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Erwin Christen
Erwin Christen
© Archiv Evangelische Stiftung Alsterdorf

Erwin Christen * 1902

Rehmstraße 16 (Hamburg-Nord, Winterhude)


HIER WOHNTE
ERWIN CHRISTEN
JG. 1902
EINGEWIESEN 1929
ALSTERDORFER ANSTALTEN
"VERLEGT" 10.8.1943
HEILANSTALT MAINKOFEN
ERMORDET 7.3.1944

Weitere Stolpersteine in Rehmstraße 16:
Dietrich Johannes von der Reith

Erwin Christen, geb. 26.3.1920 in Hamburg, aufgenommen in den damaligen Alsterdorfer Anstalten (heute Evangelische Stiftung Alsterdorf) am 16.4.1929, "verlegt" in die Heil- und Pflegeanstalt Mainkofen bei Passau am 10.8.1943, gestorben am 7.3.1944

Rehmstraße 16 (Winterhude)

Erwin Christen war das jüngste von elf Kindern der Eheleute Gustav Georg Heinrich Christen, geboren am 13.8.1873 in Hamburg, und seiner Ehefrau Emma Caroline Martha, geb. Hoffmann, geboren am 2.1.1878 ebenfalls in Hamburg. Sie hatten am 25. Oktober 1896 geheiratet. Gustav Georg Heinrich, ihr ältestes Kind, wurde am 30. Oktober 1896 in Hamburg geboren. Zwei Kinder starben früh an Lungenentzündung. Das Schicksal der weiteren Geschwister kennen wir nicht.

Emma, genannt Emmi, und Heinrich Christen lebten schon vor ihrer Heirat in Winterhude, sie in der Ulmenstraße 33 und er im Haus Nr. 28. Dort wohnten beide auch nach der Eheschließung. In der Ulmenstraße 28 hatten auch Heinrich Christens Eltern, Hinrich Andreas und Anna Catharina Maria Christen, geb. Plambeck, ihren Wohnsitz.

Erwin Christens Vater sowie sein Großvater Hinrich Andreas arbeiteten körperlich schwer. Beider Berufsangaben lauteten im Hamburger Adressbuch zunächst "Steinbrügger", später "Steinsetzer".

Erwin Christen besuchte von 1926 bis 1928 die Hilfsschule in der Opitzstraße in Winterhude. Der Schulbesuch wurde beendet, weil er dem Unterricht nicht folgen konnte. ("Hilfsschule" ist eine heute nicht mehr verwendete Bezeichnung für eigenständige sonderpädagogische oder heilpädagogische Schulen für Kinder, die man aus unterschiedlichen Gründen als nicht fähig zum Volksschulbesuch betrachtete.)

Am 28. März 1929 wies das Wohlfahrtsamt Erwin Christen in die damaligen Alsterdorfer Anstalten (heute Evangelische Stiftung Alsterdorf) ein. Bei seiner Aufnahme wurde eine normale körperliche Entwicklung festgestellt. Er könne seine Körperpflege selbst erledigen. Beginnend im Alter von einem Jahr seien bei ihm häufig epileptische Anfälle aufgetreten, die auch in den Alsterdorfer Anstalten beobachtet und mit Luminal behandelt würden.

Berichte der Anstaltsschule von Ostern 1932 und 1933 vermitteln einen Eindruck von Erwin Christen. Danach war er ein großer, kräftiger Junge, der mit leiser, etwas singender Stimme sprach. Bei epileptischen Anfällen während des Unterrichts sei er plötzlich aufgesprungen und habe mit dem, was er gerade in der Hand gehabt habe, auf den Tisch geschlagen. Danach seien die Anfälle sofort wieder vorüber gewesen, und Erwin habe ebenso gut weitergearbeitet wie vorher. Seine Auffassungsgabe und seine Aufmerksamkeit wurden als langsam und ungenügend bezeichnet. Erwin sei freundlich, im Umgang mit seinen Mitschülern schwerfällig und fast immer etwas albern. Die Mädchen müssten vor ihm geschützt werden, da er sie dauernd durch Kitzeln belästige. Er halte im Rechnen, Schreiben, und Zeichnen mit der Klasse Schritt. Im Allgemeinen mache er einen trägen Eindruck. Im Bericht von Ostern 1933 wurde hervorgehoben, Erwin habe sich während des letzten Jahres immer mehr in seinem Allgemeinverhalten als auch in jedem Lehrfach verschlechtert. Seine Triebhaftigkeit sei eine Gefahr für die Klasse geworden. Weder mit Liebe noch mit Strenge sei bei ihm etwas zu erreichen. Die Lehrerin glaube jedoch nicht, dass Erwin schon die Grenze seiner Bildungsfähigkeit erreicht habe.

