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Otto Siess * 1902

Milchstraße 25 (Eimsbüttel, Rotherbaum)


HIER WOHNTE
OTTO SIESS
JG. 1902
EINGEWIESEN 1939
ALSTERDORFER ANSTALTEN
´VERLEGT` 28.7.1941
HEILANSTALT LANGENHORN
27.11.1941 TIEGENHOF
ERMORDET 11.3.1942

Otto Siess, geb. 16.5.1902 in Hamburg, am 28.8.1939 aufgenommen in den Alsterdorfer Anstalten (heute Evangelische Stiftung Alsterdorf), am 28.7.1941 verlegt in die Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn, am 27.11.1941 verlegt in die "Gau-Heilanstalt Tiegenhof" (polnisch Dziekanka) bei Gnesen (polnisch Gniezno), ermordet am 11.3.1942

Milchstraße 25

Wilhelm Otto Siess (Rufname Otto) wurde am 16. Mai 1902 als Sohn von Marten Hermann und seiner Ehefrau Caroline Auguste Anna Siess, geborene Müller, in der Milchstraße 25 im Hamburger Stadtteil Rotherbaum geboren. Seine Eltern hatten am 12. Mai 1900 in Hamburg geheiratet. Der Vater, geboren am 22. Januar 1857, stammte aus dem kleinen Ort Barlt in Süderdithmarschen, die Mutter, geboren am 4. Februar 1871, stammte aus Spremberg in der Lausitz. Marten Hermann Siess arbeitete zur Zeit seiner Heirat als Kutscher, kurz darauf als Futterhändler. Bei Otto Siess‘ Geburt war er als Brothändler tätig.

Otto Siess hatte eine ältere Schwester, Lina Marie Margarethe, die am 21. Oktober 1900 geboren wurde und bereits im Alter von einem Jahr starb.

Marten Hermann Siess starb am 4. November 1902 im Alter von 45 Jahren. Seine Witwe heiratete am 17. Mai 1906 erneut, und zwar den Gärtner Hermann John Curt Vosgerau, geboren 1879 in Hamburg. Diese Ehe wurde 1922 geschieden und 1929 erneuert.

Über Kindheit, Jugend und Erwachsenenleben von Otto Siess ist uns nichts bekannt. Er wurde am 28. August 1939 zusammen mit weiteren 29 Männern aus der Heil- und Pflegeanstalt Hamburg-Langenhorn in die damaligen Alsterdorfer Anstalten (heute Evangelische Stiftung Alsterdorf) verlegt. Dies geht aus dem Zu- und Abgangsbuch der Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn sowie aus dem Aufnahmebuch der Alsterdorfer Anstalten hervor.

Über den Aufenthalt von Otto Siess in der Anstalt Langenhorn existieren keine weiteren Unterlagen. Wir wissen also nicht, wann Otto Siess Patient der Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn geworden war.

Die einzigen Informationen über Otto Siess, die wir besitzen, sind auf einer Karteikarte verzeichnet, die für das ab 1934 aufgebaute Hamburger Gesundheitspassarchiv zum Zwecke der "erbbiologischen Bestandsaufnahme" der Bevölkerung dieser Region angelegt wurde. Die Eintragungen auf diesen "Erbgesundheitskarteikarten" oder "Sippschaftstafeln" sind durchgängig in einer abwertenden und verurteilenden Sprache verfasst. Sie enthalten meist Bemerkungen wie "unheilbar", "zu keiner produktiven Arbeitsleistung fähig" oder "völlig arbeitsunfähig". So auch bei Otto Siess: "Es handelte sich um ein typisches Endzustandsbild einer Schizophrenie, um eine läppische, stumpfe, negativistische, Verblödung. Er zeigte keine tiefen Gemütsregungen zur Umwelt mehr. Er war infolgedessen als unheilbar krank anzusehen. Verweigerte jegliche Arbeitsleistung."

Am 28. Juli 1941 wurden mindestens 50 Männer aus den Alsterdorfer Anstalten zunächst in die Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn überführt. Zu ihnen gehörte auch Otto Siess. Drei Tage später folgte ein weiterer Transport mit mindestens 20 Frauen. Die Patientinnen und Patienten wurden jeweils mit Bussen der "Gemeinnützigen Krankentransport-Gesellschaft" (GeKraT) nach Langenhorn gebracht.

