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Olga Bruck (geborene Jebsen) * 1881

Elbchaussee 271 (Altona, Othmarschen)

Freitod 14.6.1944

Weitere Stolpersteine in Elbchaussee 271:
Dr. Carl Bruck

Prof. Dr. Carl Bruck, geb. 28.2.1879, Suizid am 12.6.1944
Olga Bruck, geb. Jepsen, geb. 30.3.1881, Suizid am 14.6.1944

Am 12. Juni 1944 suchten zwei Polizisten Carl Bruck in seinem Haus an der Elbchaussee auf. Sie beschuldigten den 65-Jährigen, von einem jüdischen Molkereigehilfen ein größeres Quantum Butter bezogen zu haben. Zur Klärung der Vorwürfe habe er sofort mitzukommen. Bruck ging unter einem Vorwand in die Küche und vergiftete sich mit Kaliumcyanid. Er starb qualvoll. Sehr wahrscheinlich war er damit seiner Verhaftung und Ermordung durch die Nazis zuvorgekommen. Seine Frau vergiftete sich nur zwei Tage später mit Schlaftabletten.

Der jüdische Arzt Prof. Dr. Carl Bruck war einer der profiliertesten Hautärzte Hamburgs und ein herausragender deutscher Dermatologe gewesen. Wissenschaftlich bekannt geworden war er unter anderem, weil er gemeinsam mit August von Wassermann ein serologisches Nachweisverfahren der Infektion mit dem Syphiliserreger entwickelte hatte, das jahrzehntelang weltweit als Standardmethode angewandt wurde. Auch war er an damals bahnbrechenden Untersuchungen zur Tuberkulose beteiligt.

Carl Bruck wurde 1879 in Glatz/Schlesien als Sohn des jüdischen Fabrikanten Ludwig Bruck und seiner Ehefrau Martha, geborene Brieger, in eine großbürgerliche Umgebung hinein geboren. Der Junge wurde evangelisch getauft. Im Jahre 1883 zogen seine Eltern nach Dresden. 1897 bestand Carl Bruck dort sein Abitur. Nach dem Wehrdienst studierte er in München und Berlin Medizin. 1902 legte er in München das Staatsexamen ab und wurde promoviert. Danach arbeitete er bis 1906 als Assistenzarzt unter Robert Koch am Berliner "Königlichen Institut für Infektionskrankheiten", dem heutigen Robert-Koch-Institut. Von 1906 bis 1908 erforschte er im Rahmen einer vom Deutschen Reich unterstützten Expedition die Syphilis auf der Insel Java in Indonesien. Nach seiner Rückkehr im Jahre 1908 übernahm er eine Stelle in Breslau, seiner schlesischen Heimat, als Oberarzt an der dortigen Universitätsklinik für Hautkrankheiten, wo er sich auch habilitierte und 1911 zum Professor berufen wurde. 1914 wurde er zum leitenden Arzt an die Dermatologische Klinik des Städtischen Krankenhauses Altona berufen. Im selben Jahr wurde er für die gesamte Kriegszeit als Stabsarzt der Reserve eingezogen. Bruck erhielt eine Reihe von Auszeichnungen, wie das Eiserne Kreuz II. Klasse oder den bayerischen Militär-Verdienstorden.

1917 heiratete er in Altona im Alter von 38 Jahren die nichtjüdische Hamburgerin Olga Amalie Auguste Jepsen. Ihr Vater war der Altonaer Kaufmann Gustav August Adolf Jepsen. Ihre Mutter Helena, geborene Hackel, stammte ebenfalls aus Altona.

Im Jahre 1919 kehrte Carl Bruck nach Altona an seine alte Wirkungsstätte zurück. Die von ihm aufgebaute und geleitete Hautabteilung hatte für die Bevölkerung Altonas eine große Bedeutung. Nach einer Diagnosenstatistik aus den zwanziger Jahren wurden jährlich 1600 bis 1800 Hauterkrankungen und 400 bis 500 Syphilispatienten stationär behandelt. Carl Bruck gehörte zu den Gründern der Dermatologischen Gesellschaft Hamburg-Altona. Auch organisierte er vom Städtischen Krankenhaus Altona aus die ärztliche Fortbildung in der damals selbstständigen Stadt Altona. In der Weimarer Republik setzte er seine wissenschaftliche und publizistische Tätigkeit fort und entwickelte mehrere Medikamente.

Carl und Olga Bruck wohnten in einer Villa in der Elbchaussee 180, heute hat das Haus die Nummer 271.

In dem Krankenhaus in Altona wirkte Carl Bruck bis zum Jahre 1935. Dass er sich so lange halten konnte, obwohl der Staat seit April 1933 die Ausschaltung jüdischer Ärzte aus der Medizin betrieb, lag wohl daran, dass er in einer so genannten Mischehe lebte. Doch im März 1935 wurde ihm nahe gelegt, seine Entlassung aus dem Städtischen Dienst zu beantragen, was er ablehnte. Im November 1935 wurde der 56-Jährige in den Ruhestand zwangsversetzt und aller Ämter enthoben.

