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Bereits verlegte Stolpersteine


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Hermann Beekhuis * 1941

Marckmannstraße 135 (ehemalige Kinderklinik) (Hamburg-Mitte, Rothenburgsort)


HERMANN BEEKHUIS
GEB. 18.3.1941
ERMORDET 4.9.1941

Weitere Stolpersteine in Marckmannstraße 135 (ehemalige Kinderklinik):
Andreas Ahlemann, Rita Ahrens, Ursula Bade, Ute Conrad, Helga Deede, Jürgen Dobbert, Anneliese Drost, Siegfried Findelkind, Rolf Förster, Volker Grimm, Antje Hinrichs, Lisa Huesmann, Gundula Johns, Peter Löding, Angela Lucassen, Elfriede Maaker, Renate Müller, Werner Nohr, Harald Noll, Agnes Petersen, Renate Pöhls, Gebhard Pribbernow, Hannelore Scholz, Doris Schreiber, Ilse Angelika Schultz, Dagmar Schulz, Magdalene Schütte, Gretel Schwieger, Brunhild Stobbe, Hans Tammling, Peter Timm, Heinz Weidenhausen, Renate Wilken, Horst Willhöft

Kinderkrankenhaus Rothenburgsort

Im früheren Kinderkrankenhaus Rothenburgsort setzten die Nationalsozialisten ihr "Euthanasie-Programm" seit Anfang der 1940er Jahre um.
33 Namen hat Hildegard Thevs recherchieren können.

Eine Tafel am Gebäude erinnert seit 1999 an die mehr als 50 ermordeten Babys und Kinder:

In diesem Gebäude
wurden zwischen 1941 und 1945
mehr als 50 behinderte Kinder getötet.
Ein Gutachterausschuss stufte sie
als "unwertes Leben" ein und wies sie
zur Tötung in Kinderfachabteilungen ein.
Die Hamburger Gesundheitsverwaltung
war daran beteiligt.
Hamburger Amtsärzte überwachten
die Einweisung und Tötung der Kinder.
Ärzte des Kinderkrankenhauses
führten sie durch.
Keiner der Beteiligten
wurde dafür gerichtlich belangt.



Weitere Informationen im Internet unter:

35 Stolpersteine für Rothenburgsort – Hamburger Abendblatt 10.10.2009

Stolpersteine für ermordete Kinder – ND 10.10.2009

Stolpersteine gegen das Vergessen – Pressestelle des Senats 09.10.2009

Die toten Kinder von Rothenburgsort – Nordelbien.de 09.10.2009

35 Stolpersteine verlegt – Hamburg 1 mit Video 09.10.2009


Wikipedia - Institut für Hygiene und Umwelt

Gedenken an mehr als 50 ermordete Kinder - Die Welt 10.11.1999

Euthanasie-Opfer der Nazis - Beitrag NDR Fernsehen 29.05.2010

Hitler und das "lebensunwerte Leben" - Andreas Schlebach NDR 24.08.2009
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Hermann Beekhuis, geb. 18.3.1941 in Weener/Ostfriesland, ermordet am 4.9.1941

Hermann Beekhuis wurde in Weener in Ostfriesland in eine evangelisch-reformierte Familie hinein geboren. Sein Vater diente zur Zeit seiner Geburt bei der Wehrmacht. Hermann kam mit einer Hasenscharte, Wolfsrachen und verwachsenen Zehen zur Welt. Als er drei Monate alt war, wies ihn das Gesundheitsamt Leer in das Kinderkrankenhaus Rothenburgsort ein. Am 25. Juni 1941 untersuchte ihn Helene Sonnemann, Stationsärztin der Säuglingsstation I. Sie beschrieb ihn, gemessen an seinem Alter von drei Monaten, als hochgradig untergewichtiges Kind mit der Größe und dem Gewicht eines Neugeborenen. Die genaue Untersuchung ergab über die offenkundigen Missbildungen hinaus, dass unter den Augenlidern die Augäpfel fehlten. Aufgrund der Proportionen des stark gewölbten großen Schädels im Verhältnis zum kleinen Körper vermutete sie, dass ein Hydrocephalus, ein Wasserkopf, bestehe. Sie stellte auch einen Nabelbruch fest, aber völlig intakte Herz- und Atmungstätigkeit. Wie das Blutbild zeigte, litt Hermann an einer hochgradigen Blutarmut.

