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Bernhard Bodenheimer * 1895
Moorweidenstraße 11, vor Hotel Elysee (Eimsbüttel, Rotherbaum)
HIER WOHNTE
BERNHARD
BODENHEIMER
JG. 1895
DEPORTIERT 1942
IZBICA
ERMORDET 20.6.1942
MAJDANEK
Weitere Stolpersteine in Moorweidenstraße 11, vor Hotel Elysee:
Reline Bodenheimer
Reline Bodenheimer, geb. Wolff, geb. 30.1.1868 in Hamburg, deportiert am 19.7.1942 nach Theresienstadt, ermordet am 7.2.1943
Bernhard Bodenheimer, geb. 24.7.1895 in Darmstadt, deportiert am 24.5.1942 ins Getto Izbica, ermordet am 20.6.1942 im KZ Majdanek (Lublin)
Moorweidenstraße 11 (vor Hotel Elysee)
Reline Bodenheimer wurde am 30. Januar 1868 in Hamburg als Reline Wolff geboren. Ihre Eltern waren Louis Wolff (1821 – 1899) und Mathilde Minka, geborene Nathan (1830–1870); beide Eheleute entstammten Hamburger Familien. Reline war das zweitjüngste von sieben Kindern: Albert Wolff (Geburtsdatum unsicher); Charlotte Shewa, verheiratete Hirsch (1855 – 1934); Libbet Helene, verheiratete Benjamin (1856 – 1937); Merel Emilie, verheiratete Bing (geb. 1858); Moritz Wolff (1864 – 1930); Caecilie, verheiratete Kallmes (1866 – 1937); Ida, verheiratete Cronheim (geb. 1869). Reline ist als Einzige im Holocaust umgekommen.
Über die frühen Jahre von Reline Wolff ist nichts bekannt. Sie heiratete Karl Zacharias Bodenheimer, geboren am 15. Juni 1862. Ihr Ehemann entstammte einer Familie, die im Raum Darmstadt, Starkenburg, eine ganz herausragende Rolle gespielt hatte. So war der Schwiegervater Reline Bodenheimers, Herz Bodenheimer, maßgeblich an der Gründung der Israelitischen Religionsgesellschaft Darmstadt beteiligt und gehörte deren erstem Vorstand an. Aber auch andere Mitglieder der Familie nahmen wichtige Funktionen in der dortigen Gemeinde wahr und engagierten sich auch finanziell beim Bau der Darmstädter Synagoge im Jahr 1873. Dies war auch deshalb möglich, weil es dem Großvater mit der 1868 gegründeten Großhandlung für Getreide und Kolonialwaren gelungen war, für die große Familie ein sicheres wirtschaftliches Fundament zu legen. Neben dem Import von Tee und Kaffee, der in einer eigenen Rösterei weiterverarbeitet wurde, nahm man zunehmend auch heimische Landprodukte in die Handelspalette auf. Über viele Jahre gehörte auch das hessische Militär zum großen Kundenkreis der Firma. Welche Erbregelung seinerzeit nach dem Tod des Firmengründers im Jahre 1902 getroffen worden war, konnte nicht mehr sicher ermittelt werden. Es ist nicht auszuschließen, dass Karl Zacharias Bodenheimer als Bruder des neuen Eigentümers auch weiterhin in der Firma aktiv war – seine damalige Anschrift in Darmstadt war bezeichnenderweise identisch mit der Geschäftsadresse der Firma –, und er auf diese Weise in Hamburg, der Hafenstadt, in der ein Großteil der Kolonialwaren umgeschlagen wurde, seine zukünftige Frau, die Hamburgerin Reline Wolff kennengelernt hatte.
Reline Wolff und Karl Zacharias Bodenheimer heirateten in Hamburg am 25. August 1890. Fünf Kinder wurden ihnen geboren: Leo, am 4. Januar 1892 in Darmstadt; Mathilde (Tilly), am 22. Juni 1893 in Darmstadt, verheiratete Marcus; Bernhard, am 24. Juli 1895 in Darmstadt; William (Willy), im Jahr 1896; Siegfried, am 5. Juni 1898 in Darmstadt.
