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Ille Wendt (née Ruppe) * 1908
Novalisweg 24a (Hamburg-Nord, Winterhude)
HIER WOHNTE
ILLE WENDT
GEB. BERTHA RUPPE
JG. 1908
IM WIDERSTAND / KPD
SEIT 1933
MEHRMALS VERHAFTET
GEFÄNGNIS HÜTTEN
GESTAPO STADTHAUS
ENTLASSEN 1939
further stumbling stones in Novalisweg 24a:
Charlotte Kranzler, Walter Wendt
Ille Wendt, geb.13.7.1908, Widerstand in der KPD, mehrmals verhaftet, verhört und drangsaliert, überlebt
Novalisweg 24a
Ille Wendt wurde am 13.7.1908 als Bertha Maria Ruppe, genannt Betty, in Köln geboren. Ihre Mutter Bertha Luise Ruppe, geb. Commer (geboren am 13.10.1882, vermisst seit Dezember 1926, später für tot erklärt) kam aus einer ehemals jüdischen Familie, die Ende des 19. Jahrhunderts zum Christentum konvertiert war. Am Tag von Ille Wendts Geburt heiratete sie deren Vater, den Bierkutscher Otto Ruppe (7.1.1866 – 17.3.1928), und brachte eine uneheliche Tochter Elisabeth mit in die Ehe. Ille Wendts Eltern arbeiteten anschließend gemeinsam im eigenen Milchgeschäft. Sie waren streng deutsch-national und kaisertreu eingestellt, und, wie Ille Wendt später selbst sagte, auf eine bigotte Weise fromm.
Ille Wendt erlebte als Kind den 1. Weltkrieg mit den erst jubelnden und später zerlumpten und abgehärmten Soldaten am Bahnhof und den Bomben über Köln. Eine Mitschülerin starb bei den Bombardierungen. Ein Onkel desertierte und wurde von Ille Wendts Eltern den Gerichten ausgeliefert. Solche Erfahrungen machten Ille Wendt früh zur Kriegsgegnerin und brachten sie in Opposition zu ihrem Elternhaus.
Ille Wendt besuchte von 1915 bis 1923 eine Mädchenklasse der örtlichen Volkschule. Obwohl sie gern weitergelernt hätte und Bibliothekarin geworden wäre, schickten die Eltern sie anschließend auf eine Hauswirtschaftsschule, wo sie den Beruf der Schneiderin lernte.
Von 1923 an schloss Ille Wendt sich Jugendgruppen an, die Anfang des 20. Jahrhunderts im Kontext der Wandervogelbewegung im ganzen Land präsent waren. Über eine christliche Mädchengruppe kam sie in Kontakt mit politischen Jugendgruppen und fand über die Gewerkschaftsjugend der Gewerkschaft der Angestellten (GdA) und die selbstorganisierte Jugendgruppe Wanderbund Florian Geyer Ende 1925 den Weg in den Kommunistischen Jugendverband Deutschlands (KJVD). In diesen Kölner Jugendgruppen wirkte sie bereits gemeinsam mit Katharina Jacob (6.3.1907 – 23.8.1989, geborene Emmerich, geschiedene Hochmuth) und Walter Hochmuth (14.2.1904 – 28.12.1979), die beide später auch im Hamburger Widerstand gegen den Nationalsozialismus aktiv waren. Als Ille Wendts Eltern sie wegen ihrer politischen Haltung in ein Kloster geben wollten, floh sie Anfang 1926 17-jährig nach Hamburg, wo sie bis zu ihrer Volljährigkeit 1929 unter dem Namen Ilse Schäfer untertauchte. Aus Ilse wurde Ille.
In Hamburg engagierte sie sich weiter im KJVD und trat 1930 in die KPD ein. Ihr Bürge war der Schriftsteller Willi Bredel.
