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Johanna Allen
Johanna Allen
© Yad Vashem

Johanna Allen (geborene Simon) * 1899

Curschmannstraße 8 (Hamburg-Nord, Eppendorf)


HIER WOHNTE
JOHANNA ALLEN
GEB. SIMON
JG. 1899
DEPORTIERT 1941
LITZMANNSTADT / LODZ
CHELMNO / KULMHOF
ERMORDET MAI 1942

Weitere Stolpersteine in Curschmannstraße 8:
Helene Elsa Bauer, Ilse Lippstadt, Sara Gertrud Theiner, Iwan von der Walde

Johanna/Johanne Allen, geb. Simon, geboren 1.6.1899, am 25.10.1941 ins Getto Lodz deportiert und im Vernichtungslager Chelmno ermordet

Curschmannstraße 8, Eppendorf

William und Auguste Simon, geborene Jacobsohn/Jakobsohn bekamen in Burgwedel drei Kinder: Richard, geboren am 26. Mai 1884, Albert, geboren am 31. August 1885, und Martha Simon, geboren am 7. September 1887. Die Familie zog am 1. September 1895 von Burgwedel nach Lehrte, dort kam das viertes Kind, Johanna Simon, geboren am 1. Juni 1899, zur Welt.

Über die Kindheit der Geschwister ist uns nichts bekannt. William Simon starb am 20. April 1913 in Lehrte, als Johanna knapp 14 Jahre alt war. Später absolvierte sie, die auch "Hanni" gerufen wurde, eine Ausbildung zur Kontoristin.

1925 heiratete sie Henry Hans Allen, der am 15. Juni 1900 als erstes von fünf Kindern der Eltern Lewis Spanier Allen und Minna Simon, geb. Ruben, in Hamburg im Grindelhof 47 geboren worden war.

Hans Allen arbeitete als Ingenieur, technischer Betriebsleiter und Angestellter bei den Oelwerken Julius Schindler GmbH in Hamburg. Er hatte an der Technischen Hochschule in Berlin den Grad eines Diplom-Ingenieurs erworben.

Das Ehepaar bekam den Sohn Claus am 11. Oktober 1927 in Hamburg. 1928 wohnte die Familie im Behrkampsweg 11 in Lokstedt, wechselte 1930 in die Zesenstraße13 in Winterhude, wo sie eine Wohnung im Erdgeschoss bezog. 1934 zog sie in die Werderstraße 7 nach Harvestehude.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten veränderte sich ab Sommer 1933 schlagartig das Alltagsleben der Jüdinnen und Juden auch in Hamburg. Die Jüdische Gemeinde gewann als ihr gesellschaftlicher Mittelpunkt zunehmend an Bedeutung. Am 18. April 1934 trat Johanna Allen in die Jüdische Gemeinde ein. Kurz darauf, am 23. Juni 1934, trennte sich das Ehepaar. Am 17. Dezember 1935 wurde die Ehe geschieden. Für Johanna und Claus Allen begann ein von Umzügen geprägtes Leben.

Johanna Allen wohnte zunächst zur Untermiete bei Helene Elsa Bauer in der Curschmannstraße 8 in Eppendorf. (Helene Elsa Bauer beging am 7. März 1942 Selbstmord, siehe www.stolpersteine-hamburg.de). 1935 zog sie in die Bogenstraße 19 und kurze Zeit später in die Hallerstraße 2. 1936 lebten Johanna Allen und Sohn Claus im Grindelberg 44. Nach der Scheidung unterhielt Hans Allen seine Ex-Frau und den gemeinsamen Sohn Claus Allen jährlich mit 3.600 RM.

Der 11-jährige Claus Allen zog 1938 in das Jüdische Waisenhaus am Papendamm 3. Dort wurden nicht nur Waisen oder Halbwaisen, sondern auch Kinder aufgenommen, deren Eltern sich aus verschiedenen Gründen nicht um sie kümmern konnten. Das Waisenhaus organisierte zudem die Auswanderung von Kindern über die sogenannte "Kinder und Jugend-Aliyah". Die Organisation hatte Recha Freier 1933 gegründet, um die Kinder vor der zunehmenden Bedrohung durch das NS-Regime nach Palästina zu retten, wo sie in Kibbuzim aufgenommen wurden. So auch Claus Allen: Er konnte mit der Kinder-Aaliyah am 28. Dezember 1939 über Berlin nach Palästina fliehen und wurde im Kibbuz Maagan Michael in Palästina als Mitglied aufgenommen. Seinen Namen änderte er dort in Jehuda um.
Sein Vater wurde währenddessen am 9. November 1938 im Zuge des Novemberpogroms im KZ Fuhlsbüttel inhaftiert und dann ins KZ Sachsenhausen eingeliefert. Nach seiner Entlassung stand für ihn fest, dass er Deutschland verlassen würde. Er war im Besitz einer Schreibmaschine und eines Cellos im Schätzwert von 100 RM. Die Mitnahme des Cellos wurde genehmigt, die der Schreibmaschine abgelehnt. Im Jahre 1939 flüchtete er nach England. Kurz vor seiner Abreise zahlte er seiner geschiedenen Ehefrau noch eine Abfindung in Höhe 2.200 RM und überließ ihr die Schreibmaschine.

