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Helene Auguste Kienast (geborene Rosteck) * 1884
Chemnitzstraße 80 (Altona, Altona-Altstadt)
HIER WOHNTE
HELENE AUGUSTE
KIENAST
GEB. ROSTECK
JG. 1884
ZEUGIN JEHOVAS
VERHAFTET 7.12.1937
GEFÄNGNIS FUHLSBÜTTEL
RAVENSBRÜCK
ERMORDET 8.3.1944
Helene Auguste Kienast, geb. Rosteck, geb. am 12.3.1884 in Osterode, am 7.12.1937 verhaftet, Polizeigefängnis Fuhlsbüttel, im Mai 1939 ins KZ Ravensbrück eingewiesen, dort am 8.3.1944 ermordet
Chemnitzstraße 80 (früher Wilhelmstraße 65) Altona
Über Helene Auguste Rostecks Kindheit und Jugend ist uns nichts bekannt. Ihre Eltern hießen Karel Rosteck und Auguste Rosteck, geborene Kelka; sie hatte einen Bruder, Ernst Emil Paul, geboren am 27. Mai 1869.
Helene Rosteck zog im Laufe des Jahres 1900 nach Hamburg. Als 16jährige wohnte sie in der Steinstraße 57 in Altona zur Untermiete bei C. Bischoff. Vermutlich arbeitete sie dort als Hausangestellte.
Am 13. Dezember 1913 heiratete Helene Rosteck im Standesamt Altona Gustav Karl Wilhelm Kienast, geboren am 10. November 1871 in Reppen bei Frankfurt an der Oder. Seine Eltern waren der Tuchmachermeister Friedrich Kienast und Augusta Kienast, geborene Teltge. Gustav Kienast arbeitete als Tischler. Seit dem 25. Mai 1908 wohnte er in der Wilhelmstraße 65 (heute Chemnitzstraße) in Altona.
Helene Kienast zog zu ihm in die Wilhelmstraße 65. Dort wurden die beiden Töchter Charlotte am 25. August 1914 und Margarete Helene am 1. August 1916 geboren.
Helene Kienast trat 1931 der Religionsgemeinschaft "Ernster Bibelforscher” bei, die sich im gleichen Jahr in "Zeugen Jehovas” umbenannte. Ihr Ehemann schloss sich diesem Schritt nicht an. Seine Einstellung zu der Religionsgemeinschaft kennen wir nicht.
Der Begründer der Lehre war der nordamerikanische Kaufmann Charles Taze Russell, der 1916 in Amerika starb. Sein Nachfolger war der Richter J. F. Rutherford. Zeugen Jehovas sind durch ihre Missionstätigkeit bekannt, sie hielten keine religiösen Feier- und Festtage ab und feierten keine Geburtstage. Auch in Deutschland hatte sich diese Religionsgemeinschaft ausgebreitet.
Mit ihren strikten Glaubensüberzeugungen standen die Zeugen Jehovas im Widerspruch zum Nationalsozialismus und wurden systematisch verfolgt, da sie unter anderem den Hitlergruß und jeden Eid verweigerten. Die Verfolgung fand auf der Grundlage der Reichstagsbrandverordnung vom 28. Februar 1933 statt. Die Nationalsozialisten verboten die Versammlungen und auch die Schriften der Zeugen Jehovas.
Diese bildeten schnell Gruppen zum Erhalt ihrer Gemeinschaft. Helene Kienast und ihre Glaubensgenossinnen und -genossen Fritz August Adebahr, geboren am 20. August 1895, Anna Maria Stehr, geboren am 1. September 1889, Emma Bertha Schröter, geboren am 28. April 1903, und Franz Friedrich Arthur Urbschat, geboren am 14. Januar 1901, bildeten eine Zelle der Zeugen Jehovas. Diese war die kleinste Einheit.
Der Aufbau einer solchen Gruppe wird in Helene Kienasts Wiedergutmachungsakte beschrieben: Eine Hauptgruppe gliederte sich in vier Untergruppen. Daraus bildeten sich wiederum Zellen mit je einem Zellendiener, der die wöchentlich stattfindenden Versammlungen mit einem Gebet einleitete.
Ihre Missionstätigkeit übten die Mitglieder hauptsächlich durch das Anbieten kostenloser Bibelkurse und das Verteilen der Zeitschriften "Der Wachtturm” und "Erwachet!” aus. Die Zeitschriften wurden in Altona mithilfe eines tragbaren Kopiergerätes vervielfältigt. Dadurch konnten sie den Ort der Herstellung für die Zeitschriften jederzeit ändern. Alle 14 Tage wurden 150 Exemplare hergestellt, die durch Spenden der Bibelforscher finanziert wurden. An dieser Arbeit nahmen alle Mitglieder in unterschiedlicher Weise teil.
Am 12. Dezember 1936 fand in ganz Deutschland die erste große Flugblattaktion der Bibelforscher statt. Mehr als 3.400 Menschen beteiligten sich daran, indem sie die Zeitschrift "Resolution" durch die Zellendiener in ganz Deutschland verteilen ließen, in der schwere Vorwürfe gegen die Nationalsozialisten erhoben wurden. Die grausame Behandlung ihrer Mitglieder und die Ermordung von Männern, Frauen und Kindern wurden so öffentlich angeklagt.
Die Taufe gilt bei den Zeugen Jehovas als Zeichen der Hingabe des Einzelnen an den Schöpfer. Um getauft werden zu können, müssen die Täuflinge ihr Leben nach dem ausgerichtet haben, was Jehovas Zeugen als den Willen Gottes erkennen.
