Namen, Orte und Biografien suchen


Bereits verlegte Stolpersteine


zurück zur Auswahlliste

Wilhelm Heidsiek * 1888

Rathausmarkt 1 (links vor dem Rathaus) (Hamburg-Mitte, Hamburg-Altstadt)


WILHELM HEIDSIEK
MDHB 1933 SPD
JG. 1888
VERHAFTET 1944
"AKTION GEWITTER"
NEUENGAMME
TOT 7.11.1944

Weitere Stolpersteine in Rathausmarkt 1 (links vor dem Rathaus):
Kurt Adams, Etkar Josef André, Bernhard Bästlein, Adolf Biedermann, Gustav Brandt, Valentin Ernst Burchard, Max Eichholz, Hugo Eickhoff, Theodor Haubach, Ernst Henning, Hermann Hoefer, Franz Jacob, Friedrich Lux, Fritz Simon Reich, August Schmidt, Otto Schumann, Theodor Skorzisko, Ernst Thälmann, Hans Westermann

Wilhelm Heidsiek MdHB

Wilhelm Heidsiek kam am 4. Januar 1888 in Preußisch-Oldendorf, Westfalen als siebtes Kind eines Tischlermeisters zur Welt. In seinem Heimatort besuchte er die Volksschule, bevor er im nahegelegenen Bad Essen eine Lehre als Schrift- und Maschinensetzer durchlief.

Nach Abschluss seiner Lehrjahre zog es Wilhelm Heidsiek zunächst ins Ruhrgebiet, wo er u.a. in Essen und Herford arbeitete. Hinzu kam bereits hier eine, auch sein weiteres Leben prägende Weiterbildung. Was 1909 mit Abendkursen an der Essener Fach- und Kunstgewerbeschule begann, setzte er später in Hamburg intensiv im Rahmen des "Arbeiterbildungswesens" fort.

Zunächst aber kam der junge Schriftsetzer über eine kurze Station in Gelsenkirchen im Mai 1910 nach Cuxhaven, damals noch ein Teil der Freien und Hansestadt Hamburg. Dass ihm die Stadt an der Elbmündung nach dem Ersten Weltkrieg zur zweiten Heimat und nicht zuletzt zur Hauptstätte seines politischen Wirkens werden sollte, war auch ein Ergebnis der zahlreichen Kontakte, die er in seinen frühen Cuxhavener Jahren als Maschinensetzer beim "Cuxhavener Volksblatt" knüpfen konnte. Hier fand Heidsiek über die Gewerkschaftsbewegung zur Sozialdemokratie, deren Cuxhavener Geschichte in den 1920er Jahren engstens mit seinem Namen verknüpft ist.

Cuxhaven blieb aber vorerst nur eine Zwischenstation: 1912 siedelte er nach Hamburg über, wo er vor allem die in der Großstadt gegebenen Fortbildungsmöglichkeiten nutzte.

Von 1914 bis 1918 war Heidsiek als Soldat im Ersten Weltkrieg. Mit dem Eisernen Kreuz I. und II. Klasse ausgezeichnet, kehrte er nach Kriegsende nach Hamburg zurück, wo er Arbeit beim "Hamburger Fremdenblatt" fand. 1919 kehrte er, inzwischen verlobt, nach Cuxhaven zurück, um hier mit politischer und finanzieller Unterstützung des Hamburger Landesverbandes der SPD eine sozialdemokratische Zeitung aufzubauen.

Nach der Ausrufung der "Sozialistischen Republik Cuxhaven" im Januar 1919 standen die Zeichen günstig, eine breite Leserschaft zu erreichen. Doch die Revolution endete am 1. August 1919 mit der Wiedereinsetzung des Amtsverwalters Friedrich Sthamer durch den Hamburgischen Senat.

Im Oktober 1919 wurde Wilhelm Heidsiek zum Redakteur und Vorstandsmitglied des neu zu gründenden Zeitungsunternehmens gewählt, wobei er Redakteur, Setzer und Drucker in einem war. Die nach dem Cuxhavener Wahrzeichen "Alte Liebe" benannte Zeitung mit dem Untertitel "Cuxhavener Volksblatt für das hamburgische Amt Ritzebüttel und Umgegend" erschien erstmals am 1. Dezember 1919.

