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Bereits verlegte Stolpersteine



Caroline Mayer (geborene Lazarus) * 1872

Eulenstraße 72 (Altona, Ottensen)


HIER WOHNTE
CAROLINE MAYER
GEB. LAZARUS
JG. 1872
DEPORTIERT 1941
GHETTO MINSK
ERMORDET

Weitere Stolpersteine in Eulenstraße 72:
Hermine Mayer, Ruth Mayer

Caroline Mayer, geb. Lazarus, geb. 25. Juli 1872 in Altona, deportiert ins Getto Minsk am 18. November 1941


Hermine Mayer, geb. 21.7.1914 in Altona, 18.11.1941 deportiert ins Getto Minsk am 18. November 1941


Ruth Mayer, geb. 9.2.1907 in Hamburg, 18.11.1941 deportiert ins Getto Minsk am 18. November 1941



Eulenstraße 72 (Ottensen) 



Die drei Stolpersteine vor dem Haus Eulenstraße 72 in Ottensen erinnern an Angehörige der Familie Mayer, die hier jahrelang gelebt hat. Die damalige Adresse lautete Treskowplatz 8. Auf einem zeitgenössischen Stadtplan ist die historische Platzgestaltung zu erkennen. Inzwischen wurde die gründerzeitliche Anlage in eine autogerechte Straßenführung integriert.


Caroline (Lina) Lazarus war die Tochter von Hertz/Hersch, gen. Hermann Lazarus (3.10.1827 Bienenbüttel-3.8.1909 Altona) und Sarah, geb. Möller (verst. 1.4.1924 Altona). Ihre Eltern hatten am 21.5.1863 in Altona geheiratet. Dort wurde Caroline am 25.7.1872 geboren. Sie hatte mindestens zwei ältere Geschwister: Emma Esther (19.10.1865 Altona) und Joseph (2.4.1869 Altona). Die Familie lebte in der Großen Rainstraße 20 in Ottensen, Carolines Vater war Kaufmann und betrieb eine Metall-, Lumpen- und Produktenhandlung in der Großen Rainstraße unweit der Wohnung der Familie. In der Straße befand sich auch der jüdische Friedhof Ottensen, der nicht mehr existiert.


Ein Eintrag in der Meldekartei Altona weist Caroline Lazarus als Lehrerin aus. Sie lebte bei ihren Eltern, bis sie 1896 nach Hamburg verzog. An welchen Schulen sie tätig war, konnte nicht herausgefunden werden. Caroline Lazarus übte den Beruf bis zu ihrer Heirat aus.

Mit 29 Jahren ging sie am 1.11.1901 die Ehe mit dem staatenlosen Ingenieur Samuel Mayer (16.5.1875 Wiener Neustadt) ein. Er war wegen einer Anstellung nach Hamburg gekommen und im Papendamm 1 im Stadtteil Rotherbaum gemeldet. Seine Eltern, der Kaufmann Ignatz Mayer und Hanny, geb. Danzig, waren bereits verstorben. Er hatte drei Geschwister, über sie ist Näheres nicht bekannt.


Die Eheleute bekamen sechs Kinder: den einzigen Sohn Ignaz Hans (29.10.1902); Hannah (25.11.1903, verstorben am 15.9.1929 mit 25 Jahren infolge einer Streptokokken-Infektion); Käthe (9.5.1905); Ruth (9.2.1907); Sofie, genannt Fifi (22.7.1909) und Hermine (21.7.1914). Die Kinder wurden in Hamburg geboren bis auf Hermine, die jüngste kam in Altona zur Welt.

1914 war auch das Jahr, in dem die Familie im Adressbuch unter Treskowplatz 8 Parterre, in Ottensen eingetragen war. Davor hatten sie seit etwa 1905 in der Bismarckstraße 13 im Stadtteil Eimsbüttel gewohnt. Mittlerweile war Samuel Mayer zum Oberingenieur avanciert. Seine Geschäftsadresse lautete Große Brunnenstraße 48 in Ottensen. Daraus lässt sich schlussfolgern, dass er selbständig tätig war. Sein Gewerbe ist nicht bekannt.


Die Staatenlosigkeit des Vaters übertrug sich nach deutschem Staatsangehörigkeitsrecht auf die gesamte Familie. Der Status hatte zunächst anscheinend wenig Einfluss auf das Familien- oder Erwerbsleben. So stellte die damals selbstständige Stadt Altona Samuel Mayer am 13.9.1919 einen Reisepass aus, mit dem er nach Wiener Neustadt reisen konnte, wo er bei einem Verwandten, Ad. Mayer jun., wohnte.


