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Clara Beschütz, Mutter Bertha und Marie Beschütz
© Privatbesitz

Bertha Beschütz (geborene Eichenholz) * 1850

Husumer Straße 37 (Hamburg-Nord, Eppendorf)


tot am 13.12.1941 in Hamburg

Weitere Stolpersteine in Husumer Straße 37:
Clara Beschütz, Marie Beschütz, Olga Beschütz

Bertha Beschütz, geb. Eichholz, geb. 1.3.1850, gestorben am 13.12.1941

Husumer Straße 37

"Sie war klein von Gestalt und ging gebückt. Gekleidet war sie, der damaligen Zeit entsprechend, stets in Schwarz, trug ein Halsbändchen und war zu allen Menschen freundlich." So erinnerte sich der Enkel Gert Beschütz an seine Großmutter väterlicherseits, mit der ihn "eine große, gegenseitige Liebe" verband. Bei seiner Geburt war sie bereits 70 Jahre alt und lebte als Beamtenwitwe "korrekt und sparsam" mit ihren drei unverheirateten Töchtern Olga, Clara und Marie in der Werderstraße 16 "in einer dunklen, großen Wohnung im Hochparterre".

Ihr Ehemann, Dr. jur. Siegmund Beschütz, Jg. 1840, hatte sich mit ihr am 11. Dezember 1880 in der Kirche St. Johannis – Eppendorf von Pastor Dr. Hanne taufen lassen. Sechs Tage später, am 17. Dezember 1880, taufte er deren Kinder Olga, Clara und Max. Die Taufe der am 11. Februar 1882 geborenen Marie fand am 29. April 1882 statt.

Siegmund Beschütz starb bereits 1912 an Rückenmarkschwindsucht und hinterließ seiner Witwe Bertha eine leer stehende Villa in der Werderstraße 63 und eine Beamtenpension.

Gert Beschütz, der seine Großmutter mit den drei Tanten häufig beim Sonntagnachmittags-Kaffee bei seinen Eltern erlebte, sprach davon, dass sie "in der Familie das Sagen hatte". Selbst sein Vater habe vor ihr "großen Respekt" gehabt. "Wenn sie scharf hinsah, legte selbst der stärkste Mann den Löffel beiseite. Und klassifizierte sie jemanden ,Er ist wohl nicht ganz unser Geschmack’, so kam dies einem Todesurteil gleich." Zusammenfassend urteilte er über sie: "Sie war das, was man als eine Dame bezeichnete."

1931 zogen Bertha Beschütz und ihre Töchter, so erinnerte sich ihr Enkel, in eine hübsche Wohnung in der Hochallee 123. 1939 lebten sie bereits in der Husumer Straße 37 "still und bescheiden" und "völlig verängstigt", so der Enkel.

Aus den Akten des Oberfinanzpräsidenten geht hervor, dass Bertha Beschütz das Grundstück Werderstraße 63 im Jahre 1939 verkaufen musste. Sie wurde aufgefordert, ihre Vermögensverhältnisse offenzulegen, ermächtigte aber ihre Tochter Marie, für sie die nötigen Angaben zu machen, da es ihr wegen ihres hohen Alters (89 Jahre) nicht möglich sei, selbst zu kommen. Die Summe, die das Grundstück erbrachte, wurde auf ihr Konto eingezahlt; über sie durfte aber nur mit Zustimmung des Oberfinanzpräsidenten verfügt werden.

Am 28. Mai 1941, seinem 21. Geburtstag, den seine Tante Helmi mütterlicherseits ausrichtete, glaubt Gert Beschütz, seine Großmutter und die Tanten dort das letzte Mal zusammen gesehen zu haben. Seiner mittlerweile 91-jährigen Großmutter machten die Treppen "allmählich Schwierigkeiten, und für die Tanten war es bereits problematisch, andere Leute zu treffen. Man fühlte sich in ihrer Lage ständig beobachtet, und hätte man sie solcher Kontakte wegen denunziert, so hätten sie selbst und die von ihnen besuchten Freunde mit größten Schwierigkeiten rechnen müssen."

Als im Dezember 1941 der Deportationsbefehl für Olga, Clara und Marie kam, versuchte nach den Aufzeichnungen von Gert Beschütz’ Onkel Edgar Eichholz der 76-jährige Pastor Heinrich Seyfarth, der Gert Beschütz getauft hatte, die Deportation durch einen Brief an Heinrich Himmler zu verhindern. In dem Brief habe er auf die christliche Erziehung der Schwestern hingewiesen und auf Olgas und Maries Ansehen als ehemalige Lehrerinnen. Wenigstens eine der Töchter möge man der hoch betagten Bertha Beschütz als Stütze lassen. Das Gesuch wurde abgelehnt, und die Töchter mussten der körperlich etwas gebrechlichen Mutter, die "noch einen eisernen Lebenswillen" besaß, "um ihren Töchtern solange wie möglich ihre verhältnismäßig hohe Pension zukommen zu lassen", die Wahrheit sagen. Sie soll sie ruhig hingenommen haben.

