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Helene Biskupitzer * 1885
Großneumarkt 38 (vorm. Schlachterstraße) (Hamburg-Mitte, Neustadt)
HIER WOHNTE
HELENE BISKUPITZER
JG. 1885
DEPORTIERT 1941
GHETTO MINSK
ERMORDET
further stumbling stones in Großneumarkt 38 (vorm. Schlachterstraße):
Hanna Aghitstein, Julie Baruch, Ludwig Louis Baruch, Julius Blogg, Rebecca Blogg, Kurt Cossmann, Mathilde Cossmann, Frieda Dannenberg, Jenny Falck, Rosalie Falck, Leopold Falck, Alice Graff, Leopold Graff, Flora Halberstadt, Elsa Hamburger, Herbert Hamburger, Louis Hecker, Max Hecker, Marianne Minna Hecker, Lea Heymann, Alfred Heymann, Wilma Heymann, Paul Heymann, Alice Rosa Holländer, Gustav Holstein, Johanna Holstein, Ferdinand Justus, Ida Justus, Hannelore Justus, Jettchen Kahn, Adolf Kahn, Curt Koppel, Johanna Koppel, Bernhard Leiserowitz, Gertrud Leiserowitz, Hannchen Liepmann, Henriette Liepmann, Bernhard Liepmann, Heinz Lippmann, Johanna Löwe, Robert Löwenthal, Minna Meierstein, Marianne Melhausen, Martin Moses, Julius Pilatus, David Pollak, Adolf Julius Posner, Ida Prager, Anna Prager, Siegmund Rittlewski
Helene Biskupitzer, geb. 9.6.1885 in Hamburg, deportiert am 18.11.1941 nach Minsk
Großneumarkt 38 (Schlachterstraße 40/42)
Helene Biskupitzer wurde als drittes Kind des jüdischen Ehepaares Leopold/Loebel Biskupitzer (geb. 30.8.1844) und Henriette, geb. Worms (geb. 1.4.1849), in Hamburg geboren. Ihre Eltern hatten hier am 11. Juni 1879 geheiratet. Der Vater stammte aus Stollarzowitz (Stolarzowice/Polen) in Oberschlesien, ihre Mutter war Hamburgerin. Leopold Biskupitzer arbeitete als Fotograf, seit 1872 lebte er in Hamburg. Als Helene am 9. Juni 1885 geboren wurde, wohnte die Familie im Neuen Steinweg 92. 1898 zog sie in die Karolinenstraße 20 nach St. Pauli. 1908 lebten sie wieder in der Neustadt, im Marcus-Nordheim-Stift, Schlachterstraße 40/42 Haus 4. Helene hatte zwei ältere Brüder, Hugo Kosmann, geboren am 26. April 1880 und Carl, geboren am 4. Juni 1882. Nach ihr kam Martha, die jüngere Schwester, am 22. April 1890 zur Welt.
Der ältere Bruder Hugo Biskupitzer erhielt eine Ausbildung zum Mechaniker und Optiker. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg machte er sich mit einem "Optischen Institut", wie die Optikgeschäfte damals hießen, in der Grindelallee 134 selbstständig. Als er als Soldat eingezogen wurde, führte Helene das Geschäft ihres Bruders weiter. Wahrscheinlich war sie in einem kaufmännischen Beruf ausgebildet, vorstellbar ist auch, dass sie schon zuvor im Geschäft mitarbeitete. Schwester Martha arbeitete später als Kontoristin. Sie hatte zwei Jahre ein Lehrerinnenseminar besucht und den Berufswunsch, Lehrerin zu werden, vermutlich mit der Geburt ihrer Tochter Magdalena Luise am 8. Oktober 1909 in Hannover aufgegeben. Am 2. Januar 1914 heiratete sie den Vater ihres Kindes, den Hamburger Kaufmann Norbert Aron (geb. 2.6.1889). Das Ehepaar Aron bekam drei weitere Kinder: Ina (geb. 18.8.1915), Hella Ingrid (geb. 26.3.1920) und Eva (geb. 25.9.1925) und wohnte in der Gosslerstraße 65 (heute Eppendorfer Weg). Nach dem Ersten Weltkrieg betrieben sie ein Tabakwarengeschäft in der Blücherstraße 24.
Helene Biskupitzer führte das Geschäft ihres Bruders erfolgreich durch die Kriegsjahre. Jedoch kehrte der Soldat Hugo Biskupitzer nicht wieder nach Hause zurück, bereits am 9. November 1915 wurde er in Büdka in Rußland getötet. Fünf Jahre nach Kriegsende, am 20. Juni 1923, meldete Helene das Geschäft auf ihren Namen um. Seit 1921 zahlte sie Kultussteuern an die Jüdische Gemeinde. In der schwierigen Zeit der Weltwirtschaftskrise gab Helene das Geschäft auf und verkaufte es um 1928 an den Optiker Erich Wagner. Danach war sie bis Ende 1935 als Kontoristin in der Firma C. Gumpert GmbH tätig, ein "Bäckerei- und Konditorei-Spezialgeschäft" in der Spaldingstraße 160. Als sie dort mit 51 Jahren wegen ihrer jüdischen Herkunft entlassen wurde, konnte sie keine Anstellung mehr finden. Als Unterstützungsempfängerin arbeitete sie zeitweilig in der Landwirtschaft in Eschenburg bei Geesthacht.
