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Dr. Joseph Carlebach
© Yad Vashem Photo Archiv 4981/66

Dr. Joseph Zwi Carlebach * 1883

Hallerstraße 76 (Eimsbüttel, Rotherbaum)

1941 Riga
ermordet 26.3.1942 Riga-Bikernieki

Siehe auch:

Weitere Stolpersteine in Hallerstraße 76:
Alice Baruch, Sara Carlebach, Charlotte Carlebach, Noemi Carlebach, Ruth Carlebach, Margarethe Dammann, Gertrud Dammann, Charlotte Dammann, Dina Dessau, Felix Halberstadt, Josabeth Halberstadt, Elsa Meyer, Margarethe Meyer, Alice Rosenbaum, Julius Rothschild, Jente Schlüter

Dr. Joseph Zwi Carlebach, geb. am 30.1.1883 in Lübeck, deportiert am 6.12.1941 nach Riga-Jungfernhof, ermordet am 26.3.1942
Charlotte Helene (Lotte) Carlebach, geb. Preuß, geb. am 16.12.1900 in Berlin, deportiert am 6.12.1941 nach Riga-Jungfernhof, ermordet am 26.3.1942
Ruth Rosa Cilly (Ruthi) Carlebach, geb. am 11.8.1926 in Altona, deportiert am 6.12.1941 nach Riga-Jungfernhof, ermordet am 26.3.1942
Noemi Carlebach, geb. am 24.10.1927 in Altona, deportiert am 6.12.1941 nach Riga-Jungfernhof, ermordet am 26.3.1942
Sara Stella Baby Carlebach, geb. am 24.12.1928 in Altona, deportiert am 6.12.1941 nach Riga-Jungfernhof, ermordet am 26.3.1942

Hallerstraße 76

Joseph Hirsch (Zwi) Carlebach wurde am 30.1.1883 in Lübeck geboren. Der Nachname Carlebach geht vermutlich auf die Bezeichnungen der Orte Groß- und Kleinkarlbach zurück, zwei kleine pfälzische Weinbaugemeinden unweit von Grünstadt. In amtlichen badischen Aktenüberlieferungen fand "Carlebach" als jüdischer Familienname bereits seit dem frühen 18. Jahrhundert Erwähnung. Zwei Familienzweige der Carlebachs lassen sich nachweisen, die in Mannheim und Heidelberg siedelten. Stammvater der späteren Rabbinerdynastie Carlebach war Josephs Großvater Hirsch Joseph Carlebach (1802–1881) in der vormaligen Reichsstadt Heidelsheim, der sich im Vieh- und Güterhandel betätigte.

Neun Kinder gingen aus der Ehe Hirsch Carlebachs mit seiner aus Michelbach in Württemberg stammenden Gattin Cilly, geb. Stern (1811–1883), hervor. Josephs Vater Salomon kam 1845 als zweitjüngster von sechs Söhnen zur Welt. Sein Bildungsweg, der ihn nach dem Besuch der örtlichen jüdischen Volksschule ans Gymnasium in Bruchsal führte, veranschaulicht auch das wachsende Bestreben der deutschen Juden insgesamt, sich durch den Zugang zur europäischen Kultur der allgemeinen Umwelt zu öffnen. Am Lyceum in Karlsruhe bestand Salomon Carlebach 1865 seine Abiturprüfungen mit Auszeichnung. Nach Studien in Würzburg und Berlin wurde er 1868 in Tübingen zum Doktor der Philosophie promoviert. 1869 wurde er zudem als Rabbiner ordiniert und als solcher wenig später nach Lübeck berufen.

Hier verlobte er sich 1871 mit Esther Adler (1853–1920), der Tochter seines verstorbenen Vorgängers. Esther und Salomon Carlebachs Ehe war gesegnet: Vier Mädchen und acht Knaben kamen bis 1889 zur Welt. Am 30.1.1883 wurde Joseph Zwi geboren, der nach Alexander (1872–1925), Emanuel (1874–1927), Simson (1875–1941), Bertha (Bella) (1876–1960), Ephraim (1879–1936), Sara (1880–1928) und Moses (1881–1939) das achte Kind war. Ihm folgten die Geschwister Cilly (1884–1968), David (1885–1913), Miriam (1888–1962) und der Letztgeborene Hartwig Naphtali (1889–1967), mit dem das Dutzend komplett war.

