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Bela Feldheim * 1941

Valentinskamp 46 (Hamburg-Mitte, Neustadt)


HIER WOHNTE
BELA
FELDHEIM
JG. 1941
DEPORTIERT 1942
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Weitere Stolpersteine in Valentinskamp 46:
Ella Feldheim, Ingeborg Feldheim, Bernhard Feldheim, John Schickler

Bela Feldheim, geb. am 16.1.1941 in Hamburg, deportiert am 11.7.1942 nach Auschwitz
Bernhard Feldheim, geb. am 17.5.1905 in Unna, deportiert am 8.11.1941 nach Minsk
Ella Feldheim, geb. Posner, geb. am 2.9.1911 in Hamburg, deportiert am 11.7.1942 nach Auschwitz
Ingeborg Feldheim, geb. am 15.2.1933 in Hamburg, deportiert am 11.7.1942 nach Auschwitz

Valentinskamp 46

Am 29. März 2016 wurde der 5000ste Stolperstein in Hamburg für einen Säugling gesetzt: Die kleine Bela Feldheim wurde ermordet, bevor sie in ihrem einjährigen Leben irgendwelche Spuren hinterlassen konnte. Sie stammte aus einer armen, zerrissenen jüdischen Familie. Schon ihre Eltern waren in dürftigen Verhältnissen aufgewachsen, blieben auf die Fürsorge angewiesen und hatten das enge Gängeviertel vor ihrer Deportation und Ermordung nie verlassen.

Ihre Mutter Ella Feldheim war als älteste Tochter des jüdischen Paares Ernst Posner (s. dort) und der Witwe Johanna Wolf, geb. Gans, in Hamburg geboren worden. Sie kam zwei Monate, bevor ihre Eltern am 2. November 1911 heirateten, in der ABC-Straße 32 zur Welt. Während ihr Vater Ernst Posner (geb. 2.10.1881), der sich selbst als "nicht fromm" bezeichnete, schon in Hamburg im ehemaligen Gängeviertel der Neustadt aufgewachsen war, stammte ihre Mutter Johanna (geb. 27.9.1873, gest. 22.8.1939) aus der Kleinstadt Bebra in Hessen. Ihre Familie lebte dann in Rotenburg an der Fulda, wo ihr Vater, der Schneider Moses Gans, auch Tempeldiener war.

Ella hatte drei ältere Halbschwestern: Franziska (geb. 25.1.1904), Bertha (geb. 1.5.1905, gest. 28.11.1917) und Selma (geb. 19.8.1906), die aus der ersten Ehe ihrer Mutter stammten. Nach Ella kamen noch zwei weitere Kinder hinzu: Martin (geb. 16.10.1913) und Frieda (geb. 28.4.1915).

Als Droschkenfahrer hatte Ernst Posner Mühe, seine Familie zu ernähren, zumal er während des Ersten Weltkrieges arbeitslos wurde. Eine Zeitlang war er bis 1917 als Packer beim "General-Anzeiger für Hamburg-Altona" beschäftigt. Und obwohl Ernst Posner in der Fürsorgeakte der Familie als fleißiger Mann beschrieben wurde, fand er in den folgenden Jahren nur als "unständiger" Arbeiter im Hafen Beschäftigung.

Familie Posner lebte in sehr einfachen Verhältnissen, zeitweise sogar in größter Not.

Da für die jüngsten Kinder Ella, Martin und Frieda nicht ausreichend gesorgt war, veranlasste die Behörde für öffentliche Jugendfürsorge vorübergehend ihre Unterbringung in der Israelitischen Waisen- und Erziehungsanstalt in Esslingen in der Mülbergerstraße 146. Weihnachten 1929 kehrten sie in ihre Familie zurück.

Häufig sahen sich Ellas Eltern gezwungen, ihre Wohnung zu wechseln. Sie lebten im Valentinskamp 28, später im Haus Nr. 96, zogen über die Speckstraße 50 in den Hinterhof der Schlachterstraße 50. 1923 lebten sie in der ehemaligen Mauerstraße 5, gegenüber der St. Michaeliskirche, bis sie Anfang 1934 schließlich in die Wexstraße 34 zogen. Die "fast dunkle" 3½-Zimmer-Erdgeschosswohnung lag in einem Hinterhof und war über den Großen Trampgang zu erreichen.

