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Walter Wendt, Bleistiftportrait von Otto Richter, 1946
Walter Wendt, Bleistiftportrait von Otto Richter, 1946
© Mascha Kirchner

Walter Wendt * 1901

Novalisweg 24a (Hamburg-Nord, Winterhude)


HIER WOHNTE
WALTER WENDT
JG. 1901
IM WIDERSTAND / KPD
MEHRMALS VERHAFTET
KZ FUHLSBÜTTEL
UG HOLSTENGLACIS
SCHWER MISSHANDELT
ENTLASSEN 10.3.1939

further stumbling stones in Novalisweg 24a:
Charlotte Kranzler, Ille Wendt

Walter Wendt, geb. 8.4.1901, Widerstand in der KPD, mehrmals verhaftet, schwer misshandelt, überlebt

Novalisweg 24a

Walter Herbert Wendt wurde am 8. April 1901 in Prinzenthal/Bromberg im damaligen Pommern/Westpreußen geboren und wuchs mit vier Geschwistern in einer Arbeiterfamilie auf. Sein Vater Rudolf Wendt (12. Dezember 1873 – 6. Februar 1904) arbeitete als Schneidemüller, er verstarb früh an Magenkrebs. Die Mutter Ottilie Wendt, geborene Brudehl (2. Mai 1873 – Februar 1956) nähte in Heimarbeit Pantoffeln.

Walter Wendt erlebte in seiner Kindheit Armut. Er besuchte acht Jahre die Volksschule und erlernte im Anschluss drei Jahre lang den Beruf des Formers und Eisengießers. Nach einer missglückten Schieloperation blieb Walter Wendt auf einem Auge blind.

Schon während der Lehre, fünfzehnjährig, organisierte er sich gewerkschaftlich und beteiligte sich an einem Streik gegen Sonntagsarbeit. Er erlebte den 1. Weltkrieg als Jugendlicher, ein Bruder starb als Soldat.

Nach dem Tod des Vaters heiratete Walter Wendts Mutter den Tischler Arnold Ulrich. 1919 zog die Familie nach Hamburg. Hier arbeitete Walter Wendt zunächst bei verschiedenen Firmen als Former, betätigte sich gewerkschaftlich und trat in die USPD ein, 1920 in die KPD und in den Kommunistischen Jugendverband Deutschlands (KJVD), deren Jugendorganisation. Als überzeugter Jungkommunist beteiligte Walter Wendt sich 1923 im Stadtteil Barmbek am Hamburger Aufstand und wurde, nachdem er zunächst untergetaucht war, zu einem halben Jahr Haft in der Jugendstrafanstalt Hahnöfersand verurteilt.

Anschließend war er erwerbslos und verdiente sich ein Zubrot mit der Betreuung von Arbeiterkindern in der Ferienkolonie Köhlbrand, eine von der Arbeiterwohlfahrt (AWO) organisierte Tagesferieneinrichtung auf der Elbinsel Maakendamm für bis zu 3000 Kinder täglich. 1924/25 wurde er bei der Hamburger Volkszeitung, der kommunistischen Presse des Bezirks Wasserkante, in der Buchbinderei und Druckerei angestellt, bis diese im Herbst 1933 verboten wurde.

Als in den frühen 1920er Jahren kommunistische Kindergruppen entstanden, übernahm Walter Wendt die Leitung solcher Gruppen, die später von der KPD in Jung Spartakusbund (JSB) und 1930 in Rote Jungpioniere umbenannt wurden.

Walter Wendt selbst rückblickend 1973 dazu: "Ich bin 1901 geboren, also war ich 19 Jahre alt als ich meine Tätigkeit in der KKgr [Kommunistische Kindergruppe] hin begann. Im selben Jahr wurde ich Mitglied der Partei. Von Beruf war ich Former. Zuerst leitete ich eine Stadtteil Kindergruppe. Einmal in der Woche stand uns eine Turnhalle zur Verfügung wo über 100 Arbeiterkinder zusammen kamen. Nur mit Hilfe einiger Junglehrer die in der Partei waren, konnte ich mir die Kenntnisse für diese grosse Aufgabe meistern."

