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Bereits verlegte Stolpersteine



Wohnhaus Mittelstraße 29
© Stadtteilarchiv Hamm

Mindel Saalfeld * 1892

Carl-Petersen-Straße 29 (Hamburg-Mitte, Hamm)


HIER WOHNTE
MINDEL SAALFELD
JG. 1892
DEPORTIERT 1941
LODZ
1942 CHELMNO
ERMORDET

Mindel Saalfeld, geb. 6.4.1892 in Lübeck, am 25.10.1941 ins Getto "Litzmannstadt" in Lodz deportiert, am 4.5.1942 "ausgesiedelt", ermordet in Chelmno

Carl-Petersen-Straße 29

Mindel Minna Saalfeld stammte aus einer Lübecker Händlerfamilie. Ihr Vater Jacob Saalfeld, geb. 1858, von Beruf Uhrmachermeister, handelte mit Antiquitäten. Ihre Mutter Fanny, geb. Levy, geb. 1857, hatte keinen Beruf erlernt. Jacob Saalfeld erwarb in Lübeck das Haus Marlesgrube 7, wo er mit seiner Familie bis zu seinem Tod im Jahr 1935 lebte.

Das älteste der vier Kinder, die das Erwachsenenalter erreichten, war die am 8.7.1886 geborene Franziska. Ihr folgten im Abstand von gut einem Jahr der einzige Sohn, Leopold, mit jüdischem Namen Bergold (geb. 19.10.1887), und Regina (geb. 10.8.1889). Nach ihr kam eine weitere Schwester zur Welt, Mindel, geboren am 6.4.1892. Sie wurde nach ihrer zwei Jahre zuvor gestorbenen Großmutter Mindel Saalfeld benannt. Mindel oder Minna, wie sie auch hieß, blieb die Jüngste.

Die Familie lebte jüdisch-orthodox, die Kinder besuchten die israelitische (= jüdische) Schule. Über ihre Kindheit und Jugend sind keine Einzelheiten bekannt. Nur der Sohn Leopold erlernte einen Beruf, er wurde Handelsgehilfe.

Nach dem Ersten Weltkrieg verließen die beiden älteren Geschwister Lübeck. Als erste zog Franziska 1920 nach Hamburg, wo sie ihren Verlobten Siegmund/Sigmund Mendel Mindus, geboren am 30. September 1884 in Jemgum in Ostfriesland, heiratete. Als Bote bei der Bank Alexander Carlebach reichte das Einkommen nicht für eine eigene Mietwohnung, sodass sie zunächst nur zur Untermiete wohnten, auch noch, als die beiden Söhne geboren wurden, Julius am 1.4.1923 und am 5.10.1924 Werner.

Die Mutter Fanny Saalfeld starb am 20.12.1924 in Lübeck.

Leopold/Bergold Saalfeld, heiratete die gleichaltrige Helene Sternfeld aus Baden-Baden. Sie ließen sich zunächst in Leipzig nieder. Dort kam am 20.4.1926 ihre einzige Tochter, Margot, zur Welt. 1933 kehrte Leopold mit seiner Familie vorübergehend ins Elternhaus in der Marlesgrube 7 in Lübeck zurück.

Die Schwester Regina heiratete den Kaufmann Max Rosenthal. Am 17.7.1928 wurde ihr einziges Kind, die Tochter Fina, geboren. Sie wohnten in Lübeck im Nachbarhaus, Marlesgrube 9, wo Max Rosenthal einen Kunsttrödel betrieb. Er starb 1935.

Mindel/Minna Saalfeld blieb nach dem Tod ihrer Mutter bei ihrem Vater bis zu dessen Tod. Er starb am 25.12.1935. Was ihr nach dem Verkauf des väterlichen Hauses als Erbe zufiel, ist nicht bekannt. Da sich später weder ein eigenes Einkommen noch Wohlfahrtszuwendungen nachweisen lassen, ist anzunehmen, dass sie nicht ganz mittellos war, als sie nach Hamburg kam. Es gibt keinerlei Hinweise auf Bemühungen um Auswanderung.

Mit Datum vom 30.4.1937 und der Berufsangabe "Hausangestellte" trat Mindel Saalfeld in die Hamburger Jüdische Gemeinde ein. Ihre erste Adresse war eine als Untermieterin in der Grindelallee 134 I, die nächste bei ihrer Schwester Franziska und ihrem Schwager Siegmund Mindus in der Kielortallee 22. Dort, im Oppenheimer Stift, hatte die auf Wohlfahrt angewiesene vierköpfige Familie am 11.5.1928 eine Wohnung bezogen.