Der genaue Termin ihres Umzugs nach Hamburg ist nicht bekannt. Von 1905 bis 1916 findet sich in den Adressbüchern der Name von Karl Bodenheimer, wohnhaft in der Brahmsallee 8, neben der von Karl Zacharias mit seiner Familie (das Bankkonto hatte Karl Bodenheimer bei der Deutschen Bank). Karl Bodenheimer nahm hier in Hamburg offensichtlich die Interessen der Darmstädter Firma wahr. (In den Adressbüchern der Stadt Hamburg gab es schon länger den Eintrag der Fa. Bodenheimer, Schuster & Co in der Hohen Bleichen 35 und weiterer Personen mit dem Familiennamen Bodenheimer; eine familiäre Verbindung mit Karl Zacharias Bodenheimer ist allerdings nicht nachweisbar).
Reline Bodenheimers Ehemann starb schon am 5. Januar 1916 in Hamburg. Die Adressbücher geben Auskunft über den Wohnort der Witwe: Bis 1917 war sie weiterhin in der Brahmsallee 8 zu Hause, von 1918 bis 1930 wohnte sie in der Johnsallee 65, von 1931 bis 1935 in der Heimhuderstraße 60 / 62 und 1936 in der Moorweidenstraße 11. Von 1937 an befand sich ihre Wohnung in der Parkallee 31. War sie bis dahin immer als Witwe Karl Bodenheimers verzeichnet, so lautet ihr Eintrag in den Adressbüchern nun »Frau Reline Bodenheimer«, im Jahr 1942 schließlich »Frau Reline Sara Bodenheimer«. Allerdings geben die Adressbücher Wohnorte naturgemäß immer nur mit Verzögerung wieder.
In einem Schreiben vom 9. Dezember [1941] schreibt Reline Bodenheimer an Hermann Matthiessen, Ifflandstraße 83: »Ich verlasse meine bisherige Wohnung Hamburg 13, Ostmarkstraße 76 Ptr. und habe Unterkunft gefunden im jüdischen Heim Hamburg-Blankenese, Steubenweg 36. Da ich nur einen Teil meiner Sachen mitnehmen kann, muss ich die restlichen Sachen verkaufen lassen. Ich muss Sie daher bitten, die Versteigerung erst auszuführen, wenn die Genehmigung der Gestapo vorliegt; ich bitte mir zu bestätigen, dass der Auftrag von Ihnen angenommen wird. Der Erlös aus der Versteigerung ist dem b.v.S-Konto der Frau Bodenheimer bei der Fa. Brinckmann, Wirtz & Co. zu überweisen.« In einem Brief eines Anwalts an die Fa. Hermann Matthiessen vom 9. Dezember 1941 heißt es, die Sachen sollten am 11. des Monats in der Wohnung abgeholt werden, die Mandantin, die schon morgen, also am 10. Dezember, umziehe, sei dann noch dort anzutreffen. Die Wohnung solle bis Ende der Woche geräumt sein. Aus den Wiedergutmachungsakten ist eine Versteigerung durch Hermann Matthiessen in Hamburg ersichtlich, in der 1 Tisch, 3 Stühle, 1 Kleiderschrank, 1 Schreibtisch mit Sessel, 1 kleiner Tisch, 1 Spiegel zum Verkauf gelangten.
Das Parterre des Hauses Ostmarkstraße 76 (heute Hallerstraße) beherbergte 1940 und 1941 Oberrabbiner Dr. Carlebach sowie die Witwe H. Heckscher. Im Jahr darauf wurde es dort lt. Adressbuch eng; eingetragen waren jetzt »Dr. Israel Carlebach, O.-Rabbiner, F. Israel Halberstadt, Frau T. Sara Goldbarth, Mass[euse], J. Israel Rothschild«. Auch Reline Bodenheimer hat dort für kurze Zeit Unterschlupf gefunden, und zwar ab dem 29. Juli 1941 bei Felix Halberstadt. Am 10. Dezember 1941 zog sie – gezwungenermaßen – in den Steubenweg 36 in Blankenese (die Bewohner dieses Hauses werden in den Adressbüchern nicht genannt, es heißt immer nur »Hansest. Hamburg«). Reline Bodenheimer hat sich offenbar vergeblich um die Möglichkeit einer Emigration (in die USA?) bemüht.
