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Bereits verlegte Stolpersteine



Ludwig Becker
© Yad Vashem

Ludwig Becker * 1907

Bornstraße 8 (Eimsbüttel, Rotherbaum)


HIER WOHNTE
LUDWIG BECKER
JG. 1907
DEPORTIERT 1941
MINSK
ERMORDET

Weitere Stolpersteine in Bornstraße 8:
Betty Kopf

Ludwig Becker, geb. am 24.9.1907 in Naugard (heute Nowogard/ Polen), deportiert am 8.11.1941 nach Minsk, ermordet.

Bornstraße 8 (Eimsbüttel)
Peterstraße 33 (Neustadt)

Ludwig Becker wurde am 24. September 1907 in Naugard in Westpommern (heute Nowogard/ Polen) geboren. Seine Eltern, der Pferdehändler Abraham/ Adolf Becker (geb. 17.11.1855 in Plathe/ Kreis Regenwalde (heute Płoty/ Polen) und Olga, geb. Levy (geb. 4.10.1869 in Marienburg/ Westpreußen (heute Malbork/ Polen), hatten am 24. Juli 1893 in Marienburg geheiratet und gehörten der Jüdischen Gemeinde an.

Ludwig Becker hatte drei ältere Geschwister, die ebenfalls in Naugard geboren worden waren: Käthe am 25. Mai 1894, Arthur am 10. Juni 1895 und Margot am 5. März 1903. (Zwei weitere Brüder starben kurz nach der Geburt). Familie Becker wohnte am Marktplatz 23 und zog um 1912 von Naugard nach Stettin (heute Szczecin/ Polen). Die Stettiner Adressbücher verzeichnen Adolf Becker mit einem "Pferdekommissionsgeschäft" in der Stoltingstraße 7 (heute Królowej Jadwigi), dann ab 1915 als Pferdehändler in der Hohenzollernstraße 68 (heute Bolesława Krzywoustego). Ein letzter Umzug erfolgte 1930 in die Klosterstraße 5, III Etage (heute Franciszkańska).

Ludwig Becker wurde, wie sein Vater, als Viehhändler und auch als Landwirt tätig. Die Großeltern mütterlicherseits, Abraham Levy, (geb. 1834, gest. 13.5.1893), und Jeanette, geb. Michaelis, (geb. 1840, gest. 29.9.1925 in Berlin), hatten in Marienburg ebenfalls vom Pferdehandel gelebt.

Nach der Machtübernahme der NSDAP im Jahre 1933 begann im gesamten Deutschen Reich die Verdrängung der Juden aus dem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben, so auch in Stettin. Adolf Becker wurde 1934 zuletzt im Stettiner Adressbuch als Pferdehändler verzeichnet. Er starb zwei Jahre später, am 9. Februar 1936 im Stadtkrankenhaus Stettin.

Berichten zufolge verliefen die Ausschreitungen während der Reichspogromnacht am 9./10. November 1938 durch Angehörige der SA und der SS in Stettin mit besonderer Brutalität. Die Synagoge in der Grünen Schanze wurde in Brand gesteckt, ebenso die Gebäude des jüdischen Rudervereins und des Tennisclubs. Zuvor waren die Schaufensterscheiben der jüdischen Geschäfte eingeschlagen worden. Und die meisten der jüdischen Männer wurden für einige Monate in das KZ Sachsenhausen verschleppt. Viele Jüdinnen und Juden verließen daraufhin Stettin, so auch Ludwig Beckers Geschwister. Er selbst war nach der Volkszählung im Mai 1939 noch bei seiner Mutter in Stettin gemeldet, denn er hatte am 19. April 1939 in Hamburg Jeanette Simon, geb. Abrahamssohn (geb. 25.6.1904), geheiratet und war nach der Eheschließung zunächst in seine Heimat zurückgekehrt.

Jeanette, Jenny genannt, war die älteste von vier Geschwistern. Sie stammte aus einer gutbürgerlichen jüdischen Kaufmannsfamilie, die bis zur erzwungenen Geschäftsaufgabe Ende 1938 ein Partiewarengeschäft (ein Geschäft für verbilligte Massenartikel und Sonderposten) in der Hamburger Neustadt in der Elbstraße (heute Neanderstraße) betrieben hatte. In erster Ehe hatte sie 1927 Oscar Simon (geb. 3.4.1899, gest. 26.9.1981 in Hamburg) geheiratet. Um eine bevorstehende Verhaftung seitens der Gestapo zu umgehen, war Oscar Simon 1937 ohne seine Ehefrau aus Hamburg geflohen. Im September 1938 wurde die Ehe offiziell geschieden.

Auch Jeanette Becker hatte versucht Deutschland zu verlassen. Im Januar 1939, noch unter ihrem Familiennamen Simon, hatte sie beim Oberfinanzpräsidenten in Hamburg eine zur Auswanderung benötigte Unbedenklichkeitsbescheinigung beantragt. Ziel ihrer Emigration war Australien, sie wollte zu ihrer Schwester Grete Wolfers gehen (geb. 6.8.1912), die mit ihrem Ehemann Gustav Wolfers (geb. 1910) bereits im Oktober 1937 emigriert war. (Biografie Olga und Hugo Wolfers www.stolpersteine-hamburg.de).