Joseph besuchte zunächst das Lübecker Katharineum und schrieb sich nach der Reifeprüfung 1901 an der Alma mater in Berlin ein, wo er sich vornehmlich der Mathematik und den Naturwissenschaften zuwandte. 1905 bestand er sein Examen als Oberlehrer, um kurz darauf einem Ruf an das jüdische Lehrerseminar in Jerusalem zu folgen, das der Hilfsverein der deutschen Juden eingerichtet hatte. Nach seiner Rückkehr aus Eretz Israel im Jahre 1907 begann er mit den Vorarbeiten zu seiner Dissertation über den jüdischen Mathematiker Gersonides, mit der er 1909 in Heidelberg promoviert wurde. Erst jetzt absolvierte Carlebach ein Studium am orthodoxen Berliner Rabbinerseminar, an dem er 1914 die Ordination empfing.

Joseph Carlebach zog als Freiwilliger in den Ersten Weltkrieg, den er abseits der Schlachtfelder in Osteuropa erlebte. Von der deutschen Armee mit Erziehungsaufgaben betraut, widmete er sich der Errichtung eines jüdischen Gymnasiums in Kowno.

1919 heiratete Carlebach seine ehemalige Schülerin Charlotte Helene Preuss (1900–1942) in Berlin, mit deren verstorbenen Vater Julius (1861–1913) ihn eine enge Freundschaft verbunden hatte. Im Jahr nach der Hochzeit zogen die beiden gemeinsam mit ihrer ersten Tochter Eva Sulamith nach Lübeck, wo Joseph vorübergehend die Nachfolge seines ebenfalls verstorbenen Vaters als Seelsorger der Jüdischen Gemeinde antrat. Aber bereits 1921 berief die Jüdische Gemeinde Hamburg Carlebach als Leiter der Talmud Tora Realschule am Grindel.

Gemeinsam mit Lotte, Eva Sulamith und der 1920 geborenen zweiten Tochter Esther Helen bezog er eine Wohnung in der Bieberstraße, in unmittelbarer Nähe seiner neuen Wirkungsstätte. Das Ehepaar Carlebach führte ein offenes Haus, in dem zahlreiche Gäste ein- und ausgingen. Für einen lebhaften und zuweilen turbulenten Alltag sorgte auch die wachsende Zahl der Familienmitglieder: 1922 wurden Miriam und Julius Isaak geboren, der aber bald nur noch Buli gerufen wurde. 1924 kam die vierte Tochter Judith Jeanette zur Welt, Peter Salomon folgte als sechstes Kind nur ein Jahr später.

Während seiner Hamburger Jahre setzte sich Carlebach für eine komplette Neugestaltung des Schulbetriebs an der jüdischen Knabenschule ein. Seine Modernisierungsmaßnahmen zielten sowohl auf das Curriculum als auch auf die Methoden des Unterrichts sowie die Einrichtung und Ausstattung des Schulinventars. Zugleich arbeitete er an einer Reformpädagogik für das traditionelle Judentum, die er in mehreren Aufsätzen niederlegte. Als er 1926 die Schulleitung an seinen Nachfolger übergab, gehörte die Talmud Tora Realschule zu den herausragenden höheren jüdischen Lehranstalten im deutschen Sprachraum.

Joseph Carlebach folgte einem Ruf als neuer Oberrabbiner der Hochdeutschen Israelitengemeinde nach Altona, eine Funktion, die auch mit der religiösen Aufsicht über die Jüdischen Gemeinden in Schleswig-Holstein verbunden war. Allerdings zeigte die Familie keine allzu große Eile, ihre Wohnung in der Bieberstraße aufzugeben. Das "jüdische" Grindelviertel mit seiner religiös-kulturellen Infrastruktur, seinen zahlreichen koscheren Lebensmittelgeschäften und hebräischen Buchhandlungen bot die Annehmlichkeiten einer organisch gewachsenen Nachbarschaft, in der Lotte und der Carlebach-Nachwuchs heimisch geworden waren. Am Ende hieß es aber doch Abschied nehmen – die Familie bezog ein neues Domizil in der ufernahen Prachtstraße Palmaille. In den Jahren danach folgten weitere Wohnungswechsel: zunächst in die Behnstraße, von dort zurück in die Palmaille, zuletzt in die Klopstockstraße, das kurze Verbindungsstück zwischen Palmaille und Elbchaussee.

