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Bereits verlegte Stolpersteine



Gertrud Ascher (geborene Rosenbaum) * 1885

Heußweg 10, früher Tornquiststraße 88 (Eimsbüttel, Eimsbüttel)

1941 Minsk
ermordet

Weitere Stolpersteine in Heußweg 10, früher Tornquiststraße 88:
Emil Ascher, Rolf Ascher, Kurt Ascher

Emil Ascher, geb. am 10.6.1887 in Neustadt-Glewe, inhaftiert 1938 im KZ Fuhlsbüttel, deportiert am 8.11.1941 nach Minsk
Gertrud Ascher, geb. Rosenbaum, geb. am 14.9.1885 in Hannover, deportiert am 8.11.1941 nach Minsk
Rolf Ascher, geb. am 17.12.1921 in Parchim, deportiert am 8.11.1941 nach Minsk
Kurt Ascher, geb. am 5.8.1920 in Parchim, Schicksal unbekannt

Heußweg 10 (Tornquiststraße 88)

Der 1926 in Hamburg geborene und im Alter von 14 Jahren nach Parchim gezogene Schriftsteller Hermann Kant hat in seinem Roman "Das Impressum" aus dem Jahr 1972 antisemitische Ereignisse im Parchim des Jahres 1935 verarbeitet. Er schildert die Demütigung und Tötung des fiktiven Kaufhausbesitzers Hirsch Ascher in seinem Kaufhaus durch einen Lehrer und Sturmführer. Im Roman verlegte er die Handlung von Parchim nach Ratzeburg. In Parchim gab es tatsächlich ein Kaufhaus Hirsch Ascher, dessen letzter Inhaber Emil Ascher mit seiner Frau Gertrud und seinem Sohn Rolf von Hamburg nach Minsk deportiert wurde.

Emil Ascher wurde 1887 in Neustadt-Glewe in Mecklenburg geboren. Im Jahr 1889 wurde die Jüdische Gemeinde in Neustadt-Glewe aufgelöst, weil fast kein Jude mehr in der Stadt lebte, und der Gemeinde Parchim angegliedert. Auch Familie Ascher hatte Neustadt-Glewe wohl eine Zeit lang verlassen, war dann aber zurückgekehrt. Emil Aschers Eltern Hirsch und Therese, geb. Meyer, gründeten 1891 in Parchim eine Manufakturwarenhandlung. Ihre vier Söhne hießen Max, Emil, Julius und Jon. Emil machte 1902 seinen Abschluss am Realgymnasium und wurde wie sein Bruder Max Kaufmann. Der Vater Hirsch Ascher starb 1903, aber das Geschäft wurde von der Familie weitergeführt. 1915 eröffneten die Witwe und der Sohn Emil das Kaufhaus Hirsch Ascher in der Lindenstraße 33. Im Ersten Weltkrieg starben die Söhne Max (1914) und Julius Ascher (1918). Emil Ascher geriet in Kriegsgefangenschaft.

Seine Ehefrau Gertrud Ascher wurde als Gertrud Rosenbaum 1885 in Hannover geboren. Ihre Eltern hießen Gustav und Fanny Rosenbaum. Der Vater war 1855 in Everode im Kreis Hildesheim geboren worden. Die Eltern kamen Ende der 1930er Jahre zu ihren Kindern nach Hamburg, wo die Mutter 1940 und der Vater im Frühjahr 1941 im Israelitischen Krankenhaus verstarb.

Gertrud Ascher hatte drei jüngere Geschwister. Der Bruder Otto (Jg. 1890) konnte emigrieren, die Schwestern Anna und Käthe wurden ermordet. Die acht Jahre jüngere unverheiratete Schwester Anna Rosenbaum lebte lange in Hausge­meinschaft mit ihrer verheirateten Schwester Gertrud. Für sie liegt ein Stolperstein in der Gustav-Leo-Straße 4 in Eppendorf. Die Schwester Käthe, verheiratete Mondschein, wurde von Hannover aus deportiert.

Gertrud Rosenbaum heiratete in erster Ehe den Parchimer Juden Max Ascher, der im Oktober 1914, kurz nach Beginn des Ersten Weltkriegs, in Frankreich als Soldat getötet wurde. Wenige Monate nach dessen Tod wurde der Sohn Max geboren. Gemeinsam mit ihrer Schwiegermutter Therese führte sie das Kaufhaus in der Langestraße 61 (früher Lindenstraße 33). In zweiter Ehe heiratete sie 1920 ihren Schwager Emil Ascher, nachdem dieser aus französischer Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt war. Die beiden Söhne aus der zweiten Ehe mit Emil Ascher, Kurt und Rolf, wurden 1920 und 1921 geboren. Die Familie lebte in dem Wohn- und Geschäftshaus Lindenstraße 33. Gertrud Ascher arbeitete stets im Kaufhaus verantwortlich mit. Für Haushalt und Kinderbetreuung sorgte Personal: eine Haushälterin und zwei Dienstmädchen.

