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Stolpersteine in Hamburg
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Bereits verlegte Stolpersteine



Rosa Meyer (geborene Winsen) * 1880

Rumpffsweg 39 (Hamburg-Mitte, Hamm)

1941 Riga
ermordet

Weitere Stolpersteine in Rumpffsweg 39:
Alfred Meyer, Wilhelm Nathansohn

Alfred Meyer, geb. 18.4.1883 Eickel, U-Haft Fuhlsbüttel 14.5.1937, Zuchthaus Oslebshausen, deportiert ins KZ Auschwitz 14.1.1943, Tod dort 13.2.1943
Rosa Meyer, geb. Winsen, geb. 16.3.1880 Hamburg, deportiert 6.12.1941 nach Riga-Jungfernhof

Rumpffsweg 39

Am 21. Oktober 1911 heiratete im Standesamt Altona II in Ottensen der Kaufmann Alfred Meyer, geb. 18.4.1883 in Eickel, damals Landkreis Gelsenkirchen, die Modistin Rosa Winsen, geb. 16.3.1880 in Hamburg.

Alfred Meyers Vater, der Kaufmann Moritz Meyer, war bereits in Eickel verstorben, die verwitwete Mutter Henriette, geb. Blum, war wie ihr Sohn Alfred und offenbar weitere Kinder nach Hamburg gezogen.

Rosas Eltern lebten noch; ihr Vater, Ferdinand Winsen, trat als Trauzeuge auf. Er betrieb zusammen mit seiner Ehefrau Bertha, geb. Stern, in Altona das Hamburger Engros-Lager in der Bahrenfelderstraße 42/44, wo die Familie, zu der noch der am 26.11.1893 geborene Nachkömmling Walther gehörte, auch wohnte. Näheres über Rosa und Walther Winsens Ausbildungen ist nicht bekannt.

Alfred Meyer hatte nach dem Besuch der Volksschule eine kaufmännische Lehre abgeschlossen. Was ihn dazu veranlasste, im Mai 1904 mit dem Dampfer "Gretchen Bohlen" der Woermannlinie nach Cape Mount in Liberia zu reisen, ist nicht bekannt, eine Auswanderungsabsicht lag jedenfalls nicht vor. Seine erste Tätigkeit in Hamburg lässt keinen Bezug zu einer Tätigkeit in Westafrika erkennen: 1907 trat er als Angestellter in die Konfektionsfirma Alsberg ein.

Von dem bewegten Leben Alfred Meyers und seiner Herkunftsfamilie zeugt auch die nächste Episode: Im Juli 1909 kam Alfred Meyers jüngere Schwester Josephine aus Dortmund "besuchsweise", wie auf der Urkunde vermerkt ist, nach Hamburg, um den in Düsseldorf lebenden Kaufmann Karl Joseph zu heiraten. Einer ihrer Trauzeugen war der jüdische Kaufmann Sally Heckscher. Josephine und Karl Joseph zogen in ihre Heimat zurück, wo am 17.6.1910 ihr Sohn Albert in Sterkrade geboren wurde.

1912, ein Jahr nach seiner Heirat, wechselte Albert Meyer von der Firma Alsberg zum Putz- und Damenmodengeschäft Hammerschlag in Altona, Schulterblatt 145. Im Dezember desselben Jahres kam der Sohn Helmuth Moritz Meyer (geb. 28.12.1912) zur Welt. Er blieb das einzige Kind.

1914 erwarb Alfred Meyer als alleiniger Inhaber die Firma Hermann Hammerschlag und ließ sie im Handelsregister eintragen. Während er für das Kaufmännische zuständig war, lag die Leitung des Ateliers in der Hand seiner Ehefrau Rosa, die - wie schon ihre Mutter - in der Firma ihres Ehemannes arbeitete. Für das Kind und den Haushalt sorgte eine Haushälterin.

Rosa Meyers Großmutter Bertha Winsen, geb. Frank, geb. 21.8.1831 in Pattensen, starb am 15. Juni 1916 im Alter von 84 Jahren in ihrer Wohnung Beim Schlump 13. Sie wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Bahrenfeld beerdigt.