Der Sohn Ignaz Hans (im Folgenden Hans Mayer genannt) besuchte ein Jahr lang eine Privatschule in Hamburg und wechselte auf die Oberrealschule Altona/Ottensen, wo er 1919 die Prüfung ablegte. Anzunehmen ist, dass die Töchter private Töchterschulen besuchten und später jüdische Schulen.

Die Familie kann als wohlhabend und wohl auch als religiös bezeichnet werden. Die Eltern und später auch die Töchter waren Mitglieder der Israelitischen Gemeinde Altona und zahlten Kultussteuern. Für Hannah Mayer sind Beitragszahlungen von 1923 bis 1928, ein Jahr vor ihrem Tod, dokumentiert.


Ruth Mayer war seit 1928/29 Mitglied der Gemeinde, sie arbeitete als Schneiderin. Hermine Mayer wurde 1934 – mit ca. 20 Jahren – Mitglied der Altonaer Gemeinde, sie war als kaufmännische Angestellte bzw. Korrespondentin beschäftigt u.a. bei der Im- und Export-Firma B. Luria & Co. am Jungfernstieg, einem jüdischen Arbeitgeber.

Über Sofie Mayers beruflichen Werdegang konnte nichts in Erfahrung gebracht werden, lt. einem Vermerk war sie seit 1930 von der Steuerzahlung an die jüdische Gemeinde befreit, entrichtete jedoch 1934 eine größere Summe.

Hans Mayer besuchte nach der Schule einen Handelskurs beim Rüsch-Institut in Hamburg, absolvierte zwei Monate Militärdienst im Zeitfreiwilligen-Korps in Bahrenfeld und begann 1920 eine zweijährige Lehrzeit bei einer Firma im Getreidehandel. Nach Beendigung der Lehrzeit arbeitete er weiter für die Firma als Bürochef und Börsenvertreter. Er wechselte zur (jüdischen) Firma Salo Back, Getreidekontrolleur. Auch hier fungierte er als Bürochef, Börsenvertreter und als von der Handelskammer Hamburg vereidigter Probennehmer.


Am 11.7.1929 heirateten Hans Mayer und die Altonaerin Martha Levy (9.10.1905).

Ihre Eltern waren Leo Levy (30.11.1865 Neustadt b. Kassel-16.6.1934 Altona) und Jeanette, geb. Hirsch (9.11.1870 Frankfurt/Main–4.2.1946 Wilmington, DEL/USA). Die Eheleute lebten anfangs in Altona, Kl. Papagoyenstraße 1b bei Levy, vermutlich in der Wohnung von Hans' Schwiegereltern.

1930 nahm Hans Mayer ein Angebot von der Großeinkaufs-Gesellschaft Deutscher Konsumvereine m.b.H. (GEG) Hamburg an, wo er als Getreideprüfer und -einkäufer eingestellt wurde mit der Perspektive Betriebsleiter zu werden. Er arbeitete in der Mühle Magdeburg, als die Tochter Hannelore am 7.3.1931 dort geboren wurde.

Im Laufe des Jahres 1933 wurde Hans Mayer wegen seiner jüdischen Herkunft jedoch entlassen. Auch die vormals links-fortschrittlichen Konsumvereine hatten sich dem Druck des NS-Regimes gebeugt, indem sie jüdische Mitarbeiter entließen. Jüdischen Beschäftigten blieb nur noch die Möglichkeit, bei Juden zu arbeiten bzw. ihre Geschäfte zu übernehmen. So wurde auch Hans Mayer Inhaber die Firma Salo Back, Getreidekontrolle in der Wrangelstraße 16 in Eimsbüttel, mittlerweile Wohnadresse der Familie. 1934 traten sie in die Deutsch-Israelitische Gemeinde (DIG) ein. Am 14.12. d.J. wurde der Sohn Leo Lutz geboren. Als Lutz noch ein Baby war, suchten Polizeibeamte die Familie zu Hause auf und verlangten, ihn zu sehen. Sie hinterließen ein Dokument (das, wie Lutz' Frau Pamela viele Jahre später feststellte, in Metall eingeschlossen war) mit dem diagonalen Stempel "staatenlos". Damit war der Bürokratie genüge getan und auch der jüngste Nachkomme als Staatenloser registriert.


