Namen, Orte und Biografien suchen


Bereits verlegte Stolpersteine


zurück zur Auswahlliste

Dagmar Schulz * 1940

Marckmannstraße 135 (ehemalige Kinderklinik) (Hamburg-Mitte, Rothenburgsort)


DAGMAR SCHULZ
JG. 1940
ERMORDET 21.7.1943

Weitere Stolpersteine in Marckmannstraße 135 (ehemalige Kinderklinik):
Andreas Ahlemann, Rita Ahrens, Ursula Bade, Hermann Beekhuis, Ute Conrad, Helga Deede, Jürgen Dobbert, Anneliese Drost, Siegfried Findelkind, Rolf Förster, Volker Grimm, Antje Hinrichs, Lisa Huesmann, Gundula Johns, Peter Löding, Angela Lucassen, Elfriede Maaker, Renate Müller, Werner Nohr, Harald Noll, Agnes Petersen, Renate Pöhls, Gebhard Pribbernow, Hannelore Scholz, Doris Schreiber, Ilse Angelika Schultz, Magdalene Schütte, Gretel Schwieger, Brunhild Stobbe, Hans Tammling, Peter Timm, Heinz Weidenhausen, Renate Wilken, Horst Willhöft

Kinderkrankenhaus Rothenburgsort

Im früheren Kinderkrankenhaus Rothenburgsort setzten die Nationalsozialisten ihr "Euthanasie-Programm" seit Anfang der 1940er Jahre um.
33 Namen hat Hildegard Thevs recherchieren können.

Eine Tafel am Gebäude erinnert seit 1999 an die mehr als 50 ermordeten Babys und Kinder:

In diesem Gebäude
wurden zwischen 1941 und 1945
mehr als 50 behinderte Kinder getötet.
Ein Gutachterausschuss stufte sie
als "unwertes Leben" ein und wies sie
zur Tötung in Kinderfachabteilungen ein.
Die Hamburger Gesundheitsverwaltung
war daran beteiligt.
Hamburger Amtsärzte überwachten
die Einweisung und Tötung der Kinder.
Ärzte des Kinderkrankenhauses
führten sie durch.
Keiner der Beteiligten
wurde dafür gerichtlich belangt.



Weitere Informationen im Internet unter:

35 Stolpersteine für Rothenburgsort – Hamburger Abendblatt 10.10.2009

Stolpersteine für ermordete Kinder – ND 10.10.2009

Stolpersteine gegen das Vergessen – Pressestelle des Senats 09.10.2009

Die toten Kinder von Rothenburgsort – Nordelbien.de 09.10.2009

35 Stolpersteine verlegt – Hamburg 1 mit Video 09.10.2009


Wikipedia - Institut für Hygiene und Umwelt

Gedenken an mehr als 50 ermordete Kinder - Die Welt 10.11.1999

Euthanasie-Opfer der Nazis - Beitrag NDR Fernsehen 29.05.2010

Hitler und das "lebensunwerte Leben" - Andreas Schlebach NDR 24.08.2009
©


Dagmar Schulz, geb. 14.12.1940 in Hamburg, ermordet am 21.7.1943.

Dagmar Schulz war das erste Kind ihrer mit zwanzig Jahren noch jungen Eltern, die bei den Eltern in der Heinrich-Barth-Straße/Rotherbaum wohnten. Dagmars Vater, von Beruf Tankwart, war bei der Wehrmacht.

Als Dagmar ein halbes Jahr alt war, hatte ein Dr. Hermann sie aufgrund ihres Aussehens mit der Diagnose "Myxödem" (Schilddrüsenunterfunktion) in das Kinderkrankenhaus Rothenburgsort eingewiesen. Als Symptome dieser Schilddrüsenunterfunktion zeigte sie geschwollene Händchen und ein entsprechendes Gesicht. Zu dem Krankheitsbild hätte Verstopfung gehört, die jedoch nicht vorlag, und der Blutzuckerbelastungstest zum Nachweis des Myxödems fiel negativ aus. Wilhelm Bayer äußerte in seinem Arztbrief an den Kollegen Hermann, dass evtl. ein genetisch bedingter, dominant-rezessiv vererbter Enzymmangel vorliege, dessen Symptome sich durch eine milchsäurefreie Diät beheben, zumindest lindern ließen. Um diese einzuleiten, musste Dagmar kurze Zeit fasten. Danach erhielt sie Buttermilch und schließlich, als Ersatz für Muttermilch, Citrettenmilch. Mehrfach musste sie durch eine Sonde ernährt werden. Zusätzlich setzte Bayer eine Thyreoidinkur (ein Medikament, das aus der getrockneten, pulverisierten Schilddrüse eines Schafs hergestellt ist und bis heute erfolgreich bei Schilddrüsenerkrankungen angewendet wird) zur Aktivierung der Schilddrüse an. Diese Therapie wurde am 30. Juni 1941 abgebrochen und Dagmar nach Hause entlassen, als das Krankenhaus durch eine Sprengbombenexplosion auf dem benachbarten Güterbahnhof beschädigt und evakuiert wurde.

Im Juli 1941 kontrollierte der Arzt noch einmal die Wirkung der Behandlung und stellte fest, dass die Haut weitere, für ein Myxödem typische Symptome aufwies, außerdem sei sie – inzwischen sieben Monate alt – träge und zeige keine geistige Entwicklung.

Ein Jahr später, am 17. August 1942, brachte die Mutter ihre Tochter in die "Kinderfachabteilung" in der Heil- und Pflegenstalt Langenhorn, von der sie durch eine Bekannte gehört hatte. Ihr Mann hatte inzwischen die Scheidung eingereicht und der "Behandlung" des Kindes zugestimmt. Ob es sich hierbei um die Behandlung im Sinne des "Reichsausschusses" handelte, ließ sich nicht klären.

Friedrich Knigge, der leitende Arzt, nahm Dagmar als ein gutmütiges, freundliches Kind wahr, das aufmerksam "fixierte", aber mit eineinhalb Jahren noch nicht selbstständig sitzen und nicht sprechen konnte. Er führte erfolgreich eine weitere Thyreoidin-Kur durch, nach der Dag­mar lebhafter wurde und allein am Gitter ihres Bettchens stehen konnte. Sie reagierte zwar immer noch nicht auf ihren Namen, suchte aber Beachtung und Zuwendung, wenn jemand zu ihr trat.

Nachdem der Vater die Scheidungsklage zurückgenommen hatte, holte seine Frau am 10. Oktober 1942 ihre Tochter wieder nach Hause. Wir wissen nicht, warum sie danach wieder ins Kinderkrankenhaus Rothenburgsort gelangte, wo sie am 21. Juli 1943 starb. Ursula Petersen ermordete sie am selben Tag wie Rita Ahrens. Die Krankenschwester Dorothee Bodenstein sagte 1948 aus, vier Kinder hätten plötzlich Fieber bekommen und seien verstorben, von einem habe sie gewusst, dass es Dagmar geheißen habe.

Die Sterberegister, in denen beider Tod verzeichnet war, fielen dem "Feuersturm" eine Woche später zum Opfer. Im Sterberegister des Krankenhauses wurde "z. B. Schilddrüsenstörung" angegeben.

© Hildegard Thevs

Quelle: StaH 213-12 Staatsanwaltschaft Landgericht NSG, 0017-001; 352-8/7 Staatskrankenanstalt Langenhorn, Abl. 2000/1, 30371.

druckansicht  / Seitenanfang