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Richard Diedrich Hess * 1891
Roosens Weg 21 (Altona, Othmarschen)
HIER WOHNTE
RICHARD DIEDRICH
HESS
JG. 1891
GEDEMÜTIGT / ENTRECHTET
FLUCHT IN DEN TOD
31.5.1939
Richard Dietrich Hess(-Gabriel), geb. 23.7.1891 in Hamburg, gestorben am 31.5.1939 im Untersuchungsgefängnis Hamburg
Roosens Weg 21
Richard Hess stammte aus einer jüdischen Familie und ließ sich 1925, in Zusammenhang mit seiner Eheschließung mit Elisabeth von Gabriel, Tochter des österreichischen Generals Theodor von Gabriel, katholisch taufen. Sie führte nun den Familiennamen Hess-Gabriel; auch Richard Hess nannte sich seitdem oft Hess-Gabriel, da er von seinem Schwiegervater adoptiert worden war.
Im Ersten Weltkrieg habe der national denkende und fühlende Richard Hess, wie viele andere Juden auch, für seine Tapferkeit das Eiserne Kreuz 2. Klasse erhalten, so berichtete sein Sohn Günter in einem Interview, das viele interessante Details aus dem Leben seines Vaters enthält. Als 19-Jähriger habe dieser Seife gekocht und verkauft, sei aber bald Pleite gegangen. Ein Freund aus Argentinien habe ihm dann zum Handel mit Getreide geraten, was mit großem Erfolg geschah. Tatsächlich war Richard Hess seit 1920 in den Hamburger Adressbüchern mit etwas unterschiedlichen Zweigen des Im- und Exports von Getreide, Futter- und Lebensmitteln verzeichnet, anfangs an der Rolandsbrücke 4, 1922 mit einer Wohnung in Blankenese, in der Picartenstraße, einer Nebenstraße der Elbchaussee (heute Pikartenkamp). 1926 tauchte dann im Altonaer Adressbuch zum ersten Mal die Elbchaussee 130 (in den Folgejahren 128 / 130) auf; die Geschäftsadresse lautete 1928 Adolphsbrücke 9 / 11, eine noblere Anschrift als die Rolandsbrücke. Die Geschäfte florierten, Richard Hess war zu einem bedeutenden Importeur von Getreide geworden.
Hinter der Anschrift Elbchaussee verbarg sich das von dem Kaufmann und Hamburger Senator Gustav Godeffroy (1817 – 1893) 1855 erbaute, einer Burg ähnliche Gebäude Beausite; dessen Architekt war der in der Schweiz geborene Auguste de Meuron (1813 – 1898). 1923 hatte Richard Hess das Gebäude mit einem mehr als 40 000 Quadratmeter großen Gelände, zuletzt im Besitz des Reeders Bernhard Blumenfeld, erworben und das Haus seinen eigenen Ansprüchen entsprechend eingerichtet (später erwarb Hess noch einmal mehr als 35 000 Quadratmeter hinzu). Hier kamen auch 1927 bzw. 1928 die Söhne Theo und Günter zur Welt. Im Haus war die Familie von zahlreichen Angestellten und großem Luxus umgeben, die beiden Kinder wurden von einer katholischen Erzieherin umsorgt, für den Garten gab es eine Reihe von Gärtnern. Für die vier Automobile, darunter zwei der eleganten Horch-Zwölfzylinder-Modelle, gab es sogar eine eigene Tankstelle.
Den katholischen Glauben, den Richard Hess als Voraussetzung für die Eheschließung mit der katholischen Elisabeth von Gabriel angenommen hatte, nahm er sehr ernst; sein Sohn Günter berichtete von täglichen Gebeten und regelmäßigen Besuchen der Gottesdienste in der Blankeneser Kirche Maria-Grün, für deren Bau Richard Hess gespendet hatte.
Anfang der 1930er Jahre verlegte Hess seinen Geschäftssitz an den Rathausmarkt 5, der im April 1933 in Adolf-Hitler-Platz umbenannt wurde (zeitgleich mit Hitlers Ernennung zum Ehrenbürger der Stadt). Die Bedrängung durch die NS-Behörden nahm zu. Gerade das erfolgreiche Getreidegeschäft und ein so exponiertes Gebäude wie Beausite erregten Missgunst. Dies wird der Grund für die Nennung von vier Geschäftsführern im Adressbuch bereits von 1932 gewesen sein, zugleich ist es Ausdruck der Größe dieses bedeutenden Handelshauses für Getreide.
