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Edward Albert Deitelzweig-Senior * 1905

Moltkestraße 45 (Eimsbüttel, Hoheluft-West)


HIER WOHNTE
EDWARD
DEITELZWEIG-SENIOR
JG. 1905
FLUCHT 1939 HOLLAND
DEPORTIERT 1943
SOBIBOR
ERMORDET

Edward Albert Deitelzweig-Senior, geb. am 4.7.1905 in Hamburg, 1939 Flucht in die Niederlande, deportiert am 23.7.1943 aus den Niederlanden nach Sobibor

Moltkestraße 45

Aufstieg und Fall der weltläufigen jüdischen Kaufmannsfamilie Deitelzweig-Senior böten vermutlich genug Stoff für einen Roman. Leider finden sich nur wenige Daten und Fakten in den Akten, und es existiert kein einziges persönliches Zeugnis eines Familienmitglieds. Edwards Eltern, der jüdische Kaufmann Alexander Senior (geb. am 3.9.1869 auf Curacao) und Emma Deitelzweig (geb. am 8.12.1867 in Bogotá) heirateten am 17. August 1900 in Hamburg standesamtlich. Alexander war Inhaber der Firma Senior & Müller W. Deitelzweig Suc. Export und Import. Die Firma W. Deitelzweig Exportgeschäft hatte er gleich nach dem Tod seines künftigen Schwiegervaters im September 1897 übernommen und unter neuem Namen weitergeführt. Im Adressbuch von 1898 war als Firmensitz die Mattentwiete 35 angegeben, 1905 dann Große Reichenstraße 49/51. Das Lager befand sich Brook 3. Ab 1915 war der Firmensitz der Handelsfirma in der Ferdinandstraße 29 und 1926 im Kalkhof 10.

Emmas Vater, der Kaufmann Wolf, genannt Wilhelm Deitelzweig (geb. 1838), stammte aus Hildesheim. Er wurde Kaufmann in Hamburg und erwarb hier 1874 das Bürgerrecht. Einige Jahre lebte er mit seiner Ehefrau Johanna, geb. Kaufmann, in Bolivien, wo seine einzige Tochter Emma geboren wurde und seine Ehefrau verstarb. Wann Wilhelm Deitelzweig nach Hamburg zurückkehrte und ob seine Tochter ihn begleitete, wissen wir nicht. Jedenfalls wohnte er Ende des 19. Jahrhunderts in der Kirchenallee 47 I. Seine Mutter Betty Deitelzweig, geb. Ephraim, lebte zuletzt bei ihm und verstarb in seiner Wohnung im Jahr 1887. Wilhelm starb zehn Jahre später recht früh im Alter von 59 Jahren. Die Ehe von Alexander und Emma Deitelzweig-Senior war bereits die zweite Verbindung zwischen den jüdischen Familien Deitelzweig und Senior. Alexanders Vater Solomon Senior hatte 1865 auf der karibischen Insel Curacao, die zu den niederländischen Antillen gehörte, Emma Cohen Deitelzweig geheiratet. Wenn diese eine Schwester von Wilhelm war, wären Emma und Alexander Deitelzweig-Senior Vetter und Cousine gewesen. Nach der im Jahr 1900 geschlossenen Ehe hatte Alexander Senior eine Namensänderung beantragt. Familienname sollte der Doppelname Deitelzweig-Senior werden. Dieser Name wurde 1902 – Alexander war niederländischer Jude – von der niederländischen Regierung zugelassen.