Anfang 1934 hieß es, Erwin sei zunächst ein williger, fleißiger Schüler gewesen. Seine Krämpfe hätten kaum gestört, denn seine Bewusstseinsstörung habe jeweils kaum eine Minute betragen. Später habe sich Erwins Verhalten während der Krämpfe verändert. Er habe alles Erreichbare zerrissen, zerbrochen und blind auf die Mitschüler eingeschlagen. Er könne im Unterricht nicht mehr gefördert werden und werde wohl auch kein Handwerk erlernen können, sondern in der "Pfleglingsabteilung" bleiben müssen.

Erwin Christens Vater starb am 20. September 1931 im Alter von 58 Jahren. Seine Mutter musste ihren Lebensunterhalt nun von Fürsorgeleistungen bestreiten. Sie besuchte ihren Sohn in den Alsterdorfer Anstalten und holte ihn mehrmals auf Besuch nach Hause. Der Urlaubsantrag vom Juli 1935 wurde aber abgelehnt, weil Erwin am 4. Juli 1935 auf Veranlassung der Alsterdorfer Anstalten und nach Beschluss des Erbgesundheitsgerichts vom 22. Mai 1935 im Universitätskrankenhaus Eppendorf sterilisiert werden sollte.

Die rechtliche Grundlage bildete das von den Nationalsozialisten erlassene "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses". Nach diesem im Juli 1933 erlassenen Gesetz konnte ein Mensch unfruchtbar gemacht (sterilisiert) werden, "wenn nach den Erfahrungen der ärztlichen Wissenschaft mit großer Wahrscheinlichkeit zu erwarten ist, dass seine Nachkommen an schweren körperlichen oder geistigen Erbschäden leiden werden." Unter "erbkrank" wurden folgende Krankheiten subsumiert: "angeborener Schwachsinn, Schizophrenie, zirkuläres (manisch-depressives) Irresein, erbliche Fallsucht, erblicher Veitstanz (Huntingtonsche Chorea), erbliche Blindheit, erbliche Taubheit, schwere erbliche Missbildung." Auch Alkoholiker konnten nach diesem Gesetz unfruchtbar gemacht werden.

1941 beschloss das Amtsgericht Hamburg ebenfalls auf Initiative der Alsterdorfer Anstalten Erwin Christens Entmündigung "wegen Geisteskrankheit bzw. Geistesschwäche". Das Gericht entschied, die Kosten des Verfahrens, "welche nach einem Wertgegenstande von 500.- RM zu berechnen sind, hat der nunmehr Entmündigte zu tragen".

Nachdem die Alsterdorfer Anstalten während der schweren Luftangriffe der Alliierten auf Hamburg Ende Juli/Anfang August 1943 ("Operation Gomorrha") Schäden erlitten hatten, nutzte der Leiter der Alsterdorfer Anstalten, SA-Mitglied Pastor Friedrich Lensch, diese Situation und bat die Hamburger Gesundheitsbehörde um Genehmigung für den Abtransport von etwa 750 Anstaltsbewohnerinnen und -bewohnern, weil sie durch die Bombenangriffe obdachlos geworden seien. Daraufhin verließen zwischen dem 7. und dem 16. August 1943 drei Transporte mit insgesamt 469 Mädchen, Jungen, Frauen und Männern Alsterdorf in verschiedene Richtungen, darunter am 10. August 1943 ein Transport mit 113 Männern, Jugendlichen und Jungen mit dem Ziel "Heil- und Pflegeanstalt Mainkofen" in der Nähe von Passau. (Darin befand sich Hans Werner Ebeling, an den ein Stolperstein in der Methfesselstr. 44 erinnert).

Ein weiterer Abtransport hatte die "Landesheilanstalt Eichberg" in der Nähe von Wiesbaden und die "Heil- und Pflegeanstalt Kalmenhof" in Idstein im Rheingau mit zusammen 128 Mädchen, Jungen und Männern zum Ziel. Der dritte Abtransport mit 228 Mädchen und Frauen führte nach Wien in die "Wagner von Jauregg Heil- und Pflegeanstalt der Stadt Wien".

Während der "Aktion-T4" (Tarnbezeichnung für das "Euthanasie"-Programm der Nationalsozialisten, genannt nach dem Sitz der Berliner Euthanasiezentrale in der Berliner Tiergartenstraße 4) fungierten Eichberg und Kalmenhof als Zwischenanstalten für die Tötungsanstalt Hadamar bei Limburg an der Lahn, die Anstalt in Wien als Zwischenanstalt für die Tötungsanstalt Hartheim bei Linz. Nach dem offiziellen Ende der Gasmorde in den Tötungsanstalten wurde in den bisherigen Zwischenanstalten weiter gemordet.

