mehr erreicht hatten.

Währenddessen wurden jüdische Angehörige aus Deutschland deportiert. Ilse Kleinworts Onkel Willy Wiesenthal, der zunächst noch telefonischen Kontakt zu Ilse und ihrer Familie gehalten hatte, musste 1940 sein Telefon abmelden und durfte keine öffentliche Telefonzelle mehr benutzen. Er schrieb dann regelmäßig Briefe, aber von einem Tag auf den anderen blieben auch seine Briefe aus. So erfuhr Ilse Kleinwort zunächst nicht, dass er am 15. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert worden war und dort ums Leben kam. (Der Stolperstein liegt in der Gustav-Falke-Straße 5/Eimsbüttel.) Auch eine Schwester ihres Großvaters Otto Löwenthal wurde deportiert. Ilse Kleinwort selbst war wegen der "privilegierten Mischehe" noch von der Deportation verschont.

1943 erkrankte sie schwer. Nach den schweren Bombenangriffen auf Hamburg im Juli 1943, die unter dem Namen Operation Gomorrha bekannt wurden, musste die Familie zunächst nach St. Peter-Ording ausweichen. Wegen anhaltender Gallenkoliken wurde Ilse notoperiert. Nach der Operation erlitt sie Thrombosen in beiden Beinen und musste fast drei Monate im Krankenhaus bleiben. Während dieser Zeit waren ihre drei Kinder in einem Kinderheim untergebracht. Nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus kehrte Ilse mit ihren Kindern schließlich nach Hamburg zurück.

Auch ihre Kinder, die nach nationalsozialistischer Terminologie als "Mischlinge ersten Grades" galten, waren zunehmend von der nationalsozialistischen Ausgrenzung betroffen. Ab 1942 durften "Mischlinge ersten Grades" keine höheren Schulen mehr besuchen. So wurde Klaus nach der Grundschule nicht zur Prüfung für die Oberschule zugelassen und musste die Volksschule besuchen. Eine Freundin der Familie, Grete Fredeland, erteilte ihm heimlich Lateinunterricht, obwohl dies für sie gefährlich war.

1944 wurde Ernst Kleinwort zum Kriegsdienst eingezogen, jedoch nach sechs Wochen als "wehrunwürdig" entlassen. Es war bekannt geworden, dass er mit einer Jüdin verheiratet war. Er musste nun wie alle "jüdisch Versippten" und "Mischlinge ersten Grades" Zwangsarbeit leisten. Konkret hieß das, in Hamburg Trümmer zu räumen, aus zerstörten Kellern Gegenstände zu bergen oder Holz zu hacken.

Die Familie war auch unmittelbar den Bombenangriffen ausgesetzt. Bei einem Angriff wurde das Wohnhaus im Kallmorgenweg 6 schwer beschädigt. Das Dach wurde abgedeckt und die Fenster zerstört. Die Familie verbrachte anschließend sechs Wochen im Keller, bis das Dach notdürftig repariert werden konnte. Nach ihren Erinnerungen waren sie nur knapp dem Tod entgangen.

Zwar zeichnete sich die deutsche Kriegsniederlage bereits seit längerem ab und die Infrastruktur in Deutschland war weitgehend zerstört, doch unternahm das NS-Regime Anfang 1945 letzte Anstrengungen, die wenigen im Deutschen Reich verbliebenen Jüdinnen und Juden doch noch zu deportieren.

Am 7. Februar 1945 erhielt Ilse Kleinwort den Deportationsbefehl. Sie sollte sich zu einem angeblichen "Arbeitseinsatz" am 14. Februar um 14 Uhr an der Talmud-Tora-Schule, Grindelhof 30, einfinden. Tochter Antje erinnert sich später: "Ich war drei Jahre alt. Meine Mutter stand in der Küche mit einem Zettel in der Hand und weinte."

Ilse Kleinwort bereitete sich auf die Deportation vor. Sie hatte eine Wolldecke mit ihrem Namen bestickt. Sie dachte, sie käme in ein Arbeitslager. Aber ihr Mann ahnte, dass ihr Gefahr drohte und suchte nach einen Weg, die Deportation abzuwenden. Von einem Rechtsanwalt erfuhr er, Ilse Kleinwort müsste glaubwürdig nachweisen, dass sie während des Transportes sterben würde. Der Hausarzt Grotwahl war es dann, der Ilse Kleinwort am 12. Februar 1945 in einem Gutachten bescheinigte, dass sie wegen einer Bauchoperation mit Thrombose und Nierensteinkolik "auf keinen Fall längere Reisen überstehen würde und auch keine Arbeiten außerhalb des Hauses verrichten kann". So konnte die Deportation von Ilse Kleinwort "in allerletzter Minute" noch verhindert werden.

Ihre Rettung auf diesem Weg war kein Einzelfall: Die Hamburger Gestapo hatte für diesen Transport nach Theresienstadt Deportationsbefehle für 161 jüdische Männer und 115 jüdische Frauen ausgestellt. Einige tauchten unter, andere begingen Selbstmord. Aber 17 Männer und 24 Frauen legten wie Ilse Kleinwort ärztliche Atteste vor, dass sie nicht transportfähig seien. Fast alle Atteste waren von nichtjüdischen Ärzten ausgestellt.

Die letzten Kriegswochen verbrachte die Familie unter ständiger Bedrohung durch Bombenangriffe. Ilse musste mit ihren drei Kindern immer wieder in den Bunker fliehen. Am 3. Mai marschierten britische Soldaten in Hamburg ein. Die Familie Kleinwort hatte die nationalsozialistische Verfolgung und den Krieg überlebt.

Am 4. April 1962 starb Ilses Kleinworts Tochter Margret bei der Geburt ihrer Tochter Bettina. Das Ehepaar Kleinwort nahm ihre Enkelin Bettina bei sich auf. Durch die Familie des Schwiegersohns entstanden enge Verbindungen in die Schweiz. Ab 1965 verbrachte Ilse regelmäßig Zeit in Turbach, das sie später auch als ihre zweite Heimat bezeichnete.

Ernst Kleinwort starb am 24. Juli 1971 nach längerer Krankheit. Ilse Kleinwort blieb bis ins hohe Alter eng mit ihren Kindern, Enkeln und Urenkeln verbunden. Sie starb am 6. Februar 2001 im Kallmorgenweg 6.

© Bärbel Klein

Quellen: StaH, 213-2 Zivil- und Familiensachen 1330 (Löwenthal); 213-13 Landgericht Hamburg 14197 und 20369 (Löwenthal); 314-15 Oberfinanzdirektion Pfl 903; 351-11 AfW 31146 (Kleinwort); 332-5 Geburtsregister 14860 Nr. 411/1907 (Ilse Löwenthal), Heiratsregister 13870 Nr. 54/1932 Löwenthal/Kleinwort, Sterberegister 5536 Nr. 1287/1971 Ernst Kleinwort; 741-4 Fotoarchiv 2580 und 2494 (Kallmorgenweg 6; Unterlagen (Briefe, Urkunden, Arztberichte usw.) von der Familie Kleinwort; Autobiografie "Bilder aus dem Leben von Ilse Kleinwort" November 1991; Beate Meyer, "Jüdische Mischlinge". Rassenpolitik und Verfolgungserfahrung 1933-1945, Hamburg 1999: https://www.igdj-hh.de/upload/Band%206%20Beate%20Meyer_J%C3%BCdischeMischlinge.pdf; https://zeitgeschichte-hamburg.de/publikation-detail/schliesslich-ist-es-meine-heimat.html (Zugriff 28.9.2026).

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