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Walter Gutmann mit seiner Tochter Hilde 1936
Walter Gutmann mit seiner Tochter Hilde 1936
© Leo Baeck Institut

Walter Gutmann * 1893

Hellkamp 39 (Eimsbüttel, Eimsbüttel)

Auschwitz
ermordet 21.01.1943

Walter Gutmann, geb. am 22.1.1893 in Hamburg, seit 1938 mehrfach verhaftet, im KZ Auschwitz ermordet am 21.1.1943

Hellkamp 39
Horner Weg 25

Am 24. Januar 1939, einem Dienstag, erschien im NEW ZEALAND HERALD ein Artikel mit den Überschriften
AGONIE DER JUDEN
HASS IN DEUTSCHLAND
NAZIFÜHRER ANGEKLAGT
AUFRUF EINES EX-SOLDATEN AN DIE WELT
"ICH OPFERE MEIN LEBEN"

Es handelte sich um die Übersetzung eines Auszugs aus einer vervielfältigten Flugschrift, die Walter Gutmann, ein Hamburger Kaufmann und Jude, in Hamburg und ganz Deutschland verteilt hatte. Sein Onkel, Henri Gutmann aus Kaiaua, einer Küstensiedlung am Firth of Thames auf der neuseeländischen Nordinsel, übergab den Text der Zeitung. Er erzählte, Mutter, Bruder und Schwester des Autors seien nun in Auckland und die übrigen Familienmitglieder in den USA. Der Verfasser habe gewartet, bis alle Verwandten im Ausland in Sicherheit waren, und dann seinen Aufruf an das deutsche Volk herausgebracht. Seine Familie wisse nichts von seinem Schicksal und befürchte, dass er tot sei.

Wer war Walter Gutmann? Seine jüdische Familie, ehemalige orthodoxe Fürther "Schutzjuden", die im 19. Jahrhundert wirtschaftlich und sozial aufgestiegen waren, lebten seit Generationen in Deutschland. Europaweit handelten sie mit Kleidern und Textilien. Walter Gutmanns Urgroßvater Feitel, geboren 1784 in Fürth, war nach Hamburg gezogen, wo er ab 8. September 1805 gemeldet war. Walter Gutmanns Eltern, der Schneidermeister Hermann Gutmann und Ida, geb. Gutmann, waren Vetter und Cousine.

Als Walter 1893 als viertes Kind seiner Eltern geboren wurde, wohnte die Familie im Stadtteil Rotherbaum in der Rutschbahn 3. Nach dem Besuch der Realschule machte Walter eine dreijährige kaufmännische Ausbildung in einer Samenhandlung. Als der Erste Weltkrieg begann, arbeitete er gerade in Bologna, kehrte aber nach Deutschland zurück, da er es als 21-Jähriger als seine Pflicht empfand, an der Front für sein Vaterland zu kämpfen. Auch seine Brüder Otto und Robert meldeten sich freiwillig. 1916 geriet er bei der Schlacht um Verdun in französische Gefangenschaft und kehrte erst 1920 nach Hamburg zurück. 1934 erhielt er das von Reichspräsident Hindenburg gestiftete Frontkämpferehrenkreuz, das auch jüdischen Antragstellern bei den entsprechenden Nachweisen verliehen wurde.

Er arbeitete hier in seinem erlernten Beruf, meldete sich aber Ende Juni 1921 nach Weißenfeld an der Saale ab; von dort wechselte er nach Frankfurt/Main und dann nach Erfurt, wo er eine Stelle als Prokurist in einer Samengroßhandlung annahm.

Walter Gutmann heiratete im Oktober 1923 die Lehrerin Else, geb. Deutschländer, sieben Jahre älter als er und Witwe seines Onkels Jules/Julius Richard, einem Seidenhändler in Lyon, der im Ersten Weltkrieg gestorben war. Aus erster Ehe hatte Else die Tochter Sabine (geb. 1913), und in der zweiten Ehe mit Walter Gutmann wurde 1925 Tochter Hilde geboren.

1926 kehrte das Ehepaar nach Hamburg zurück und bezog eine Wohnung in Hamm, Horner Weg 25 a. Walter Gutmann versuchte in den folgenden Jahren, als Selbstständiger wie als Angestellter in der erlernten Branche den Lebensunterhalt für seine Familie zu erwirtschaften, was ihm aber kaum gelang. Die wirtschaftliche Lage und seelisch-nervliche Kriegsfolgen waren vermutlich auch die Gründe für das Scheitern der Ehe. Walter Gutmann wurde im Juli 1933 geschieden; er galt als allein schuldig.

Else und die gemeinsame Tochter Hilde Gutmann emigrierten am 30. November 1938 in die USA und ließen sich in St. Louis/Missouri nieder. Bereits 1936 hatten Walter Gutmanns hoch betagte Mutter Ida und seine ledigen Geschwister Gertrud und Robert Deutschland verlassen, um in Neuseeland Zuflucht zu finden. Der Vater Hermann war bereits am 12.3.1923 an einem Hirnschlag in Hamburg gestorben.