Ein wichtiger Teil ihrer politischen Aktivitäten lag auf der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Bereits in Köln hatte sie Kommunistische Kindergruppen (später Jungspartakusbund/JSB und Rote Jungpioniere/JP) geleitet und setzte dies in Hamburg fort, so in Hammerbrook und St. Pauli. Sie traf sich mit den Kindern z.B. auf dem Heiligengeistfeld, wo sie gemeinsam Geschichten lasen, Theater spielten, diskutierten oder auch Ausflüge unternahmen. Ille Wendt betreute auch Kinderfreizeiten auf dem Barkenhoff des Worpsweder Künstlers Heinrich Vogeler, wo Arbeiterkinder, finanziert durch die Rote Hilfe, nach den modernen pädagogischen Konzepten von Célestin Freinet Bildung und Erholung finden konnten. (Die Rote Hilfe war/ist eine seit den 1920er Jahren bestehende Unterstützungsorganisation für politische Gefangene und deren Familien.)
Ihren späteren Mann Walter Wendt (siehe www.stolpersteine-hamburg.de) lernte sie 1927 über diese Kindergruppenarbeit kennen. Sie zogen bald in wechselnde gemeinsame Unterkünfte und heirateten mit Ille Wendts Volljährigkeit am 25. Oktober 1929. (Ihr Trauzeuge, der Tischler Wilhelm Reichardt (12.6.1905 – 27.8.1934), suizidierte sich 1934 nach brutalen Folterungen in Gestapohaft im UG Holstenglacis.)
Ille und Walter Wendt bekamen fünf Kinder, von denen der Sohn Olaf 1945 verstarb: die Söhne Werner (1931-2002), Uwe (1937), Olaf (1943-1945) und die Töchter Elke (1939) und Antje (1945-2011). 1931 zogen sie in die Schmachthägerstraße 9 in Hamburg-Steilshoop. Mit zunehmendem Erstarken der Nationalsozialisten wurde die dort als Kommunistin bekannte Ille Wendt massiv von deren Schlägertrupps bedroht und verprügelt, so dass die Familie im Januar 1933 in den Novalisweg 24a in die Jarrestadt nach Hamburg-Winterhude umzog.
Von 1933 bis 1945 war Ille aktiv im kommunistischen Widerstand tätig, gemeinsam mit z.B. Lucie Suhling, Katharina Jacob und Nina Hoefer. Sie hielt Kontakte und Netzwerke aufrecht, beherbergte und versteckte gefährdete oder untergetauchte Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfer und verhalf ihnen zur Flucht, war als Kassiererin für die Rote Hilfe tätig, hörte Feindsender ab, organisierte alles rund um Flugblätter und andere Schriften mit, betätigte sich als Kurierin und vieles mehr. Sie erlebte Verfolgung, Hausdurchsuchungen, Bespitzelung, Verhöre und mehrere kurze Verhaftungen, so wurde sie z.B. 1934 bei einem Besuch Adolf Hitlers in Hamburg mehrere Tage in sogenannte Vorbeugehaft ins Gefängnis Hütten gesperrt.
Die Erdgeschosswohnung im Novalisweg 24a im Wohnkomplex Otto-Stolten-Hof der Schiffzimmerer Genossenschaft bot sich aufgrund ihrer Lage direkt am Haupttor zum Innenhof für konspirative Handlungen an, da dort ohnehin ein großer Anwohner- und Besuchsverkehr war und illegale Tätigkeiten deshalb weniger auffielen. Später setzte die Gestapo Spitzel auf Ille und Walter Wendt an.
Die Familie Wendt beherbergte von November 1934 bis Juni 1935 unter anderem die ehemalige KPD-Funktionärin Martha Naujoks (2.12.1903 – 26.1.1998), die Ille Wendt nach einem eigenen Gestapoverhör vor einer Verhaftung warnen und anschließend ihre Flucht über Prag in die damalige Sowjetunion mit organisieren konnte. Außerdem nahm sie die Jüdin und als KPO-Mitglied (Kommunistische Partei Opposition) zu zwei Jahren Haft im Frauengefängnis Lübeck-Lauerhof verurteilte Charlotte Ehmann (1.8.1912 – 27.4.1982) nach deren Haftentlassung im Mai 1936 als Untermieterin bei sich auf - obwohl Walter Wendt zu der Zeit inhaftiert war und sich beide dadurch in zusätzliche Gefahr begaben. Charlotte Ehmann konnte am 9. November 1938 – am Tag der staatlich inszenierten antijüdischen Novemberpogrome 1938 – aus Deutschland über England in die USA fliehen.