Doch die angestrebte Emigration ließ sich nicht verwirklichen. Australien, dem Britischen Commonwealth zugehörig, trat am 3. September 1939, zwei Tage nach dem Überfall der Deutschen Wehrmacht auf Polen in den Zweiten Weltkrieg ein. Die Akte der Devisenstelle des Oberfinanzpräsidenten endet mit dem Vermerk am 12. September 1939: "Frau Becker kann z.Zt. nichts unternehmen der Ehemann der z.Zt. in Stettin ist will nach Hamburg übersiedeln, es soll dann eine Auswanderung betrieben werden." Aber für eine legale Auswanderung war es da bereits zu spät.

Nach seinem Zuzug nach Hamburg wohnten Ludwig und Jenny Becker in der Bornstraße 8, I Etage. Ludwig Becker soll zunächst eine Tätigkeit als Maler gefunden haben, anschließend war er als Vertreter für eine Blindenwerkstatt auf Reisen.

Vielleicht war dies einer der Gründe, warum Jenny Becker im Februar 1941 wieder zu ihren Eltern zog, die Anfang 1940 in das "Judenhaus" in der Kielortallee 22 hatten wechseln müssen. Am 22. Oktober 1941 wurde der gemeinsame Sohn Uri geboren. Bereits am 8. November 1941 erhielt Ludwig Becker seinen Deportationsbefehl in das Getto nach Minsk. Dort verliert sich seine Spur, ohne dass – wie bei fast allen nach Minsk Deportierten – bekannt ist, wann, wo und wie genau er ermordet wurde.

Auch Jenny Becker, mit der Adresse Bornstraße 8, stand auf der Deportationsliste, wurde jedoch wieder gestrichen. Wahrscheinlich konnte sie eine Zurückstellung erreichen, da sie kurz zuvor entbunden hatte. Jenny Becker wurde mit ihrem Sohn Uri am 11. Juli 1942 nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Ihre Eltern Joel Abrahamssohn (geb. 1.4.1869 in Esens/ Ostfriesland) und Pauline, geb. Meyer (geb. 17.10.1872 in Bentheim) wurden am 15. Juli 1942 nach Theresienstadt und am 21. September 1942 weiter ins Vernichtungslager Treblinka deportiert, wo sie unmittelbar nach ihrer Ankunft ermordet wurden (siehe www.stolpersteine-hamburg.de).

Für Familie Becker und Familie Abrahamssohn wurden Stolpersteine in der Peterstraße 33 verlegt. Ein weiterer erinnert an Ludwig Becker in der Bornstraße 8.

Ludwig Becker’ Mutter Olga Becker hatte am 12. Februar 1940 ihre Stettiner Wohnung in der Klosterstraße 5 verlassen müssen. Die Stettiner Juden gehörten zu denen, die bereits vor den systematischen Deportationen aus dem Deutschen Reich ab Oktober 1941 in den Distrikt Lublin deportiert wurden. Olga Becker wurde am 13. Februar 1940 vom Stettiner Güterbahnhof mit einem der ersten Deportationszüge aus Pommern abtransportiert. Von dort wurden die Stettiner Jüdinnen und Juden auf die Gettos Piaski, Belzyce und Głusk im Distrikt Lublin verteilt. Olga Becker gehörte zu den 68 Personen, die in das Getto Głusk verbracht wurden, wo sie bereits am 5. August 1940 ums Leben kam.

Ludwig Becker’ Bruder Arthur Becker lebte als Vertreter in Frankfurt am Main, in der Hans-Handwerk-Straße 63 (heute Lange Straße 63). Während der Novemberpogrome 1938 wurde er verhaftet und befand sich vom 10. bis zum 17. Januar 1939 im KZ Dachau. Am 10. August 1939 heiratete Arthur Becker in zweiter Ehe Erna Edith Trautvetter, geb. Wallerstein. Sie war am 18. August 1899 in Beira einer Hafenstadt in Mosambik, damals portugiesisch Ostafrika, zur Welt gekommen. Erna Becker war als Kontoristin tätig gewesen, als sie 1921 in erster Ehe den nichtjüdischen Julius Richard Trautvetter geheiratet hatte. Die Ehe war 1928 geschieden worden. Arthur und Erna Becker wurden am 22. November 1941 von Frankfurt am Main in das von der deutschen Wehrmacht besetzte Litauen, in das Getto Kauen/ Kowno deportiert. Unmittelbar nach ihrer Ankunft wurden sie während einer großangelegten Erschießungsaktion am 25. November 1941 im Fort IX ermordet. In der Datenbank der Gedenkstätte Yad Vashem heißt es zu dieser Deportation:
"Der Zug mit den Männern, Frauen und Kindern verließ Frankfurt am 22. November und traf wenige Tage nach der Ankunft von Juden aus Berlin und München in Kaunas ein. Nachdem die Deportierten am Bahnhof Kaunas vom 11. Deutschen Polizeibataillon und von Litauischen Helfern aus dem Zug befohlen worden waren, mussten sie sechs Kilometer durch die Stadt und entlang des Ghettos zum Fort IX marschieren. Kurz nachdem sie ihr Ziel am 25. November 1941 erreicht hatten, wurden sie zu Gruben geführt und von Männern des Einsatzkommandos 3, der Deutschen Ordnungspolizei und Litauischen Helfern ermordet – Dies war die erste Massenerschießung von deutschen Juden überhaupt."

