Search for Names, Places and Biographies
Already layed Stumbling Stones
Suche
Bernhard Leiserowitz * 1876
Großneumarkt 38 (vorm. Schlachterstraße) (Hamburg-Mitte, Neustadt)
HIER WOHNTE
BERNHARD LEISEROWITZ
JG. 1876
DEPORTIERT 1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 19.1.1943
further stumbling stones in Großneumarkt 38 (vorm. Schlachterstraße):
Hanna Aghitstein, Julie Baruch, Ludwig Louis Baruch, Helene Biskupitzer, Julius Blogg, Rebecca Blogg, Kurt Cossmann, Mathilde Cossmann, Frieda Dannenberg, Jenny Falck, Rosalie Falck, Leopold Falck, Alice Graff, Leopold Graff, Flora Halberstadt, Elsa Hamburger, Herbert Hamburger, Louis Hecker, Max Hecker, Marianne Minna Hecker, Lea Heymann, Alfred Heymann, Wilma Heymann, Paul Heymann, Alice Rosa Holländer, Gustav Holstein, Johanna Holstein, Ferdinand Justus, Ida Justus, Hannelore Justus, Jettchen Kahn, Adolf Kahn, Curt Koppel, Johanna Koppel, Gertrud Leiserowitz, Hannchen Liepmann, Henriette Liepmann, Bernhard Liepmann, Heinz Lippmann, Johanna Löwe, Robert Löwenthal, Minna Meierstein, Marianne Melhausen, Martin Moses, Julius Pilatus, David Pollak, Adolf Julius Posner, Ida Prager, Anna Prager, Siegmund Rittlewski
Bernhard Leiserowitz, geb. 13.3.1876 in Wronke/Posen, deportiert am 19.7.1942 nach Theresienstadt, dort verstorben am 19.1.1943
Gertrud Leiserowitz, geb. Anspacher, geb. 4.4.1892 in Achim, deportiert am 19.7.1942 nach Theresienstadt, weiterdeportiert am 29.1.1943 nach Auschwitz
Großneumarkt 38 (Schlachterstraße 46/47)
Die kinderlosen Eheleute Gertrud und Bernhard Leiserowitz hatten beide das Schneiderhandwerk erlernt. Sie betrieben eine kleine Werkstatt in der Seilerstraße 23 im Stadtteil St. Pauli. Bernhard war Schneidermeister und somit seinem Vater beruflich gefolgt. Er war am 13. März 1876 in der Ortschaft Wronke in Posen (heute Wronki nad Warta/Polen) als Sohn von Moritz Leiserowitz und Amalie, geb. Abraham (geb. 20.5.1846), geboren worden. Seine beiden jüngeren Schwestern Selma (geb. 6.6.1877) und Hedwig (geb. 29.12.1881) waren in der Heimat der Mutter in Obersitzko (Obrzycko/Polen) zur Welt gekommen. Dort hatten sie die Hamburger Brüder Josephi geheiratet. Hedwig war am 22. Juli 1907 die Ehe mit Moritz Josephi (geb. 22.4.1876), Selma mit Julius Josephi (geb. 31.3.1878) eingegangen. Die Schwestern waren ihren Ehemännern in die Hansestadt gefolgt.
Als Teilnehmer am Ersten Weltkrieg erlitt Bernhard Leiserowitz eine schwere Kampfgasvergiftung. Nach dem Krieg fiel seine Heimat an Polen, er verließ sie 1922 und siedelte zu seiner Familie nach Hamburg über. Im Oktober 1922 beantragte er in Hamburg einen Gewerbeschein, im folgenden Jahr ließ er sich bei der Jüdischen Gemeinde registrieren. Bernhard Leiserowitz eröffnete dann im Grindelhof 27 eine Schneiderei und heiratete 1924 in Bremen die Schneiderin Gertrud Anspacher.
Gertrud war eines von neun Kindern des Viehhändlers Herz Marcus Anspacher (geb. 17.8.1864) und Jenny, geb. Löwenthal (geb. 30.6.1865), sie war am 4. April 1892 in Achim zur Welt gekommen.
Dort hatte sich ihr Urgroßvater Nathan Levi um 1800 niedergelassen. Da er aus Anspach kam, nahm er später den Familiennamen Anspacher an. Gertruds Mutter Jenny Anspacher stammte aus einer Kaufmannsfamilie in Wolmarshausen (s. Selma Bleiweiss www.stolpersteine-hamburg.de).
Gertrud und Bernhard Leiserowitz bezogen nach der Eheschließung eine Zweizimmerwohnung im jüdischen Lazarus-Gumpel-Stift in der Schlachterstraße 46/47 Haus 2, die sie gemeinsam mit Bernhards verwitweter Mutter Amalie Leiserowitz bis zu deren Tod am 27. Dezember 1929 bewohnten.
Im Jahre 1932 geriet das Ehepaar Leiserowitz nach der Geschäftsverlegung aus dem Grindelhof in die Seilerstraße in wirtschaftliche Schwierigkeiten und musste sich an das Wohlfahrtsamt wenden. Sie konnten den Lebensunterhalt mit ihrem Gewerbe nicht mehr bestreiten, da sie fast nur noch "Ausbesserungsarbeiten" ausführten.
Gertrud, die bisher im Geschäft mitgearbeitet hatte, verrichtete jetzt an drei Tagen pro Woche Näharbeiten in der Nähstube der Jüdischen Gemeinde in der Rothenbaumchaussee 38. Bernhard versuchte unterdessen, die Werkstatt zu halten, da die Statuten des Lazarus-Gumpel-Stiftes einen Erwerb in der Wohnung nicht duldeten.