Im Keller einer Drogerie im nahen Hanssenweg stellte der Drogerist Ille Wendts Widerstandszirkel eine Schreibmaschine zur Verfügung, mit der Flugblättern getippt werden konnten. Ille Wendt war eine der Frauen aus dem Widerstand, die, in Kinderwägen und Schultaschen versteckt, Flugblätter verteilten, oder durch die Stadt liefen und in Kleinstmengen Matrizen, Papier und Briefumschläge besorgten. Nach Kriegsbeginn 1939 schickte sie Briefe mit Friedensaufrufen und Informationen von den sogenannten Feindsendern an Frontsoldaten.
Ille Wendt 1992: "Wenn wir das verteilt haben, haben wir aufgepasst, dass wir nicht in Häuser gerieten, wo Genossen wohnten. Also dass wir keinen belasten konnten. Und ziemlich weit von unserem eigenen Gebiet haben wir das immer verteilt. Und dann sind wir oben angefangen. Früher musstest du immer die Briefe oben in den Türschlitz stecken. Es gab ja nicht die Briefkästen wie jetzt unten, sondern an der Tür war ein Schlitz und da wurde die Post eingesteckt. Da fingst du oben an. Und wenn du merktest – es klappert ja immer ein bisschen, auch wenn du ganz vorsichtig bist – wenn du merktest, oben ging eine Tür auf, über dir, bist du sofort abgehauen!"
Der kommunistische Widerstand organisierte sich konspirativ in Fünfergruppen. Ille Wendts Gruppe bestand allerdings aus zehn Kommunistinnen und Kommunisten, die sich vertrauten. Ille Wendt kassierte auch Beiträge für die jetzt verbotene Rote Hilfe. Dazu gehörte neben dem Sammeln von Geldbeträgen das Austarieren, wer dafür ansprechbar war, wie auch die heimliche Verteilung der Spenden an Bedürftige. Meistens warf sie die Spenden in den Briefkasten oder schob sie unter der Haustür durch, mit einem "Gruß von der Mutter", das Codewort für die Partei.
Als der Hauptkassierer Wilhelm Schultz (geb. 10.12.1891, Sterbedatum unbekannt) 1935 verhaftet wurde, flog die Gruppe auf. Weil der Gestapo nur der Nachname Wendt bekannt wurde, verhaftete sie am 17. September 1935 Walter Wendt, der nach einem Jahr Haft und schwerer Folter am 17. September 1936 für die Zahlung von 2,40 Mark Beitrag verurteilt wurde.
Illegale Tätigkeiten in Bezug auf Beherbergung und Flucht von Martha Naujoks konnte den beiden nicht nachgewiesen werden. Ille Wendt wurde mehrfach in der Hamburger Gestapozentrale im Stadthaus und zu Hause verhört und erlitt nach einem dieser Verhöre eine Fehlgeburt am Ende des 5. Monats.
Auch jenseits von Verhaftung und Verhören erfuhr die Familie Wendt Repressalien: So wurde z.B. der Sohn Werner aus der Grundschule von Gestapobeamten abgeholt und durch das Viertel geführt: er sollte zeigen, wo Freundinnen und Freunde der Eltern wohnten. Werner befolgte diese Anweisungen nicht, war aber anschließend zutiefst verstört. Walter Wendt war mehrfach inhaftiert und verlor dadurch seine Arbeitsstelle. Ille Wendt musste sich mit der Fürsorge auseinandersetzen und lebte in Angst, der Staat könnte ihr die Kinder wegnehmen. Um die Familie über Wasser zu halten, arbeitete sie schwarz und nähte, wusch und putzte für andere Familien und betreute deren Kinder.