Durch den Boykott jüdischer Firmen und die Weigerung der Handelskammer, ihn wieder als Probennehmer zu vereidigen, war Hans Mayer jedoch zur Aufgabe des Geschäfts gezwungen. Der Verkaufserlös von RM 1.500 sollte später vom Käufer in Raten an Hans Mayers Eltern gezahlt werden, dieser Abmachung kam der Käufer nicht nach. Zur Vorbereitung auf die bevorstehende Auswanderung belegte Hans Mayer einen Kurs für Business-Englisch. Am 10.6.1937 meldete er sich aus Hamburg ab und verließ Deutschland sechs Tage später. Er fuhr ohne seine Familie nach New York. Die Vereinigten Staaten erlaubte der Familie nicht, zu ihm zu ziehen, bis Hans nachweisen konnte, dass er sie ernähren konnte. In Wilmington, Delaware, nahm er zwei Teilzeitstellen an, die als ausreichend angesehen wurden, und mietete eine Wohnung. Die Schwester von Hans Mayers Schwiegervater Leo Levy, Sara Levy Baer, war 1893 nach Wilmington gezogen, sie und ihr Ehemann Louis I. Baer wurden im Passagierverzeichnis des Schiffes und im Einbürgerungsdokument als Kontakt in den Vereinigten Staaten angegeben.

Seine Frau Martha Mayer hatte seit Ende März 1937 bis zu ihrer Auswanderung im Juni 1938 als Stenotypistin gearbeitet. Sie verließ Deutschland mit den Kindern Hannelore (Lora) und Lutz auf der SS Washington.


Caroline Mayers Tochter Käthe hatte 1934 den selbstständigen Tapezier- und Dekorateur Bernhard Levisohn (5.5.1898 Wandsbek) geheiratet. Die Ehe scheiterte, es kam zur Scheidung kurz vor der Geburt des Sohnes Heinrich (21.6.1937) (siehe www.stolpersteine-hamburg.de).

Käthe Levisohn war 1939 als Untermieterin im Loogestieg 10 II. bei Mendel gemeldet, ihr kleiner Sohn in der Eppendorfer Landstraße 12, wo auch Caroline Mayer, die Großmutter des Kindes lebte, offenbar eine Notlösung in Sachen Kinderbetreuung. 1940 gelang es, Heinrich im Paulinenstift in der Straße Laufgraben unterzubringen, dem Waisenhaus für Mädchen, das der Jüdische Religionsverband unterhielt. (So musste sich die Jüdische Gemeinde Hamburgs nun nennen). Eine Unterbringung Heinrichs im Waisenhaus Papendamm war wohl wegen Platzmangels nicht möglich.

Ab August 1941 war Käthe Levisohn in Altona, Große Prinzenstraße 28, als Untermieterin bei Gräber gemeldet.

Samuel Mayer war bereits am 5.10.1937 im Alter von 62 Jahren verstorben und in Bahrenfeld auf dem jüdischen Friedhof Bornkampsweg bestattet, wo auch Caroline Mayer einen Platz reserviert hatte und ihre Tochter Hannah 1929 beigesetzt worden war.

Aufgrund der antijüdischen Gesetzgebung mussten Samuel Mayers Hinterbliebene die Wohnung im "arischen" Wohnhaus Treskowplatz 8 räumen. Anfang 1938 zog die verwitwete Caroline Mayer mit ihren Töchtern in eine Wohnung in der Eppendorfer Landstraße 12. Zudem wechselten sie von der Altonaer zur jüdischen Gemeinde Hamburgs. Amtlich vermerkt wurde, dass Caroline Mayer – wie vorgeschrieben - am 28.4.1939 beim Standesamt den Zwangsnamen "Sara" hatte eintragen lassen. Das dürfte auch auf ihre Töchter zutreffen.


Anfang 1939 begann die Devisenstelle der Oberfinanzbehörde Hamburg mit den "Sicherungsmaßnahmen" gegen Caroline Mayer und ihre Töchter, was nichts anderes bedeutete, als ihnen Vermögen und Dokumente zu entziehen – Caroline Mayer besaß als Staatenlose einen 1935 ausgestellten Fremdenpass.