Die Familie betrieb das Kaufhaus in der Lindenstraße bis 1935. Emil Ascher musste Geschäft und Grundstück öffentlich versteigern lassen. Man stellte ihm eine auf acht Tage befristete Kreditkündigung mit anschließendem Zahlungsbefehl zu, so dass ihm nur die Veräußerung blieb. Natürlich erhielt er zu dieser Zeit nicht annähernd den Wert seines Besitzes. Beide Söhne hatten in Parchim das Friedrich-Franz-Gymnasium besucht, das sie nun verlassen mussten. Kurt lernte ab Oktober 1935 auf der Israelitischen Gartenbauschule in Ahlem bei Hannover, Rolf begann kurz nach Ostern eine Lehre bei der Färberei Dankwert & Co. in Hildesheim.

Am 1. Juli 1936 zog Familie Ascher nach Hamburg in die Tornquiststraße 88. Schon seit 1935 wohnte der Sohn Max in Hamburg, der bei der Firma Robinson Arbeit gefunden hatte. Von ihm lieh sich Emil Ascher Geld, um sich eine neue Existenz aufzubauen. Über einen Strohmann kaufte er die Altonaer Dampfwäscherei Edelweis. Trotz großen Arbeitseinsatzes konnte er den Betrieb nicht zum Erfolg führen und musste verkaufen.

Von der fünfköpfigen Familie hat nur einer, der älteste Sohn Max aus Gertruds erster Ehe, durch Emigration nach Shanghai im Juni 1939 sein Leben retten können. Max hatte nach der Schule in Parchim bei Sternheim & Emanuel Kaufmann gelernt und anschließend in Hamburg bei den Gebr. Robinson am Neuen Wall als Verkäufer gearbeitet. Er war ausgebildet worden, um das Geschäft in Parchim zu übernehmen. Im November 1938 wurde er entlassen und emigrierte im Juni 1939 von Neapel aus mit dem Dampfer "Husimi Maru" nach Shanghai. Nachdem er von Mai 1943 bis Oktober 1947 dort im Getto leben musste, konnte er in die USA einreisen und wurde später amerikanischer Staatsbürger.

Die Söhne Kurt (geb. 1920) und Rolf (geb. 1921) waren gerade erwachsen, als der Nationalsozialismus ihre Lebensperspektive zerstörte und ihnen das Leben nahm. 1941 war Kurt in einem Auswandererlager in Groß Breesen bei Obernigk in der Nähe von Breslau tätig, wo er Lehrer in einem Auswandererlehrgut gewesen sein soll. Von dort wurde er in ein KZ deportiert, wo ihn ein Überlebender noch an Typhus sterbend gesehen haben will. Wahrscheinlich war Kurt verheiratet und hatte ein Kind. In den Gedenkbüchern ist sein Name nicht verzeichnet. Rolf wurde zusammen mit seinen Eltern am 8. November 1941 nach Minsk deportiert.

Im Oktober 1938 zog das Ehepaar Ascher mit Rolf in eine Wohnung, Bei der Friedenseiche 1 in den dritten Stock. Von dieser Adresse aus wurden Emil, Gertrud und Rolf Ascher deportiert. Im Jahr 1938 war Emil Ascher in Fuhlsbüttel inhaftiert. In der Zeit der Bedrängnis zogen noch andere Familienmitglieder in die Wohnung: Im April 1939 übersiedelte Gustav Rosenbaum aus der Haynstraße 5 dorthin. Auch Max Ascher wohnte dort bis zu seiner Auswanderung. Über die Weihnachtszeit 1940 war auch Kurt Ascher in der Wohnung gemeldet, der aus Groß Breesen bei Breslau gekommen war und dorthin zurückfuhr. Als Untermieter lebte Herbert Mondschein (geb. 1892 in Kassel) in der Wohnung. Dieser heiratete Käthe Rosenbaum, die im November 1940 aus Baden-Baden zugezogen war. Herbert und Käthe Mondschein zogen im Januar 1941 nach Hannover.

Das Gebäude Tornquiststraße 88 (oder 86 wie in der Hausmeldekartei?) am Ende der Tornquiststraße an der Ecke zum Heußweg, wo die Familie wohnte, existiert nicht mehr. An dieser Ecke befindet sich heute eine kleine Grünanlage, vor der die Stolpersteine im Heußweg 10 liegen.

© Susanne Lohmeyer

Quellen: 1; 2 (R1939/376); 4; 5; 8; StaH 332-8 Bd 4 Meldewesen A51/1; StaH 351-11 AfW AZ: 230593 Rosenbaum, Anna Toni; StaH 351-11 AfW AZ: 240618 Ascher, Kurt; StaH 351-11 AfW 8072 Asher, Mac; Karl Heinz Schütt, Juden in Neustadt-Glewe; Doreen Frank, Jüdische Familien; Hermann Kant, Das Impressum; Parchimer Zeitung vom 18.7.1935.

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