Als junge Frau lernte Ella den Möbeltransporteur Bernhard Feldheim kennen. Das Paar verlobte sich und lebte anfangs bei Ellas Eltern in der Mauerstraße. Als es am 24. Dezember 1932 heiratete, wohnten beide zur Untermiete in der ehemaligen Winkelstraße 9, der Verbindungsstraße zwischen Valentinskamp und Dammtorwall (heute Emporio-Hochhaus, vormals Unilever-Haus). Ella war hochschwanger und Bernhard Feldheim arbeitslos, so zogen sie zunächst in die Mauerstraße zu Ellas Eltern zurück, wo sie das Vorderzimmer bewohnten. Am 15. Februar 1933 wurde Tochter Ingeborg geboren. Erst drei Jahre später gründeten sie ihren eigenen Haushalt im Valentinskamp 46. Eine zweite Tochter, die den Namen Bela erhielt, kam am 16. Januar 1941 zur Welt.

Ellas Ehemann Bernhard Feldheim (geb. 17.5.1905) stammte aus Unna/Westfalen. Sein Vater, der Anstreicher und Pulverarbeiter Joseph/Julius Feldheim, Sohn eines Schlachtermeisters aus Hörde (heute ein Stadtteil im Süden von Dortmund), war während des Ersten Weltkrieges am 17. März 1917 im Alter von 47 Jahren in einer Haftanstalt in Bergedorf verstorben. Seine Mutter hieß Emma, geb. van Cleef (geb. 21.7.1876 in Haselünne, gest. 22.8.1932), und wohnte in der Peterstraße 51.

Bernhard Feldheim hatte noch einen Bruder: Siegfried Albert Feldheim (geb. 26.9.1906 in Dortmund), war mit Henny Margarete Bielschowsky (geb. 17.4.1919) verheiratet. Deren Schwester Ruth Bielschowsky (geb. 7.10.1914) heiratete im April 1939 Ellas Bruder Martin Posner.

Die Ehe scheint nicht glücklich gewesen zu sein. Ella Feldheim trennte sich von ihrem Mann und zog mit ihren beiden Töchtern zu ihrer Halbschwester Selma Delfs, geb. Wolf, die in einer "privilegierten Mischehe" mit einem "arischen" Ehemann in der Marcusstraße 11 (heute Markusstraße) lebte. Ende 1941 musste Ella in das "Judenhaus", ehemals Lazarus-Gumpel-Stift, Schlachterstraße 46/47 Haus 3 wechseln (die Straße am Großneumarkt gibt es heute nicht mehr). Die Stiftswohnung war frei geworden, denn ihre vorherige Bewohnerin Marianne Hecker (s. dort) war kurz zuvor, am 8. November 1941, mit ihren Söhnen Max und Louis nach Minsk deportiert worden.

Sicherlich litt Ellas älteste Tochter Ingeborg nicht nur unter Bedrohung und Verfolgung, sondern auch unter der Trennung ihrer Eltern. Sie besuchte die "Mädchenschule der Deutsch-Israelitischen Gemeinde" in der Carolinenstraße 35. Als diese geschlossen wurde, gehörte sie zu den sieben jüngsten jüdischen Kindern, die nun im jüdischen Knaben-Waisenhaus am Papendamm 3 weiter unterrichtet wurden, bis am 30. Juni 1942 reichsweit der Unterricht für jüdische Kinder verboten wurde. Ihre Lehrerin Rebecka Cohn (geb. 28.6.1881) schrieb für Ingeborg einen Abschlussbericht, ihr erstes und letztes Zeugnis: "Ingeborg ist 9 Jahre alt. Es ist ihr nicht gelungen, Lesen und Schreiben zu erlernen. Ihre Leistungen im Rechnen sind auch nicht genügend. Inge gibt sich große Mühe. Sie ist ein ruhiges Kind, das niemals den Unterricht stört. Sie ist sehr hilfsbereit und für praktische Dinge (z.B. Hausarbeit) gut zu gebrauchen. Sie hat 36 Tage gefehlt."

Am 11. Juli 1942 wurde Ella Feldheim mit ihrer Tochter Ingeborg und der nun einjährigen Bela nach Auschwitz deportiert, wo sie höchstwahrscheinlich direkt in die Gaskammer geschickt wurden.