Johanna Allen stellte am 12. März 1939 ebenfalls einen Antrag auf Auswanderung nach England. Kurz zuvor ließ sie ihr Umzugsgut bei der Firma Keim & Co., Holstenstraße 41-65 einlagern. Sie wollte eine der wenigen Möglichkeiten nutzen, die England jüdischen Flüchtlingen bot, und dort als Hausangestellte arbeiten. Im Umzugsgut befand sich eine Schreibmaschine, denn sie hoffte, später wieder als Sekretärin arbeiten zu können.
Die Einreiseerlaubnis kam zu spät. Am 30. Mai 1939 stand fest, dass die geplante Flucht gescheitert war.

Seit Oktober 1941 wohnte Johanna Allen in der Barmbeker Straße 127 in Winterhude zur Untermiete bei Anna Levy, geboren am 30. Mai 1864. (Anna Levy nahm sich am 15. Juli 1942 angesichts der Deportation das Leben. Ein Stolperstein für sie liegt in der Barmbeker Straße 127. Siehe www.stolpersteine-hamburg.de.)

Johanna Allen erhielt den Deportationsbefehl für den ersten Großtransport aus Hamburg. Sie musste sich, wie alle zur Deportation Einbestellten, am Vorabend im Logenhaus an der Moorweidenstraße einfinden. Der "Jüdische Religionsverband", wie sich die Jüdische Gemeinde nun nennen musste, hatte Doppelstockbetten für die Übernachtung aufgestellt. Die Verpflegung organisierten Helferinnen und Helfer vom Jüdischen Gemeinschaftshaus in der Hartungstraße.

Der Zug mit den zu deportierenden Menschen fuhr am 25. Oktober 1941 vom Hannoverschen Bahnhof (heute Hafencity) in Hamburg ab. 1034 Jüdinnen und Juden mussten die Fahrt antreten. Sie gelangten am nächsten Tag um die Mittagszeit am Bahnhof Radegast in Lodz an, das die deutschen Besatzer in "Litzmannstadt" umbenannt hatten. Der Fußweg zum Getto war kurz. Das Ziel war das jüdische Armenviertel von Lodz, Baluty, das von der deutschen Verwaltung als Getto eingerichtet worden war. Die Deutschen Besatzer hatten ein Wohn- und Produktionsgetto mit zahlreichen Fabriken in Baluty eingerichtet, in denen vor allem Textilien hergestellt wurden. Ob Johanna Allen dort arbeitete, wissen wir nicht.

Zeitweise waren der (zensierte) Postverkehr ins und aus dem Getto und auch Geldzustellungen in dasselbe erlaubt. Was die Deportierten nicht erfuhren: Ein Großteil ihrer Postkarten wurde nicht zugestellt. So schrieb Johanna Allen am 9. Dezember 1941 eine Karte an Jacob Hecht, einen Freund, der sich offensichtlich im Konzentrationslager Groß Rosen befand:
"Mein lieber Jacob!
Endlich ist es mir möglich Dir ein Lebenszeichen zukommen zu lassen. Ich bin seit Ende Oktober in Litzmannstadt, es geht mir gesundheitlich gut, hoffentlich Dir auch. Deine 2 Zeilen vom 26. Okt. und 2. Nov. wurden mir nachgesandt. Leider kann ich Dir deine Wünsche betr. Zeitung und der Wollsachen nicht erfüllen. Lotte ist mit dem gleichen Transport hierhergekommen, ich sehe sie ab und zu, wir leben aber nicht in der gleichen Gemeinschaft. Ich habe leider durch das Abhandenkommen meines Gepäcks sehr viele Schwierigkeiten und da hat Lotte vollkommen verzagt. Von d. Mutter schon 2 x Post, sie schreibt, dass Claus inzwischen einmal schrieb, wie immer vergnügt. Nun leb wohl, mein Lieber, halt Dich gesund und lass dich herzlich grüßen. Deine Hanni."

Mit "Lotte" ist vermutlich die Schwester von Jacob Hecht gemeint, die mit Johanna Allen von Hamburg aus nach Lodz deportiert worden war. (An Charlotte Hecht erinnert ein Stolperstein in der Isestraße 79, an Jacob Hecht einer in der Straße Beim Schlump 9. Siehe: www.stolpersteine-hamburg.de).