Helene hatte die Wohnung ihrer verstorbenen Eltern behalten. Ihr Vater war schon am 6. Juni 1911, ihre Mutter am 23. Februar 1926 verstorben. 1939/1940 erfolgten Umbauarbeiten im Marcus-Nordheim-Stift. Die Gemeinde benötigte dringend Räumlichkeiten für die Nutzung eines Altenheimes und Helene musste die Wohnung nun aufgeben. Nach den Umbauarbeiten erhielt sie im Altenheim eine Beschäftigung als Hausangestellte und auch eine Unterkunft gestellt. Sie lebte jedoch in sehr beengten Verhältnissen und schlief in einem Sessel. Für ein Bett war in dem kleinen Zimmer kein Platz. Einer der Heimbewohner, Josef Lambertz (s. www.stolpersteine-hamburg.de), bat in einem Brief an die ehemalige Jüdische Gemeinde, man möge ihr doch eine eben frei gewordene kleine Wohnung im benachbarten Lazarus-Gumpel-Stift zuweisen, die sie dann auch erhielt.
Auch ihre Schwester Martha Aron verlor ihre Anstellung, die Firma "John Hess Spielwaren Musterlager" in der Mönckebergstraße 7 im Levantehaus wurde "arisiert". Ihre Ehe zerbrach und am 17. April 1936 ließen sich Martha und Norbert Aron scheiden. Martha Aron fand eine neue Erwerbstätigkeit in einer jüdischen Buchhandlung in der Hallerstraße 76. Als die Besitzerin Eva von der Dunk einen Kindertransport nach England begleitete und nicht nach Deutschland zurückkehrte, übernahm Martha im August 1938 die "Verkaufsstelle für jüdische Bücher". Ihr Angestellter Hans Borchardt (geb. 19.2.1908) wurde kurz darauf ihr zweiter Ehemann. Nach einer erzwungenen Geschäftsaufgabe Ende 1938 wurde der Bücherbestand vom Jüdischen Kulturbund in der Hartungstraße übernommen. Einen dort eingerichteten Verkaufsstand leitete Martha Borchardt noch bis kurz vor ihrer Deportation. Auf Martha Borchardts Kultussteuerkarte der Jüdischen Gemeinde wurde vermerkt, dass das Ehepaar versuchte, nach Shanghai zu emigrieren. Eine dazu benötigte Unbedenklichkeitsbescheinigung wurde ihm im September 1941 ausgestellt. Warum ihr Vorhaben scheiterte, ist nicht bekannt. Zu diesem Zeitpunkt hatten Marthas Töchter Deutschland bereits verlassen.
Am 18. November 1941 wurden die beiden Schwestern Helene Biskupitzer und Martha Borchardt gemeinsam mit Hans Borchardt ins Getto Minsk deportiert. An das Ehepaar Borchardt erinnern Stolpersteine im Grindelviertel im Durchschnitt 1 (s. www.stolpersteine-hamburg.de).
Der zweite Bruder Carl Biskupitzer, seit vielen Jahren Schauermann (Hafenarbeiter, deren Aufgabe das Be- und Entladen von Frachtschiffen war) im Hamburger Hafen, hatte im September 1939 die Witwe Else Sonnenfeld, geb. Henoch (geb. 6.6.1890 in Pleszew/Pleschen in Posen), geheiratet. Das Ehepaar lebte am ehemaligen Wilhelmsplatz 17 (heute Hans-Albers-Platz) im Stadtteil St. Pauli. Carl und Else Biskupitzer wurden bereits am 8. November 1941 gemeinsam mit Marthas geschiedenem Ehemann Norbert Aron und dessen zweiter Ehefrau Edith, geb. Scheinwechsler (geb. 13.12.1906 in Berlin), nach Minsk deportiert. Für Carl und Else Biskupitzer wurden Stolpersteine am Hans-Albers-Platz 17 verlegt.
© Susanne Rosendahl
Quellen: 1; 5; 9; StaH 351-11 AfW 7868 (Biskupitzer, Helene); StaH 351-11 AfW 5539 (Biskupitzer, Carl); StaH 351-11 AfW 11090 (Aron, Norbert); StaH 351-11 AfW 12661 (Borchardt, Martha); StaH 351-11 AfW 43924 (Brisch, Hella Ingrid); StaH 351-11 AfW 47661 (Bryant, Eva); StaH 131-11_1174 (van der Dunk, Eva); StaH 351-14 Arbeits- und Sozialfürsorge 980 (Biskupitzer, Helene); StaH 332-7 B III 43873; StaH 332-5 Standesämter 2601 u 649/1879; StaH 332-5 Standesämter 1978 u 2303/1880; StaH 332-5 Standesämter 2029 u 2675/1882; StaH 332-5 Standesämter 2103 u 2751/1885; StaH 332-5 Standesämter 2226 u 2718/1890; StaH 332-5 Standesämter 655 u 349/1911; StaH 332-5 Standesämter 9554 u 1/1914; StaH 332-5 Standesämter 767 u 340/1915; StaH 332-5 Standesämter 913 u 88/1926; StaH 522-1 Jüdische Gemeinde Nr. 992 e 2 Band 2; StaH 522-1 Jüdische Gemeinde Nr. 992 e 2 Band 3; https://de.wikipedia.org/wiki/Schauerleute (Zugriff am 27.4.2017).
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