Drei weitere Töchter wurden in Altona geboren: Nach der Geburt von Ruth Rosa Cilly (1926) und Noemi (1927) kam 1928 Sara Stella zur Welt. Im Alter von nur 28 Jahren war Lotte Carlebach stolze Mutter von sieben Mädchen und zwei Jungen. Angesichts dieses Kindersegens war sie dringend auf die Unterstützung einer Haushaltshilfe angewiesen. Allerdings erwies sich die Suche nach verlässlichen Arbeitskräften als zunehmend schwierig. Des Öfteren mussten Stellenanzeigen in der orthodoxen jüdischen Presse geschaltet werden, da sich so manches Kindermädchen den Anstrengungen nicht gewachsen zeigte und bereits nach kurzer Zeit kündigte. Aus diesem Umstand resultierten kürzere oder längere Phasen, in denen der Dame des Hauses gar kein Personal zur Verfügung stand.

Von schweren Migräneanfällen geplagt, musste Lotte zuweilen das Bett hüten und in ein oder zwei Fällen sogar das Israelitische Krankenhaus aufsuchen. Erholung von den Strapazen des Alltags boten nur die seltenen Ferienreisen nach Travemünde, wo Lotte eine unbeschwerte Zeit verleben konnte. Eine gewisse Erleichterung der Hausarbeit verschaffte immerhin auch der jüdische Kindergarten, den die Agudas Jisroel in der Wohlers Allee unterhielt. Sobald sie das schulpflichtige Alter erreicht hatten, besuchten die jungen Carlebachs die jüdische Volksschule, wo sie ihrem Vater auch als Religionslehrer begegneten. Mit der Sexta wechselten die Kinder dann auf Hamburger Schulen. Während die älteren Töchter an der von Alberto Jonas geleiteten Israelitischen Töchterschule in der Karolinenstraße unterrichtet wurden, gingen Isaak und Salomon (Julius und Peter) zur Talmud Tora Oberrealschule, an der jetzt Arthur Spier als Direktor waltete.

Für die Kontinuität jüdischen Lebens stellte die Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 eine Bedrohung dar, der sich Carlebach mit seiner ganzen Energie entgegensetzte. 1936 kehrte die Familie nach Hamburg zurück, wo Joseph das Oberrabbinat des orthodoxen Synagogenverbandes antrat. Anfang Juli 1936 bezogen die Carlebachs ihr neues Domizil in der Hallerstraße 76 (von den Nationalsozialisten in Ostmarkstraße umbenannt). Indessen sollte Rabbiner Carlebach nur noch selten Zeit finden, das Familienleben zu genießen. Der Haushalt wie auch die Erziehung der Kinder lastete auf den Schultern seiner Frau Lotte, die obendrein für das Wohl der in großer Zahl ein- und ausgehenden Gäste sorgte sowie Schreibarbeiten für ihren Mann erledigte.

Angesichts des enormen Arbeitspensums, das er tagein tagaus absolvierte, lebte Lotte Carlebach zugleich in ständiger Sorge um die Gesundheit ihres Mannes, der an einer Herzschwäche litt. Aus Rücksicht auf die angeschlagene Konstitution Josephs verbrachte das Ehepaar Carlebach den Jahreswechsel 1936/37 in Krummhübel, einem heilklimatischen Kurort im schlesischen Riesengebirge. In den folgenden Jahren fehlte allerdings für Erholungsreisen meist die Zeit – und ebenso das Geld. Zunehmende Entbehrungen und wachsende Herausforderungen diktierten den Alltag auch der Hamburger Rabbinerfamilie Carlebach im "Dritten Reich".

