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Bereits verlegte Stolpersteine



Erika Hesse
Erika Hesse
© Archiv Evangelische Stiftung Alsterdorf

Erika Hesse * 1919

Beim Andreasbrunnen 9 (Hamburg-Nord, Eppendorf)


HIER WOHNTE
ERIKA HESSE
JG. 1919
EINGEWIESEN 1930
ALSTERDORFER ANSTALTEN
´VERLEGT` 16.8.1943
´HEILANSTALT`
AM STEINHOF / WIEN
ERMORDET 7.1.1944

Weitere Stolpersteine in Beim Andreasbrunnen 9:
Heinz Becher, Gertrud Becher, Wilhelm Frank, Emmy Frank, Heinz Frank

Erica Gertrud Hesse, geb. am 30.1.1919 in Eilsen (heute Bad Eilsen), am 8.7.1930 aufgenommen in den damaligen Alsterdorfer Anstalten (heute Evangelische Stiftung Alsterdorf), am 16.8.1943 abtransportiert nach Wien in die "Wagner von Jauregg-Heil- und Pflegeanstalt der Stadt Wien" (auch bekannt als Anstalt "Am Steinhof"), dort gestorben am 7.1.1944

Beim Andreasbrunnen 9

Erica Gertrud Hesse (Rufname Erica) kam am 30. Januar 1919 in Eilsen (heute Bad Eilsen) im heutigen Landkreis Schaumburg im Südwesten Niedersachsens als Tochter des Kaufmanns Adolf Hesse und seiner Ehefrau Gertrud Klara, geborene Vogt, zur Welt. Ihre Zwillingsschwester wurde tot geboren.

Adolf Hesse und Klara Maria Vogt hatten am 1. Juni 1914 in Hannover geheiratet. Das Paar ließ sich 1927 in Hamburg nieder.

Außer Erica gehörten weitere drei Kinder zur Familie: Heinz, geboren am 12. April 1915, Hans-Werner, geboren am 7. Januar 1927, und Ingeborg-Lilly, geboren am 21. Februar 1928. Während auch Heinz Hesse noch in Eilsen geboren worden sein dürfte, kamen Hans-Werner und Ingeborg-Lilly Hesse in der Frauenklinik in der Bülowstraße in der damals noch selbstständigen Stadt Altona zur Welt. Das Hamburger Adressbuch weist die Familie seit 1928 in der Straße Beim Andreasbrunnen 9 in Eppendorf aus.

Die Eltern bemerkten bei Erica Entwicklungsverzögerungen als sie ein Jahr alt war. Sie hatte erst mit drei Jahren Laufen gelernt. Während eines Beobachtungsaufenthalts im Krankenhauses Eppendorf vom 19. Juni bis zum 8. Juli 1930 konnte sie als elfjähriges Mädchen noch nicht sprechen. Es bestand die Vermutung, dass Ericas Entwicklungsrückstand durch übermäßigen Druck der Frucht des Zwillings auf Ericas Kopf während der Schwangerschaft verursacht worden war.

Am 8. Juli 1930 wies der Vertrauensarzt der Hamburger Wohlfahrtsbehörde das Mädchen wegen zeitweiser "Erregungszustände harmloser Art und Idiotie" in die damaligen Alsterdorfer Anstalten (heute Evangelische Stiftung Alsterdorf) ein. ("Idiotie" ist ein heute nicht mehr gebräuchlicher Begriff für eine schwere Form der Intelligenzminderung).

In den Alsterdorfer Anstalten musste dem elfjährigen Mädchen beim An- und Auskleiden geholfen werden. Es soll immer dieselben Wörter gesagt haben: "Eßsaal, Fleischessen, Mutti". Wenn es Anweisungen nicht folgen wollte, habe es sich auf den Boden geworfen. Mit ihren Mitpatientinnen verständigte sich Erica durch Bewegungen. Wurde sie nicht verstanden, reagierte sie mit lautem Schreien, vermutlich ein verzweifelter Ausdruck ihrer Hilflosigkeit.

Auch im Jahre 1933 musste Erica Hesse beim Ankleiden unterstützt werden. Sie wurde nun als "bequem und ungelehrig" beschrieben. Zeitweise soll sie gern kleine, wenn auch ungeschickte Handreichungen geleistet haben. Gegen Ende des Jahres besuchte sie mit Freude die Spielschule.

1934 war Erica Hesses Gesicht von Borkenflechte überzogen. Dabei handelt es sich um eine juckende, manchmal schmerzende oberflächliche Infektion der Haut, die mit Schwefelsalicylsalbe behandelt wurde. Sie lernte allein zu essen und sich allein an- und auszukleiden, musste aber sonst vollkommen versorgt werden.

Im Jahre 1935 wurde die inzwischen Sechzehnjährige als "hilfloses Kind" bezeichnet, das einzelne Sätze sprechen und sich an Namen erinnern konnte. Hervorgehoben wurden ihre Anhänglichkeit und ihre Liebesbedürftigkeit.

