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Camillo Friede * 1902

Ferdinandstraße 14 (Hamburg-Mitte, Hamburg-Altstadt)


HIER WOHNTE
CAMILLO FRIEDE
JG. 1902
VERHAFTET 1933
’HOCHVERRAT’
ZUCHTHAUS FUHLSBÜTTEL
1944 ZUCHTHAUS CELLE
ERMORDET 13.4.1945
BÜTZOW-DREIBERGEN

Camillo Paul Eugen Friede, geb. am 2.9.1902 in Dresden, inhaftiert 1933, 1942 Zuchthaus Celle, gestorben auf dem Transport Bützow-Dreibergen am 13.4.1945

Ferdinandstraße 14

Camillo Friede war am 2. September 1902 als Sohn der unverheirateten Verkäuferin Emma Friede in Dresden zur Welt gekommen. Zwei Jahre später hatte seine Mutter den Buchdrucker Eugen Steltzer geheiratet. Camillo besuchte in seiner Geburtsstadt Dresden zunächst die Volksschule, anschließend für sechs Jahre die Bürgerschule und begann dann eine Lehre als Tapezierer und Dekorateur. Bis 1927 verbrachte er seine ersten Gesellenjahre auf Wanderschaft, von 1928 bis 1931 fuhr er als Steward zur See.

Camillo Friede schloss sich früh der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) an. Während einer zweijährigen Arbeitslosigkeit wurde er 1932 Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) und setzte seine politischen Aktivitäten auch nach deren Verbot in der Illegalität fort. So verteilte er u. a. unter Mitgliedern der NSDAP kommunistische Flugblätter.

Die Historikerin Ursel Hochmuth beschrieb Camillo Friede in: "Die Bästlein-Jacob-Abshagen-Gruppe" als sehr belesenen, Musik liebenden Menschen, der das Leben und die Welt kennenlernen wollte. Offensichtlich war er sprachbegabt, er beherrschte fünf Fremdsprachen und war vielseitig interessiert. Wann immer er es ermöglichen konnte, besuchte er Konzerte und die Oper.

Bei seiner ersten Festnahme, Ende 1933, wohnte er in der Capellenstraße 14 (heute Ellmenreichstraße) im Stadtteil St. Georg. Unter dem Vorwurf "Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens" verurteilte ihn das Hanseatische Oberlandesgericht am 2. November 1933 zu einer Zuchthausstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten. Nach Verbüßung der Haftzeit in Fuhlsbüttel blieb er für weitere drei Jahre im KZ Esterwegen und in Sachsenhausen in sogenannter Schutzhaft.

Nach seiner Entlassung Ende 1937 konnte er in seinem erlernten Beruf wieder Fuß fassen und bestand 1941 seine Meisterprüfung.

Camillo Friede sammelte nun zusammen mit seinem Freund Kurt Albin Friedrich (geb. 30.5.1903 in Hildburghausen) einen Kreis von Antifaschisten um sich. In Sachsenhausen hatte er die ebenfalls in Schutzhaft gehaltenen Kommunisten Bernhard Bästlein (s. dort), Robert Abshagen (s. Stolpersteine in Hamburg-Barmbek) und Franz Jacob (s. dort) kennengelernt und war mit ihnen in Kontakt geblieben. Als diese gemeinsam mit anderen Kommunisten nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 beschlossen, eine illegale Widerstandsgruppe aufzubauen, beteiligte sich Camillo Friede als "Abwehrmann". Er sollte wichtige militärische Informationen liefern, da er als Polsterer und Dekorateur gelegentlich Zutritt zu Kasernen und Behörden hatte. Mit der Zeit gelang es, in über 30 Werften und Betrieben konspirative Zellen aufzubauen und mit anderen Widerstandsgruppen Verbindungen aufzunehmen. Ihr Ziel war, das Hitlerregime zu stürzen und den Krieg so schnell wie möglich zu beenden.

Als Mitglieder der unter dem Namen Bästlein-Jacob-Abshagen bekannt gewordenen Widerstandsorganisation von der Gestapo festgenommen wurden, konnte sich zunächst nur Franz Jacob der Verhaftung entziehen, er floh nach Berlin. Dort baute er mit Anton Saefkow (s. dort) eine neue Organisation auf. Später stieß auch Bernhard Bästlein zu ihnen. Er war am 17. Oktober 1942 in Hamburg verhaftet worden und hatte nach einem schweren Luftangriff aus der Haftanstalt Berlin-Plötzensee fliehen können. Robert Abshagen befand sich seit dem 19. Oktober 1942 im Polizeigefängnis Fuhlsbüttel in Haft.

