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Bereits verlegte Stolpersteine



Recha Levi (geborene Bodenheimer) * 1865

Fontenay 11 (Eimsbüttel, Rotherbaum)


HIER WOHNTE
RECHA LEVI
GEB. BODENHEIMER
JG. 1865
GEDEMÜTIGT / ENTRECHTET
FLUCHT IN DEN TOD
17.7.1942

Weitere Stolpersteine in Fontenay 11:
Franz Emil Levi, Rudolph Levi, Anita Rée

Recha Levi, geb. Bodenheimer, geb. 15.1.1865 in Rülzheim, Suizid am 17.7.1942 in Hamburg

Fontenay 11

Recha (Regine) Bodenheimer war die Tochter von Bernhard Bodenheimer, geboren am 4. April 1835 in Rülzheim, Rheinland-Pfalz, und seiner Ehefrau Babette, geborene Simon, geboren am 10. Juni 1840 in Wald-Uelversheim, Rheinland-Pfalz. Recha kam am 15. Januar 1865 in Mannheim zur Welt. Sie war das dritte Kind nach Jenny, geboren am 2. Januar 1862, und Julius, geboren am 14. Mai 1863; es folgten auf Recha die Tochter Cölestine, geboren am 7. September 1866, und die am 13. August 1871 geborenen Zwillinge Alfred und Ernst August.

Über die Jahre bis zu ihrer Hochzeit ist aus dem Leben von Recha Bodenheimer nichts bekannt. Am 21. April 1887 schloss sie in Hamburg die Ehe mit dem Kaufmann Eugen Levi, geboren am 25. September 1857 in Neustadt an der Hardt. Drei Söhne wurden den Eheleuten Levi geboren: Robert (Marx Robert Levi Bodenheimer) am 9. Februar 1888, Rudolf (Josef Rudolf Levi) am 26. Oktober 1892 und Franz (Franz Emil Levi) am 13. Februar 1898.

Eugen Levi war Handelsvertreter im technischen Bereich, 1900 anscheinend für die Einrichtung chemischer Fabriken, später auch in der »Agentur und Commission« für deutsche und französische Leder tätig. Sein Büro hatte er in den Jahren 1900 bis 1909 am Alterwall 12, die Wohnung des Ehepaares war in der Klosterallee 28. Von 1910 bis 1931 befand sich das Büro im Graskeller 6, die Wohnung in der Brahmsallee 31. Im Jahre 1932 wird Rudolf Levi, der Sohn Eugen und Recha Levis, als Inhaber der Fa. Eugen Levi im Adressbuch genannt; die Wohnung des Ehepaares Levi blieb die Brahmsallee. Im Jahr darauf wurde für die Firma Eugen Levi die Anschrift Springeltwiete 4 verzeichnet, weiterhin unter der Inhaberschaft Rudolf Levis; eine Wohnung des Ehepaares wurde nicht genannt.

1934 gibt es weitere Veränderungen: Die Firma hatte ihren Sitz jetzt in der Hermannstraße 15, Eugens Name trat wie schon im Jahr zuvor nur im Firmennamen auf, Rechas Anschrift lautete von nun an bis 1938 Fontenay 11.

Dort war seit 1933 Julius Bodenheimer, Recha Levis älterer Bruder, wohnhaft. Recha Levi lebte hier offensichtlich in großzügigen Verhältnissen; zwölf Zimmer soll ihre Wohnung gehabt haben, wie es in der Wiedergutmachungsakte heißt.
Der Tod ihres Bruders am 1. Dezember (am 12. Mai?) 1940 war wohl auch der Zeitpunkt, zu dem Recha Levi spätestens das Haus verließ oder verlassen musste. Schon im Adressbuch des Jahres 1939 ist sie nicht mehr zu finden. Ihr Ehemann Eugen Levi war am 13. Oktober 1941 gestorben, als Wohnung wird im standesamtlichen Dokument seines Todes die Isestraße 67 angegeben; weitere Dokumente geben als Wohnsitz zwischen 1935 und 1938 die Blankeneser Landstraße, Ole Hoop 20 und die Hasenhöhe 110 an. Ob die Eheleute getrennt lebten, ist nicht bekannt.

Wann Recha Levi in den Steubenweg 36 einzog, ist nicht bekannt. Dort erhielt sie den Befehl zur Deportation, mit dem sie am 19. Juli 1942 nach Theresienstadt gebracht werden sollte. Sie entzog sich dem durch Selbsttötung. Der Polizeibericht beschreibt das Auffinden des Leichnams:

»331-5 Polizeibehörde, unnatürliche Sterbefälle
3 Akte / 1942 1250
Der Polizeipräsident 94. Polizeirevier
Berichtsbuch 281 / 1942
Bericht über Auffinden einer Leiche
Levi, geb. Bodenheim [und mit Bleistift angefügt ›er!!!‹],
geboren 15.1.1865 in Mannheim
Hbg. Blankenese, Steubenweg 36, lebte im jüdischen Erholungsheim
Die Leiche ist aufgefunden: wie: im Bett liegend
Von wem: Israel Frank, Hbg. Bl. Steubenweg 36 [...]
Sind Umstände und zwar welche bekannt, die als Ursache des Selbstmords
angesehen werden können? Evakuierung nach Theresienstadt
Wo ist die Leiche verblieben: Hafenkrankenhaus
Wer übernimmt die Beerdigung der Leiche: Jüdische Gemeinde

Am Freitag, den 17.7.1942, gegen 7:00 Uhr, wurde dem Rev. fernmündlich mitgeteilt, daß im Judenheim Steubenweg eine Frau tot im Bett liege. Ich stellte fest, daß es sich um die Jüdin Recha Sara Levi, geb. Bodenheim handelt. Sie hatte sich anscheinend durch Einnehmen von Gift, das Leben genommen. Der Arzt Dr. Doose stellte den Tod fest. Auf Anordnung des 3. K. (Uicker) wurde die Leiche mit dem Leichenwagen Studt in die Leichenhalle des Hafenkrankenhauses gebracht.

