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Gertrud Hirsch (geborene Mallachow) * 1865
Kirchenstraße 5 (Grüne Straße 5) (Altona, Altona-Altstadt)
HIER WOHNTE
GERTRUD HIRSCH
GEB. MALLACHOW
JG. 1865
DEPORTIERT 1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 3.8.1942
Weitere Stolpersteine in Kirchenstraße 5 (Grüne Straße 5):
Julius Levy, Betty Levy
Gertrud Hirsch, geb. Mallachow, geb. 30.3.1865, deportiert am 19.7.1942 Theresienstadt, dort verstorben am 3.8.1942
Kirchenstraße 5 (früher Grüne Straße 5)
Gertrud (Doris) Hirsch wurde am 30.3.1865 in Bromberg/Posen geboren als Tochter der jüdischen Eheleute Louis Wilhelm Mallachow (1830 Bromberg-1901 Deutsch Wilmersdorf) und Eveline, geb. David (geb. 1838). Ihre Eltern hatten am 8.12.1859 in Bromberg geheiratet. Ihr Vater betrieb dort eine Zahnarztpraxis. Gertrud wuchs als Zweitjüngste mit ihren Schwestern Helene (1860-1941, verheiratete Behrens), Laura (1863-1905) und Regine (1866-1908, verheiratete Kroner) auf.
Über Gertruds Schulbesuch, Ausbildung und Berufstätigkeit ist nichts bekannt. Anzunehmen ist, dass sie bis zu ihrer Hochzeit, die in Bromberg stattfand, in ihrem Geburtsort lebte.
Gertrud war 20 Jahre alt, als sie dort am 5.10.1885 den jüdischen selbständigen Kaufmann Henry Hirsch (geb. 18.6.1857 Oldesloe) heiratete. Da dieser aus Oldesloe stammte, verließ Gertrud Familie und Stadt ihrer Geburt, um ihre Ehe in der schleswig-holsteinischen Provinz zu beginnen. Während Gertrud einer neuen Situation gegenüber stand, konnte Henry Hirsch in seinen gewohnten Lebenskreis zurückkehren. Er war Nachkomme einer seit mehreren Generationen in Oldesloe ansässigen Familie und der älteste Sohn des selbstständigen Geschäftsinhabers Heymann Hirsch und seiner Ehefrau Regina, geb. Cusel. Er hatte noch zwei Geschwister, Martin und Mary.
1883 hatte Henry Hirsch das von seinem Vater gut eingeführte Geschäft "H. Hirsch", Ecke Langen- und Mühlenstraße übernommen. Gertrud heiratete also in ein gut situiertes Umfeld ein. Nach zweieinhalb Jahren bekam das junge Paar das erste Kind: Ewald Ferdinand (geb. 21.3.1888), es folgten Eveline Betty (1890) und Heinz Richard (1896). Das florierende Geschäft (Damen-, Herren- und Knaben-Konfektion, Bade-Artikel, Kurzwaren, Stoffe, Betten u.a.) ermöglichte der Familie einen komfortablen Lebensstandard, zumal durch Umbauten der Wohnbereich vergrößert werden konnte.
Während Henry Hirsch bald Mitglied in Oldesloer Vereinen wurde, wo er ehrenamtlich tätig war, und sich auch der städtischen Selbstverwaltung zuwandte, stand Gertrud Hirsch nur ein karitatives öffentliches Wirken offen. Sie engagierte sich im Vaterländischen Frauenverein und gehörte mit sechs anderen Frauen dessen Vorstand an. Bis 1916 betreute sie einen Distrikt und kümmerte sich um Beitrittserklärungen und Spenden.
Um die Jahrhundertwende kam es zu zwei einschneidenden Veränderungen:
Im August 1898 ließ sich die gesamte Familie von Pastor Reimpell in der Peter-Paul-Kirche taufen und trat der evangelischen Gemeinde bei – offenbar auf Betreiben von Gertrud Hirsch, wie ihr Sohn Ewald später angab. Anzunehmen ist, dass die Taufe auch den Versuch darstellte, der gesellschaftlichen Diskriminierung zu entkommen. Doch die Konversion wurde von den Behörden ignoriert. Die Kinder wurden auch in späteren Jahren als "mosaisch" geführt, d.h. die Familie blieb in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit "jüdisch".