Nach dem Verbot des Besuchs deutscher Schulen für Juden im November 1938 musste Margot Saalfeld, Franziska und Minnas Nichte, die städtische Volksschule in Lübeck verlassen, sie besuchte dann die Israelitische Töchterschule in der Karolinenstraße 35 in Hamburg. Sie pendelte täglich zwischen beiden Städten.

Offenbar zog Mindel Saalfeld Ende 1939 als Hausangestellte zu Max Haas, der mit seiner Familie im Mittelweg 29 in Rotherbaum, lebte. Sie arbeitete vermutlich gegen "schlicht um schlicht", also gegen Kost und Logis und ein Taschengeld. Am 5.11.1940 veranlagte die jüdische Gemeinde sie zur Zahlung des Mindestbeitrags von 12 Reichsmark für das Jahr 1940. Sie bezahlte den gesamten Betrag am 25.11.1940 und wurde danach von weiteren Beiträgen freigestellt.

Im Herbst 1941 begannen die Deportationen Hamburger Juden. Minna Saalfeld und ihre Verwandten aus dem Oppenheimer Stift, ihre Schwester Franziska Mindus mit ihrem Ehemann Siegmund und den Söhnen Julius und Werner (siehe www.stolpersteine-hamburg.de) wurden zum ersten Transport "zum Aufbau im Osten" am 25.10.1941 nach "Litzmannstadt" im deutsch besetzten Lodz im Warthegau aufgefordert.

Die Organisation der Deportationen war noch nicht eingespielt. In der von der Gestapo erstellten Liste von 1000 Personen wurde Minna Saalfeld mit der Berufsbezeichnung "Hausangestellte" und der Adresse Mittelstraße 29, also in Hamburg-Hamm, eingetragen. Von dieser Transportliste wurden aus vielerlei Gründen etliche Personen gestrichen. Für diese Fälle hatte die Gestapo eine Ersatzliste von 200 Personen vorgesehen. Zu ihnen gehörte Familie Haas, Mindel Saalfelds Arbeitgeber und Vermieter: Max (geb. 16.4.1895 in Borken), Lilli, geb. Weichselbaum (geb. 24.9.1907 in Berlin) und ihr Sohn Manfred (geb. 5.3.1930 in Hamburg) (siehe www.stolpersteine-hamburg.de).

Sie hatten sich im Logenhaus an der Moorweide einzufinden, wo Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der jüdischen Gemeinde sie so gut es ging versorgten, während die Gestapo sie kontrollierte und ihre Ausweisung aus dem Deutschen Reich, die den Verlust von allen Wertgegenständen und allen Rechten bedeutete, vorbereitete.

Außer diesen zum Transport in das Getto von "Litzmannstadt" von der Gestapo bestimmten Personen kamen weitere hinzu, die sich freiwillig meldeten, so dass schließlich ein Zug mit 1034 Deportierten am 25. Oktober 1941 den Hannoverschen Bahnhof, südlich des Hamburger Hauptbahnhofs gelegen, verließ.

Das Getto bestand aus einem Quartier von Wohnhäusern, das unter der Gewalt der Gestapo eine jüdische Selbstverwaltung aufgebaut hatte. Diese war zuständig für die gesamte Organisation im Getto, was zunächst hieß, Unterbringung und Zuweisung von Arbeit. Mindel Saalfeld wurde mit ihren Vermietern aus dem Mittelweg in der Hausiererstraße 6/3 einquartiert.

Anknüpfend an die in Lodz vorhandene Textilindustrie, arbeiteten viele Textilwerkstätten im Getto, wo u.a. auch Uniformen für die deutsche Wehrmacht angefertigt wurden. Mindel Minna Saalfeld arbeitete als Näherin.

