Namen, Orte und Biografien suchen


Bereits verlegte Stolpersteine



Martha Häfner
Martha Häfner
© UKE/IGEM Archiv

Martha Häfner (geborene Wriedt, verw. Helmhold) * 1874

Kielortallee 23 (Eimsbüttel, Eimsbüttel)


HIER WOHNTE
MARTHA HÄFNER
GEB. WRIEDT
VERW. HELMHOLD
JG. 1874
EINGEWIESEN 1929
HEILANSTALT LANGENHORN
´VERLEGT` 15.8.1943
AM STEINHOF / WIEN
ERMORDET 21.4.1945

Weitere Stolpersteine in Kielortallee 23:
Bertha Cohn, Jenny Cohn, Minna Fleischhauer, Marianne Lange, Olga Schey

Martha Häfner, geb. Wriedt, verw. Struck, verw. Helmhold, geb. am 12.9.1874 in Kiel, seit Aufnahme am 26.10.1929 in der Staatskrankenanstalt Friedrichsberg in Hamburg in diversen Heimen und Anstalten, am 16.8.1943 abtransportiert nach Wien in die "Wagner von Jauregg-Heil- und Pflegeanstalt der Stadt Wien" (auch bekannt als Anstalt "Am Steinhof"), dort gestorben am 21.4.1945

Kielortallee 23

Martha Catharina Dorothea Friederike Häfner (Rufname Martha) wurde am 12. September 1874 in Kiel geboren. Sie war die Tochter des Heizers Hans Friedrich Joachim Wriedt und seiner Ehefrau Anna Maria Dorothea, geborene Meyer, und hatte einen Bruder namens Hinrich.

Dieser Bruder berichtete bei der Aufnahme seiner Schwester am 26. Oktober 1929 in der Staatskrankenanstalt Friedrichsberg in Hamburg, Martha sei in Glückstadt aufgewachsen, eine sehr gute Schülerin gewesen und habe Lehrerin werden wollen. Bis dahin sei sie "geistig ganz unauffällig und körperlich stets gesund" gewesen. Alle hätten sie gern gemocht, sie sei aufrichtig und fidel gewesen und habe Theaterbesuche geliebt. Sie habe immer vor Gesundheit gestrotzt.

Martha Häfner war gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts nach Hamburg "in Stellung" gegangen. Sie hatte am 30. September 1899 in der damals noch selbstständigen preußischen Stadt Altona den Arbeiter und späteren Klempnermeister Heinrich Hermann Christian Johann Struck, geboren am 18. Oktober 1876 in Altona, geheiratet. Beide bekannten sich zur evangelischen Konfession.

Aus dieser Ehe ging am 21. März 1901 die Tochter Mathilde Erna Maria Elisabeth hervor. Weitere drei Kinder aus dieser Verbindung sollen an Lungenkrankheiten verstorben sein. Heinrich Struck verstarb nach etwa zehn Jahren Ehe an einem Lungenleiden.

Etwa zwei Jahre später, so ihr Bruder, ging Martha Häfner eine neue Ehe mit einem Töpfermeister namens Helmhold ein. Die Hochzeit soll in Wilster (Schleswig-Holstein) stattgefunden haben. Das Paar zog 1919 oder 1920 nach Karla in Thüringen, das etwa 19 Kilometer südlich von Jena liegt. Dort verstarb Marthas Ehepartner 1923 an Grippe. Diese Ehe blieb kinderlos.

Weder das Sterbedatum des ersten Ehemannes noch die Heirats- und Sterbedaten des zweiten Ehepartners sind uns bekannt.

Am 7. April 1928 heiratete Martha Helmhold in Suhl (Thüringen) den Güterbodenarbeiter Johann Georg Häfner. Die Berufsbezeichnung deutet darauf hin, dass er in einer großen Halle, die von Eisenbahnern "Güterboden” genannt wurde, Kisten, Säcke und Stückgüter aller Art stapelte oder umlud.

Die Ehe von Johann Georg und Martha Häfner war nicht glücklich. Ob die im Jahr 1930 von dem Ehemann beantragte Scheidung schließlich vollzogen wurde, ist aus den verfügbaren Dokumenten nicht ersichtlich.

Martha Häfner lebte laut Angaben ihres Bruders im Jahr 1929 in Hamburg. Sie wohnte bei einer Familie Tanne in der Kielortallee 23 in Eimsbüttel und pflegte dort etwa eineinhalb Jahre lang einen gelähmten Mann. (Dort erinnert auch der Stolperstein an sie.)