1935 ließ Hess Beausite abreißen und verkaufte das Gelände an Werner Lüps, ein Mitglied der Familie Henkel aus Düsseldorf. Lüps war ein überzeugter Nationalsozialist und erschien, späteren Aussagen zufolge, bei manchen Gelegenheiten in der Uniform eines SS-Sturmführers oder Obersturmführers. Die von Lüps anstelle von Beausite errichtete Villa ist erhalten und liegt ein wenig östlich der Straße Elbhöhe. Lüps starb 1941. Das Gelände ging dann in den Besitz von Generalmajor Alwin Wolz über, der am 3. Mai 1945 die Stadt Hamburg kampflos den britischen Truppen übergab.
Die Familie Hess zog im Sommer 1935 in das inzwischen in Othmarschen gekaufte Haus am Roosensweg 21, höchst bescheiden im Vergleich zu Beausite. Das Verhängnis nahm seinen Lauf, als Richard Hess am 23. Juni 1938 in Schutzhaft genommen und ins KoLaFu, dem Konzentrationslager Fuhlsbüttel, verbracht wurde, wie sein Sohn berichtete. Aus den überlieferten Akten ist für die Verhaftung keine Begründung ersichtlich, wie so oft bei Aktionen der Gestapo. Erst am 9. Januar 1939 wurde er dort entlassen – und sofort ins Untersuchungsgefängnis am Holsten-Glacis überführt.
Der Vorwurf lautete »Tarnung eines jüdischer Unternehmens«. Am 22. April 1938 hatte Hermann Göring, Leiter des Wirtschaftsministeriums und Generalfeldmarschall – er war erst etwas mehr als zwei Monate zuvor auf diesen höchsten Dienstgrad der Wehrmacht befördert worden –, eine Verordnung erlassen, der zufolge »ein deutscher Staatsbürger, der aus eigennützigen Beweggründen dabei mitwirkt, den jüdischen Charakter eines Gewerbebetriebes zur Irreführung der Bevölkerung oder der Behörden bewusst zu verschleiern«, mit Zuchthaus, in weniger schweren Fällen mit Gefängnis bestraft werden sollte.
Aufgrund der vielen Einzelheiten in den überlieferten Unterlagen sowohl aus der Haftzeit von Hess als auch aus den späteren Wiedergutmachungsverfahren, nach dem Krieg angestrengt von Frau Hess-Gabriel, ist es schwer, die Anklage im Detail zu verstehen. Es ging dabei um Grundstücksgeschäfte, Darlehen (auch an Mitarbeiter), Verkäufe von Geschäftsanteilen und Übertragung von Vermögen an die Ehefrau. In einem Schriftsatz vom 19. Januar 1939 heißt es:
»Das Verfahren gegen H. scheint nur noch wegen eines Verstosses gegen das Tarnungsgesetz am schweben. H. hat sein Geschäft 3 arischen Herren verkauft, welche so gut wie mittellos gewesen sein sollen. Der Kaufpreis sollte dadurch zur Auszahlung gelangen, dass H. 50 % des jeweiligen Gewinnes erhielt. H. hat ausserdem das Geschäft nach Übernahme durch die 3 Herrn finanziert. Einen Kredit von 100 000.– RM hat er selbst gegeben. […] Zur Zeit werden die Mitangeklagten des Herrn H. noch vernommen. Eine ausführliche Erörterung mit H. ist im Moment nicht möglich, da der aufsichtsführende Richter erklärt hat, die hierfür erforderliche Zeit nicht zur Verfügung stellen zu können.«
Bei den Mitangeklagten handelte es sich um die Geschäftsführer Fritz Blatter und Anton Kesting sowie um Ernst Timm; die beiden Erstgenannten waren in dieser Funktion auch in den Hamburger Adressbüchern der Jahre 1935 und 1936 zu finden.
Der Schriftverkehr aus der Haftzeit von Richard Hess zeigt das Bemühen von Hess ’ "Konsulenten", den jüdischen Rechtsanwälten Albert Wulff und Manfred Zadik, denen mit Sondergenehmigung die Vertretung jüdischer Klienten erlaubt war, bei der Verteidigung in der Strafsache. Eingebunden war auch der Wirtschaftsprüfer Tredup von der Treuhand-Beratung AG, den Hess immer wieder um die Fortführung der Arbeit für ihn bat. Die Genehmigung dazu wurde immer wieder hinausgezögert, augenscheinlich bewusst.