Der Durchbruch zu einem, auch über sozialdemokratische Parteigrenzen hinweg verbreiteten Medium gelang Heidsiek während des Kapp-Putsches: Trotz Generalstreik und ausbleibenden Matern vom "Hamburger Echo" konnte die "Alte Liebe", im Gegensatz zu anderen Zeitungen, weiterhin erscheinen.

Mit der Übernahme einer eigenen Druckerei am 1. Januar 1921 erreichte die "Alte Liebe" bis zu ihrem Verbot am 15. März 1933 eine Auflage von etwa 3 000 Exemplaren. Parallel zur Etablierung der "Alten Liebe" vollzog sich der Aufstieg Heidsieks in die Führungsgremien des damals etwa 1400 Mitglieder starken SPD-Stadtverbandes. Bis 1933 gehörte er dem Parteivorstand der Cuxhavener Sozialdemokraten an, zunächst als stellvertretender, ab 1929 als erster Vorsitzender.

Ebenfalls 1929 wurde er Fraktionsvorsitzender der damals 13köpfigen SPD-Ratsfraktion und übernahm die Leitung der Ortsgruppe des "Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold", die er fünf Jahre zuvor mitbegründet hatte. Heidsieks Interessen waren nicht nur auf die Politik begrenzt: Sein kulturelles und gesellschaftliches Engagement in und für Cuxhaven zeigte sich in vielen Ehrenämtern, u.a. war er Mitglied des Kirchenkreises, saß im Kirchenvorstand und wirkte im Vorstand des Cuxhavener Stadttheaters.

Als Ortsgruppenleiter des Reichsbanners war Heidsiek immer wieder Anfeindungen und Provokationen von Seiten der Nationalsozialisten ausgesetzt. Insbesondere nach der Machtübernahme 1933 kam es wiederholt zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen den Parteiformationen. Zumeist von SA-Trupps provoziert, bot dieser "Straßenterror" die Basis administrativen Eingreifens gegen die von staatlicher Seite her nicht geschützten Mitglieder des "Reichsbanners". Heidsiek hingegen nannte in einem Artikel in der "Alten Liebe" vom 20. Februar 1933 die Schuldigen beim Namen und führte mit Blick auf die SPD-Anhängerschaft aus: "Wer einer Weltanschauung von 12 Millionen Deutschen die Ausrottung ankündigt, wer darüber hinaus noch alle Teile des deutschen Volkes verfemt, die heute der ‚nationalen autoritären‘ Regierung nicht folgen, der verschärft die Gegensätze bis zur Siedehitze. [...] Wer den Haß predigt, [...] sodaß es nicht mehr politische Gegner, sondern erbitterte Feinde gibt, der darf sich nicht wundern, wenn irgendwo ein Funke genügt, um Explosionen hervorzurufen." Wilhelm Heidsiek war nur für kurze Zeit Mitglied der Hamburger Bürgerschaft und hatte nicht einmal Gelegenheit, sein Mandat als Volksvertreter wahrzunehmen.