Im Oktober 1929 änderte sich ihr Verhalten plötzlich und einschneidend. Sie küsste den Pflegling und äußerte, sie sei mit einem Verwandten des Kranken verlobt und deshalb mit ihm verwandt. Zudem verdächtigte sie die Mutter des Kranken, sie vergiften zu wollen. Martha Häfner irrte umher und übernachtete schließlich bei einer Bekannten. Der Einweisung in eine psychiatrische Anstalt, die von einem niedergelassenen Arzt beabsichtigt wurde, verweigerte sie sich. Eine Freundin brachte sie zu einer Polizeiwache, und anschließend wurde sie mit einem Krankenwagen in die Staatskrankenanstalt Friedrichsberg in Hamburg-Eilbek eingeliefert. Diese Maßnahme stützte sich auf Paragraph 22 des Hamburgischen Verhältnisgesetzes von 1923, wonach die Polizeibehörden befugt waren, Personen in Verwahrung zu nehmen, wenn deren eigener Schutz oder die Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ruhe dies erforderten oder von diesen Personen Gefahren für andere Personen ausgingen. Martha Häfner wurde schließlich am 26. Oktober 1929 formell in die Staatskrankenanstalt Friedrichsberg eingewiesen.

Die ärztliche Anamnese in ihrer Krankenakte ist weitgehend in einer unleserlichen Handschrift verfasst, sodass der von Martha Häfner mündlich berichtete Lebenslauf und ihr Selbstbefinden nicht wiedergegeben werden können.

In ihrer Krankenakte finden sich wiederholt Berichte über Halluzinationen. Sie glaubte, ihren Bruder im Keller schreien zu hören und war ängstlich und unruhig. Aus unbekannten Gründen bat sie die Ärzte um Vergebung. Mit Personen, die sie besuchten, konnte sie keine Verbindung aufnehmen. Im Juni 1930 soll sie hingegen "willig, zugänglich, gut orientiert und liebenswürdig" gewesen sein. Sie bat die Ärzte um Gnade, damit sie ihre Kinder wiedersehen könne, die sie dauernd riefen. Ihr war zwar bewusst, dass die Kinder vor Jahren gestorben waren, aber vielleicht, so Martha Häfner, seien sie als "Scheintote" begraben worden. Im Juli versuchte sie, über ein Fenster aus der Anstalt zu entweichen. Kurz darauf legte sie sich einen Kleidergürtel um den Hals und wollte ihn an einem Haken festmachen. Im August kam es zu weiteren Fluchtversuchen.

Auch im Jahr 1931 glaubte Martha Häfner, die Stimmen von Angehörigen im Keller der Krankenanstalt zu hören, die dort gemartert würden. Sie litt sehr unter diesen Sinnestäuschungen und flehte mehrmals um Gnade für die Angehörigen. Im Juli versuchte sie, Suizid zu begehen.

Ihr war bewusst, dass die Stimmen nicht real waren. Sie erklärte, sie wisse nicht, woher sie kämen, und sie könne nicht verstehen, wie es möglich sei, Stimmen von toten Menschen zu hören. Einmal sagte sie: "Was soll ich noch auf dieser Welt? Ich fühle mich überflüssig. Ich habe keinen Lebensmut mehr."

Aufgrund des bisherigen Verhaltens wurde im Jahr 1934 die Diagnose "Dementia praecox” gestellt. (Dieser früher verwendete Begriff bezeichnete eine chronische psychische Störung, die heute als Schizophrenie klassifiziert wird.)

Martha Häfner wurde am 7. Juni 1935 zunächst in die Heil- und Pflegeanstalt Hamburg-Langenhorn und kurz darauf am 24. Juli in die Diakonische Stiftung Anscharhöhe in Hamburg-Eppendorf verlegt.

Sie gehörte vermutlich zu den einhundert "ruhigen, nicht gefährlichen weiblichen Geisteskranken", die gemäß einem Vertrag von 1935 aus der Heil- und Pflegeanstalt Hamburg-Langenhorn in das diakonische Erziehungs- und Pflegeheim Anscharhöhe in Hamburg-Eppendorf verlegt werden konnten. Darauf deutet auch hin, dass ihr im Januar 1938 zwei Tage Urlaub aus der Anstalt gewährt wurden.