Das gleiche Schicksal ereilte auch Ingeborgs Lehrerin Rebecka Cohn (s. Ahron Albert Cohn). Für sie wurde ein Stolperstein in der Husumer Straße 2 verlegt.

Bernhard Feldheim hatte nach der Trennung bei seinem Schwager Martin Posner (s. dort) in der Wexstraße 3 gewohnt. Er hatte den Deportationsbefehl für den Transport am 8. November 1941 ins Getto Minsk erhalten.

Ellas Bruder Martin, ihr Vater Ernst Posner, ebenso ihr Schwager Siegfried Albert Feldheim und seine Frau Henny Margarete aus der Fruchtallee 135, befanden sich am 25. Oktober 1941 in einem Transport, der ins Getto "Litzmannstadt" in Lodz ging. Ihre Schwester Frieda Posner wurde am 12. April 1942 in der Tötungsanstalt Bernburg ermordet, ihre Halbschwester Franziska Starken, geb. Wolf, wurde aus dem Frauenkonzentrationslager Ravensbrück nach Auschwitz deportiert und zunächst als Häftling ins Lager übernommen. Sie kam dort am 14. Oktober 1942 ums Leben.

Selma Delfs, geb. Wolf, wurde im Juni 1943 in der Marcusstraße ausgebombt. Sie flüchtete mit ihren Kindern nach Bromberg (heute Bydgoszcz in Polen) und kehrte nach einem halben Jahr illegal nach Hamburg zurück. Ihre ehemalige Nachbarin Anni Pollhans versteckte sie auf einem Dachboden im Hofweg 77 in Uhlenhorst. Um die benötigten Lebensmittelkarten zu erhalten, entschloss sich Selma Delfs, sich erneut in Hamburg anzumelden und bekam im August 1944 die Aufforderung, sich zum "Arbeitseinsatz" bei der Gestapo zu melden. Um die Unterbringung ihrer Kinder zu klären, erwirkte sie einen Aufschub, den sie nutzte, um erneut unterzutauchen. In einer Ruine in der ABC-Straße erlebte Selma Delfs mit ihren Kindern den Einmarsch britischer Truppen in Hamburg.


Stand: Juli 2018
© Susanne Rosendahl

Quellen: 1; 4; StaH 741-4 Sa 1248; StaH 332-5 Standesämter 2008 u 4647/1881; StaH 332-5 Standesämter 2077 u 1908/1884; StaH 332-5 Standesämter 294 u 596/1891; StaH 332-5 Standesämter 14228 u 271/1904; StaH 332-5 Standesämter 3173 u 645/1911; StaH 332-5 Standesämter 767 u 316/1917; StaH 332-5 Standesämter 7042 u 339/1924; StaH 332-5 Standesämter 5360 u 970/1925; StaH 332-5 Standesämter 13684 u 433/1931; StaH 332-5 Standesämter 994 u 179/1932; StaH 332-5 Standesämter 13846 u 838/1932; StaH 332-5 Standesämter 1024 u 205/1934; StaH 332-5 Standesämter 1105 u 315/1939; StaH 351-11 AfW 31198 (Delfs, Selma); StaH 351-14 Arbeits- und Sozialfürsorge 1707 (Posner, Ernst); StaH 351-14 Arbeits- und Sozialfürsorge 1004 (Brüggemeyer, Mathilde); StaH 213-11 Staatsanwaltschaft Landgericht 4996/40; StaH 213-11 Staatsanwaltschaft Landgericht 8329/41; StaH 213-11 Staatsanwaltschaft Landgericht 2295/42; Schindler-Saefkow: Gedenkbuch, S. 490; Randt: Carolinenstraße, S. 184f.; Auskunft aus der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück von Monika Schnell, E-Mail vom 11.6.2014; Opfer des NS-Regimes – Angenrods letzte Israeliten, Mitteilungen des Oberhessischen Geschichtsvereins Gießen, http://www.ohg-giessen.de/mohg/95_2010/13-stahl-opfer-out.pdf (Zugriff 16.2.2014); http://ancestry.hassia-judaica.de (Zugriff 16.2.2014); http://stevemorse.org/dachau/dachau.html (Zugriff 10.12.2014).
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

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