Im Mai 1919 erhielt Alfred Meyer einen Reisepass mit einer einjährigen Gültigkeit für das Inland. Darin wird er von mittlerer Statur mit dunklen Haaren, braunen Augen und ovalem Gesicht beschrieben. Besondere Kennzeichen wurden nicht angeführt. Er musste sich beruflich umorientieren, denn es gab Differenzen mit Hermann Hammerschlag, der in der Wallburg am Neuen Wall 52/54 ein Spezialhaus für Putz eröffnet hatte und seinen Namen ausschließlich dafür gebraucht sehen wollte. Dem stand die Eintragung im Handelsregister entgegen, und Alfred Meyer gründete zusätzlich zu dem Geschäft am Schulterblatt drei Hutgeschäfte in Hamburg. Sie hielten der Inflation stand. 1924 erwarb Alfred Meyer noch einmal einen Reisepass, 1925 bestellte er einen Prokuristen.

Im April 1920 starb Ferdinand Winsen und wurde wie seine Schwiegermutter Bertha, geb. Frank, auf dem Jüdischen Friedhof in Bahrenfeld beigesetzt. Der Sohn Walther führte mit seiner Mutter Bertha, geb. Stern, die Firma in der Bahrenfelder Straße fort.

Helmuth Moritz Meyer wurde 1919 in der Volksschule Von der Tannstraße in Eimsbüttel eingeschult, von wo er auf die Oberrealschule Eimsbüttel am Kaiser-Friedrich-Ufer überging. Als den Eltern bewusst wurde, dass ihnen ihre Geschäfte nicht genügend Zeit für ihn ließen, schickten sie ihn ein Landschulheim in Holzminden. Dort beendete er 1931 seine Schulzeit und begann eine kaufmännische Lehre im elterlichen Geschäft.

Alfred Meyer war 1922 mit seiner Familie Mitglied der Deutsch-Israelitischen Gemeinde in Hamburg geworden, wechselte 1925 zur Hochdeutschen Israelitengemeinde zu Altona und zog nach Othmarschen in den Klein Flottbeker Weg 89.

Nach der Weltwirtschaftskrise drohte der Firma der Konkurs. Um ihn abzuwenden, wurde 1931 ein Vergleichsverfahren eingeleitet, das aber bald darauf wieder aufgehoben wurde. Nachdem die Prokura des Prokuristen erloschen war, wurde 1932 über das gesamte Vermögen der Firma das Konkursverfahren eröffnet. Es dauerte fünf Jahre, bis es abgeschlossen war und die Firma 1937 erlosch.

Nach dem Konkurs 1932 gründeten Alfred und Rosa Meyer zusammen mit Max Schwandt als persönlich haftendem Gesellschafter das "Haus der Hüte" als GmbH mit einem Stammkapital von 20 000 RM, wovon Rosa Meyer die Hälfte einbrachte. Alfred Meyer wurde Geschäftsführer, Rosa Meyer die Directrice. In allen Geschäften zusammen waren 1934 insgesamt 26 kaufmännische Angestellte und acht Arbeiter beschäftigt. 1935 betrug der Gesamtumsatz 532 000 RM.

Alfred und Rosa Meyer lebten zunächst in guten Verhältnissen. Sie kehrten von Altona nach Hamburg zurück und wohnten in der Werderstraße 67 in Harvestehude, zogen von dort in die Bogenstraße 15 in Eimsbüttel und bei weiter schwindenden Mitteln in den Rumpffsweg 39 in Hamburg-Hamm. Ihr Sohn Helmuth hatte eine eigene Wohnung, Eichenstraße 66 in Eimsbüttel (nicht Eichenallee, wie auf der Kultussteuerkarte für 1934 angegeben). Danach meldete er sich im März 1936 nach Berlin ab.

Am 12. Juni 1934 starb Bertha Winsen, Rosa Meyers Mutter. Sie hatte bis zu ihrem Tod in der Bahrenfelder Straße 42/44 gewohnt. Ihr Sohn Walther hatte eine Nicht-Jüdin geheiratet und war bereits am 31. Dezember 1930 aus der Altonaer jüdischen Gemeinde ausgeschieden.