Im Blankeneser »Judenhaus« blieb sie nur ein halbes Jahr: Am 19. Juli 1942 wurde sie mit Transport VI / 2 zusammen mit weiteren 800 Menschen nach Theresienstadt deportiert. Sie hatte wie so viele andere eine beträchtliche Summe in den »Heimeinkauf« investiert, um ihr Leben in Theresienstadt erträglich zu machen – und ist betrogen worden. Sie starb dort am 7. Februar 1943. Die Todesfallanzeige gibt als Todesursache »Erysipelas Rotlauf« (eine bakterielle Hautinfektion) an.
Von ihren fünf Kindern sind drei der nationalsozialistischen Gewalt zum Opfer gefallen: Leo wurde aus der »Heil- und Pflegeanstalt« Bendorf-Sayn für jüdische Patientinnen und Patienten (unweit von Neuwied) am 15. Juni 1942 mit dem Transport Da 22 nach Sobibor gebracht.
Mathilde (Tilly), verheiratete Marcus, wurde zusammen mit ihrem Ehemann Max am 17. März 1943 im Transport I / 90 von Berlin nach Theresienstadt deportiert. Von dort wurde sie am 9. Oktober 1944 im Transport Ep ins Vernichtungslager Auschwitz verbracht und dort ermordet. Ihre beiden Kinder Sigismund (Shimshon) Marcus und Karoline (Hadassa), verheiratete Buchaster, haben überlebt und sind nach Israel ausgewandert.
Bernhard, mit Wohnungen in Hamburg und Wiesbaden, wurde am 24. Mai 1942 in einem von Frankfurt am Main abgehenden Transport mit dem Ziel Sobibor deportiert; er starb schon wenige Wochen später am 20. Juni desselben Jahres in Majdanek.
Zwei Söhne überlebten: Wilhelm (Willy, William) wanderte 1938 in die USA aus und ist 1969 in Brooklyn, New York, gestorben. Er hatte Medizin studiert, war promoviert worden und übte die Tätigkeit eines Arztes aus. Sein jüngerer Bruder Siegfried ist ebenfalls in die USA gezogen, war verheiratet mit Erna Schloss und ist 1954 verstorben.
Das Leben des ledig gebliebenen Bernhard Bodenheimer spielte sich offensichtlich zwischen den Städten Darmstadt, Hamburg und Wiesbaden ab. Die nun folgenden Textabschnitte beruhen fast wörtlich auf den Ausführungen auf der Website über die Judenhäuser in Wiesbaden: Der junge Bernhard war anscheinend nach Übersiedlung der Familie nach Hamburg – sie ist dort ab 1905 in den Adressbüchern vermerkt – in Darmstadt zurückgeblieben, denn nach Angaben der dortigen jüdischen Gemeinde schied er wegen seines Umzugs nach Wiesbaden erst am 18. August 1936 aus der dortigen jüdischen Gemeinde aus. Was ihn dann nach Wiesbaden gezogen haben mag, ist nicht bekannt. Seine Wohnung lag im ersten Stock des Hinterhauses in der Mainzer Straße 19. Eine eigene Wohnung hat er in Hamburg nicht unterhalten, bei Besuchen bei seiner Mutter und längeren Aufenthalten dort hat er anscheinend immer bei ihr gewohnt, sodass es keine Einträge für ihn in den Adressbüchern gab. Allerdings war er nach Angaben des Amtes für Wohnungswesen Hamburg in der Wahl- und Steuerkartei sogar bis 1943 in der Parkallee 11 gemeldet. Während all dieser Jahre hat er seine Wohnung in der Mainzer Straße in Wiesbaden weiterhin gehabt.
1940 besuchte er von Mitte April bis Mitte Juni noch einmal für etwa zwei Monate seine Mutter in Hamburg, wo er wieder bei ihr unterkam. Auch dieser Aufenthalt war kein Umzug, denn er hatte seine Wohnung in der Mainzer Straße aufrechterhalten und konnte vermutlich nach seiner Rückkehr nach Wiesbaden dort zunächst wieder einziehen.
