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Carl Theodor Griesel * 1879

Ifflandstraße ggü. Einmündung Schröderstr. (vormals Schröderstraße 5) (Hamburg-Nord, Hohenfelde)


HIER WOHNTE
CARL THEODOR
GRIESEL
JG. 1879
VERHAFTET
KZ FUHLSBÜTTEL
MISSHANDELT
TOT AN FOLGEN
5.2.1942

Carl August Theodor Griesel, geb. am 27.11.1879 in Kassel, gestorben am 5.2.1942 an Haftfolgen

Ifflandstraße gegenüber der Einmündung Schröderstraße (früher: Schröderstraße 5)

In der Familie von Johanna und Bruno Beger blieb die Erinnerung an "Opa" Carl Griesel stets lebendig und fand ihren Ausdruck in der Setzung eines Stolpersteins für ihn neben der "Schwimmoper" in Hamburg. Dort stand früher das Wohnhaus Schröderstraße 5, in dem Carl Griesel lange lebte. Als Johanna Beger kurz vor ihrem Tod im Oktober 1989 ihre Tochter Renate nach Erinnerungen an ihren Opa fragte, hatten sich diese zu "Liebe und Güte" verdichtet. Renate Beger, verheiratete Tubenthal, lebt mit inneren Bildern von ihrem Großvater. Ein Foto von ihm besitzt sie nicht, offenbar gibt es auch keines.

Carl August Theodor Griesel kam am 27. November 1879 in Kassel zur Welt. Seine Mutter Anna Elisabeth, 1850 in der Nähe von Fritzlar geboren, hatte vor ihrem Zuzug nach Kassel als Magd und Schäferin gearbeitet und 1871 ihren ersten Sohn, Adam, geboren. Während über dessen Vater nichts bekannt ist, war Carls Vater offenbar ein gut situierter Bürger. Als Carl sechs Jahre alt war, heiratete seine Mutter, die inzwischen auch als Amme und Wäscherin ihr Auskommen gesucht hatte, den Schneider August Alsfeld. Er war dreizehn Jahre älter als sie und schon einmal verheiratet. Seinen Stiefsohn Carl Griesel hat er nicht adoptiert. Ein Jahr nach der Eheschließung brachte Elisabeth Alsfeld den Sohn August zur Welt, im Jahr darauf die Tochter Anna Katharina Maria Elisabeth und 1890 einen weiteren Sohn, der als Säugling starb. Carl war 14 Jahre alt und besuchte bereits das Gymnasium, als 1894 sein jüngster Halbbruder, Johann David August Ernst, geboren wurde. Die Familie war evangelisch-reformiert und streng religiös.

Statt zu studieren, wie es sein leiblicher Vater offenbar gewünscht hatte, suchte Carl Griesel einen Weg, möglichst schnell selbstständig zu werden. Er ging ins Kaufmännische und trat als Vertreter in einen christlichen Verlag ein, vermutlich den Oncken-Verlag, der 1899 seinen Firmensitz von Hamburg in das zentral gelegene Kassel verlegt hatte. Anfang 1901 hielt sich Carl Griesel vorübergehend in Hamburg auf. Er kehrte zwischen seinen Reisen immer wieder nach Kassel zurück und wohnte dann im Haushalt seiner Mutter und seines Stiefvaters. Das änderte sich auch mit seiner Heirat nicht. Kurz vor seinem 22. Geburtstag, am 23. November 1901, schloss er die Ehe mit der zwanzigjährigen Augusta Maria Degenhardt, die ebenfalls aus Kassel stammte. Das erste gemeinsame Kind, die Tochter Hertha Maria, starb ebenso wie die dritte Tochter Johanna Elisabeth noch im ersten Lebensjahr. Beide Mädchen wurden in Kassel geboren. Die zweite Tochter, Elsa, überlebte zumindest das Säuglingsalter. Sie wurde in Düsseldorf geboren, wo sich Carl und Maria Griesel 1902 aufhielten. 1903 wurde Düsseldorf die Basis, zu der beide immer wieder zurückkehrten, bis Carl sich 1909 endgültig abmeldete. Er wollte "auf Reisen" gehen. Seine Ehefrau blieb noch ein Jahr länger in Düsseldorf. Am 6. August 1911 wurde die Ehe geschieden.

Bereits am 16. April 1911 war Carl Griesels Mutter Elisabeth Alsfeld 61-jährig in Kassel gestorben. Im November 1911 heiratete seine einzige Schwester einen Schriftsetzer. Der Stiefvater August Alsfeld überlebte seine Witwe um 13 Jahre und starb 1924 im Alter von 87 Jahren.

Auf einer Oderfahrt während einer Dienstreise nach Breslau lernte Carl Griesel die Schneiderin Martha Pauline Strauch kennen. Sie war am 1. Dezember 1886 in Ohlau in Niederschlesien geboren worden und kam aus einer kinderreichen römisch-katholischen Familie. Aus beruflichen Gründen zog Carl Griesel nach Hamburg, wo Martha Strauch eine Anstellung in einem Putzgeschäft annahm. Am 20. März 1915 wurde die einzige gemeinsame Tochter Johanna Charlotte, auch Hanni genannt, geboren. Die Eltern heirateten erst sehr viel später.