Im September 1901 starb die Tochter Eveline im Alter von elf Jahren "nach schwerem Leiden", wie es in der Todesanzeige hieß.
Politisch stand Henry Hirsch der (liberalen) deutsch-freisinnigen Partei nahe, 1903 wurde er zum Stadtverordneten gewählt und drei Jahre später noch einmal wiedergewählt trotz antisemitischer Attacken während des Wahlkampfes. Bei der Wahl zum Stadtrat 1911 unterlag er jedoch und legte sein Stadtverordneten-Mandat nieder, da er "nicht mehr das Vertrauen der Wähler besitze."
Im letzten Jahr des Ersten Weltkrieges erhielt die Familie die traurige Nachricht, dass ihr Sohn und Bruder Heinz Richard Hirsch am 8.8.1918 in Harbonnières/Nordfrankreich getötet worden war. Das Datum galt auch als "der Schwarze Tag des deutschen Heeres", es markierte die militärische Offensive kanadischer und australischer Truppen, die 100 Tage andauerte und zum Waffenstillstand führte, gleichwohl noch viele Kriegstote auf beiden Seiten forderte.
Nach Kriegsende wurde Henry Hirsch als Vertreter in den Wirtschaftsrat gewählt, der die Interessen des Bad Oldesloer Mittelstandes gegenüber dem Arbeiter- und Soldatenrat vertrat.
Er kandidierte wieder zur Stadtverordneten-Wahl auf der Liste der Bad Oldesloer Kaufleute, allerdings auf einem aussichtslosen 5. Platz.
Ende 1919 verstärkten sich völkisch-antisemitische Tendenzen, die zunehmend aggressiver wurden und (Gewalt)"Taten" forderten. Trotz seiner Taufe richteten sich die antisemitischen Angriffe auch gegen Henry Hirsch, wovon Leserbriefe im Oldesloer Landboten Zeugnis ablegten.
Inzwischen hatte sich das Ehepaar getrennt. Laut einem Eintrag im Adressbuch 1927 wohnte Henry Hirsch in der Langestraße 54, dort war er als "Privatier" verzeichnet, d.h. er lebte von seinem Vermögen. Doch am 20.4.1927 erlitt er einen Herzschlag, an dem er verstarb. Seine Schwester Mary Sternberg, die in Elmshorn lebte, zeigte den Todesfall beim Standesamt an. Sie war auch seine Erbin. Henry Hirsch wurde auf dem evangelischen Friedhof bestattet.
Mit seinem Tod endet die Oldesloer Familiengeschichte Hirsch. (s.a. Biografie Bertha Hirsch www.stolpersteine-hamburg.de)
Ob Gertrud Hirsch das antisemitische Klima in Bad Oldesloe nicht mehr ertragen hatte oder familiäre Zerwürfnisse zugrunde lagen, ist nicht bekannt. Jedenfalls lebte sie wohl nach Ende des Ersten Weltkrieges von ihrem Mann getrennt mit ihrem ältesten Sohn Ewald in Hamburg, Ausschlägerweg 3.
Ewald Hirsch hatte im Ersten Weltkrieg an der Westfront gekämpft und war als Vizefeldwebel entlassen worden. 1919 schloss er sich einer Einwohnerwehr an "zur Sicherung der öffentlichen Ordnung", wie er später zu Protokoll gab, wobei nicht geklärt ist, ob diese sich für oder gegen die Sache der Republik positionierte. Am 8.4.1921 ging Ewald Hirsch die Ehe mit der nichtjüdischen Louise Wilhelmine, geb. Hell ein (geb. 25.7.1895 in Altona).