Am 24. Juni 1940 hatte der zuständige Zellenwart des Blocks 1 der Zelle 12 gemeldet, dass Bernhard Bodenheimer in diesem Haus allein über eine 2 ½ Zimmerwohnung mit Küche verfüge. Diese Angabe war zu diesem Zeitpunkt faktisch die Aufforderung an die Ortsgruppenleitung, Bernhard Bodenheimer in ein »Judenhaus« umzusiedeln. Der Zellenwart war auch an den Vermieter A. Schroth herangetreten, der sich aber wie auch bei seinen ebenfalls jüdischen Mietern Schreiber weigerte, der Forderung nach einer fristlosen Kündigung nachzukommen. Ob ihm dann doch immerhin fristgerecht gekündigt wurde oder ob Bernhard Bodenheimer selbst auszog, ist nicht zu klären, aber laut Eintrag auf seiner Gestapo-Karteikarte bezog er zum 1. November 1940 im »Judenhaus« in der Bahnhofstraße ein Zimmer im 3. Stock, als Untermieter von Emma August.
Als die Ortsgruppe der NSDAP Wiesbaden im Februar 1941, also ein Vierteljahr nach diesem Vermerk, ihre Zellenleiter nach arbeitsfähigen Juden suchen ließ, meldete der gleiche Zellenwart, dass in der Mainzer Straße 19 ein Bernhard Bodenheimer »ohne Beruf« wohne: »da erst 45 Jahre alt kann er auch noch arbeiten«. Es scheint so, als sei der Umzug ohne Wissen des Zellenleiters vonstatten gegangen. Auch Hedwig Strauss hatte in einem Brief vom 25. Dezember 1940 an ihren Sohn über den Einzug von Herrn Bodenheimer berichtet. »Er kocht sich auch neukoscher, sei so exakt, wie der andere Herr das Gegenteil« – wobei mit dem »anderen Herrn« unzweifelhaft Dr. Stahl gemeint war, dessen mangelnde Ordnung und Sauberkeit immer wieder Thema in den Briefen war. Hatte sich aber Herr Stahl zuletzt intensiv um die Pflege des bettlägerigen Herrn August gekümmert, so war es jetzt Herr Bodenheimer, der sich um die hinterbliebene Witwe kümmerte und sie »mittags in die Sonne führt,« wie Hedwig Strauss ihrem Sohn lobend über ihre »braven Mieter« schrieb. Trotz aller kleinen Querelen belegen solche in die Briefe eingestreuten Informationen immer wieder, wie solidarisch man in der gemeinsamen Not zusammenstand und sich gegenseitig stützte.
1942 hatte Bernhard Bodenheimer – so die Angabe seines Bruders – ein letztes Mal Kontakt mit seiner noch immer in Hamburg lebenden Mutter aufgenommen, bevor er am 23. Mai mit dem Transport DA 60 von Frankfurt aus in das Durchgangslager Izbica verbracht wurde. Aus dem ansonsten zumeist aus älteren Menschen bestehenden Transport waren in Lublin zwischen 120 und 160 arbeitsfähige Männer herausgeholt worden. Es liegt nahe, dass auch der erst 46-jährige Bernhard Bodenheimer dazugehörte. Während man die große Mehrheit der Menschen, die zusammen mit ihm dorthin verbracht worden war, bald nach ihrer Ankunft im nahegelegenen Sobibor ermordete, wurden aus den Arbeitsfähigen in der kurzen Spanne bis zu ihrem Tod noch die letzten Kräfte herausgepresst. Keiner von ihnen hat überlebt. Bernhard Bodenheimer wurde am 4. Juli 1957 vom Amtsgericht Wiesbaden für tot erklärt.
Stand: November 2024
© Friedemann Hellwig
Quellen: Volkszählung 1939, mappingthelives.org; Adressbücher; Gedenkbuch 2004; geni.com; StaHH 351-11 Amt für Wiedergutmachung, 1302 (Exzerpte Sabine Boehlich); Klaus Flick, Judenhäuser in Wiesbaden 1939–1942. Das Schicksal ihrer Eigentümer und Bewohner, moebus-flick.de/die-judenhaeuser-wiesbadens/bahnhofstr-46/bernhard-bodenheimer/, Zugriff: 31.7.2020; StAHH, 351-11 1302.
Text mit freundlicher Genehmigung der Herausgeber entnommen aus: "Menschen, die plötzlich nicht mehr da waren«: Jüdisches Leben in Hamburg-Blankenese von Petra Bopp Friedemann Hellwig, Frauke Steinhäuser, Alan Kramer (Herausgeber), Hamburg 2024.

