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Regine Victor * 1880

Große Elbstraße 7 (Altona, Altona-Altstadt)


HIER WOHNTE
REGINE VICTOR
JG. 1880
EINGEWIESEN 1940
HEILANSTALT LANGENHORN
"VERLEGT" 23.9.1940
BRANDENBURG
ERMORDET 23.9.1940
"AKTION T4"

Weitere Stolpersteine in Große Elbstraße 7:
Sally Victor

Regine Victor, geb. am 2. 10. 1880 in Altona, ermordet am 23. 9. 1940 in der Tötungsanstalt Brandenburg an der Havel

Große Elbstraße 7 (ehemals Große Fischerstraße7)

Regines Vater, Lippmann Victor, geboren am 15. Juni 1850, der seinen Vornamen in allen Urkunden mit dem Zusatz "vulgo Louis" versehen ließ, war aus seinem in Osthessen gelegenen Geburtsort Rhina etwa 1872 nach Altona gekommen und hatte sich in der Großen Elbstraße 115 niedergelassen. Am 3. Februar 1876 heiratete Lippmann vulgo Louis Victor, im Folgenden Louis Victor genannt, die am 29. Dezember 1847 im heutigen Bad Segeberg geborene Line Seligmann. Das jüdische Ehepaar bekam fünf Kinder: Sally, geboren am 6. November 1876, der sich später trotz eines abgelehnten Antrags auf Namensänderung immer Hans Sally nannte, Max, geboren am 9. Februar 1878, Gertrud, geboren am 12. Mai 1879, Regine, geboren am 2. Oktober 1880, und Minnalie, geboren am 8. September 1886.

Auch Louis Victors Bruder Perez war nach Norddeutschland zugewandert. Er siedelte sich im benachbarten Hamburg an und gründete dort eine Familie. Die Schicksale von je einem der Kinder aus beiden Familien sollten sich tragisch verbinden (siehe Biographie Sally Victor).

Louis Victor betrieb wie schon sein Vater ein Produkten- und Fellgeschäft, das sich den Einträgen im Altonaer Adressbuch nach zu urteilen gut entwickelte. Waren anfänglich Geschäfts- oder Wohnadresse identisch, so konnten ab 1879 Wohnadresse und Geschäftsstandort teilweise getrennt werden. Louis Victor gehörte ein Grundstück in der Großen Fischerstraße 52-56, dessen Eigentum im Februar 1940 – wohl nicht durch freien Willen – auf die Hansestadt Hamburg überging. Die Familie Victor wohnte in der großen Elbstraße 7, das Firmenlager befand sich in der Lindenstraße 1 (heute Trommelstraße).

In der Großen Elbstraße 7 kamen auch vier der fünf Kinder zur Welt, nur Minnalie, die jüngste, wurde in der Großen Elbstraße 22 geboren. Über die Entwicklung der Kinder, insbesondere über die von Regine Victor, ist wenig überliefert.

Die Kinder waren längst erwachsen, als ihre Eltern Line Victor am 11. Februar 1919 und Louis Victor am 2. Oktober 1921 in ihrer Wohnung in der Palmaille 108 starben. Dorthin war das Ehepaar schon etwa 1912 umgezogen.

Bei Regine Victor müssen sich spätestens Anfang der 1920er Jahre Anzeichen einer psychischen Krankheit gezeigt haben. Sie wurde im August 1925 in die Heil- und Pflegeanstalt Schleswig-Stadtfeld aufgenommen und lebte dort bis 1940.

Regines Bruder Max Victor hatte die nichtjüdische Else Schulz geheiratet. Das Ehepaar bekam zwei Töchter, Margot, geboren am 20. April 1915, und Ingeborg, geboren am 30. August 1910. Die Familie war begütert. Max Victor war Alleininhaber eines Großhandels mit Häuten, Fellen, Leder, Haaren und Wolle. Er hatte das Geschäft von seinem Vater geerbt und führte es von der Großen Marienstraße 1 aus, die von der Kleinen Freiheit abzweigte, bis etwa 1930 weiter und trat dann in das Unternehmen seines Bruders Hans Sally ein. Max Victors Familie hatte sich von den jüdischen Gebräuchen entfernt. Beide Töchter besuchten die Privatschule der Geschwister Hübbe. Ingeborg schloss die Lichtwark-Schule mit dem Abitur ab. Sie verließ Deutschland am 20. Mai 1935 und ging nach Kapstadt. Margot heiratete am 10. Juli 1936 den am 1. Oktober 1911 in Shanghai geborenen chinesischen Arzt Chow-Wei-Liang. Sie meldete sich am 30. Juli 1936 in Hamburg ab und begleitete ihren Ehemann nach Nanking in China. Das Ehepaar lebte später in den USA. Am 9. November 1938 überfiel ein Trupp SA-Männer Max Victor im Innocentiapark und misshandelte ihn schwer. Die Nationalsozialisten inhaftierten ihn nach dem Novemberpogrom, er blieb für etwa vier Wochen im KZ Sachsenhausen. Daraufhin emigrierten Max und Else Victor im Dezember 1938 nach Shanghai. Dort starb Max am 8. Dezember 1941 an den Folgen eines Schlaganfalls. Else Victor lebte später in Kapstadt.

Von Minnalie Victor wissen wir nur, dass sie 1909 den Kaufmann Karl Leon Feder aus Lemberg heiratete.