Mit dem Thema Emigration befasste sich der Familienrat vor allem nach der Pogromnacht im November 1938. Bis zum Sommer 1939 gelang es Lotte und Joseph Carlebach, fünf ihrer neun noch minderjährigen Kinder in Sicherheit zu bringen. Judith Jeanette und Julius Isaak gelangten bereits im Dezember 1938 mit einem der von den NS-Behörden geduldeten Kindertransporte nach England. Im Frühjahr 1939 reisten die beiden ältesten Mädchen, Esther und Eva Sulamith, mit individuellen "permits" (Einreisegenehmigungen) ebenfalls nach England. Miriam, bereits früh eine glühende Anhängerin des ideellen Zionismus, hatte den Sommer des Jahres 1938 über in dem jüdischen Landjugendheim Wilhelminenhöhe in Hamburg-Blankenese verbracht, wo sie sich in landwirtschaftlichen Schulungen auf ein Leben als Pionierin in Palästina vorbereitete. Sie verließ die Hansestadt einen Tag vor dem Novemberpogrom. Binnen weniger Monate waren so aus fünf Kindern ferne Briefpartner geworden. Allein Lotte Carlebach konnte im Juni 1939 nochmals ihre "englischen" Kinder Eva, Esther, Julius und Judith in die Arme schließen: Als Betreuerin begleitete sie einen weiteren Kindertransport nach London, wo sie mehrere Wochen verbrachte, bevor sie mit dem Flugzeug die Rückreise nach Hamburg antrat. Nach Kriegsbeginn waren Lotte und Joseph Carlebach nahezu vollständig abgeschnitten von ihren im Ausland lebenden Töchtern und Söhnen. Nur noch spärlich und auf Umwegen gelangten Nachrichten aus England und Palästina zu den besorgten Eltern.

Im Oktober 1941, als die jüdische Auswanderung aus Deutschland per Geheimdekret verboten wurde, lebten noch etwa 7500 Juden im Raum Groß-Hamburg. Zu ihnen gehörten die sechs Carlebachs, die den Gedanken an eine Emigration zwar nie vollständig aufgegeben hatten, denen es jedoch bis zum Schluss nicht gelang, konkrete Ausreisepläne zu schmieden. Die Familie konnte sich glücklich schätzen, dass sie weiter in ihrer Mietwohnung in der Ostmarkstraße bleiben durfte. Ein Reichsgesetz hatte nämlich bereits im April 1939 dem Mieterschutz und der freien Wohnungswahl für Juden ein Ende gemacht. Auf diese Weise waren auch die rechtlichen Weichen gestellt worden, um die spätere Konzentration in bestimmten Quartieren, den sogenannten Judenhäusern, zu ermöglichen. Zudem musste Joseph Carlebach, der ja weiter seinen Beruf ausübte, keine Zwangsarbeit leisten, zu der arbeitsfähige Jüdinnen und Juden seit 1940 herangezogen werden konnten. Vom Kennzeichnungszwang allerdings waren auch Lotte und Joseph Carlebach sowie alle vier Kinder betroffen: Seit dem 19. September 1941 mussten Juden mit Vollendung ihres sechsten Lebensjahrs einen gelben Davidstern deutlich sichtbar an ihrer Kleidung tragen, wann immer sie sich außerhalb ihrer eigenen vier Wände bewegten. Carlebach selbst verkündete die neue Anordnung von der Kanzel, verbunden mit dem Appell an die deutsche Judenschaft, den "gelben Fleck" mit Stolz zu tragen.

Auf Befehl der Gestapo wurden seit Oktober 1941 in Hamburg die ersten Deportationen der deutschen Juden durchgeführt. Am 25. November 1941 wurde Joseph Carlebach die Anordnung zugestellt, dass auch seine Familie sich am Sammelpunkt am Grindel einzufinden habe, von wo aus die "Umsiedlung" in den Osten erfolgen sollte. Am 6. Dezember bestiegen die sechs Carlebachs am Hannoverschen Bahnhof den Deportationszug. Der gesamte Transport wurde zunächst in dem Glauben gelassen, die Reise gehe nach Riga, wo nach der Besetzung durch die deutsche Wehrmacht ein jüdisches Getto eingerichtet worden war. Tatsächlich jedoch endete sie in Skirotava, einem kleinen Verladebahnhof, der etwa 12 Kilometer von der lettischen Hauptstadt entfernt lag. Von dort mussten die Verschleppten zu dem bereits überfüllten Arbeitslager Jungfernhof (Jumpravmuiža) marschieren.

Wer die Erinnerungsberichte von Überlebenden aus Jungfernhof liest, gewinnt eine ungefähre Ahnung nicht nur von den organisatorischen Leistungen, die Carlebach im Verlaufe des Winters vollbrachte, sondern auch von dem Trost und Zuspruch, die von seiner Person ausgingen. In den Augen vieler Häftlinge war der Geistliche das "Licht in der Finsternis", weil er sich gemeinsam mit seiner Frau der Aufgabe widmete, "das Los der Schwachen" zu erleichtern, Rat zu erteilen und Halt zu geben. So wichtig die Gegenwart und der Zuspruch Carlebachs für die Stütze und den inneren Zusammenhalt der jüdischen KZ-Gemeinschaft waren, so wenig Anerkennung verschaffte ihm diese aufopfernde Tätigkeit beim Kommandanten des Lagers, der die jüdischen Menschen vornehmlich nach ihrer "Nützlichkeit" als Arbeitssklaven beurteilte. Mit seinen 59 Jahren gehörte Carlebach zu den älteren Gefangenen, die nicht gewinnbringend ausgebeutet werden konnten und für die deshalb in den Augen der SS-Bewacher kein Platz auf dem Gut war. Auch Kinder und ihre Mütter galten als "untauglich" für den Arbeitseinsatz in der Landwirtschaft.

