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Alice Baruch * 1898

Hallerstraße 76 (Eimsbüttel, Rotherbaum)

1941 Lodz

Weitere Stolpersteine in Hallerstraße 76:
Sara Carlebach, Charlotte Carlebach, Dr. Joseph Zwi Carlebach, Noemi Carlebach, Ruth Carlebach, Margarethe Dammann, Gertrud Dammann, Charlotte Dammann, Dina Dessau, Felix Halberstadt, Josabeth Halberstadt, Elsa Meyer, Margarethe Meyer, Alice Rosenbaum, Julius Rothschild, Jente Schlüter

Alice Baruch, geb. am 18.1.1898 in Harburg, deportiert nach Lodz am 25.10.1941, ermordet am 10.10.1942

Hallerstraße 76

Als Alice Baruch kurz vor der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert als zweite Tochter des jüdischen Haus- und Hypothekenmaklers Philipp Baruch und seiner Frau Olga zur Welt kam, prägten unzählige rauchende Fabrikschornsteine das Bild ihres Geburtsortes. Immer mehr Zuwanderinnen und Zuwanderer aus nah und fern – darunter auch Philipp und Olga Baruch aus Lüneburg – hatten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der aufstrebenden Industriestadt Harburg a. Elbe einen Arbeitsplatz und ein neues Zuhause gefunden. Einer dieser hohen Schornsteine stand auf dem nahegelegenen Gelände der 1856 gegründeten chemischen Fabrik am Lohmühlenteich im Göhlbachtal. Zu den vielen namhaften Direktoren, die das Werk im Laufe seiner Geschichte leiteten, gehörte auch der Harburger Kommerzienrat und Senator Friedrich Thörl (1820–1886), der Gründer der Vereinigten Harburger Ölfabriken. Die "Chemische" am Lohmühlenteich, die vor allem synthetischen Kalisalpeter herstellte, war bis 1930 in Betrieb. Das Gelände wurde danach in einen Park umgewandelt, der an die Mozartstraße (heute: Hastedtplatz) grenzte, in der die Familie Baruch damals wohnte. Die Harburger Synagoge war in wenigen Minuten zu Fuß zu erreichen. Etwas weiter hatte es Philipp Baruch zu seinen Geschäftsräumen in der Mühlenstraße 28 (heute: Schlossmühlendamm) im Zentrum der Stadt.

Ende 1935 zog Familie Baruch – vermutlich nicht ganz freiwillig – in die Grindelallee 134 in Hamburg-Eimsbüttel und ließ sich kurz vor der Amtseinführung des neuen Oberrabbiners Joseph Carlebach als Mitglied der Hamburger Deutsch-Israelitischen Gemeinde registrieren. Die Eltern und ihre erwachsenen Kinder waren nicht die einzigen Mitglieder der Harburger Synagogengemeinde, die diesen Schritt gingen, weil sie glaubten, dass die Anonymität der Großstadt ihnen besseren Schutz vor antisemitischen Übergriffen böte. Im Grindelviertel erlebten sie tatsächlich eine stärkere Solidarität, die sowohl bei den vielen kleinen Hilfen im Alltagsgeschehen als auch bei der schwierigen Wohnungssuche spürbar wurde. Da Philipp Baruchs Kundenkreis immer kleiner wurde, musste die Familie nun weitgehend von den Ersparnissen leben.

Auch die beiden Töchter Gerda (geb. 23.7.1896) und Alice konnten an dieser Situation nur wenig ändern, da ihre Versuche, einen Arbeitsplatz zu finden, lange ergebnislos verliefen. Erst im Juni 1938 konnte Gerda Baruch sich darüber freuen, dass das jüdische Bankhaus M.M. Warburg bereit war, sie als Kontoristin einzustellen.

Ihre jüngere Schwester Alice bemühte sich um eine Anstellung als Hausangestellte bzw. Dienstmädchen gegen Kost und Logis, was noch schwieriger war, da die "Nürnberger Gesetze" ihr die Arbeit in "arischen" Haushalten verboten und jüdischen Familien meist die Mittel fehlten. So waren viele Beschäftigungsverhältnisse nur von kurzer Dauer, was auch für Alice Baruch galt, als sie schließlich nach vielen Monaten der Erwerbslosigkeit endlich eine Beschäftigung fand. Sie hatte bereits in einigen anderen Familien gearbeitet, als sie zu Beginn des Jahres 1941 von Lotte Carlebach, der Frau des Hamburger Oberrabbiners Joseph Carlebach, als Haustochter eingestellt wurde. Familie Carlebach wohnte damals in der Hallerstraße 76. Für Alice Baruchs Einstellung war womöglich – neben der Bekanntschaft aus der Gemeinde – eine Empfehlung der Eheleute Felix und Josabeth Halberstadt, die im gleichen Haus wohnten und Alice Baruch im Jahr zuvor vorübergehend beschäftigt hatten, ausschlaggebend.

Auch die bekannte Rabbinerfamilie litt zunehmend unter den Einschränkungen, die der NS-Staat den Juden auferlegte, und die Arbeit, die Joseph wie auch Lotte Carlebach für die Gemeinde leisteten, nahm immer größere Ausmaße an. "Wir sind gesund und arbeiten von früh bis spät", schrieb Lotte Carlebach im September 1941 ihrer inzwischen nach Palästina emigrierten Mutter. Im April 1941 wurde die Lage noch schwieriger, da der "Jüdische Religionsverband" seinem Oberrabbiner kein Gehalt mehr auszahlte.