Zur Klärung, ob ein Hydrocephalus vorliege, wurde vier Tage nach Hermanns Aufnahme eine Encephalographie (s. o. Erläuterung) vorgenommen, vor der er zur besseren Verträglichkeit Luminal erhielt. Dennoch setzte seine Atmung aus; er wurde erfolgreich reanimiert. Die Röntgenaufnahme zeigte mäßig erweiterte Hirninnenräume, was gegen das Vorliegen eines Hydrocephalus sprach.

Als das Kinderkrankenhaus am 30. Juni 1941 durch die Explosion einer Sprengbombe auf dem angrenzenden Verschiebebahnhof schwer beschädigt wurde, wurde Hermann zusammen mit anderen Säuglingen in das NSV-Kinderheim in Wentorf verlegt. Er trank nach der Encephalographie und der Verlegung kaum und verlor weiter an Gewicht.

Wegen der Gewichtsabnahme wurde er Anfang August ins Kinderkrankenhaus nach Rothenburgsort zurück- und auf Lotte Albers’ Station untergebracht. Seine Ernährung und Verdauung besserten sich etwas, aber er entwickelte Hautprobleme. Aus technischen Gründen – infolge der Bauarbeiten bestand Platzmangel – verlegte man ihn erneut in das NSV-Heim in Wentorf, womit wieder ein Wechsel der Ärztin verbunden war. Es ging ihm schlecht, "er sieht erbärmlich aus", hieß es, sein ganzer Körper sei mit dicken Schuppen bedeckt. Als "vom Reichsausschuss Bescheid eingelaufen" war, brachte das Personal Hermann am 2. September 1944 nach Rothenburgsort zurück. Einen Tag darauf starb er an den Folgen einer Luminal-Injektion, die ihm Helene Sonnemann verabfolgt hatte. Sie gab auf der Todesbescheinigung als Todesursache die Missbildungen und "Pneumonie" an.

Zwischen Hermanns Tod und der Anzeige beim Standesamt Rothenbursort vergingen zehn Tage. In einem Schreiben vom 10. September 1941 erklärte der Bürgermeister von Weener, die Mutter sei nicht in der Lage zu reisen und fügte zur Beurkundung des Sterbefalls Hermanns Geburtsurkunde bei. Die Leitung des Krankenhauses informierte ihn, Hermanns Leiche würde dem Hafenkrankenhaus, das für solche Fälle zuständig sei, zugeführt, von dort aus erfolge die Bestattung. Ilse Vogeler, eine ältere Säuglingsschwester, zeigte Hermann Beekhuis’ Tod beim Standesamt Rothenburgsort an.

Hermann Beekhuis wurde während seines zehnwöchigen Aufenthalts im Kinderkrankenhaus Rothenburgsort und im NSV-Heim in Wentorf durch die mehrmalige Verlegung von wechselndem Pflegepersonal versorgt, was seine Trinkprobleme verstärkte. Die Frage, ob seine schweren Leiden angeboren oder erworben waren, spielte offenbar zu keinem Zeitpunkt eine Rolle. Hermann wurde fünfeinhalb Monate alt.

© Hildegard Thevs

Quellen: StaH 213-12 Staatsanwaltschaft Landgericht NSG, 0017-001, 0017-002; 332-5 Standesämter, 1145+354/1941; 352-8/7 Staatskrankenanstalt Langenhorn, Abl. 2000/1, 63, inliegend in UA 6.

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