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Rosalie Benjamin * 1874

Isestraße 61 (Eimsbüttel, Harvestehude)

1942 Theresienstadt
1942 Treblinka
ermordet

Weitere Stolpersteine in Isestraße 61:
Josepha Ambor, Else Baer, Hedi Baer, Ingrid Baer, Joseph Baer, Minna Benjamin, Emma Dugowski, Henriette Dugowski, Hermann Dugowski, Ida Dugowski, Moritz Dugowski, Wanda Dugowski, Selly Gottlieb, Heinrich Ilse, Ella Meyer, Max Meyer, Otto Meyer, Gregor Niessengart, Sophie Philip, Michael Pielen, Gertrud Rosenbaum, Edmund Sonn

Minna Benjamin, geb. 9.2.1871 in Hamburg, 15.7.1942 deportiert nach Theresienstadt, 21.9.1942 weiterdeportiert nach Treblinka
Rosalie Benjamin, geb. 22.8.1874 in Hamburg, 15.7.1942 deportiert nach Theresienstadt, 21.9.1942 weiterdeportiert nach Treblinka

Isestraße 61

Isaak Benjamin (1821–1914) stammte aus Gembitz (polnisch Gebice)/Posen an der westlichen Netze, 30 km nordöstlich von der Kreisstadt Gnesen (polnisch Gniezno) gelegen. Die Stadt Gembitz war 1793 im Zuge der zweiten polnischen Teilung von Preußen annektiert worden. Vermutlich 1848 zog der 27-jährige Isaak Banjamin nach Hamburg; hier trat er am 1. Oktober 1848 in die Jüdische Gemeinde ein. Im Mai 1865 heiratete er in zweiter Ehe Sara Hirschberg (1832–1914), Tochter des Hamburger Zigarrenmachers Marcus Hirschberg. Die Eheleute zogen in die Schlachterstraße 32, die in der Neustadt zwischen Großneumarkt und Hauptkirche St. Michaelis lag. In den Adressbüchern von 1866, 1871 und 1879 wurde er als "J. Benjamin jun." eingetragen.

Die Töchter Minna (1871) und Rosalie (1874) kamen beide in der Wohnung Schlachterstraße 32 zur Welt; 1866 war ihre Schwester tot geboren worden. Isaak Benjamins Beruf wurde in den Geburtsurkunden mit Mützenmacher angegeben; statt einer Unterschrift setzte er drei Kreuze unter die Urkunden, die vom Standesbeamten gegengezeichnet wurden. In den Adressbüchern 1881, 1883 und 1884 lautete die Berufsbezeichnung "Mützenfabr." und die Adresse Wexstraße 13 (1881–1883) und ab 1884 Wexstraße 16 (Neustadt). Isaak Benjamin tauchte im Branchenverzeichnis des Adressbuchs von 1881 und 1882 nicht unter den Hutmachern auf. Daher ist anzunehmen, dass mit dieser Tätigkeitsabkürzung keine eigene Mützenfabrik gemeint war, sondern die Branchenangabe des Arbeitgebers.
Auch die Wohnung in der Wexstraße, ganz in der Nähe der Schlachterstraße, lag in einem Gebiet, das von jüdischer Infrastruktur geprägt war (Synagoge, Schule, Wohnstifte).

Die beiden Schwestern mussten nach dem Tod ihrer Eltern im Frühjahr 1914 die Wohnung in der Wexstraße aufgeben. Sie zogen in die Grindelallee 53 II. Stock (Rotherbaum), wo sie bis 1918 wohnten. 1918/1919 zogen sie in das Pensionat von Bertha Jensen in der Bieberstraße 2 (Rotherbaum). Von 1922 bis 1932 wurden sie mit der Wohnadresse Isestraße 61 Hochparterre (Harvestehude) vermerkt. Das Hamburger Adressbuch von 1923 und 1932 wies beider Namen aus, was auf getrennte Wohnungen innerhalb eines Hauses hindeutet. Für die 1920er Jahre ist für beide kein eigenes Geschäft und auch keine Mitgliedschaft in der Jüdischen Gemeinde verzeichnet.

Rosalie Benjamin war u.a. 1914 als Verkäuferin tätig. Sie meldete 49-jährig laut Zentralgewerbekartei im August 1923 ein eigenes "Putzgeschäft" für den Neuen Steinweg 83/84 an, dass aber vermutlich aufgrund der Inflation nicht eröffnet werden konnte. Putzwarenhandlungen gehörten zum Bekleidungsgewerbe und boten Waren zum "Ausputz" der Kleidung an: dazu gehörten Textilien (Bänder, Spitzen, Stickereien), Pailetten und Flitter sowie Schmuckfedern. Ab 1938 wurde die 64-jährige Rosalie Benjamin als steuerfreies Mitglied der Jüdischen Gemeinde Hamburg geführt. Sie bezog 1940 eine kleine Rente von 43,60 RM monatlich.