Zur Zeit der schweren Luftangriffe auf Hamburg im Juli/August 1943 ("Operation Gomorrha”) lebten etwa 60 ehemalige Langenhorner Patientinnen in der Anscharhöhe. Der überwiegende Teil von ihnen wurde am 6. und 7. August 1943 nach Langenhorn zurückverlegt. Ihre genaue Zahl ist uns nicht bekannt. Zu ihnen gehörte auch Martha Häfner.

Am 16. August wurden 72 Frauen und Mädchen aus der Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn sowie 228 Frauen und Mädchen aus den damaligen Alsterdorfer Anstalten in die "Wagner von Jauregg-Heil- und Pflegeanstalt der Stadt Wien” (auch bekannt als Anstalt "Am Steinhof”) nach Wien abtransportiert. In diesem Transport befanden sich neben Martha Häfner weitere 48 Frauen, die kurz zuvor von der Anscharhöhe nach Langenhorn zurückgebracht worden waren.

In der Wiener Anstalt wurde Martha Häfner als "unauffällig und verträglich gegenüber ihrer Umgebung" beschrieben. Sie pflegte sich selbstständig, arbeitete in der Nähstube, aß und schlief gut. Ohne erkennbaren Anlass wurde sie am 17. Januar 1945 in den sogenannten Infektionspavillon 19 verlegt. Dorthin wurden Patientinnen überstellt, die entweder tatsächlich an (Lungen-)Tbc erkrankt waren oder bei denen eine Tbc-Erkrankung angenommen wurde mit der Folge, dass sich auch gesunde Patientinnen mit Tbc infizierten.

Am 18. Januar wurde notiert, dass sich Martha Häfner im Wachsaal befinde, mangelhaft orientiert, gesprächig, lebhaft und rein sei und sich selbst pflege. Bis zum 10. April wurden keine weiteren Eintragungen vorgenommen. Nun hieß es: "Verfällt zusehends, nimmt wenig Nahrung zu sich – seit gestern Durchfälle."

Elf Tage später, am 21. April 1945, starb Martha Häfner, angeblich an "Schizophrenie” und "Enterocolitis”. (Eine Enterocolitis ist eine Entzündung von Dünn- und Dickdarm.)

Bei ihrer Aufnahme in der Anstalt in Wien hatte Martha Häfner 59,5 kg gewogen. Die letzte Gewichtsangabe im März 1945 lautete 41 kg. Sie hatte somit fast ein Drittel ihres Anfangsgewichts verloren.

Während der ersten Phase der NS-"Euthanasie” vom Oktober 1939 bis August 1941 war die Anstalt in Wien eine Zwischenanstalt für die Tötungsanstalt Hartheim bei Linz. Nach dem offiziellen Ende der Morde in den Tötungsanstalten wurde in den bisherigen Zwischenanstalten, auch in der Wiener Anstalt, massenhaft weitergemordet, beispielsweise durch Überdosierung von Medikamenten, durch Nichtbehandlung von Krankheiten und vor allem durch Nahrungsentzug. Bis Ende 1945 kamen von den 300 Mädchen und Frauen aus Hamburg 257 ums Leben.

Erst im April 1948 erkundigte sich das Landesfürsorgeamt der Sozialbehörde Hamburg in Wien, ob Martha Häfner "noch dort aufhältlich ist und wie ihr Befinden ist". Man antwortete, dass Martha Häfner am 21. April 1945 an einer Darmentzündung gestorben sei.

Stand: Juni 2026
© Ingo Wille

Quellen: Adressbuch Hamburg 1930; StaH 332-5 Standesämter 6193 Geburtsregister Nr. 6193/1876 Heinrich Hermann Christian Johann Struck, 13676 Geburtsregister Nr. 884/1901 (Erna Maria Elisabeth Struck), 5948 Heiratsregister Nr. 889/1899 (Heinrich Hermann Christian Johann Struck/Martha Catharina Dorothea Friederike Wriedt); 352-8/7 Staatskrankenanstalt Langenhorn Abl. 1/1995 21733 Martha Häfner, 352-8/7 86194 Verlegung von Patienten nach verschiedenen Anstalten. Wiener Stadt- und Landesarchiv Patientenakte Martha Häfner. Harald Jenner, 100 Jahre Anscharhöhe 1886-1986, Neumünster 1986, S. 108-110.

druckansicht  / Seitenanfang