1937 ging Helene Kienast diesen Schritt und ließ sich taufen. Sie bezog auch den "Wachturm”, spendete für die "Gute Hoffnung” und nahm an den wöchentlich stattfindenden Versammlungen sowie dem Gedächtnismahl (Abendmahl) teil.
Am 7. Dezember 1937 wurde sie in ihrer Wohnung verhaftet und in das KZ (Polizeigefängnis) Fuhlsbüttel überstellt. Der Verhaftungsgrund lautete "Verstoß gegen die Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze von Volk und Staat vom 28. Februar 1933”.
Helene Kienast wurde konkret vorgeworfen, den "Wachtturm” bezogen und für die "Gute Hoffnung” gespendet zu haben. Sie sollte erklären, dass sie sich von der sogenannten "Sekte” losgesagt habe. Dann würde man sie nach Hause entlassen. Vor Gericht erklärte sie allerdings, auch zukünftig für die Zeugen Jehovas tätig sein zu wollen. Sie lehnte auch das Angebot entschieden ab, bei Widerruf ihre Haftzeit um drei Monate zu verkürzen.
Das Urteil des 11. Hanseatischen Sondergerichts 387/38 lautete: Die Angeklagte habe sich des Vergehens gegen die Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze von Volk und Staat vom 28. Februar 1933 schuldig gemacht. Aufgrund ihrer fanatischen Einstellung würde sie zur Höchststrafe von 15 Monaten Gefängnis verurteilt, die sie in Fuhlsbüttel absitzen müsse.
Hier Auszüge aus der Gerichtsakte von Helene Kienast vom 25. August 1938, der stellvertretend auch für die anderen Bibelforscher stehen kann:
"Nach dem Verbot der Bibelforscher wurden sie von staatlicher Seite nicht mehr als religiöse Gemeinschaft wahrgenommen, sondern als fanatisch staatsfeindliche politische Bewegung, die als nahezu ebenso gefährlich eingestuft wurde, wie die Hochverräter. Und dieses muss das nationalsozialistische System mit aller Härte bekämpfen."
"Die Bibelforscher verweigerten den Eid und den Gruß auf den Führer und begründeten dies mit dem Gebot der Bibel: Du sollst nicht falsch Zeugnis reden. Sie verweigerten die Mitarbeit in der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) sowie die Arbeit in der Rüstungsindustrie. Den Wehrdienst lehnten sie mit Verweis auf das Gebot der Bibel: Du sollst nicht töten, ab."
Am 7. April 1939 wurde Helene Kienast in das Konzentrationslager Lichtenburg eingewiesen, wo sie unter der Häftlingsnummer 1366/324 registriert wurde. Das Konzentrationslager Lichtenburg, ursprünglich als Männer-KZ eingerichtet, entwickelte sich zum ersten zentralen Frauen-KZ, wurde dann im Mai 1939 geschlossen und Helene Kienast zusammen mit den anderen Frauen ins neu eröffnete Frauenkonzentrationslager Ravensbrück überstellt. Ihre Häftlingsnummer blieb gleich.
Vermutlich unter dem Druck der Nationalsozialisten ließ sich Gustav Kienast am 12. November 1939 scheiden. Die beiden Töchter blieben beim Vater.
Helene Kienast wurde am 8. März 1944 in Ravensbrück ermordet. Die genaue Todesursache ist in den Akten der KZ-Gedenkstätte nicht enthalten.
Helene Kienasts angebliche Asche wurde an den Friedhof Altona geschickt.
Am 27. März 1944 kaufte ihre Tochter Charlotte Krüger ein Urnengrab auf dem Friedhof Altona in der Stadionstraße 5, in dem Helene Kienasts sterbliche Überreste am 19. April 1944 im Familiengrab 6 U.X.29-30 beigesetzt wurden.
Gustav Kienast starb am 12. Januar 1964 in der Sengelmannstraße 107/Alsterdorf und wurde neben Helene Kienast in dem Urnengrab beigesetzt.
Zum Schicksal von Helene Kienasts Leidensgenossinnen und -genossen:
Fritz August Adebahr überlebte mehrere Konzentrationslager. Er war vom 28. November 1935 bis zum 9. Mai 1941 inhaftiert.
Franz Friedrich Arthur Urbschat überlebte mehrere Konzentrationslager. Er wurde 1937 verhaftet und 1945 im KZ Buchenwald durch die Alliierten befreit.
Über Anna Maria Stehr und Emma Bertha Schröter haben wir keine Informationen.
Stand: März 2026
© Bärbel Klein
Quellen: StaH, 213-8_Ablieferung 2, 451 a E 1, 1 d; 213-11_3824/40; 351-11 AfW 7146 (Helene Auguste Kienast), 41242 (Margarete Helene Kienast); 351-11 AfW 17861 (Fritz August Adebahr); 351-11 AfW 55841 (Franz Friedrich Arthur Urbschat); Mail aus Ravensbrück von Monika Schnell 15.02.2016; ITS Archives Bad Arolsen Digital Archive Korrespondenzakte 6.3.3.2 / 7105 Archivnummer [106921976] Einsicht am 7.3.2017; Beisetzungsunterlagen Hauptfriedhof Altona; Detlef Garbe, Zwischen Widerstand und Martyrium: Die Zeugen Jehovas im "Dritten Reich", München 1994; Zeugen Jehovas – Wikipedia (Einsicht 30.12.2020), Zeugen Jehovas in der Zeit des Nationalsozialismus – Wikipedia (Zugriff 09.02.2026).