Die Schwester Margot Becker hatte am 30. Juni 1939 in Leipzig Martin Hermann Julius Levy (geb. 9.6.1882 in Hannover) geheiratet. Martin Levy war Ende 1938 von Hannover aus der Josephstraße 19 (heute Otto-Brenner-Straße) nach Leipzig verzogen. Vom 13. bis zum 20. Dezember 1938 war auch er im KZ Sachsenhausen inhaftiert worden. Nach der Volkszählung im Mai 1939 wohnte Martin Levy in der Humboldtstraße 26, Margot im Israelitischen Wohltätigkeits-Verein in der Nordstraße 15. Wahrscheinlich war sie zu diesem Zeitpunkt dort als Hausangestellte tätig. An 17. Februar 1943 wurde das Ehepaar aus dem sogenannten Judenhaus in der Packhofstraße 1 in Leipzig nach Berlin in die Sammelstelle Große Hamburger Straße 26 gebracht und von dort am 26. Februar 1943 nach Auschwitz deportiert.

Ludwig Beckers älteste Schwester Käthe, verheiratet mit Hans Meyer, war zum Zeitpunkt der Deportationen ihrer Geschwister bereits nach Shanghai emigriert und überlebte dort.

Stand: Januar 2026
© Susanne Rosendahl

Quellen: 1; 5; 8; 9; StaH 351-11 AfW 37596 (Wolfers, Grete); StaH 351-11 AfW 21628 (Simon, Oscar); StaH 314-15, Nr. FVg 5817; ancestry, Östliche preußische Provinzen, Polen, Personenstandsregister 1874-1945, Sterbeurkunde Nr. 193, Adolf Becker, Standesamt Stettin I (eingesehen 9.4.2025); Östliche preußische Provinzen, Polen, Personenstandsregister 1874-1945, Sterbeurkunde Nr. 1884, Fritz Becker (eingesehen 9.9.2022); Östliche preußische Provinzen, Polen, Personenstandsregister 1874-1945, Heiratskunde Nr. 28, Adolf Becker und Olga Lewy (eingesehen 9.9.2022); Sterberegister Urkunden Nr. 807; Jeanette Levy am 29.9.1925 in Berlin (eingesehen 9.9.2025); Olga Becker in der Sammlung Stettin, Poland, Jewish Deportation into the Lublin Area (eingesehen 11.9.2022); StaH 522-1 Jüdische Gemeinde Nr. 992 e 2 Band 2 Liste 1; StaH 522-1 Jüdische Gemeinde Nr. 992 e 2 Band 4 Liste 1; Yad Vashem, Letter of testimony of Dr. Erich Mosbarch regarding his experiences in Stettin, the Bychawa Ghetto, the Belzyce Ghetto, the Budzyn camp, the Gross-Rosen camp and Buchenwald, 1940-1945 (eingesehen 11.9.2022); http://www.statistik-des-holocaust.de/list_ger_brb_400213. html (eingesehen 11.9.2022); http://www.statistik-des-holocaust.de/list_ger_hhn_411122.html; https://www.arcinsys.niedersachsen.de/arcinsys/detailAction.action?detailid=v2251575; https://deportation.yadvashem.org/index.html?language=de&itemId=9437977&ind=5; Wikipedia: Militärgeschichte Australiens während des Zweiten Weltkriegs https://de.wikipedia.org/wiki/Milit%C3%A4rgeschichte_Australiens_w%C3%A4hrend_des_Zweiten_Weltkriegs (eingesehen 9.4.2025); https://www.memorialmuseums.org/memorialmuseum/gedenktafel-synagoge-stettin (eingesehen 9.4.2025); https://www.vr-elibrary.de/doi/pdfplus/10.13109/tode.2019.16.1.39 (eingesehen 9.4.2025); Arolsen Archiveinheit 1.2.1.1. Deportationen 8; Arolsen Archiveinheit 1.1.6.1.Listemmaterial Dachau 12; Arolsen Archiveinheit 7.5.4 Leipzig, Arolsen Such- und Bescheinigungsvorgang Nr. 736.927 betr. Margot Levy, Emal vom 7.7.2025; Archiv der Israelitischen Religionsgemeinde; diverse Adressbücher Hamburg und Stettin.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

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