Von ca. 1924 an war Walter Wendt als Bezirksleiter des JSB sowie im Hamburger Leitungsgremium des KJVD des Bezirks Wasserkante/Großhamburg tätig und entwickelte die konzeptionelle Ausrichtung dieser Gruppen mit. Bei der Arbeit mit den Kindergruppen lernte er seine spätere Frau Ille Wendt, geborene Bertha Maria Ruppe (13. Juli 1908 - 7. August 1993) kennen (siehe www.stolpersteine-hamburg.de). Beide leiteten Kindergruppen auf dem Barkenhoff des Künstlers Heinrich Vogeler in Worpswede. Dieser stellte seinen Hof für Bildungs- und Erholungsaufenthalte von Arbeiterkindern zur Verfügung, deren Eltern u.a. wegen der Aufstände in Sachsen und Hamburg 1923 verfolgt oder inhaftiert waren. Gelernt und gearbeitet wurde nach Konzepten des Pädagogen Célestin Freinet. Walter Wendt war zudem bei den Naturfreunden und der Freidenkerbewegung aktiv und von 1932-1933 Vorsitzender des Verbandes proletarischer Freidenker in Hamburg.

Ille und Walter Wendt bekamen fünf Kinder, von denen vier überlebten, die Söhne Werner (1931-2002), Uwe (1937), Olaf (1943-1945) und die Töchter Elke (1939) und Antje (1945-2011). Im April 1933 zog die Familie von Hamburg-Steilshoop nach Winterhude (Jarrestadt) in den Otto-Stolten-Hof, Novalisweg 24a, Parterre rechts, in eine genossenschaftliche, moderne 2 Zimmer-Wohnung. In der Jarrestadt organisierten sie sich in der dortigen, in der NS-Zeit verbotenen, KPD-Gruppe.

Während der NS-Diktatur leistete Walter Wendt Widerstand. Unter anderem diente die Familienwohnung als illegaler Unterschlupf für Verfolgte und für Material wie Flugblätter u.a. politische Schriften. Die Eheleute beherbergten auch offiziell und trotz Drangsalierungen jüdische und/oder politisch verfolgte Widerständlerinnen und Widerständler z.B. Charlotte Ehmann nach deren Haftentlassung, und verhalfen Menschen zur Flucht, wie z.B. Martha Naujoks, einer KPD- Funktionärin. Walter Wendt hörte verbotene "Feindsender", stellte illegale Flugschriften her und verbreitete sie. Er organisierte illegale Aktivitäten, beschaffte Deckadressen und fand heimliche Treffpunkte. Die Familie litt unter Bespitzelung und Hausdurchsuchungen, was sich auch auf die Kinder auswirkte.

Walter Wendt wurde mehrfach verhaftet und wegen "Vorbereitung zum Hochverrat" angeklagt und verurteilt, 1935/36 im Rahmen des großangelegten Strafverfahrens der NS-Justiz im Bezirk Groß-Hamburg "Heldt und Andere" gegen die illegale KPD. Angeklagt waren mehr als 570 Frauen und Männer. Walter Wendt war 1935/36 zwölf Monate im Konzentrationslager Fuhlsbüttel und im Untersuchungsgefängnis Holstenglacis inhaftiert, z.T. in Isolationshaft. Er wurde schwer misshandelt und gefoltert, gab aber keine Informationen preis und konnte letztendlich nur für die Zahlung von 2,40 Mark Beitrag für die illegale KPD verurteilt werden.

1938/39 wurde er mit weiteren Genossinnen und Genossen erneut verhaftet und für drei Monate inhaftiert. Dieses Verfahren wurde mangels Beweises eingestellt.

In den "Handakten des Oberreichsanwalts in der Strafsache gegen den Werkmeister Max Voegt aus Hamburg und andere wegen Vorbereitung zum Hochverrat" von 1939 heißt es: "Die Beschuldigten wurden lange Zeit von der Geheimen Staatspolizei beobachtet, und die Ermittlungen wurden mit Hilfe von V-Männern durchgeführt. Durch eine Indiskretion eines Beamten der Geheimen Staatspolizei mußte vorzeitig zugefaßt werden, und die Beteiligten wurden vorläufig festgenommen. Die Beschuldigten behaupten, es habe sich bei ihren Zusammenkünften nur um einen rein freundschaftlichen Verkehr behandelt, ohne daß hierbei irgendwelche politischen Ziele verfolgt worden seien. Wenn auch die Handlungsweise der Beschuldigten sehr bedenklich erscheint, so haben die bisherigen Ermittlungen – jedenfalls in subjektiver Hinsicht – noch keinen ausreichenden Beweis für eine Vorbereitung zum Hochverrat ergeben."