Anzunehmen ist, dass Gertrud Hirsch mit den jungen Eheleuten zusammen wohnte. Die Familie verstand sich als christlich, besonders wohl Gertrud Hirsch, die sich schon lange dem Christentum verbunden fühlte. Sie habe sich nur auf Wunsch ihres Vaters (oder Schwiegervaters) jüdisch trauen lassen und soll - wie erwähnt - auch Initiatorin der Konversion gewesen sein. Den Lebensunterhalt des Haushalts bestritt ihr Sohn Ewald. 1925 hatte er eine eigene Textilfirma gegründet, später war er als Verkäufer tätig.
Ab Mitte der 1920er Jahre geriet er immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt. Die Delikte lauteten Betrug, Urkundenfälschung, Unterschlagung. Er wurde zu mehrtägigen Gefängnisstrafen verurteilt. Im Februar und März 1933, so gab er an, im Gefängnis Glasmoor wegen "Verächtlichmachung der Regierung und Zechprellerei" inhaftiert gewesen zu sein.
1939 geriet er ins Visier der antisemitischen Gesetzgebung der NS-Diktatur. Amtliche genealogische Nachforschungen hatten inzwischen stattgefunden und vier jüdische Großeltern zutage gefördert. Gertrud und Ewald Hirsch waren unvermittelt zu "Volljuden" erklärt worden. Seine Ehe galt nun als "Mischehe". Er gab an, er sei davon ausgegangen, "Mischling" zu sein wegen des christlichen Großvaters seiner Mutter. Ewald Hirsch erwähnte in der Anhörung zudem Gedichte der 74jährigen Gertrud Hirsch, "als Beweis, in welchem Geist ich erzogen wurde." Die Verse sind nicht erhalten, so bleibt nur Spekulation, ob es sich um religiöse bzw. patriotische Texte handelte.
Ewald Hirsch wurde nun angeklagt und im November 1939 wegen Verstoßes gegen den Kennkartenzwang und weil er den zusätzlichen Vornamen Israel nicht beantragt hatte, in Haft genommen. Auch Gertrud Hirsch hatte den Zwangsnamen Sara bis dahin nicht angenommen. Ihr Sohn zitierte sie mit den Worten, sie habe gesagt, sie wäre ein Kind Jesu und sie wären Christen und keine Juden.
Ferner wurde Ewald Hirsch in der Anklage vorgeworfen, als Jude rechtswidrig bei der Wahl zum Großdeutschen Reichstag am 10.4.1938 seine Stimme abgegeben zu haben, womit er das Ergebnis verfälscht habe.
Bis zum 18.3.1940 verbrachte Ewald Hirsch in Haft und wurde in seine Wohnung in Hamburg-Hamm, Sorbenstraße 56a I. entlassen.
Gertrud Hirsch war seit 1940 gezwungenermaßen wieder Mitglied der jüdischen Gemeinde, weil der NS-Staat sie nach der Gründung der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland, deren Zweigstelle die ehemalige Hamburger Jüdische Gemeinde nun war, von allen Jüdinnen und Juden forderte (die nicht in privilegierter Mischehe lebten). Eine Kultussteuerkarte wurde für sie angelegt, Steuern demnach nicht erhoben. Als Religionsangabe war evangelisch eingetragen, ihr (verstorbener) Ehemann dagegen als jüdisch, ebenso wie ihr Sohn. Ihre Adresse lautete nun Grünestraße 5 – es handelte sich um das Alten- und Pflegeheim der früheren jüdischen Gemeinde Altona. Gertrud Hirsch lebte nun mit anderen verfolgten Juden zusammen, zu denen sie sich einen Großteil ihres Lebens nicht zugehörig gefühlt hatte.
Ab September 1941 mussten Gertrud und Ewald Hirsch den sogenannten Judenstern tragen. Im März 1942 war Ewald für drei Wochen aus "rassischen" Gründen inhaftiert. Gegen welches Gesetz er verstoßen hatte, geht aus der Akte nicht hervor. So erfahren wir auch nicht, ob dahinter der Versuch von Kripo oder Gestapo stand, ihn noch weiter zu kriminalisieren, um ihn in ein KZ einweisen zu können. Davor schützte ihn bisher seine Mischehe, das wäre jedoch nicht mehr der Fall gewesen, hätte man ihm kriminelle Handlungen nachweisen können.