Zwischen dem Getto und Hamburg gab es zeitweise Post- und Geldverkehr. Am 6.12.1941
schrieb Mindel Saalfeld eine Postkarte an "Frau Illy Himmelstern" in der "Hammer Landstraße 217". Die Postkarte trägt keinen Stempel, sie wurde nicht versandt, aber auch nicht vernichtet und befindet sich nun heute im Archiv in Lodz.
Der Text lautet:
"Meine Lieben!
Hoffe Euch doch gesund. Kann gar nicht begreifen, dass von Euch meine Lieben nichts höre. Hier kommt täglich Post und Geld auf Postanweisungen, nur ich bekomme keine Nachricht von Euch. Habt Ihr beiden Lieben mich denn ganz vergessen, ich kann es wirklich nicht verstehen, da ich Euch schon 3mal geschrieben habe. Was macht die Arbeit für Herbert, und Du l. Illy was hörst Du Gutes von Deinen Lieben.
Wie ich schon schrieb, wohne ich mit Haas zusammen, lassen Euch herzlich grüßen.
Nun, meine Lieben, innige Grüße
Und Küsse von Eurer Euch liebenden Mia."

Der 6.12.1941 war der Tag des letzten Herbsttransports aus Hamburg im Jahr 1941. Offenbar wusste Minna Saalfeld nichts davon. Mit ihm wurden ihr Bruder Leopold Bergold, ihre Schwägerin Helene und ihr Nichte Margot sowie ihre verwitwete Schwester Regina Rosenthal mit der Tochter Fina von Lübeck aus nach Riga-Jungfernhof deportiert, wo sich ihre Spuren verlieren (siehe www.stolpersteine-luebeck.de).

Welcher Art die Beziehung Minna Saalfelds zu der dreizehn Jahre jüngeren Ida Himmelstern, genannt Illy, war, bleibt im Dunkel. Sie lebte ohne ihren Mann in der Hammer Landstraße 214. Ida Himmelstern, geb. Röper, war die "arische" Ehefrau des jüdischen Schlachters Hermann Himmelstern. Ihre Ehe galt nicht als privilegiert, da es keine lebenden nichtjüdischen Kinder gab. Ihre 1934 geborenen Zwillinge waren einen Tag nach der Geburt gestorben. Zum Schutz seiner Ehefrau trennten sich Ida und Hermann Himmelstern. Er meldete sich per 31. Januar 1940 in der Rutschbahn 25 a an. Weshalb die Karte nicht gesendet wurde, lässt sich nicht verifizieren.
Hermann Himmelstern wurde mit dem letzten Hamburger Transport am 14. Februar 1945 nach Theresienstadt deportiert, erlebte das Ende des NS-Regimes und emigrierte schließlich (1951) zusammen mit seiner Ehefrau Ida nach Südafrika.

Das Vernichtungslager im von Deutschen besetzten Polen wurde Ende 1941 in Chelmno/Kulmhof ca. 70 km nordwestlich von Lodz errichtet. Dort wurden zunächst Juden aus der Umgebung, ab Anfang 1942 jüdische Gettobewohner und -bewohnerinnen aus Lodz mit Kohlenstoffmonoxid getötet und in einem nahegelegenen Wald vergraben.

Als nach einem Monat Pause am 4. Mai 1942 die Vernichtung von Juden aus dem Getto in Kulmhof/Chelmno wieder aufgenommen wurde, war Mindel Saalfeld unter ihnen. In der Adressenliste der Gettoverwaltung ist ihr Name durchgestrichen; unter Bemerkungen heißt es: "Aussiedlung am 4.5.1942".

Als einziger aus Mindel Saalfelds unmittelbarem Umfeld starb ihr Schwager Siegmund Mindus am 18.3.1942 im Getto und wurde auf dem zugehörigen Friedhof beigesetzt, während die anderen wie Mindel selbst nach Kulmhof/Chelmno deportiert und dort ermordet wurden: ihre Schwester Franziska Mindus zusammen mit ihrem Sohn Werner am 15.5.1942 und Familie Haas am 10.9.1942. Das Todesdatum und den -ort von Julius Mindus sind nicht bekannt.


Aufgrund eines unleserlichen Eintrag auf der Deportationsliste wurde der Stolperstein zur Erinnerung an Mindel Saalfeld irrtümlich in der Carl-Petersen-Straße 29 (der ehemaligen Mittelstraße 29) und nicht im Mittelweg 29 verlegt.


Stand: April 2026
© Hildegard Thevs

Quellen: 1, 4, 5, 6, 7, 9; Hamburger Adressbücher; StAH 522-1 Jüdische Gemeinden, 992 e 2, Band 1, 5; Arolsen Online Archiv; Archivum Panstwowe Lodz; Kugler-Weiemann, Heidemarie, Stolpersteine in Lübeck, Fleischhauerstraße 1 – Familie Saalfeld, 2008; Lange, Paula, Stolpersteine Hamburg, Rutschbahn 41, Mindus, 2015.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

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