Wie schon in den Vorjahren soll sie 1937 gern und viel gegessen haben. In der Patientenakte steht, dass sie bei Besuchen ihrer Mutter nur Interesse an den mitgebrachten Tüten gezeigt habe. Sobald diese leer waren, sei Erica "wieder vollkommen stumpf" gewesen.

Ab 1939 traten wiederholt Krampfanfälle auf, die zunächst ohne Erfolg mit Glyboral, später mit dem Barbiturat Luminal behandelt wurde, über dessen Wirkung nichts vermerkt ist.

1943 wurde berichtet, dass Erica unverständliche Worte gesprochen habe, nur die Worte "Mama kommt, Papa kommt" seien verständlich gewesen.

Erica Hesses Gewicht, das 1937/1938 bei über 60 kg gelegen hatte, reduzierte sich 1941 auf etwa 50 kg und 1943 auf 45 kg. In ihrer Familie wurde später immer wieder darüber gesprochen, dass das Essen rationiert war und Erica keine Lebensmittelmarken erhielt. Zu den wöchentlichen Besuchen habe Ericas Mutter dann immer Lebensmittel in einem Brotkasten mitgebracht, darunter Fleisch, Gemüse und Brot, die Erica in sich hinein geschlungen habe.
Am 16. August 1943 notierte der Anstaltsarzt und SA-Mitglied Gerhard Kreyenberg: "Wegen schwerer Beschädigung der Anstalten verlegt nach Wien. Gez. Kreyenberg."

Durch die schweren Luftangriffe auf Hamburg Ende Juli/Anfang August 1943 ("Operation Gomorrha") erlitten auch die Alsterdorfer Anstalten Bombenschäden. Der Anstaltsleiter, SA-Mitglied Pastor Friedrich Lensch, nutzte die Gelegenheit, sich mit Zustimmung der Gesundheitsbehörde eines Teils der Bewohnerinnen und Bewohner, die als "arbeitsschwach, pflegeaufwendig oder als besonders schwierig" galten, durch Abtransporte in andere Heil- und Pflegeanstalten zu entledigen. Mit einem dieser Transporte wurden am 16. August 1943 228 Frauen und Mädchen aus Alsterdorf sowie 72 Mädchen und Frauen aus der Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn in die "Wagner von Jauregg-Heil- und Pflegeanstalt der Stadt Wien" (auch bekannt als Anstalt "Am Steinhof") in Wien "verlegt". Unter ihnen befand sich Erica Hesse.

Bei der Aufnahme in Wien war Erica unruhig und lief umher. Sie sprach nicht und soll vollkommen desorientiert gewesen sein. In einem Schreiben vom 25. September 1943 an ihren Vater hieß es demgegenüber, Erica habe den Transport gut überstanden und sich in die neuen Verhältnisse gut eingelebt. Ihr körperlicher und geistiger Zustand sei dauerhaft unverändert. Verändert hatte sich jedoch ihr Gewicht, das im November 1943 auf 33,5 kg und im Januar 1944 auf 32 kg gesunken war.

Anfang Januar 1944 notierte das Personal Durchfall. Erica Hesse soll zusehends verfallen und nicht mehr ansprechbar gewesen sein. Sie starb am Morgen des 7. Januar 1944.
Als Ursache wurde im Sektionsprotokoll Enteritis acuta notiert und ergänzt um Marasmus (akute Darmentzündung und schwere Form der Mangelernährung).


Die Eltern erhielten mit Datum vom 22. Januar ein Schreiben mit folgendem Inhalt: "Pat. [ientin], die seit dem 17.8.1943 in hierortiger Anstalt sich befand, ist am 2.1.1944 unter hohem Fieber und starkem Durchfall erkrankt. Infolge ihrer von Haus aus schwachen Konstitution ist sehr rasch ein zusehender Körperverfall eingetreten und am 7.1.1944 ist sie an Herzschwäche gestorben. Sie war bis in ihren letzten Stunden ruhig und klaglos. Die Bestattung erfolgte am 13. d.M. Dr. Podhajsky e.h."

Auf dem Stolperstein zur Erinnerung an Erica Hesse wurde ihr Vorname entsprechend der Schreibweise in den Anstaltsdokumenten als "Erika" eingelassen. In ihre Geburtsurkunde wurde sie jedoch als "Erica" eingetragen.

Stand: Januar 2026
© Ingo Wille

Quellen: Adressbuch Hamburg 1927 und 1928; Evangelische Stiftung Alsterdorf Archiv, V 203 (Akte Erika Hesse); Michael Wunder, Ingrid Genkel, Harald Jenner, Auf dieser schiefen Ebene gibt es kein Halten mehr – Die Alsterdorfer Anstalten im Nationalsozialismus, Stuttgart 2016, S. 331-364.

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