Walter Gutmann wurde im Februar 1938 zum ersten Mal für einige Tage im Polizeigefängnis Fuhlsbüttel inhaftiert. Die Vorwürfe wie "Rassenschande" waren unbegründet und nach elftägigem Verhör entließ man ihn wieder, da ihm keine strafbaren Handlungen nachgewiesen werden konnten. Trotz seiner persönlichen Probleme und der wachsenden Bedrohung der jüdischen Bevölkerung ging er nicht ins Exil, da er immer noch daran festhielt, dass er als Deutscher das Recht habe, hier im Land zu leben. Seine finanzielle Situation jedoch wurde immer prekärer. Im Herbst 1938 zog er mit seinem Lager und Büro in den Hellkamp 39. Laut Adressbuch wohnte er in der Greifswalder Straße 56. Der Novemberpogrom 1938 lieferte ihm die letzte Bestätigung, dass er in Deutschland wirtschaftlich nicht mehr Fuß fassen konnte.

Frühzeitig beschäftigte sich Walter Gutmann mit Hitlers Schrift "Mein Kampf" und der dahinter stehenden Ideologie. Im Gegensatz zu vielen anderen Deutschen las er diese Schrift sehr genau. Er erkannte die massenpsychologische Wirksamkeit von Projektionen und sah, wie geschickt Hitler es verstand, sich diese Mechanismen zu eigen zu machen. Er wollte mit Flugblättern darauf aufmerksam machen und zum Widerstand aufrufen.

Walter Gutmann besaß noch eine Büroausstattung mit Schreibmaschinen, Vervielfältigungsapparat und Wachsbögen, mit denen er selbst heimlich die Flugschriften herstellte. Er versandte sie per Post ins In- und Ausland. Die Empfänger waren einerseits Verwandte, Kunden und Gläubiger, andererseits wählte er sie willkürlich aus Adressbüchern aus und bevorzugte dabei Parteigenossen. Er erfand sechs Absender und ließ dafür extra Stempel anfertigen. Am 11. Dezember 1938 brachte er die Schriften selbst in Hamburg, Hannover und Bremen zum Versand. Längst nicht alle Briefe erreichten ihre Empfänger. Allein das Postamt Darmstadt fing, aufgrund der Überwachung der Auslandspost, 600 Sendungen ab. Umso erstaunlicher ist, dass die Verwandten in Auckland ihre Sendung erhielten. Er appellierte leidenschaftlich an die Solidarität und die Mitverantwortung der übrigen Bevölkerung:

"Es gibt friedliche Mittel innerhalb und außerhalb der Partei, dem Führer den Willen des Volkes zu zeigen. Geflüsterte Sympathien nützen uns nichts. Warum gibt es Schmierfinken und Ansager, die verlogene Meldungen wider ihr besseres Wissen verbreiten? Wann werden Richter und Staatsanwälte ablehnen, nach verbrecherischen Gesetzen zu urteilen; wann wird der Gelehrte aufhören, die Ergebnisse seiner freien Forschung den Wünschen der Politik unterzuordnen? Zeigt alle, die ihr mit den Pogromen nicht einverstanden seid, Euren Willen, indem ihr freiwillig für wenige Wochen auf das verzichtet, was uns dauernd verboten ist. Ich meine nicht, dass ihr nicht baden sollt, solch ein Schwein bin ich nicht. Wenn aber alle Gegner der Judenpolitik die für die Juden gesperrten Straßen meiden, in Berlin Unter den Linden, in Hamburg den Dom, wenn alle Autofahrer nur die nächste Woche den Wagen einstellen, wenn alle Gaststätten gemieden würden, die sich das Judenverbot haben anbringen lassen, wenn man sich alle die Geschäfte merken würde, die Aasgeier den Juden abgeramscht haben, glaubt ihr nicht, dass sich die dadurch Geschädigten, die genau wie ihr heute sagen, ‚wir können nichts tun’, dann sehr schnell auf Mittel und Wege zur Abhilfe besinnen würden?"

Am 12. Dezember 1938 versuchte Walter Gutman, sich das Leben zu nehmen. Wir wissen nicht, wie die Gestapo davon Kenntnis erhielt, jedenfalls verhinderte sie den Selbstmord, verhaftete ihn, und damit begann für ihn ein unvorstellbarer Leidensweg. Vom Lazarett des Untersuchungsgefängnisses kam er ins Polizeigefängnis Fuhlsbüttel. Im Mai 1939 wurde er wegen "Volksverhetzung" (nach dem Heimtückegesetz vom 20.12.1934) vom Hanseatischen Sondergericht zu viereinhalb Jahren Gefängnis verurteilt - zynischerweise mit dem Hinweis, dass in solchen Fällen eigentlich fünf Jahre vorgesehen seien, er aber wegen seines Einsatzes als Frontkämpfer im Ersten Weltkrieg eine Strafminderung von sechs Monaten erhalte. (Dieses Urteil wurde erst am 17. Februar 2020 aufgehoben.)