Michael Wunder, der die Geschichte der ermordeten Alsterdorfer Patientinnen und Patienten aufgearbeitet hat, wies darauf hin, dass die Transporte, die überwiegend aus besonders schwachen und nicht arbeitsfähigen Menschen bestanden, anhand der Meldebögen an die "Euthanasie"-Zentrale in der Tiergartenstraße 4 in Berlin zusammengestellt worden waren. SA-Mitglied Pastor Lensch, damals Anstaltsleiter der Alsterdorfer Anstalten, hatte von der Hamburger Gesundheitsbehörde eine entsprechende Liste der Transportteilnehmer erhalten. Der Gesundheitssenator Ofterdinger hatte ihm versichert, es handele sich lediglich um eine Verlegung, um die Alsterdorfer Anstalten zu entlasten und die leerstehenden Betten in Langenhorn sinnvoll zu nutzen. Dennoch machte sich Aufregung unter den Insassen breit, als die Busse der GeKraT auf das Gelände der Alsterdorfer Anstalten fuhren. Durch die kirchlichen Proteste gegen die Euthanasie, die zu diesem Zeitpunkt reichsweit ihren Höhepunkt erreicht hatten, und Hinweise aus süddeutschen und ostdeutschen Anstalten waren die Tötungsaktionen durchaus auch unter den Pflegerinnen und Pflegern der Alsterdorfer Anstalten und teilweise auch den Anstaltsinsassen bekannt. Deshalb behauptete Lensch in einem Rundschreiben an alle Pflegekräfte wahrheitswidrig, dass der Abtransport einen "Verwaltungsakt" darstellte, der mit "anderen Maßnahmen nichts zu tun hat".

Vier Monate später, am 27. November 1941, wurde Otto Siess mit weiteren Frauen und Männern aus Langenhorn in die "Gau-Heilanstalt Tiegenhof" (Dziekanka) bei Gnesen (Gniezno) verlegt. Das "Hamburger Gedenkbuch Euthanasie" enthält die Namen von 66 ehemaligen Alsterdorfer Patientinnen und Patienten, die mit diesem Transport dorthin gebracht wurden. (Vier der insgesamt 70 Alsterdorfer Patienten waren vor dem Transport in Langenhorn gestorben.) Insgesamt wurden aus der Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn zwischen dem 26. September und dem 27. November 1941 in mehreren Transporten mehr als 200 Menschen in die "Gau- Heilanstalt Tiegenhof" abtransportiert. In dem Gedenkbuch lassen sich 206 Personen nachweisen.

Die psychiatrische Anstalt Dziekanka in der Nähe von Gnesen war im Oktober 1939 von der deutschen Wehrmacht besetzt worden und hatte die Bezeichnung "Gau-Heilanstalt Tiegenhof" erhalten. Bis zum Sommer/Herbst 1941 ermordeten die Deutschen dort die polnischen Patientinnen und Patienten in mehreren Aktionen. Als die Hamburger Patienten in Tiegenhof eingetroffen waren, traf dieses Schicksal auch sie. Sie wurden getötet durch systematisches Verhungernlassen, durch Überdosierung von Medikamenten sowie durch Verwahrlosung. In den Tiegenhofer Unterkünften befanden sich separate Tötungszimmer, in denen den wehrlosen und entkräfteten Opfern tödliche Mittel injiziert, eingeführt oder aufgelöst in Suppe verabreicht wurden.

Otto Siess starb mit knapp 40 Jahren am 11. März 1942 – sicherlich keines natürlichen Todes. Als Todesursache wurde auf seiner Sterbeurkunde "Allgemeine Körper- u. Kreislaufschwäche bei Schizophrenie" angegeben.

Stand: Februar 2026
© Ingo Wille

Quellen: Adressbuch Hamburg (diverse Jahrgänge); StaH 332-5 Standesämter 13784 Geburtsregister Nr. 1189/1902 (Wilhelm Otto Siess), 8602 Heiratsregister Nr. 223/1900 (Marten Hermann Siess/Caroline Auguste Anna Müller), 8644 Heiratsregister Nr. 118/1906 (Hermann John Curt Vosgerau/Caroline Auguste Anna verw. Siess geb. Müller), 13233 Heiratsregister Nr. 383/1929 (Hermann John Curt Vosgerau/Caroline Auguste Anna gesch. Vosgerau verw. Siess geb. Müller), 7947 Sterberegister Nr. 2534/1901 (Lina Marie Margarethe Siess), 7957 Sterberegister Nr. 2656/1902 (Marten Hermann Siess), 352-8/7 Zu- und Abgangsbuch Langenhorn 26.9.39-27.1.41. Standesamt Gniezno Sterberegister Gnesen Nr. 98/1942 (Wilhelm Otto Siess). Archiv der Evangelischen Stiftung Alsterdorf, Aufnahmebuch und Erbgesundheitskartei. Harald Jenner, Michael Wunder, Hamburger Gedenkbuch Euthanasie – Die Toten 1939-1945, Hamburg 2017. Michael Wunder, Ingrid Genkel, Harald Jenner: Auf dieser schiefen Ebene gibt es kein Halten mehr – Die Alsterdorfer Anstalten im Nationalsozialismus, 3. Auflage, Stuttgart 2016, S. 36, 269 ff.; Enno Schwanke, Die Landesheil- und Pflegeanstalt Tiegenhof, Die nationalsozialistische Euthanasie in Polen während des Zweiten Weltkrieges, Frankfurt/M 2015.

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