Walter Wendts frühere Funktionärstätigkeiten blieben der Gestapo glücklicherweise unbekannt. Aufgrund der Haft verlor er seine Arbeit im Warenhaus Centrum und fand als politisch Verfolgter keine Anstellung mehr. Ille Wendt hielt die Familie mit Schwarzarbeit (Putzen, Nähen, Kinderbetreuung) "über Wasser".

Obwohl Walter Wendt als politischer Widerstandskämpfer als "wehrunwürdig" galt, kam er 1941 zur Wehrmacht und wurde im Kriegsgefangenenlager StaLag X B Sandbostel bei Bremervörde in der Schreibstube und in der Lagerküche eingesetzt. Er stand dort unter besonderer Beobachtung und tätigte dennoch Widerstandshandlungen, indem er die Gefangenen mit Essen, Nachrichten und z.B. Material für einen illegalen Radioapparat versorgte. Die heutige Gedenkstätte Lager Sandbostel informiert über seine Widerstandsleistung und den historischen Kontext.

Im April 1945 wurde das Lager von den Alliierten befreit. Nach kurzer Kriegsgefangenschaft kehrte Walter Wendt im Herbst 1945 nach Hamburg zurück. Er baute das "Komitee ehemaliger politischer Gefangener" mit auf und übernahm dort Vorstands- und Schatzmeisterfunktionen. Er war bis zum erneuten Verbot 1956 Mitglied der KPD und trat gleich bei ihrer Gründung 1968 in die DKP ein. 1947 war er Mitbegründer der "Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN)", übernahm im Landesvorstand die Funktion des Landeskassierers und des Geschäftsführers und war bis zu seinem Tod Ehrenmitglied des Bundespräsidiums der VVN/BdA (Bund der Antifaschisten). Er engagierte sich bei der Fédération Internationale des Résistants (FIR), dem internationalen Zusammenschluss von Verbänden der Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfern.

Bis weit in die 1960er Jahre leiteten Walter und Ille Wendt antifaschistische Kinder- und Jugendferienlager. 1958 gründeten sie mit Charlotte Groß in Hamburg die Geschwister-Scholl-Jugend, in der sie Jugendliche zusammenführten, deren Eltern während des Nationalsozialismus als kommunistische Widerstandskämpferinnen und -kämpfer verfolgt oder ermordet wurden.

Gesundheitlich erholte Walter Wendt sich nicht von Verfolgung, Haft und Folter und konnte deshalb beruflich nie wieder Fuß fassen. So litt er z.B. aufgrund von Tritten durch Gestapobeamte an Knochenfraß im Bein, und er musste eine schwere Tuberkulose ausheilen. Die erlebte Gewalt und die nicht verarbeiteten Traumata hinterließen körperliche und seelische Spuren, was auch Folgen für seine Kinder hatte. Sein Wiedergutmachungsverfahren zog sich über Jahre, die ausgezahlte Entschädigung für Verfolgung, Haft und Lohnverlust war marginal und die Familie lebte nach 1945 lange in prekären Verhältnissen.

Walter Wendt starb am 21. September 1980.

Er wurde auf dem Ehrenfeld der Geschwister-Scholl-Stiftung für Widerstandskämpfer und Widerstandskämpferinnen und NS-Verfolgte der Jahre 1933 bis 1945 auf dem Ohlsdorfer Friedhof beigesetzt.

© Mascha Kirchner (Enkelin)

Quellen: Bundesarchiv R 3018/14118 (Strafverfolgungsakte 1935), R 3018/3926 (Strafprozessakte 1935), R 3018/12853 (Urteil 1936, R 3017/7441 (Ermittlungsakte 1939), R 3017_7441_0038; Nachlass Ille Wendt, Privatbesitz Mascha Kirchner, Oldenburg (Oldb); StaHH 240104/160529 (Wiedergutmachungsakten 1949 ff); Zeichnung von Otto Müller, Nachlass Ille Wendt Privatbesitz Mascha Kirchner, Oldenburg; Arbeitsbescheinigung der Leitung der Ferienkolonie Köhlbrand 1924, Nachlass Ille Wendt: Burgard/ Diercks/ Zahrndt: Rudolf Klug – Ein Lehrer passt sich nicht an. Antifaschistische Reihe Heft 2, S. 52; Wendt, Walter, Manuskript 1973.

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