Camillo Friede wohnte in der Hamburger Altstadt in der Ferdinandstraße 14 bei Timm, als er am 25. November 1942 festgenommen wurde. Um die Namen anderer zu erfahren, wurde er bei den Verhören schwer misshandelt und gefoltert. Seinen Freund Kurt Albin Friedrich verriet er nicht. Dieser konnte zunächst weiter arbeiten. Jedoch wurde er später, am 13. Juni 1944, aufgrund der Angaben eines Spitzels von der Gestapo wegen "Unterstützung illegaler kommunistischer Gruppen zwecks Vorbereitung zum Hochverrat" verhaftet. Kurt Albin Friedrich starb am 13. August 1944 im Polizeigefängnis Fuhlsbüttel, "angeblich Selbstmord nach verschärfter Vernehmung". Wahrscheinlicher ist, dass er an den Folterungen verstarb, da auch von ihm weitere Namen erpresst werden sollten.

Im März 1943 wurde Camillo Friede, wie die anderen in Haft geratenen Mitglieder der Bästlein-Jacob-Abshagen-Gruppe, vom Polizeigefängnis Fuhlsbüttel ins Untersuchungsgefängnis am Holstenglacis überführt, wo sie auf ihren Prozessbeginn warteten. Da während der schweren Luftangriffe auf Hamburg im Juli/August 1943 auch das Untersuchungsgefängnis beschädigt wurde, erhielten einige der Gefangenen, die kein Todesurteil zu erwarten hatten, für einige Wochen Hafturlaub. Auf Camillo Friedes Haftkarteikarte wurde vermerkt "4.8.43 entlassen" und "1.10.43 vom Urlaub zurück". Die Gelegenheit, nach Ablauf der Frist unterzutauchen, nahm er nicht wahr.

Am 6. März 1944 begannen die ersten sogenannten Kommunistenprozesse vor dem Hamburger Oberlandesgericht, die sich bis Mai 1944 hinzogen. Camillo Friede wurde in der Hauptverhandlung am 5. Mai 1944, vor dem 2. Senat des Volksgerichtshofes im Strafjustizgebäude in Hamburg, zum Tode verurteilt. Da sein Vater und zwei Brüder im selben Jahr als Soldaten getötet worden waren, wurde das Todesurteil in eine sechsjährige Zuchthausstrafe umgewandelt. Zwei seiner Mitangeklagten wurden zum Tode verurteilt, der Zimmermann Heinrich "Hein" Bretschneider (geb.12.12.1904) und der Bauarbeiter Richard Heller (geb. 26.10.1908). Am 26. Juni 1944 wurden deren Urteile im Untersuchungsgefängnis Hamburg vollstreckt.

Am 26. Mai 1944 gelangte Camillo Friede mit den anderen, die zu hohen Haftstrafen verurteilt worden waren, in das Zuchthaus Celle-Mühlhausen. Am 10. April 1945 wurde das Zuchthaus in Celle vor den anrückenden Alliierten geräumt, die Gefangenen kamen nach Bützow-Dreibergen in Mecklenburg.

Ursel Hochmuth zitierte den Bericht eines Mitgefangenen, der über Camillo Friedes Zeit in Celle und seinen Tod am 13. April 1945 während des Transportes berichtete:

"Nach unserer Aburteilung waren Camillo und ich im Mai 1944 in der Sattlerei des Zuchthauses Celle gelandet. Dort hatte ich das Glück, schon bald mit der Verwaltung des Materiallagers betraut zu werden. Dadurch war es mir möglich, Camillo sonntags zur Arbeit im Lager anzufordern. Das waren wirkliche Festtage für uns. Wir diskutierten, prophezeiten und schmiedeten Zukunftspläne bis zum Einschluss am Nachmittag, denn wir waren allein und vollkommen ungestört. Da ich auch etwas Bewegungsfreiheit hatte, war es mir möglich, zusätzlich etwas Essbares zu verschaffen, sodass ich Camillo fast täglich einen Kanten Brot oder ein Netz Pellkartoffeln zuschanzen konnte. Bis zum Herbst ging das gut so. Aber dann erkrankte Camillo an einer Phlegmone [bakterielle Hautinfektion]. Er kam für einige Tage ins Lazarett und anschließend zwei Wochen in eine ,Schonungszelle’. Hier waren die Gefangenen der rücksichtslosen Willkür des Kalfaktors, eines in Sicherungsverwahrung befindlichen Berufsverbrechers, ausgeliefert. Für manchen Politischen bedeutete eine dortige Krankenbehandlung den Tod. Während der ,Schonzeit’ hatte Camillo sich noch eine Lungenentzündung zugezogen, sodass er in einem äußerst geschwächten Zustand zurückkehrte. Bald darauf wurde er dann in die Polsterei abkommandiert, wodurch wir völlig auseinandergerissen wurden. Einmal begegneten wir uns auf der Treppe. Ich war erschüttert über seinen geschwächten Körperzustand. Jedoch seine Augen leuchteten wie immer, und er flüsterte mir zu: ,Bald ist es soweit. Ich will durchhalten.’ Dann zog er sich weiter am Geländer hinauf. Als dann die Engländer bis auf 100 Kilometer vor Celle herangerückt waren, wurden die in den Augen der Justiz gefährlichen Elemente (Politische und Ausländer) güterzugweise abtransportiert. 450 Gefangene, darunter Camillo und ich, wurden am 8. April 1945 in offene Waggons verladen und reisten fünf Tage und Nächte planlos durch Hannover, Braunschweig und Mecklenburg, ohne Nahrung, ohne Wasser, ohne Schlafgelegenheit. Denn wir wurden mit 70 Menschen in einen Waggon ge-
pfercht, darunter Ruhrkranke und Halberfrorene. Es war uns beiden nicht möglich gewesen, in denselben Waggon zu kommen. So konnten wir uns nur einige Male über den Wagenrand sehen und uns zuwinken. Ich glaubte Camillo einigermaßen bei Kräften. Als wir jedoch in Bützow (bei Rostock) die Waggons verließen, um ins Zuchthaus Dreibergen zu marschieren, war Camillo nicht unter den taumelnden Gestalten. Ich lief zu seinem Waggon und fand ihn am Boden liegend. Als ich ihn herausholte, befand er sich bereits in Agonie und erkannte mich nicht mehr. Mir wurde befohlen, ihn zu den Kranken auf die Erde zu legen. Als dann ein Fuhrwerk kam, um die Kranken in die Anstalt zu fahren, lief ich zu ihm und hob ihn auf den Wagen. Er wog wohl keine 90 Pfund mehr. Als ich ihn trug, fielen seine Arme schlaff herunter, und ich sah, dass seine Augen bereits gebrochen waren. Er wird an Ruhr und an Erschöpfung gestorben sein, wie die anderen 150 Kameraden in den darauffolgenden drei Hungerwochen, darunter die Genossen Anasch, Kerpel, Dreibrodt, Möller, Götzke und Quest. Bei unserer Befreiung durch die Rote Armee am 3. Mai habe ich versucht zu erfahren, wo die Leiche Camillos begraben worden ist. Es war mir unmöglich, denn es war überhaupt kein Beamter zu finden, und überdies waren die Toten unseres Transportes weder identifiziert noch registriert worden. Camillo zählt zu den vielen, vielen namenlosen Opfern. Noch heute sehe ich die grauenvollen Szenen vor mir und empfinde die tiefe Tragik unseres tapferen Camillo."

Für Kurt Friedrich und Robert Anasch (geb. 22.12.1907, gest.15.4.1945) wurden Stolpersteine in Hamburg-Uhlenhorst in der Höltystraße 15 und in der Schenkendorfstraße 25 verlegt (s. Stolpersteine in Hamburg-Uhlenhorst).

Für Paul Dreibrodt (geb.19.7.1905, gest. 28.5.1945) und August Quest (geb. 28.2.1886, gest. 28.4.1945) im Stadtteil Wilstorf, in der Heinrich-Heine-Straße 30 und im Kapellenweg 15 (s. Stolpersteine in Harburg). An Richard Heller erinnert ein Stolperstein vor seinem letzten Wohnort in Bremen in der Hansestraße 201.


Stand: September 2018
© Susanne Rosendahl

Quellen: StaH 242-1II Abl. 1998/1 U-Haft Männer; StaH 242-1II Abl. 13 Gefangenenkartei; StaH 351-11 AfW 38425 (Friedrich, Gerda); Gedenkstätte Ernst Thälmann Hamburg-Eppendorf, Archiv, Anklageschrift des Oberreichsanwalt beim Volksgerichtshof in Berlin vom 26.2.1944; Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg, Männer im Widerstand 1933–1945, Akte A-F, 13-3-3-1; Buck: Widerstand; Puls: Bästlein-Jacob-Abshagen-Gruppe, S. 198, S. 132; Hochmuth/Meyer: Streiflichter, S. 342, S. 357, S. 386; http://www.spurensuche-bremen.de/5057/widerstandskampfer-richard-heller/ (Zugriff 1.6.2015); www.ancestry.de (Geburtsregister von Camillo Friede, Zugriff 8.3.2017).

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