Im April 1937 vermerkte eine Mitarbeiterin der Fürsorgebehörde nach einem Hausbesuch: "Die Tür des L. ist ständig verschlossen, auch abends konnte er nicht angetroffen werden, ebenso war heute am Sonnabend, wo L. doch Festtag hat, niemand zu Hause. Eine Nachbarin gab an, dass L. auch sonnabends nach seiner Werkstatt in der Seilerstraße ginge. Die Ehefrau liegt noch im Krankenhaus."
Gertrud Leiserowitz war erkrankt, sie litt unter einer Neuralgie im Kieferbereich und musste sich mehrmals schweren Kopfoperationen unterziehen. Seitdem war sie sprachbehindert, hatte Krampfanfälle und verlor auch noch die Sehkraft eines Auges.
Eine Zeitlang schneiderte sie gelegentlich als Aushilfe im Damenmodegeschäft von Käthe Lissauer in der Steinwegpassage 3, bis das Geschäft als jüdisches Unternehmen geschlossen wurde (s. Mary Mengers www.stolpersteine-hamburg.de). Bernhard Leiserowitz wurde am 31. Dezember 1938 gezwungen, seine Werkstatt aufzugeben, der Betrieb wurde aus der Handwerksrolle gelöscht. Das Inventar wurde als wertlos eingestuft, die alte Nähmaschine konnte er mit nach Hause nehmen. Die Eheleute lebten nun von Gertruds kleiner Invalidenrente, zudem wurden sie geringfügig aus öffentlichen Mitteln unterstützt. Bernhard hatte keinen Rentenanspruch.
Einen ersten Deportationsbefehl erhielten die Eheleute für den 11. Juli 1942. Sie sollten nach Auschwitz deportiert werden. Warum ihre Namen wieder von der Liste gestrichen wurden, ist unbekannt. Mit einem Transport am 19. Juli 1942 kamen sie dann ins Getto nach Theresienstadt.
Nur wenige Tage nach ihrer Ankunft traf im Getto ein weiterer Transport aus Bremen über Hannover ein, in dem sich Gertruds verwitweter Vater Herz Marcus Anspacher und ihr jüngerer Bruder Richard (geb. 7.4.1901) befanden, (die Mutter Jenny war bereits am 8. September 1937 in Bremen verstorben). Herz Marcus Anspacher starb im Alter von 78 Jahren am 16. Januar 1943 im Getto an Altersschwäche, sein Schwiegersohn Bernhard Leiserowitz am 19. Januar 1943 an Enteritis/Darmkatarrh (Darmentzündung).
Kurz darauf wurde Gertrud am 29. Januar 1943 weiter ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Richard musste seiner Schwester am 15. Mai 1944 folgen. Beide wurden dort ermordet.
Ein weiterer Bruder, Moritz Anspacher (geb. 23.5.1889), lebte in Berlin-Weißensee, die jüngere Schwester Dora (geb. 24.12.1905) in Bremen. Beide starben in der Tötungsanstalt Bernburg/Saale. Moritz wurde mit der Haftnummer 8480 aus dem KZ Buchenwald dorthin verbracht und starb am 13. März 1942, Dora gehörte zu den Opfern des KZ Ravensbrück, die in Bernburg am 6. Juni 1942 durch Gas ermordet wurden.
Von Bernhard Leiserowitz’ in Hamburg lebenden Schwestern wurden Selma Josephi und ihr Ehemann Julius mit ihren Töchtern Frieda (geb. 19.2.1910) und Margot (geb. 27.8.1916) am 8. November 1941 aus der Bornstraße 22 nach Minsk deportiert.
Die Schwester Hedwig, die mit Moritz Josephi verheiratet war, hatte mit ihm den Sohn Siegmund (geb. 22.6.1908). Hedwig verstarb am 26. April 1943 in Hamburg. Kurz darauf, am 9. Juni, wurden Vater und Sohn nach Theresienstadt deportiert. Moritz Josephi wurde am 9. Mai 1945 von der Roten Armee befreit. Er starb am 1. November 1946 in Hamburg. Sein Sohn Siegmund kam am 21. Dezember 1944 in Kaufering, einem Außenlager des KZ Dachau ums Leben. Für ihn liegt ein Stolperstein am Großneumarkt 56 (s. Siegmund Josephi www.stolpersteine-hamburg.de).
© Susanne Rosendahl
Quellen: 1; 3; 5; 9; StaH 351-14 Arbeits- und Sozialfürsorge 14040 (Leiserowitz, Bernhard); StaH 351-11 AfW 14040 (Leiserowitz, Gertrud); 351-11 AfW 19728 (Paschen, Ida); StaH 351-11 AfW 19729 (Bergmann, Heinrich) StaH 351-11 AfW 26140 (Lipetz, Hertha) StaH 351-11 AfW 34601 (Anspacher, Alma); StaH 522-1 Jüdische Gemeinde Nr. 992 e 2 Band 4; StaH 332-5 Standesämter 953 u 704/1829; StaH 332-5 Standesämter 8202 u 978/1946; https://liesel-anspacher-schule.de/web/?p=98 (Zugriff 9.11.2016); http://www.online-ofb.de/famreport.php?ofb=juden_nw&ID=I118864&nachname=ANSPACHER&modus=&lang=de (Zugriff 9.11.2016); http://totenbuch.buchenwald.de/names/details/person/8532/ref/recherche (Zugriff 9.11.2016).
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Recherche und Quellen.