Alice Baruchs Aufenthalt in der Rabbinerfamilie war aber auch aus einem anderen Grunde von kurzer Dauer: Sie gehörte zu den mehr als 1000 Hamburger Jüdinnen und Juden, die im Oktober 1941 den "Evakuierungsbefehl" erhielten, wie der Deportationsbefehl genannt wurde. Darin wurde sie aufgefordert, sich einen Tag vor ihrem für den 25. Oktober 1941 vorgesehenen Transport in der Provinzialloge für Niedersachsen in der Moorweidenstraße einzufinden. Wie alle Empfänger durfte sie nur 50 kg Gepäck (Wäsche, Kleidung und Decken) mitnehmen. Gleichzeitig wurde ihr mitgeteilt, dass sie ein Vermögensverzeichnis auszufüllen und mitzubringen habe und ihr gesamtes Vermögen mit sofortiger Wirkung beschlagnahmt sei. Vielleicht nahm Alice Baruch an dem Fasten teil, das Joseph Carlebach am Vorabend der Abreise zum Zeichen der Trauer ausgerufen hatte.

Die Bahnfahrt der Deportierten vom Hannoverschen Bahnhof im Hamburger Hafen zum Bahnhof Radegast in der polnischen Stadt Lodz, die die deutschen Besatzer inzwischen in "Litzmannstadt" umbenannt hatten, dauerte mehr als einen Tag. Die anschließende Strecke von mehreren Kilometern von der Haltestelle ins überfüllte Getto der Stadt mussten die meisten Neuankömmlinge auf schlammbedeckten Straßen, vorbei an verfallenen Häusern, zu Fuß zurücklegen. Sie wurden zunächst in Schulen untergebracht und dann nach einer Neuordnung der Wohnraumbelegung mit weiteren Einschränkungen auf Unterkünfte in Holzhäusern ohne Wasseranschluss und auf Fabriken zur Steigerung der Produktionskapazitäten verteilt. Alice Baruch kam zunächst in der Zgierska (Hohensteinerstraße) 51 und später in der Flisaka (Hausiererstraße) 2 unter. Als Arbeitsplatz wurde ihr eine Stelle in der Friedhofsgärtnerei zugewiesen.

Der Alltag war von Hunger, physischer Erschöpfung, unzumutbaren Wohnverhältnissen, bangen Fragen um das Schicksal von Angehörigen und der Angst vor den Abtransporten mit unbekanntem Ziel gekennzeichnet. Die "Aussiedlungen" – zunächst vorwiegend polnischer, nicht mehr arbeitsfähiger Jüdinnen und Juden – begannen im Dezember 1941 und zogen sich dann mit einigen Unterbrechungen über die nächsten drei Jahre hin. Sie führten in die nahegelegene Tötungseinrichtung Chelmno (Kulmhof) und ins Vernichtungslager Auschwitz/Birkenau. Als im Mai 1942 auch die ersten reichsdeutschen Jüdinnen und Juden von diesen "Aussiedlungen" erfasst wurden, befand sich Alice Baruch unter den Betroffenen. In ihrer Not wandte sie sich mit einem schriftlichen Gesuch um Rückstellung an die "Ausreise-Kommission" in der Fischstraße (Rybna). Unterstützt wurde sie dabei von ihrem Arbeitgeber, der Abteilung für Straßen- und Gartenbau des Gettos. Sie hatte Glück: Die Aussiedlungsaufforderung wurde zurückgenommen, da sie am Arbeitsplatz nicht ohne Weiteres zu ersetzen war.

Dieses Glück blieb ihr bei der nächsten großen Deportationswelle vom 3.–12. September 1942 versagt. Diesmal organisierte die SS den Abtransport weitgehend ohne Mithilfe der jüdischen Selbstverwaltung. Die deutschen Behörden verhängten dafür eine mehrtägige Ausgangssperre und trieben die Bewohnerinnen und Bewohner der Reihe nach aus ihren Wohnungen auf die Straße, wo sie dann zur Selektion antreten mussten. In den Unterlagen der Gettoverwaltung wird der 10. Oktober 1942 als Tag der "Abwanderung" Alice Baruchs genannt. Es ist zu vermuten, dass sie im Rahmen der Septemberdeportationen nach Chelmno deportiert und ermordet wurde. Wahrscheinlich erfolgte die Eintragung ihres Todestages angesichts der dadurch bedingten starken Arbeitsbelastung der Gettobürokratie erst etwas später.

Am 21. August 1979 hinterlegte Charlotte Koopmann, geb. Hirschfeld, eine Freundin aus Harburger und Hamburger Tagen, in der Gedenkstätte Yad Vashem ein Gedenkblatt für Alice Baruch. Die Tochter der ebenfalls ermordeten jüdischen Eheleute Isidor und Käthchen Hirschfeld, die einst in Harburg und später auch in St. Georg ein Bettenhaus geführt hatten, hatte den Holocaust überlebt, da sie im September 1938 mit ihrem Mann Meinhard Koopmann in die USA auswandern konnte.

Zu den Opfern der Shoa zählten auch Alice Baruchs Eltern, die am 19. Juli 1942 zunächst nach Theresienstadt und von dort ins Vernichtungslager Treblinka deportiert wurden, und ihre Schwester Gerda, die sich am 18. November 1941 in den Transport nach Minsk einreihen musste und dort ums Leben kam.

Stand: September 2016
© Klaus Möller

Quellen: 4; 5; 8; Harburger Opfer; Archivum Pánstwowe w Lodzi; Auskunft Fritz Neubauer, Bielefeld (USHMM, Bestand Lodz, Aussiedlungskommission); Brämer, Carlebach; Gillis-Carlebach, Jedes Kind; Löw, Juden im Getto Litzmannstadt; Eichengreen, Von Asche zu Leben; Gottwald/Schulle, "Judendeportationen"; Meyer (Hrsg.), Verfolgung; Truels, Harburgensien.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

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