Nach der Überstellung in die Haftanstalt Wolfenbüttel bemühte er sich um eine Auswanderungserlaubnis nach Chile. 1940 erkrankte er schwer, in Hamburg wurde ihm ein Bein unterhalb des Knies amputiert. Er scheint trotz der schweren Belastungen jedoch innerlich recht gefasst gewesen zu sein, wie dies einem Brief an seine Mutter zu entnehmen ist, der wegen französischer Zitate von der Gefängnisleitung einbehalten wurde: "Du musst Dich nicht um mich sorgen, liebe Mama, und Dir nicht einbilden, dass ich kopfhängerisch wäre. Was die Freiheit anbetrifft, tröste ich mich mit dem Wolfenbütteler Lessing: Es sind nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten! Überhaupt werden die Zellwände noch nicht oft so viele klassische Verse gehört haben, wie jetzt von mir. Ihr habt uns eine Bildung ermöglicht, die ein guter Schutz gegen Einsamkeit ist…"

Im Januar 1942 wurde er wieder in die Strafanstalt in Wolfenbüttel zurückverlegt. Aufgrund eines Erlasses vom Oktober 1942 sollten alle Haftanstalten in Deutschland nach damaliger Sprachregelung "judenfrei" gemacht und alle jüdischen Häftlinge nach Auschwitz deportiert werden. Walter Gutmann wurde zusammen mit drei weiteren Männern dorthin verlegt. Auf seiner Gefängnisakte ist vermerkt. "Abgang am 19. Dezember 1942 infolge einer Verlegung in das KZ-Lager Auschwitz".

Dort wurde er im Stammlager registriert. Über seine letzten Lebenstage ist nichts bekannt. Unter der Nummer 2903/1943 vermerkte das Totenbuch am 28. Januar 1943, dass er am 21. Januar an "Herzasthma" verstorben sei.

Die Angabe der Todesursache durch den SS-Arzt Bruno Kitt dürfte genauso fiktiv sein wie die des Todesorts "Kasernenstraße". (Bruno Kitt wurde am 8.10.1946 in Hameln hingerichtet.)

Stand: März 2020
© Recherche und Text: Susanne Lohmeyer, Hildegard Thevs

Quellen: 1; 8; StaHH 231-7, A 1 Band 113, Nr. 25865; StaHH 242-1II Gefängnisverwaltung II Ablieferung 16 Untersuchungshaftkartei Männer; StaHH 314-15 OFP, FVg 3553; StaHH 332-5, 2656-973/1883; StaHH 332-5 Geburtenregister, 9084 + 124/1893; StaHH 332-5, 8780-568/1923; StaHH A I e 40 Bürgerregister, Band 9.;StaHH 332-8 Meldewesen, A 30 Alt-Hamburg 1892-1925; StaHH 522-1, 388 c Mitgliederzählung 1928; StaHH 522-1, 992 d Band 11 Steuerakte; Gedenkstätte Auschwitz, Sterbeurkunde, E-Mail 12.9.2019; Herlemann, Beatrix: "Euch rufe ich auf, deutsche Männer und Frauen!”: der einsame Protest des Walter Gutmann. In: Herzig, Arno (Hrsg.): Die Juden in Hamburg 1590 bis 1990: wissenschaftliche Beiträge der Universität Hamburg zur Ausstellung "Vierhundert Jahre Juden in Hamburg",. Hamburg 1991, (Die Geschichte der Juden in Hamburg 1590 – 1990; Bd. 2), S. 537-544; Klee, Ernst, Auschwitz, Personenlexikon, Frankfurt am Main 2013; Unveröffentlicher Text für den Gedenkgottesdienst am 9.11.2008 in der Apostelkirche in Eimsbüttel, verfasst von Hanna Esslinger und Monica von Koschitzky; https://paperspast.natlib.govt.nz/newspapers/NZH19390124.2.168, dankenswerterweise übermittelt durch Álvaro Díaz Gutmann, London, 4.10.2019;. "J’accuse = Ich klage an". Eine Widerstandsaktion nach dem 9. November 1938, in: Eine verschwundene Welt. Jüdisches Leben am Grindel, Hg. Ursula Wamser und Wilfried Weinke, Springe 2006, S. 254 ff., 311 ff.; Konrad Kwiet/Helmut Eschwege, Selbstbehauptung und Widerstand. Deutsche Juden im Kampf um Existenz und Menschenwürde 1933-1945, Hamburg 1984, 2. Aufl. 1986, S. 243 f.; BuArchiv R 187/210; Wamser/Weinke, S. 312.; Gutmann Family Collection, Leo Baeck Institute New York, http://archive.org/stream/gutmannf001/gutmannf001_djvu.txt; Bescheinigung der Aufhebung des Urteils AZ 11 Js. Sond. 109/39 vom 17.2.2020, Auskunft Gedenkstätte Wolfenbüttel, erhalten 15.10.20120.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

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