Frau Hess-Gabriel war inzwischen Eigentümerin der Fa. Richard Hess geworden (wohl durch seine Verfügung vom 21. Juni 1937), der Briefwechsel mit ihr an ihren Erholungsort im Ostsee-Kurhotel in Travemünde zeugt davon. Immer wieder bereitete es Schwierigkeiten, die Summe von 5 000 RM bereitzustellen, nachdem die Compribank sich nicht bereitfinden konnte, sie zu gewähren. Das Geld, zu zahlen an die Gerichtskasse, sollte als Pfändung aus dem Verkauf eines Grundstücks in Langenhorn kommen und zu einem Antrag auf Aufhebung des vollzogenen Arrests berechtigen. Auch Gespräche zwischen den Eheleuten bedurften der Genehmigung, die schließlich für nur eine halbe Stunde in Gegenwart des Richters Dr. Vedder zugestanden wurde.
Auch der Konsulent Dr. Wulff erhielt am 1. Juni die Erlaubnis für eine Unterredung mit dem Gefangenen ohne Beisein eines Gefängnisbeamten. Da war es zu spät – Richard Hess starb am 31. Mai 1939. Die Gefängnisverwaltung bat noch am selben Tag das Hafenkrankenhaus zur »Annahme der Leiche des Untersuchungsgefangenen Richard Dietrich Hess-Gabriel […] der sich heute nachmittag [sic] hier erhängt hat«.
Dass Richard Hess sich selbst getötet hat, wurde von seinem Sohn Günter in Zweifel gezogen. Die Tatsache, dass die Leiche in einem verschlossenen Sarg in die Wohnung der Familie am Roosens Weg gebracht wurde, dass keiner in den Sarg schauen durfte (nur kurz der Chauffeur, der aber nichts dazu sagte, ob er Folterspuren gesehen hatte), der Sarg von S-Männern bewacht wurde – all dies begründete tatsächlich berechtigte Zweifel an der Version der Gestapo, Hess habe sich selbst getötet.
Günter Hess, der Sohn, besuchte seit Ende August 1939 das Institut auf dem Rosenberg, ein Internat im schweizerischen St. Gallen, bis das Schulgeld nach knapp drei Jahren fehlte. In Deutschland gab es für den »Halbjuden« keine Möglichkeit eine höhere Schule zu besuchen, sodass Günter Hess im Februar 1942 nach Österreich ging, in das Heimatland seiner Mutter. Günter Hess war bereits 1935 vom Großvater, General von Gabriel, »zum Schutz« adoptiert worden und damit österreichischer Staatsangehöriger (dies blieb er auch nach Ende des Krieges). In der Nähe von Innsbruck genoss Hess bis zum September 1944 seine Freiheit, bis er die Einberufung in ein Lager erhielt, dort aber durch glückliche Umstände, mithilfe eines der Mutter bekannten SS-Offiziers, freigelassen wurde. Ein halbes Jahr noch versteckte er sich bei Bauern im Gebirge. 1948 kehrte Hess nach Hamburg zurück, wo er zur Zeit des Interviews (2020) auf einem Teil des Grundstücks von Beausite lebte. Dieses war der Mutter in einem Wiedergutmachungsverfahren zurückgegeben worden.
Stand: November 2024
© Friedemann Hellwig
Quellen: StAHH, 213-13_2582, 213-13_2583, 213-13_2584, 213-13_2586, 242-1 II_4812, 351-11_48988, 621-1 / 87_20; Svante Domizlaff/Michael Zapf, Elbchaussee.
Menschen und Häuser an Hamburgs großer Straße, Kiel/Hamburg 2018, S. 311–329; Hauke Friederichs / Marc Widmann, »Ich habe gewonnen«, Interview mit Günter Hess, 20.12.2020, in: Die Zeit, zeit.de/2020/49/nationalsozialismus-juden-grund stueck-elbchaussee-hamburg, Zugriff: 25.1.2023.
Text mit freundlicher Genehmigung der Herausgeber entnommen aus: "Menschen, die plötzlich nicht mehr da waren«: Jüdisches Leben in Hamburg-Blankenese von Petra Bopp Friedemann Hellwig, Frauke Steinhäuser, Alan Kramer (Herausgeber), Hamburg 2024.