Am 30. Dezember 1939 wurde Ille Wendt gemeinsam mit ihrem Mann und anderen Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfern aus ihrem Freundeskreis verhaftet. Ille Wendt wurde aufgrund ihrer fortgeschrittenen Schwangerschaft bereits am nächsten Tag wieder entlassen. Die NS-Justiz leitete ein Verfahren wegen "Vorbereitung zum Hochverrat" ein, das für alle Beteiligten wegen Mangels an Beweisen eingestellt wurde.
1941 wurde Walter wieder als wehrwürdig eingestuft und für Schreibarbeiten und in der Küche des Kriegsgefangenenlagers Stalag XB in Sandbostel eingesetzt. Er tätigte dort Widerstandshandlungen, bei denen Ille Wendt ihn unterstützte.
Bei der Bombardierung Hamburgs wurde Ille Wendt 1943, hochschwanger, mit ihren Kindern ausgebombt und verschüttet. Sie konnte sich und die Kinder aus eigener Kraft befreien. Anschließend zog sie in einen bäuerlichen Hof nach Oberreißen in Thüringen, dem Herkunftsdorf ihres Vaters. Dort unterstützte sie u.a. heimlich Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen.
Nach der Befreiung vom Nationalsozialismus 1945 beteiligte sie sich aktiv am politischen und gesellschaftlichen Leben in der damaligen sowjetischen Besatzungszone.
Anfang 1947 kehrte sie nach Hamburg zurück. Dort engagierte sie sich beim Komitee der Politischen Gefangenen und bei der VVN (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, später VVN/BdA – Bund der Antifaschisten, heute: Bund der Antifaschist*innen), dort auch im Landes- und Bundesvorstand sowie innerhalb der FIR (Fédération Internationale des Résistants), der internationalen Organisation von Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfern. In diesem Rahmen organisierte und begleitete Ille Wendt auch nationale und internationale Ferienlager für die Kinder der verfolgten Kameradinnen und Kameraden und betrieb so aktiv Begegnungs- und Versöhnungsarbeit. In Hamburg gründete sie die Geschwister-Scholl-Jugend mit. Nach dem erneuten Verbot der KPD wurde sie Mitglied der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP).
Neben ihrem Einsatz für die Aufarbeitung der faschistischen Gräueltaten und für die antifaschistische Erinnerungsarbeit positionierte sie sich zu gegenwärtigen politischen Ereignissen, wirkte u.a. als Zeitzeugin in Schulen und als Rednerin bei Veranstaltungen mit und beteiligte sich bis zuletzt an Demonstrationen, antifaschistischen Stadtrundrängen, Infotischen und vielem anderen. Für viele Menschen war Ille Wendt durch ihr Engagement, ihre Zugewandtheit, ihre Herzlichkeit und ihrem Humor eine wichtige und sie prägende Persönlichkeit.
Die erlittenen Repressalien hinterließen bei Ille Wendt und ihrer Familie körperliche und psychische Folgen. Dennoch erhielt sie trotz einer siebenjährigen Auseinandersetzung mit dem Amt für Wiedergutmachung keine Entschädigung für die erlittene Verfolgung.
Ille Wendt verstarb am 7.8.1993 in Hamburg.
Sie wurde auf dem Ehrenfeld der Geschwister-Scholl-Stiftung auf dem Ohlsdorfer Friedhof bestattet. Sie wird in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in der Ausstellung "Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus" und auf der Website "Gartens der Frauen e.V." in Hamburg als "Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus" gewürdigt.
© Mascha Kirchner (Enkelin)
Quellen: Wiedergutmachungsakte StaHH 351-11_33248; Bundesarchiv (BArch) R 3017/7441 (1938/39), R 3018/3926 (1935/36); R 3018/14118 (1935/36); Nachlass Ille Wendt, Privatbesitz Mascha Kirchner; https://www.frauen-im-widerstand-33-45.de/biografien/biografie/wendt-ille (2.06.2026); https://garten-der-frauen.de/ille-wendt/ (2.06.2026).