Wenige Monate später mussten sich Mutter und Sohn trennen. Gertrud Hirsch wurde am 19.7.1942 von Hamburg ins Getto Theresienstadt deportiert, wo sie zweieinhalb Wochen später, am 3.8.1942, an Lungenentzündung infolge Altersschwäche starb.
Auf der Todesfallanzeige war als Religionsangabe "mos." (mosaisch) durchgestrichen und durch "evang." (evangelisch) ersetzt.
Ewald Hirsch blieb durch seine "Mischehe" vor der Deportation geschützt. Die Eheleute mussten am 28.9.1942 ins Grindelviertel in ein sogenanntes Judenhaus, Dillstraße 15, ziehen. Ewald Hirsch gab an, von der Reichsvereinigung der Juden dort eine 2-Zimmer-Wohnung zugewiesen bekommen zu haben. Ferner habe diese ihm den Posten des Hausverwalters übertragen. Von April 1944 bis März 1945 leistete er Zwangsarbeit als Lagerarbeiter.
Nach Kriegsende betätigte sich Ewald Hirsch als Handelsvertreter und Hauswart. Ferner war er als Prediger bei der Gemeinschaft christlicher Israeliten tätig, die ca. 150 Mitglieder umfasste. 1946/47 wurde er wegen Unterschlagung und Veruntreuung von Geldern sowie Schwarzhandel angeklagt. Das Urteil vom 23.9.1947 lautete Freispruch auf Kosten der Staatskasse, denn das Gericht konnte keine Täuschungsabsichten erkennen.
Ewald Hirsch erstritt sich 1951 eine Erwerbsminderung von 20% nach gerichtlichem Vergleich. Einen Antrag auf Entschädigung an Körper und Gesundheit zog er 1958 wieder zurück. Ewald Hirsch starb am 14.9.1960 in Hamburg.
Seine Witwe Louise Hirsch machte einen Freiheitsschaden geltend, weil ihr Mann und sie in einem "Judenhaus" wohnen mussten, und weil sie als Ehefrau eines "Sternträgers" gelitten habe, was ihr 1960 auf dem Vergleichswege bewilligt wurde. Sie starb 1975 in Hamburg.
Stand: Juni 2026
© Astrid Louven
Quellen: StaHH 213-11_60201 Staatsanwaltschaft Hamburg Landgericht (Nichtannahme jüdischen Vornamens u.a.); 213-11_72115 Staatsanwaltschaft Hamburg Landgericht (wg. Unterschlagung 1946/47); 351-11_17723 Louise Hirsch (Wiedergutmachung); 741-4 Film Nr. A 255 + A 472 (Gefangenenkartei); 332-5 47034_02 Generalregister Heiraten; 332-5 3409 Bd.2 v. 30.3.-28.5.1921 Heiraten; Sylvina Zander, "Ich bin an diesem Ort geboren". Die Geschichte der Oldesloer Juden, Kiel 2016, S. 115, 117, 120-128, 130, 159, 160, 166; genealogy.net Familiendatenbanken Juden im Deutschen Reich, Liste Zahnärzte (Louis Wilhelm Mallachow); Sterbeurkunde Louis Wilhelm Mallachow v. Standesamt Deutsch-Wilmersdorf, lt. Mail Ingo Paul v. 1.6.2026; Adressbuch der Städte Bad Oldesloe und Reinfeld 1927/28; Biografie Bertha Hirsch https://www.stolpersteine-hamburg.de/?&MAIN_ID=7&r_name=hirsch&r_strasse=&r_bezirk=&r_stteil=&r_sort=Nachname_AUF&recherche=recherche&submitter=suchen&BIO_ID=5644; https://www.holocaust.cz/de/opferdatenbank/opfer/15637-gertrude-hirsch/Transport VI/2, nr. 283 (20.07.1942, Hamburg -> Theresienstadt) ermordet 03. 08. 1942 Theresienstadt; https://www.holocaust.cz/de/datenbank-der-digitalisierten-dokumenten/dokument/79555-hirsch-gertrude-todesfallanzeige-ghetto-theresienstadt/.