Bis 1937 waren Alfred und Rosa Meyer leidlich durch die NS-Zeit gekommen. Ihr Sohn Helmuth Moritz war aus Angst vor einer möglichen Verhaftung nach Frankreich geflohen, ihr Neffe Walther nach Südafrika emigriert. Am 18. November 1937 wurde Alfred Meyer verhaftet und kam in Untersuchungshaft. Ihm wurde "Rassenschande in zwei Fällen" vorgeworfen, was mit einer Zuchthausstrafe von 7 Jahren plus Ehrverlust geahndet wurde. Das Urteil des Landgerichts Hamburg wurde am 25. November 1938 verkündet, bereits am 2. Dezember 1938 wurde er in die Strafhaftanstalt Bremen-Oslebshausen überstellt.

Die GmbH wurde im Februar 1938 aufgelöst und im August 1939 nach der Liquidation im Handelsregister gelöscht.

Bei Rosa Meyer im Rumpffsweg 39 versammelten sich ihre Schwiegermutter Henriette und ihre Schwägerinnen Emma Rosenbaum und Josephine Joseph. Emma war die Älteste und verwitwet. Ihr gelang die Emigration nach Südamerika. Hoch betagt starb Henriette Meyer am 19. August 1940, 31 Jahre nach ihrem Ehemann, im Alter von 87 Jahren. Sie wurde auf dem Jüdischen Friedhof an der Ihlandkoppel in Ohlsdorf beerdigt. Josephine Joseph, die jüngere Schwester Alfred Meyers, ebenfalls verwitwet, zog zurück nach Krefeld.

Rosa Meyer verfügte über kein Einkommen mehr und lebte ab 1940 von Wohlfahrtsunterstützung. Sie musste ihre Wohnung aufgeben und wurde von der Jüdischen Gemeinde im Martin Brunn-Stift, Frickestraße 24, das nun als "Judenhaus" diente, untergebracht. Ab 19. September 1941 trug sie den "Judenstern". Zehn Wochen später erhielt sie die Aufforderung zur "Evakuierung" am 4. Dezember 1941. Die Gettos im Osten waren überfüllt, weshalb der Zug, der eigentlich nach Minsk gehen sollte, Hamburg erst am 6. Dezember 1941 verließ und nach Riga ging.

Am Bahnhof Skirotava mussten die Deportierten den Zug verlassen und zu Fuß zu dem ehemalige Landgut Jungfernhof an der Düna gehen, wo sie für den Winter sehr notdürftig untergebracht wurden.

Mit dem Transport aus Düsseldorf vom 11. Dezember 1941 traf Josephine Joseph ebenfalls auf dem Jungfernhof ein, wenn sie denn die Fahrt lebend überstanden hatte. Vielleicht sahen sich die Schwägerinnen wieder. Über ihr weiteres Schicksal ist nichts bekannt.

Alfred Meyer wurde aufgrund des Erlasses des Polizeichefs Himmler vom 17. September 1942, deutsche Gefängnisse, Zuchthäuser und Konzentrationslager "judenfrei" zu machen, am 14. Januar 1943 nach Auschwitz verlegt, was sein Todesurteil war. Als sein Todestag gilt der 13. Februar 1943.

Helmuth Moritz Meyer, der nach Frankreich gegangen war, kehrte 1956 nach Deutschland zurück. Er hatte in Frankreich eine Zeitlang illegal gelebt, danach mehrere Lager durchlaufen und schließlich in einem Versteck bis zum Ende der deutschen Besatzung ausgeharrt.

Stand: August 2020
© Hildegard Thevs

Quellen: 1; 4; 5 digital; 6; 8; 9; Hamburger Adressbücher; StaHH Personenstandsregister; 213-13, Rückerstattung 17044, 20947; 242-1 II_21695 / Fotoarchiv 741-4, A 258; 332-8, Passprotokolle, A 24 Band 189/6293; 351-11 Amt für Wiedergutmachung, 38197; 373-7 I, VIII A 1 Band 155, Passagierlisten; 424-111, D c 1720 HR Altona; 522-1, Jüdische Gemeinden, 992 e 2 Deportationslisten Band 3; Jüdische Stätten in Hamburg. Hrsg. vom Institut für die Geschichte der deutschen Juden und der Landeszentrale für politische Bildung. Hamburg 1995, Nr. 73.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

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Stand: © 17.09.2021 12:16:52