Die Heil- und Pflegeanstalt Mainkofen, in der vornationalsozialistischen Zeit ein psychiatrisches Krankenhaus, wurde systematisch zu einer Sterbeanstalt entwickelt. Von dort wurden während der ersten Phase der "Euthanasie"-Morde bis August 1941 Menschen in die Tötungsanstalt Schloss Hartheim in der Nähe von Linz verschleppt und mit Gas ermordet. 604 von ihnen sind namentlich bekannt.

Nach dem erwähnten offiziellen Ende der "Euthanasie" führte das Personal den Tod der Patientinnen und Patienten in Mainkofen vorsätzlich herbei, und zwar durch Nahrungsentzug im Rahmen des "Bayrischen Hungererlasses" (Hungerkost, fleisch- und fettlose Ernährung, in Mainkofen als "3-b Kost" bezeichnet), pflegerische Vernachlässigung und überdosierte Medikamente. In Mainkofen starben 762 Patientinnen und Patienten in den sogenannten Hungerhäusern. Als angebliche Todesursache bescheinigte die Anstalt insbesondere Darmkatarrh, Tuberkulose, Lungenentzündung bzw. Lungentuberkulose.

Von den Alsterdorfer Jungen und Männern, die am 12. August 1943 in Mainkofen eintrafen, verstarben 74 bis Ende 1945. Als Todesursache tauchte, wie in anderen Sterbeanstalten auch, immer wieder "Lungentuberkulose" auf; vierzig Mal bei den 74 Alsterdorfern, die dort verstarben. "Darmkatarrh" wurde fünfzehn Mal als Todesursache genannt. Nur 39 Patienten überlebten das Jahr 1945, davon 15 Erwachsene sowie 24 Kinder und Jugendliche im Alter bis zu 21 Jahren. Die überlebenden Patienten wurden am 19. Dezember 1947 nach Alsterdorf zurückverlegt.

Erwin Christen gehörte nicht zu den Überlebenden. Er starb am 7. März 1944 in Mainkofen. Als Todesursache galt auch bei ihm "Lungentuberkulose". Seine Mutter erhielt ein einfaches Telegramm vom Ableben ihres Sohnes: "Erwin Christen gestorben. Beerdigung Sonntag 13 Uhr im Anstaltsfriedhof. Anstalt Mainkofen".

Seit 2014 befindet sich auf dem Gelände des heutigen Bezirksklinikums Mainkofen ein "Lern- und Gedenkort", an dem die ermordeten Patienten namentlich genannt werden und ihrer gedacht werden kann. Eine weitere Gedenktafel erinnert an die über fünfhundert Jugendlichen und Erwachsenen, an denen Zwangssterilisationen durchgeführt wurden.

Aus den damaligen Alsterdorfer Anstalten sind im Nationalsozialismus insgesamt 630 behinderte Kinder, Frauen und Männer in Zwischenanstalten oder direkt in Tötungsanstalten der "Euthanasie" abtransportiert worden. Von ihnen sind 511 Menschen getötet worden.

Auf dem Stolperstein zur Erinnerung an Erwin Christen ist als Geburtsjahr irrtümlich das Jahr 1902 angegeben. Es muss richtig heißen: 1920.

Stand: Juli 2021
© Ingo Wille

Quellen: Adressbuch Hamburg; StaH 332-5 Standesämter 2397 Geburtsregister 2588/1896 Gustav Carl Hinrich Christen, 9143 Geburtsregister 967/1898 Bertha Karoline Olga Christen, 13089 Geburtsregister 1997/1899 Bertha Emma Henriette Christen, 13613 Geburtsregister 61/1900 Emma Wilhelmine Franziska Christen, 8579 Heiratsregister 503/1896 Emma Caroline Martha Hoffmann/Gustav Georg Heinrich Christen, 7907 Sterberegister 821/1897 Gustav Carl Hinrich Christen, 9659 Sterberegister 2468/1905 Heinrich Andreas Willy Christen, 9854 Sterberegister 1944/1931 Gustav Carl Hinrich Christen; Harald Jenner/Michael Wunder, Hamburger Gedenkbuch Euthanasie – Die Toten 1939-1945, Hamburg 2017, S. 139; Michael Wunder, Ingrid Genkel, Harald Jenner, Auf dieser schiefen Ebene gibt es kein Halten mehr – Die Alsterdorfer Anstalten im Nationalsozialismus, Stuttgart 2016, S. 35, 315 ff.

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