Die am 5. April 1933 gebildete Bürgerschaft, in die Heidsiek als einer von 35 SPD-Abgeordneten einzog, war bereits kein demokratisch legitimiertes Parlament mehr. Freie Wahlen hatte es nach der Zwangsauflösung durch das "Vorläufige Gesetz zur Gleichschaltung der Länder mit dem Reich" vom 31. März 1933 nicht mehr gegeben, vielmehr war die Bürgerschaft entsprechend dem Hamburger Reichstagswahlergebnis vom 5. März 1933 umgebildet worden. Als diese "gleichgeschaltete" Bürgerschaft am 10. Mai 1933 erstmals zusammentrat, waren die Mandate der KPD bereits durch Senatsverordnung vom 5. April kassiert. Aber auch Heidsiek war nicht anwesend, als Alterspräsident Henningsen vom Wirtschaftsbund in seiner Eröffnungsrede verkündete, dass er der letzten demokratischen Bürgerschaft "keine Träne" nachweine. Die SPD hatte sich aus Protest gegen die am selben Tage verfügte Beschlagnahme ihres Parteivermögens und -eigentums und auch in der Befürchtung, Provokationen und Nachstellungen ausgesetzt zu sein, nicht zur Eröffnungssitzung eingefun-den. Gleichzeitig bekundete sie aber durch ihren Fraktionsvorsitzenden Podeyn schriftlich ihren Willen zur "positiven, sachlichen Mitarbeit" in der neuen Bürgerschaft. Nur sechs Wochen später, am 23. Juni 1933, wurden die SPD-Abgeordneten, darunter Wilhelm Heidsiek, per Senatsverordnung aus der Bürgerschaft ausgeschlossen.

Nach dem Verbot der SPD am 22. Juni 1933 folgte auch in Cuxhaven die Entlassung wichtiger Parteifunktionäre, darunter Wilhelm Heidsiek, aus Sicherheitsgründen durch die illegale Parteileitung und ihre Ersetzung durch weniger bekannte Parteimitglieder. Dennoch wurde Heidsiek in der Folgezeit mehrfach in "Schutzhaft" genommen. Im Juni 1933 verurteilte ihn ein Gericht wegen Beteiligung an einer nicht genehmigten Kundgebung im Vorfeld der Reichstagswahlen vom 5. März zu einer insgesamt zehnwöchigen Haftstraße, die er vom 2. Oktober bis zum 16. Dezember 1933 im Gefängnis Otterndorf verbüßte. Später war er mündlicher Überlieferung zufolge noch einmal sieben Monate in Fuhlsbüttel inhaftiert.

Das Verbot der sozialdemokratischen Presse kam für Wilhelm Heidsiek einem Berufsverbot gleich. Die "Alte Liebe" erschien zuletzt am 15. März 1933, das Vermögen der "Cuxhavener Volksblatt GmbH" wurde am 10. Mai im Zuge einer reichsweiten Aktion gegen Zeitungen und Büros der SPD von den Nationalsozialisten beschlagnahmt.

Ab dem 1.August 1933 erschien in dem Mitte 1932 fertiggestellten Pressehaus am Kaemmererplatz, in dem auch die Heidsieks wohnten, das nationalsozialistische "Cuxhavener Tageblatt". Eine bescheidene wirtschaftliche Existenz konnte Wilhelm Heidsiek seiner Familie durch den Handel mit Seifen und Waschmitteln sowie durch eine Tätigkeit als Steuerberater sichern. Seine damit verbundene Reisetätigkeit gab ihm zugleich Gelegenheit, Kontakt zu illegalen Parteikreisen in Norddeutschland und zu Exilkreisen in Skandinavien zu halten.

Im engsten Freundeskreis gab er Schriften der illegalen Parteiorganisation weiter, die entweder ihm selbst oder dem ihm eng befreundeten Sozialdemokraten August Lück zugänglich gemacht wurden.

Nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 wurde Wilhelm Heidsiek verhaftet. Von August bis Oktober war er im Cuxhavener Gefängnis inhaftiert, wurde aber nicht entlassen, sondern ins Konzentrationslager Neuengamme gebracht.81 Dort kam er am 7. November 1944 unter ungeklärten Umständen ums Leben.

In Cuxhaven trägt heute eine Straße den Namen Wilhelm Heidsieks. Im einem nach ihm benannten Verlag werden Schriften des "Fördervereins zur Geschichte der Arbeiterbewegung in Stadt und Landkreis Cuxhaven" gedruckt und vertrieben.

© Text mit freundlicher Genehmigung der Bürgerschaft der Freien und Hansestadt Hamburg (Hrsg.) entnommen aus: Jörn Lindner/Frank Müller: "Mitglieder der Bürgerschaft – Opfer totalitärer Verfolgung", 3., überarbeitete und ergänzte Auflage, Hamburg 2012

druckansicht  / Seitenanfang