S.A.K. IX, Gestapo (Juden) haben Kenntnis
17.7. Hafenkrankenhaus bestätigt Empfang der Leiche [...]
geboren am 15.1.1865
Hafenkrankenhaus Anatomie für das Polizeipräsidium 3.K.
Körperlänge 152, 43 kg, Temp. 28 Grad, Geschlecht weiblich [...]«

Gefunden hatte den Leichnam »Israel Frank«, dabei handelte es sich um den ebenfalls im Steubenweg lebenden Siegfried Frank, der wie Recha Levi den Deportationsbefehl nach Theresienstadt erhalten hatte und später von dort nach Auschwitz überführt und ermordet wurde.

Recha Levi hatte mehrere Jahre im Haus ihres Bruders Julius Bodenheimer, Fontenay 11, gewohnt. Dieser hatte bis zu seinem Tod am 1. Dezember (am 12. Mai?) 1940 von dort auch sein Geschäft betrieben. Er war Mitinhaber der seit den 1880er Jahren bestehenden und 1935 von ihm verlassenen Hamburger Firma Behrend & Bodenheimer. Diese war ein bedeutender Getreide- und Futtermittelgroßhandel, aber seit 1933 in der geschäftlichen Tätigkeit behindert worden. Hatte die Firma 1931 noch fast 5 Millionen RM Umsatz verzeichnet, so waren es 1932 nur 2,5 Mio., 1933 1,5 Mio., 1934 2 Mio., 1935 1,3 Mio. und 1936 856 000 RM; so waren während der letzten drei Jahre jeweils Verluste entstanden, verursacht auch durch die Weltwirtschaftskrise. Diese Entwicklung hatte schließlich zu Bodenheimers Austritt aus der Firma geführt.

Auch der weitere Mitinhaber der Firma, James Zuckermann, hatte unter Verfolgung zu leiden, wie aus dem Schreiben eines Rechtsanwaltes aus dem Jahr 1967 hervorgeht:
»Der Sohn von Zuckermann wurde im Frühjahr 1933 aus dem Bett geholt und ins Gefängnis gebracht, nach einer Woche freigelassen, und kurze Zeit später wurden er und sein Vater von der Polizei aus dem Büro in das Altonaer Rathaus gebracht, wo sie einen ihnen aufgezwungenen Vergleich in Sachen Demimag unterschreiben mussten. Dabei waren Polizisten mit gezückten Revolvern zugegen! Deutsche Stellen verhinderten die Handelstätigkeit des Unternehmens z.B. durch Anrufe bei potentiellen Käufern, in denen sie ankündigten, der Verkäufer werde keine Ausfuhrgenehmigung bekommen […] Demimag wollte sich der nichtarischen Kreditgeberin B & B entledigen, sie seien als Kreditgeber der arischen Demimag nicht mehr tragbar.«

Bei seinem Tod hatte Julius Bodenheimer offensichtlich ein großes Vermögen zurückgelassen, denn der Erbengemeinschaft wurde 1952 und 1954 die Summe von 235.716,69 DM zugesprochen. Das wird indirekt bestätigt durch die von ihm zum 1. Januar 1940 zu zahlende Vermögenssteuer in Höhe von 354.000 RM.

Recha Levis Schwester Jenny, verheiratete Schott, ist am 19. März 1939 in Frankfurt am Main verstorben, Cölestine (irrtümlich auch Säbastina) ist am 29. November 1934 verstorben. Ihr Bruder Alfred Bodenheimer beging am 22. Oktober 1940 Suizid. Sein Zwillingsbruder Ernst August konnte in die USA emigrieren und ist dort 1940 gestorben. Julius Bodenheimer erschien in den Adressbüchern ab 1932 als Kaufmann, im ersten Jahr mit der Anschrift Alsterufer 34, von 1933 bis zu seinem Tod am 1. Dezember 1940 in der Straße Fontenay 11.

Stand: Oktober 2024
© Friedemann Hellwig

Quellen: Volkszählung 1939, mappingthelives.org; Adressbücher; Gedenkbuch 2004; geni.com; StaHH 351-11 Amt für Wiedergutmachung, 897 (Exzerpte Sabine Boehlich).

Text mit freundlicher Genehmigung der Herausgeber entnommen aus: "Menschen, die plötzlich nicht mehr da waren«: Jüdisches Leben in Hamburg-Blankenese von Petra Bopp Friedemann Hellwig, Frauke Steinhäuser, Alan Kramer (Herausgeber), Hamburg 2024.

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