Zur Zeit ihrer Heirat lebte Emma Deitelzweig im Schwanenwik 32. Alexander Senior wohnte im Graumannsweg 60. Nach der Heirat bewohnte das Ehepaar kurze Zeit das Hochparterre des Hauses Hartwicusstraße 10 in Hohenfelde, zog dann aber in die Agnesstraße 2 um. Das große herrschaftliche weiße Haus mit Alsterblick an der Ecke zur Fernsicht ließ Alexander Deitelzweig-Senior 1905 von dem Architekten Ernst Vicenz erbauen. In der Gründerzeit vor dem Ersten Weltkrieg muss die Familie sehr reich gewesen sein und im Überseehandel viel Geld verdient haben. Alexander Deitelzweig-Senior war Konsul der Republik Peru, wie aus den Adressbüchern ab 1916 hervorgeht. Die Villa war eine der größten Alstervillen in Hamburg. So befanden sich etwa im Erdgeschoss Vorraum, Entrée, Pantry, Wintergarten, Saal, Salon, Speisezimmer, Halle, Empfangssalon und Herrenzimmer. Im Haus waren mehrere Zimmer für Bedienstete vorgesehen. Alteingesessene wohlhabende Hamburger aus Harvestehude blickten angeblich etwas verächtlich auf das "falsche" rechte Alsterufer, wo Familien gewohnt haben sollen, die in kurzer Zeit aufgestiegen waren, aber manchmal ihren Reichtum auch schnell wieder verloren und deshalb als etwas unseriös galten. Auch Alexander Deitelzweig-Senior konnte seine Firma nicht über die wirtschaftlich schwierige Zeit des Krieges retten und musste 1920 die Villa an den Kaufmann Julius Deutsch verkaufen. Die Handels­firma existierte noch bis März 1929, als der Eintrag im Handelsregister gelöscht wurde. Vor dem Haus in der Agnesstraße liegt heute ein Stolperstein für Max Bernstein, der hier aber erst in den 1930er Jahren wohnte. 1928, als Edwards Mutter Emma in der Staatskrankenanstalt Friedrichsberg starb, wurde im Sterberegister die Adresse Holzdamm 42 an­gegeben.

Edward Deitelzweig-Senior hatte mindestens vier Geschwister, zwei Brüder und zwei Schwestern. Juanita (geb. 1901) und Sol Wilhelm (geb. 1903) waren älter als er, Edgar (geb. 1906) und Ellen (geb. 1907) jünger. Vermutlich verlebten die Kinder in Winterhude in der Agnesstraße eine unbeschwerte behütete Kindheit. Erwachsen wurden sie in wirtschaftlich schwierigen Zeiten, und nach 1933 wurde ihre bürgerliche Existenz endgültig zerstört. Der Bruder Edgar Emanuel Deitelzweig-Senior konnte im Herbst 1937 nach Curacao emigrieren, wohin ihm seine nichtjüdische Ehefrau Anna-Lisa Anfang 1939 folgte. Auch Sol Wilhelm wanderte im Mai 1939 von Berlin nach Curacao aus. Seine nichtjüdische Ehefrau Elisabeth und sein Sohn Jürgen zogen von Berlin nach Hamburg zu Alexander Deitelzweig-Senior in den Eppendorfer Baum 10, wo sie das Kriegsende erlebten. Erst nach dem Krieg wanderten sie auf die Antillen aus. So war die karibische Heimat des Vaters für zwei seiner Kinder die Rettung. Vermutlich fühlten sich Edgar und Wilhelm in der Emigration nicht so fremd wie viele andere emigrierte Hamburger Juden. Es gab wohl immer rege verwandtschaftliche Beziehungen zwischen Hamburg und den Antillen. In den Melderegistern sind solche Besuche verzeichnet. Einen Hinweis darauf bietet der Eintrag im Sterberegister zu Edwards Tante Rosaura Senior, geb. Henriguez. Rosaura war die Ehefrau von Alexanders Bruder Edwin Senior aus Curacao. Sie starb 1926 im Eppendorfer Universitätskrankenhaus. Wahrscheinlich war sie gerade zu Besuch in Hamburg.

In welchen Verhältnissen die Familienmitglieder Deitelzweig-Senior in den 1930er Jahren lebten, wissen wir nicht. Der Vater Alexander, die Schwiegertochter Elisabeth und der Enkel Jürgen wohnten 1939 im Eppendorfer Baum 10 parterre, möglicherweise zur Untermiete oder in der Pension von Hedwig Sengstack. Diese Adresse fand auch auf der Kultusteuerkarteikarte von Juanita Erwähnung, bevor sie 1935 emigrierte.