Vorgesehen war ihre Verbringung in das jüdische Altersheim; damals trug es einfach den Namen Pflegeheim. Im Beisein ihrer Tochter Olga und in voller Erkenntnis der Ereignisse nahm sie eine Überdosis eines Schlafmittels. Dieses hatte der Schiffsarzt Dr. Hans Gremler, den Gerts Tante Trudel in zweiter Ehe heiratete, beschafft, um ihr "zu einem sanften Tod" zu verhelfen. Bertha Beschütz, die daraufhin bald einschlief, wurde "noch am selben Abend per Krankenwagen in das jüdische Krankenhaus", damals Johnsallee 68, "transportiert". Da das Schlafmittel nicht ausreichend dosiert war, trat die Schlafmittelvergiftung nicht sofort ein. Bertha Beschütz lebte noch acht Tage.

Gert Beschütz schrieb über den Tod seiner Großmutter:
"Ich habe sie noch einen Tag vor ihrem Tode" – sie starb am 13.12.1941 – "im jüdischen Krankenhaus besucht. Sie lag dort ganz friedlich, und als ich ihre Hand nahm und mit ihr sprach, murmelte sie ein einziges Wort: ,Helgoland’. Ich war entsetzlich traurig." Mit Helgoland war seine Großmutter offensichtlich besonders verbunden gewesen; denn er schrieb an anderer Stelle, dass sie schon als Baby mit dem roten Wasser von Helgoland gebadet worden sei, das als besonders stärkend gegolten habe.

Gert Beschütz berichtete, dass das Begräbnis der Großmutter ebenfalls entsetzlich gewesen sei. Da sie aufgrund "irgendeiner Klausel" nicht im "Familiengrab der Beschütz beigesetzt werden" durfte, wurde ihre Urne "auf einer Koppel in der Nähe von Bramfeld vergraben". Onkel Edgar, Tante Helmi und er hätten an der Beisetzung teilgenommen. Im Gedächtnis sind ihm die Worte des Onkels geblieben: "Vergiss es nie, dass wir Deine Großmutter wie einen Hund verscharren mussten!"

© Christiane Pritzlaff

Quellen: Die Zitate stammen aus den unveröffentlichten Lebenserinnerungen von Gert Beschütz, die er mir am 13.5.1996 zusandte. Die unveröffentlichten Zitate werden mit der freundlichen Genehmigung von Frau Krista Beschütz, der Witwe von Gert Beschütz, verwendet. Beschütz, Gert: Lebenserinnerungen eines artigen Hamburger Knaben.1920–1945, unveröffentlichtes Manuskript; StaH 314-15 OFP, R 1939/2321; Von Schade, Hamburger Pastorinnen und Pastoren, 2009, S. 245; Bajohr, "... Dann bitte keine Gefühlsduseleien", in: FZH/IGdJ (Hrsg.): Die Deportationen, 2002, S. 13–29; zu Pastor Seyfarth, S. 26f; Ga­lerie Morgenland (Hrsg.), Wo Wurzeln waren, 1993, zum Tod von Bertha Beschütz S. 35, S. 69; Für die Daten St. Johannis-Eppendorf betreffend danke ich für die freundliche Hilfe Herrn Jochen Klinge von St. Johannis-Eppendorf. Das Taufregister der Kirche St. Johannis-Eppendorf verzeichnet bei Dr. Siegmund Beschütz und seiner Frau Bertha jeweils den Zusatz: "Im Judentum geboren, nachher confessionslos tritt zum Christentum über zusammen mit seiner Ehefrau Bertha geborene Eichholz." bzw. "… tritt die Genannte nebst ihrem Ehemann zum Christentum über." Auch Marie wird 1882 von Pastor Dr. Hanne in der Kirche St. Johannis-Eppendorf getauft; Dr. phil., D. theol. h. c., Dr. jur. h. c. Heinrich Otto Walther Sey­farth, geb. am 26.10.1863 in Zella–St. Blasii, wurde am 1.10.1889 in Gotha ordiniert und kam nach mehre­ren Stationen als Pastor nach Hamburg, wo er ab 5.5.1901 Pastor am Zentralgefängnis in Ham­burg-Fuhlsbüttel war. Ab 1.4.1923 bis zu seiner Pensionierung am 1.3.1924 war er Pastor am Untersuchungsgefängnis in Hamburg. Im Juni 1928 erhielt er von der Universität Jena die Ehrenpromotion in Theologie und von der Universität Gießen die Ehrenpromotion in Jura. Von 1933–1936 war er Bevollmächtigter in allen Angelegenheiten der Hamburger Strafanstalten. Pastor Seyfarth starb am 1.1.1947 in Hamburg.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Recherche und Quellen.

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