Minna Benjamin arbeitete vermutlich bis 1930 im Geschäft des Bekleidungsherstellers H. & R. Aronstein (Damen- und Kinderwäsche, Damen-Morgenkleidungs-Fabrik, Bett- und Tischwäsche) im Neuen Wall 12. Sie wurde ab 1931 als Mitglied der Jüdischen Gemeinde geführt, zahlte aber keine Beiträge. Es ist daher anzunehmen, dass sie ab dieser Zeit arbeitslos war. 1933 tauchte sie unter der Wandsbeker Wohnadresse Goethestraße 83 (heute Rathausbrücke/Rennbahnstraße) auf. Die nächsten Wandsbeker Adressbucheinträge stammten von 1936 und 1937 und verwiesen auf das Putzgeschäft der mittlerweile 65-jährigen Minna Benjamin im Erdgeschoss in der Lübecker Straße 41 (heute Wandsbeker Marktstraße/Ecke Wandsbeker Allee), wohin die Schwestern im Juli 1936 verzogen waren. 1938 erfolgte der neue Adressbucheintrag auf die Litzowstraße 12 für ein Erdgeschossgeschäft mit Damenhüten. 1939 fehlte der Eintrag und deutet auf die wohl nicht freiwillige Schließung des Geschäfts hin. Ab circa 1940 war sie auf Wohlfahrtsunterstützung angewiesen.

Im Juli 1937 zogen die unverheirateten Schwestern innerhalb Wandsbeks von der Lübeckerstraße 41 in die nahegelegene Litzowstraße 12. Möglicherweise war an das Ladengeschäft eine kleine Wohnung angeschlossen, so dass die Adressen von Geschäft und Wohnung identisch waren. Im Mai 1939 mieteten sie sich als Untermieterinnen im Grindelweg 4a (Rotherbaum) bei Anna Blumenthal, geb. Metz (1876–1942?), ein. Dies war eine Reaktion auf das zum 30. April 1939 erlassene "Gesetz über Mietverhältnisse mit Juden", das den gesetzlichen Mietschutz für Juden aufhob und eine vorzeitige Kündigung des Mietvertrages sowie die Verpflichtung zur Aufnahme von Untermietern vorsah. Als letztes Wohnquartier wurde für die Schwestern Benjamin und die Witwe Blumenthal der Kleine Schäferkamp 32 (Eimsbüttel) vermerkt. Dieses 1890 erbaute Haus der Samuel-Lewisohn-Stiftung wurde von den NS-Machthabern als "Judenhaus" im Zuge der Deportationsvorbereitungen genutzt.

Gemeinsam wurden die Schwestern am 15. Juli 1942 ins Getto Theresienstadt deportiert und am 21. September 1942 ins Vernichtungslager Treblinka weiterdeportiert und getötet.

Für Anna Blumenthal geb. Metz (geb. 10.8.1876 in Hamburg) wurde im Grindelweg 4a (Eimsbüttel) ein Stolperstein verlegt (siehe dort).

Irrtümlich war für die Schwestern Benjamin 2008 ein Stolperstein im Emekesweg 12 (Poppenbüttel) verlegt worden. Nach ergänzenden Recherchen wurden 2016 die beiden Stolpersteine zur Isestraße 61 (Harvestehude) versetzt.

Stand März 2016

© Björn Eggert

Quellen: 1; 4; 5; Staatsarchiv Hamburg (StaH) 332-3 (Zivilstandsaufsicht 1866–1875), C Nr. 10 (2931/1866, Sterberegister, Todgeburt); StaH 332-3 (Zivilstandsaufsicht), A Nr. 104 (Nr. 794/1871, Geburtsregister Minna Benjamin); StaH 332-3 (Zivilstandsaufsicht), A Nr. 183 (Nr. 5963/1874, Geburtsregister Rosalie Benjamin); StaH 332-5 (Standesämter), 702 u. 149/1914 (Sterberegister 1914 Sara Benjamin); StaH 332-5 (Standesämter), 702 u. 201/1914 (Sterberegister 1914 Isaak Benjamin); StaH 332-8 (Alte Einwohnermeldekartei Hamburg 1892-1925), Isaak Benjamin; StaH 332-8 (Meldewesen), Einwohner-Meldekarten von Wandsbek; StaH 376-2 (Zentralgewerbekartei), K 3829 (Rosalie Benjamin); StaH 522-1 (Jüdische Gemeinde), 992b (Kultussteuerkartei der Deutsch-Israelitischen Gemeinde Hamburg) Minna Benjamin, Rosalie Benjamin, Anna Blumenthal; Adressbuch Hamburg 1866, 1871, 1878–1879, 1881, 1883–1885, 1896, 1915, 1916, 1918, 1919, 1922–1924, 1927, 1928, 1932; Adressbuch Wandsbek 1936, 1937, 1938; Hamburger Börsenfirmen, Hamburg 1910, S. 19 (Firma Aronstein); Jüdischer Friedhof Hamburg-Ohlsdorf, Gräberverzeichnis im Internet (Grab ZX 11-780 Sara Benjamin geb. Hischberg).
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

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