Hans Sally Victor ehelichte Selma, geborene Stern und bekam mit ihr vier Kinder. Er hatte den Metall- und Chemikalien Großhandel C. Fürst & Co. in der Bugenhagenstraße 6 in der Hamburger Altstadt übernommen, war Mitglied der Hamburger Metallbörse und saß bis 1938 in ihrem Vorstand. Hans Sally wohnte mit seiner Familie in der Parkallee 7 in Harvestehude. Als 1938 ein Treuhänder für das Unternehmen zwangseingesetzt und er vier Wochen in Oranienburg inhaftiert wurde, intensivierte Hans Sally Victorseine Bemühungen um eine Auswanderung. Im März 1939 gelang es ihm schließlich, mit seiner Ehefrau zu einer in New York lebenden Tochter zu emigrieren.

Im Frühjahr/Sommer 1940 plante die "Euthanasie"-Zentrale in Berlin, Tiergartenstraße 4, eine Sonderaktion gegen Juden in öffentlichen und privaten Heil- und Pflegeanstalten. Sie ließ die in den Anstalten lebenden jüdischen Menschen erfassen und in sogenannten Sammelanstalten zusammenziehen. Die Heil- und Pflegeanstalt Hamburg-Langenhorn wurde zur norddeutschen Sammelanstalt bestimmt. Alle Einrichtungen in Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg wurden angewiesen, die in ihren Anstalten lebenden Juden bis zum 18. September 1940 dorthin zu verlegen.

Regine Victor kam am 17. September 1940 in Langenhorn an. Dort traf sie ihren Cousin Sally Victor (siehe dort), den Sohn ihres Onkels Perez. Zusammen mit ihm und weiteren 134 Patientinnen und Patienten aus norddeutschen Anstalten wurde sie am 23. September nach Brandenburg an der Havel transportiert. Der Transport erreichte die märkische Stadt noch an demselben Tag. In dem zur Gasmordanstalt umgebauten Teil des ehemaligen Zuchthauses trieb man die Menschen umgehend in die Gaskammer und ermordete sie mit Kohlenmonoxyd. Nur Ilse Herta Zachmann entkam zunächst diesem Schicksal (siehe dort).

Auf dem Geburtsregistereintrag von Regine Victor wurde notiert, dass das Standesamt Cholm II ihren angeblich am 10. Februar 1941 eingetretenen Tod unter der Nummer 230/1941 registriert hat. Die in Brandenburg Ermordeten waren jedoch nie in Chelm (polnisch) oder Cholm (deutsch), einer Stadt östlich von Lublin. Die früher dort existierende polnische Heilanstalt bestand nicht mehr, nachdem SS-Einheiten am 12. Januar 1940 fast alle Patienten ermordet hatten. Auch gab es in Chelm kein deutsches Standesamt. Dessen Erfindung und die Verwendung späterer als der tatsächlichen Sterbedaten dienten dazu, die Mordaktion zu verschleiern und zugleich entsprechend länger Verpflegungskosten einfordern zu können.

Über die Schicksale von Regine Victors Schwestern Gertrud und Minnalie Feder sowie deren Ehemann Karl Leon ließ sich nichts aufspüren. Im Gedenkbuch des Bundesarchivs ist keine der drei Personen verzeichnet.

Stand: Oktober 2018
© Ingo Wille

Quellen: 1; 4; 5; StaH 133-1 III Staatsarchiv III, 3171-2/4 U.A. 4, Liste psychisch kranker jüdischer Patientinnen und Patienten der psychiatrischen Anstalt Langenhorn, die aufgrund nationalsozialistischer "Euthanasie"-Maßnahmen ermordet wurden, zusammengestellt von Peter von Rönn, Hamburg (Projektgruppe zur Erforschung des Schicksals psychisch Kranker in Langenhorn); 213-13 Landgericht Hamburg Wiedergutmachung 8840 Sally Victor, 9124 Louis Victor; 232-5 Amtsgericht Hamburg – Vormundschaftswesen 2083 Margot Victor; 314-15 Oberfinanzpräsident – Auswandererakten F und FVg 2310 Hans Sally Victor, 2311 Max, Else, Margot Victor; 332-4 Aufsicht über die Standesämter Nr. 2864 Sally Victor, 332-5 Standesämter 2399 Geburtsregister Nr. 309/1896 Erna Edelstein, 5331 Sterberegister Nr. 382/1919 Line Victor, 5343 Sterberegister Nr. 1263/1921 Lippmann vulgo Louis Victor, 5862 Heiratsregister Nr. 66/1876 Lippmann vulgo Louis Victor/Line Seligmann, 5989 Heiratsregister Nr. 1038/1909 Leon Feder/Minnalie Victor, 6193 Geburtsregister Nr. 3262/1876 (Hans) Sally Victor, 6200 Geburtsregister Nr. 518/1878 Max Victor, 6206 Geburtsregister Nr. 1352/1879 Gertrud Victor, 6244 Geburtsregister Nr. 2628/1886 Minnalie Victor, 8723 Heiratsregister Nr. 269/1918 Valk, James/Edelstein, Erna; 351-11 Amt für Wiedergutmachung 4966 Hans Sally Victor, 7881 Else Victor; 352-8/7 Staatskrankenanstalt Langenhorn Abl. 1/1995 Aufnahme-/Abgangsbuch Langenhorn 26. 8. 1939 bis 27. 1. 1941; JSHD Forschungsgruppe "Juden in Schleswig-Holstein", Datenpool Erich Koch, Schleswig.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

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