Anfang der 1920er-Jahre zog Martha Strauch mit ihrer inzwischen schulpflichtigen Tochter nach Breslau, wo diese dreieinhalb Jahre lang die Schule besuchte. Danach kehrten beide nach Hamburg zurück und Johanna wechselte auf das Mädchengymnasium am Lerchenfeld. Martha Strauch übernahm die Leitung einer Filiale eines Damenputzgeschäftes und trat zum evangelisch-lutherischen Glauben über. Am 27. Oktober 1927 schloss sie die Ehe mit Carl Griesel. Beide wohnten in der damaligen Stellbergstraße 19 (heutige Starstraße) in Barmbek-Nord, ihre Trauzeugen waren ein Bote und ein Bürogehilfe aus dem Staatlichen Versorgungsheim in der Oberaltenallee/Uhlenhorst.

Johanna Strauch behielt den früheren Namen ihrer Mutter. Sie schloss ihre Schulbildung mit dem Fachabitur ab und absolvierte anschließend die Ausbildung zur Kauffrau; eine eigene Ausbildung auch für Mädchen war in ihrer Familie eine Selbstverständlichkeit.

Carl Griesels Tätigkeit als Vertreter wurde mehrfach durch Erwerbslosigkeit unterbrochen. Einige Male nahm er auch Arbeit im Hafen an, was aber wegen seiner schwachen körperlichen Konstitution nie von langer Dauer war. Das Einkommen seiner Ehefrau Martha machte die Ausfälle nicht wett, weshalb die Familie häufig umzog und zeitweilig in Untermiete wohnte. 1930 wurde Carl Griesel als Haushaltsvorstand mit eigener Wohnung in der Haynstraße 20 im Hamburger Adressbuch aufgeführt, danach erst wieder ab 1936 in der Schröderstraße 5.

Carl Griesels Wertvorstellungen hatten ihre Grundlagen in seiner streng religiösen Erziehung. Daraus entwickelte er seine humanistische Weltsicht, seine weitreichende Bildung eignete er sich autodidaktisch an und legte Wert auf Ästhetik. Er wurde Mitglied einer Freimaurerloge. Politisch war er deutsch-national eingestellt, blieb aber parteilos und stand in Opposition zur nationalsozialistischen Ideologie. Durch die Heirat seiner Tochter wurde er jedoch gezwungen, sich mit dieser auseinander zu setzen. Johanna Strauch heiratete 1937 Bruno Beger, geboren am 2. Februar 1911 in Hamburg. Er war gelernter Konditor und nach der Beschreibung seiner Tochter ein "idealistischer Nationalsozialist". Wohnhaft im Jean-Paul-Weg 4 in Winterhude, wurde er hauptamtlicher Kreispropagandaleiter des Kreises 4 (heute der mittlere Bereich des Bezirks Hamburg-Mitte). Offenbar gelang es Carl Griesel, das Verhältnis zu seinem Schwiegersohn einigermaßen spannungsfrei zu halten. Dieser verließ Hamburg um die Jahreswende 1939/1940, um den Posten als Kreisamtsleiter in Kalisch im Warthegau unter dem dortigen Gauleiter und Reichsstatthalter Arthur Greiser anzutreten.

Eine besondere Beglückung war für Carl Griesel die Geburt des ersten Enkelkinds, Renate, am 8. Juli 1938. Als die zweite Enkeltochter 1941 geboren wurde, erfuhr er zwar davon, sah sie jedoch nicht mehr.

Einzelheiten der folgenden, wirren Jahre lassen sich nicht mehr ordnen. Carl Griesel pflegte Kontakte mit jungen Leuten, debattierte mit ihnen und führte ein Jugendtheater. Wohl wegen seines Nonkonformismus wurde er denunziert, was Razzien und zweimalige Inhaftierung zur Folge hatte. Nach der zweiten Haft, aus der er schwer krank entlassen wurde, kam er im Männerheim der Heils-armee in der Gustavstraße 12 in Hammerbrook unter. Seine Frau, inzwischen völlig mittellos, konnte die Kosten seiner Behandlung nicht aufbringen. Anfang 1942 besuchte sie ihre Tochter Johanna in Schlesien, die sich dort zu einer Kur aufhielt. So war sie nicht zugegen, als Carl Griesel am 3. Februar 1942 in das zur Universitätsklinik Eppendorf gehörige Hilfskrankenhaus Kaiser-Friedrich-Ufer 6 eingeliefert wurde. Dort starb er am 5. Februar 1942 im Alter von 62 Jahren an Bluthochdruck und Herzasthma. Auf dem Totenschein wurde zunächst sein ursprünglicher Beruf, Büchervertreter, eingetragen, dann "Bücher" gestrichen. Carl Griesel wurde auf dem Ohlsdorfer Friedhof beigesetzt. Für einen Grabstein fehlte das Geld.

Martha Griesel zog zu ihren Kindern nach Kalisch (ehemals Polen, zu der Zeit Reichsgau Wartheland) und flüchtete bei Kriegsende mit ihnen zurück nach Westdeutschland. Sie starb 1953 in Wehnen bei Bad Zwischenahn.

Stand: Mai 2016
© Hildegard Thevs mit Renate Tubenthal

Quellen: StaH 332-5 Standesämter 6664 u. 443/1927 (Nebenregister); 8181 u. 179/1942; StaH 352-5 Todesbescheinigungen 1942 StA 2b, Nr. 179; Hamburger Adressbücher 1915–1943; BA NSDAP-Gaukartei, NSDAP-Zentralkartei; Gaunachrichten Hamburg; E-Mail 31.10.12 Ulf Bollmann; Stadtarchiv Kassel, Melderegistereinträge, E-Mail 3.7.2009, 19.11.2012; Stadtarchiv Düsseldorf, Melderegister, E-Mail 21.11.2012.

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