Am 10. Dezember 1941 schrieb Johanna Allen an ihre Mutter Auguste Simon:
"Geliebte Mutter!
Soeben trifft eine Geldsendung ein und ich sage Dir und der lb. Irma [Vermutlich ist Johannas Schwägerin Irma Simon gemeint. Siehe Stolpersteine in Lehrte: www.qrsml.de/stolpersteine/] meinen allerbesten Dank. Ich gab eben am Schalter eine Postkarte an Martha auf. [Johanna Allens Schwester Martha Simon] Hast Du ihr schon meine Bitte unterbreitet? Ich möchte aber auf keinen Fall, das J. [Vermutlich Jacob Hecht] dabei zu kurz kommt, denn er hat jetzt keinerlei Hilfe. Hast Du seine Adresse? Sonst geht es mir gesundheitlich nach Wunsch und hoffe dasselbe von Euch Beiden. Wie siehts mit Irma aus? Und was schreibt Martha in dieser Beziehung? Wegen Keim antworte ich schon. Da ist nichts zu machen. Lebt wohl, haltet Euch gesund, wie ich es auch tue. Eure Hanni"

Beide Schreiben erreichten ihre Empfänger nie. (Vor einigen Jahren wurde im Keller des damaligen Postamtes ein Karton mit Karten gefunden, die inzwischen vom Archiv in Lodz digitalisiert wurden.)

In der Zwischenzeit wurde in Hamburg der Hausrat von Johanna Allen im März 1942 eingezogen und versteigert. Er erbrachte dem Deutschen Reich einen Reinerlös von 1.561,60 RM.

Kurz darauf, am 10. Mai 1942, wurde Johanna Allen aus ihrer Unterkunft in der Richterstraße 9 im Getto Lodz ins nahegelegene Vernichtungslager Chelmno/Kulmhof weiterdeportiert. Dort wurden die Häftlinge in Gaswagen getrieben und mit Kohlenmonoxid ermordet.

Johanna Allen traf dieses Schicksal kurz vor ihrem 43. Geburtstag.

Zum Schicksal der Mutter und Geschwister von Johanna Allen:
Auguste Simon wurde am 23. Juli 1942 von Hannover nach Theresienstadt deportiert. Sie starb dort am 23. März 1943. Ein Stolperstein für sie liegt am Sedanplatz 16 in Lehrte. (Siehe Stolpersteine in Lehrte: www.qrsml.de/stolpersteine/)

Zum Schicksal von Richard Simon können wir nichts berichten.

Albert Simon heiratete Irma, geborene Malsch, geboren am 7. Juni 1890. Sie bekamen die Kinder Heinz Simon, geboren am 11. Mai 1917, und Frank Simon, geboren am 4. August 1921. 1937 flüchtete Heinz Simon in die USA, 1938 folgten Frank und Albert Simon. Die zurückgebliebene Irma Simon wurde nach Riga deportiert und nach Kriegsende befreit. Für die Familie liegen Stolpersteine am Sedanplatz 16 in Lehrte. (Siehe www.qrsml.de/stolpersteine/).

Martha Simon, geboren am 7. September 1887, heiratete am 4. September 1906 Max Speier, geboren am 21. Dezember 1883. Sie bekamen die Kinder Merry, geboren am 13. Juli 1907, und Kurt Speier, geboren am 10. April 1910. Merry Speier heiratete Aron Salomon, geboren am 1. Februar 1867. Das Ehepaar wurde ins KZ Bergen-Belsen und weiter nach Auschwitz deportiert und ermordet. Kurt Speier heiratete Hendrina Gobits, geboren am 15. Januar 1917. Sie wurden am 28. Mai 1943 nach Sobibor deportiert und ermordet. Für Kurt Speier, Martha Speier, Max Speier und Merry Speier liegen Stolpersteine in der Bismarckstraße 77 in Bremen. (Siehe Stolpersteine in Bremen: https://www.stolpersteine-bremen.de/ und Liste der Stolpersteine in Verden (Aller) – Wikipedia).

Stand: April 2023
© Bärbel Klein

Quellen: 1; 2; 4; 5; StaH, 213-13 Landgericht Hamburg - Rückerstattung 13612 und 20922 (Johanna Allen), 351-11 AfW 23612 (Henry Allen), 48296 (Jehuda Allen); 522-01 Jüdische Gemeinde Nr. 0161 Mitgliederliste; 741-4 Fotoarchiv K4165 (Allen), K2351 (Curschmannstraße); Mail aus Lehrte am 5.7.2022 mit der Meldekarte und Geburtsurkunde von Johanna Simon; Briefe von Lodz Nr. 1027 und 1028, www.szukajwarchiwach.pl (Zugriff 3.10.2021); Liste der Stolpersteine in Lehrte – Wikipedia: www.wikipedea; www.ancestry.de; www.geni.com (Zugriff 10.05.2022); Schlüsseldokumente: IGdJ (igdj-hh.de) (Zugriff 18.04.2023); Holocaust Survivors and Victims Database - Search for Names (ushmm.org) Weiterdeportation von Johanna Allen nach Chelmno (Zugriff am 29.09.2020);
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

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