Bereits im Februar 1942 waren Kranke und Sieche aus Jungfernhof abtransportiert und wenig später ermordet worden. Eine wirkliche Zäsur in der Geschichte des Lagers vollzog sich jedoch während der "Aktion Dünamünde" im darauffolgenden Monat. Bei diesem perfiden Täuschungsmanöver wurden die jüdischen Häftlinge zunächst in dem Glauben gelassen, dass alle jene, die keine schweren körperlichen Tätigkeiten verrichten konnten, an den unweit entfernten Hafenort Dünamünde am Rigaischen Meerbusen verlegt würden. Angeblich sollten sie dort in einer Fischkonservenfabrik arbeiten. Auch die Namen von Joseph und Lotte Carlebach und der Töchter Ruth Rosa Cilly (15 Jahre), Noemi (14 Jahre) und Sara Stella (13 Jahre) waren auf den Transportlisten verzeichnet. Lediglich der 16-jährige Salomon Peter, der einem Arbeitskommando zugeteilt wurde, sollte in Jungfernhof zurückbleiben.

Mit Bussen und LKWs in den Hochwald bei Riga verfrachtet, wurden die Todgeweihten in ausgehobene Gruben getrieben, wo ein lettisches Erschießungskommando sie unter Maschinengewehrfeuer nahm. Angehörige des SD befehligten die Bluttaten, bei denen sie auch selbst ihre Waffen zückten und auf die unschuldigen Menschen abfeuerten. Alles in allem wurden 1800 Häftlinge aus Jungfernhof im Verlaufe eines einzigen Tages kaltblütig ermordet. Auch die Mädchen Sara, Noemi und Ruth mit ihren Eltern Lotte und Joseph Carlebach kamen im Hochwald bei Riga um.

Die Schoa überlebte allein Salomon Carlebach, der eine Odyssee durch Gettos und Konzentrationslager durchmachte, bis er im März 1945 in der Nähe von Danzig halb verhungert von der Roten Armee befreit wurde. Als nunmehr Zwanzigjähriger kehrte er zunächst nach Hamburg zurück, wo er auch erstmals wieder Kontakt zu den Geschwistern in England und Palästina knüpfen konnte. 1947 übersiedelte er über Frankfurt am Main in die Vereinigten Staaten. Auch Eva Sulamith, Esther Helen, Miriam, Julius Isaak und Judith Jeanette Carlebach, allesamt inzwischen erwachsen, war das Land, das die Verantwortung für den millionenfachen Judenmord trug, inzwischen zur Fremde geworden. Die vielfältigen Lebenswelten des deutschen Judentums, dessen religiöser Prägung ihr Vater Joseph Carlebach sein gesamtes Schaffen gewidmet hatte, war mit den Menschen vernichtet worden und unwiederbringlich verloren.

Stand: September 2016
© Andreas Brämer

Quellen: Brämer, Joseph Carlebach; Kaufmann, Historisches Umfeld, in: Liss (Hrsg.), Yagdil Tora we-Ya’adir, S. 61–67; Schreiber, Salomon Carlebach, in: Die Carlebachs (hrsg. Ephraim Carlebach Stiftung), S. 16–27, 79; Gillis-Carlebach, Jedes Kind, S. 55–63, S. 173ff.; Walk (Hrsg.), Sonderrecht, S. 347; Gillis-Carlebach (Hrsg.), Jüdischer Alltag, S. 42; dies., Readiness for Death, in: dies./Grünberg (Hrsg.), "… der den Erniedrigten aufrichtet, S. 24–26; Gillis-Carlebach, "Licht in der Finsternis", in: dies./Paul (Hrsg.), Menora, S. 551f.; Angrick/Klein, "Endlösung", S. 342–344; Scheffler/Schulle (Bearb.), Buch der Erinnerung, S. 11, 13.

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