Drei Jahre lang konnte Carl Bruck noch eine hautärztliche Privatpraxis betreiben. Das Adressbuch von 1937 verzeichnet seine Praxis mit der Adresse Am Hauptbahnhof 4, am Altonaer Bahnhof. 1938 wurde ihm schließlich die Approbation entzogen.

Carl Bruck war vermögend; er besaß das Grundstück an der Elbchaussee, Wertpapiere und hatte laufende Einnahmen aus Rentenverträgen und Lizenzvereinbarungen mit Arzneimittelfirmen. Doch am 2. Dezember 1938 wurde sein Konto gesperrt und sein Vermögen unter Sicherungsanordnung gestellt. Nur noch mit Genehmigung der Devisenstelle des Oberfinanzpräsidenten durfte er über seine Vermögenswerte verfügen. Monatlich wurde ihm gestattet, 1500 Reichsmark zu entnehmen. Vier Tage später sprach Carl Bruck bei der Devisenstelle vor und bekam zunächst nur mündlich eine Genehmigung für die Schenkung des Grundstücks an der Elbchaussee an seine nichtjüdische Ehefrau.

1939 versuchte er auch erfolglos, Wertpapiere auf den Namen Olga Bruck zu überschreiben. Ab Oktober 1939 durfte er nur noch über 750 Reichsmark monatlich verfügen. Der Grundstücksübereignungsvertrag hing lange in der Schwebe, doch schließlich versagten ihm die Behörden ihre Genehmigung. Im April 1942 wollten die Brucks das Haus verkaufen, aber die Behörden verlangten, dass der Nettoerlös auf das nur beschränkt verfügbare Sicherungskonto überwiesen wurde. Carl Bruck musste Reichsfluchtsteuer und Judenvermögensabgabe zahlen. Der nationalsozialistische Staat betrieb systematisch seine Enteignung und berufliche Isolierung.

In der Nachbarschaft waren die Brucks bekannt. Eine ehemalige Nachbarin, Jahrgang 1927, die mit ihrer Familie in der Elbchaussee 277 wohnte, erinnert sich, dass Prof. Bruck oft mit seinen zwei Terriern im Jenischpark spazieren ging. Zwischen den Familien bestand ein "Grußverhältnis". Einmal, sie war 16 oder 17 Jahre alt, habe sie ihn unbedacht, wie damals üblich, mit "Heil Hitler" begrüßt. Ihre Freundin darauf: "Du kannst doch Prof. Bruck nicht mit ‚Heil Hitler’ grüßen!" Dieser Fauxpas sei ihr noch heute peinlich. Bruck sei ein mittelgroßer älterer Herr gewesen, in seiner Erscheinung eher unauffällig. Meist habe er einen grauen Fischgrätmustermantel getragen. Über dem "Judenstern" das Eiserne Kreuz, über dem ganzen ein Schal, der meistens den Stern verdeckt habe. Noch wenige Tage vor seinem Tode habe er im Park den Eltern der Zeitzeugin kondoliert, weil deren Sohn gefallen war. Frau Bruck habe man selten gesehen.

Carl Bruck floh in den Tod. Sein Vermögen wurde vom Staat beschlagnahmt. 319 Menschen in Hamburg haben nachweislich im Zusammenhang mit den Verfolgungen und Deportationen ihrem Leben selbst ein Ende gesetzt, darunter waren 16 Mediziner. Olga Bruck wollte offenbar mit dem Schmerz über den Tod ihres Mannes und angesichts der auch ihr zuteil gewordenen gesellschaftlichen Ächtung nicht mehr weiterleben.

Lange Zeit war Prof. Carl Bruck in Vergessenheit geraten. Am 13. November 2002 wurde ihm zu Ehren der neu gestaltete Hörsaal im Allgemeinen Krankenhaus Altona "Carl Bruck"-Hörsaal genannt und eine Gedenktafel eingeweiht.

© Birgit Gewehr

Quellen: 2 (R 1938/ 3148); StaH 314-5 Polizeibehörde – Unnatürliche Sterbefälle, 1944/834; StaH 424-4 Personalakten Altona, B 619 (Bruck, Carl); StaH 131-11 Personalamt (- Gesamtregistratur), 1135 (Bruck, Carl); AB Altona 1937; Müller-Plathe, Carl Bruck; Müller-Plathe, Spurensuche; von Villiez, Die Vertreibung; v. Villiez, Mit aller Kraft, S. 237; Kopitzsch, Hamburgische Biographie, III, S. 63; Stadtteilarchiv Ottensen, Hamburger Abendblatt 9.8.2005: Sammlung Oswald Müller-Plathe, Aussage einer Nachbarin; Müller-Plathe, Aus der Geschichte des Altonaer Krankenhauses, S. 27 f.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

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