Edward Deitelzweig-Senior war Handlungsgehilfe. In Hamburg hatte er nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten kaum noch eine Erwerbsmöglichkeit und wurde 1935 arbeitslos. Auf der Kultussteuerkarteikarte sind mehrere Hamburger Wohnadressen vermerkt: Moltkestraße 45, Moltkestraße 26, Brahms­allee 125 (bei Breuer) und Lenhartzstraße 6.

Edward Deitelzweig-Senior und seine Schwestern Juanita und Ellen flohen nach Holland, Juanita schon im Januar 1935, Edward im Dezember 1939, nachdem sein Vater im Juni gestorben war. Wann Ellen emigrierte, wissen wir nicht. Juanita lebte in Amsterdam in der Linnaeuskade 52 und arbeitete in einer Wäscherei. Edwards Adresse ist nicht bekannt. Er arbeitete als Büroangestellter. In Sicherheit waren die Geschwister in den Niederlanden allerdings nicht, als die Wehrmacht dort einmarschiert war. Sie wurden verhaftet und deportiert. Am 17. Juli 1943 kam Edward ins Lager Westerbork, von wo er am 20. Juli 1943 ins Vernichtungslager Sobibor deportiert und am 23. Juli ermordet wurde. Juanita starb in Auschwitz.

Die jüngere Schwester Ellen wurde am 4. September 1944 von Westerbork nach Theresienstadt deportiert. Sie hatte das Glück, 1945 in einer internationalen Hilfsaktion von There­ienstadt zusammen mit etwa 1.200 Personen in die Schweiz gebracht zu werden. H. G. Adler schreibt dazu, dass es im Januar 1945 zu einer Abmachung zwischen dem Schweizer Alt-Bundespräsidenten Jean Marie Musy und Himmler gekommen war. Es durften nur solche Jüdinnen und Juden in die Schweiz reisen, deren nächste Angehörige nicht in den Osten deportiert worden waren, außerdem durften es keine Intellektuellen oder Personen von Rang sein.

Bei den Recherchen zu diesem Buch fanden wir noch eine weitere Person, die über die Schweiz gerettet wurde, nämlich Edith Sänger, für deren Familie Stolpersteine in der Bundesstraße 95 in Eimsbüttel liegen (s. Text zu Familie Sänger).

Emma und Alexander Deitelzweig-Senior sind auf dem Jüdischen Friedhof in Ohlsdorf an der Ilandkoppel begraben.

© Susanne Lohmeyer

Quellen: 1; 2 (FVg 3017); 4; 5; StaH 113-6, 1221; StaH 231-3, A13 Bd 20, lfd Nr. 30599; StaH 231-7, A1 Bd 40, lfd Nr. 9688; StaH 332-5 Standesämter, 9820 und 1880/1926; StaH 332-5, 213 und 822/1887; StaH 332-5, 411 und 1706/1897; StaH 332-5, 6421 und 276/1900; StaH 332-5, 7086 und 245/1928; StaH 332-5, 8164 und 268/1939; StaH 332-7 Staatsangehörigkeitsaufsicht A I e 40 Bd 5 Bürgerregister 1845-1875; StaH 332-8 Meldewesen A30 K4357; StaH 351-11 AfW 31576, AZ 291105 und 070930 (Jürgen Deitelzweig-Senior); Arolsen Transportliste Westerbork; BA Liste der jüdischen Einwohner im Deutschen Reich 1933–1945; Bauprüfakte Agnesstraße 2; H. G. Adler, Theresienstadt 1941–1945, S. 199f.; www.ghetto-theresienstadt.de/pages/t/transporte.htm, Zugriff 20.6.2010; www.jfhh.org; HAB II 1890, 1897, 1905, 1910, 1915, 1919, 1926, HAB IV 1898 und 1907; Auskunft Jose Martin, Joodse Monument, v. 25.1.2012.

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