Aus einem Verkauf des Grundstücks Humboldstraße 27 (ein Haus mit mehreren Mietwohnungen) in Altona (heute Willebrandstraße) waren inzwischen 18.000 RM zur Barauszahlung gelangt. Ferner besaß die Familie Wertpapiere bei der Dresdner Bank. Von einer "Sicherungsanordnung" wurde vorläufig abgesehen, diese im März d.J. dann aber doch erlassen. Damit war die freie Verfügung über das Vermögen nicht mehr möglich. Die regelmäßigen Lebenshaltungskosten sowie zusätzliche Ausgaben musste sie sich nun jeweils genehmigen lassen.


Im April 1939 beantragte Caroline Mayer bei der Devisenstelle 500 RM für die Auswanderung ihrer Tochter Sofie nach England, was genehmigt wurde. Weitere Auszahlungen kamen hinzu, so eine Summe über 300 RM, darin enthalten ein Abschiedsgeschenk für ihre Mutter in Höhe von 100 RM. Sofie fuhr mit dem Dampfschiff Hamburg nach Southhampton/England, wo sie am 15.6.1939 ankam. In der Familie Mayer wird erinnert, dass Sofie schon früher als Au pair in England gelebt hat. Sollte das der Fall gewesen sein, müsste sie zwischenzeitlich wieder nach Hamburg zurückgekehrt sein.


Aus dem Schriftwechsel mit der Devisenstelle geht hervor, dass Caroline Mayer auch die drei Geschwister ihres verstorbenen Mannes finanziell unterstützte. Ferner veranlasste sie die Verkaufssumme aus dem Grundstücksverkauf freizugeben und auf Sparbücher ihrer Töchter aufzuteilen. Das erfolgte im Oktober 1939, wobei die Devisenstelle auf Nachfrage der Dresdener Bank mitteilte, dass die Töchter über die Sparguthaben frei verfügen dürften.


Im Oktober kam es auch zu einem Wohnungswechsel in die Klosterallee 11 im Stadtteil Harvestehude.
 Im Dezember 1939 meldete Caroline Mayer der Devisenstelle, ihre Geldbörse sei ihr abhandengekommen, darin 215 RM und etwas Kleingeld. Daraufhin gab die Behörde 50 RM frei. Dann musste wieder ein Umzug in eine vermutlich kleinere Wohnung oder der in ein "Judenhaus" in Eppendorf, Lenhartzstraße 3 bewältigt werden, die letzte Adresse der Familie in Hamburg.

Im November 1941 waren ihnen die Deportationsbefehle für Minsk zugestellt worden. Bereits am 8.11.1941 hatte eine Deportation aus Hamburg nach Minsk mit knapp 1.000 Menschen stattgefunden. Minsk, die Hauptstadt der weißrussischen Sowjetrepublik, war von der Wehrmacht besetzt. Die Ankunft im Getto muss für die Hamburger traumatisierend gewesen sein. Die Ankömmlinge mussten die Leichen der früheren, von der SS erschossenen Gettobewohnerinnen und -bewohner beseitigen, um die Unterkünfte überhaupt beziehen und bewohnbar machen zu können.
Familie Mayer gelangte mit der zweite Deportation dort an, zehn Tage später, am 18. November. Nach Angaben ihres Enkels Lutz Mayer, sollte Caroline Mayer noch zurückgestellt werden. Doch sie bestand gegenüber der Gestapo darauf, Hamburg zusammen mit ihren Töchtern zu verlassen. 
Auch Käthe Levisohn schloss sich mit ihrem Sohn Heinrich ihrer Familie an. Sie alle gingen davon aus, in Minsk arbeiten zu sollen und ahnten nicht, dass sie getötet werden würden. Den Nationalsozialisten war es gelungen, die wahren Hintergründe der ersten Deportationen zu verschleiern, und das Mordgeschehen fand fernab der Heimat statt.


Am 17. November, dem Tag vor der Deportation, hatten Mayers wie die anderen Betroffenen zuerst den Wohnungsschlüssel bei der Polizeiwache abzugeben. Danach verließen sie die Wohnung mit dem zugelassenen Gepäck, wobei ihnen zwei Cousins, Günter und Horst Thieme, beim Tragen halfen. An der Sammelstelle Logenhaus, Moorweidenstraße 36 wurde das Gepäck von Gestapo-Beamten kontrolliert und gelagert, ihre Namen registriert. Hermine and Ruth waren als Schneiderinnen gelistet. Kennkarten, Brieftaschen, Geld und Briefe sowie letzte Gold-, Silbersachen und Schmuck mussten zugunsten der Staatskasse zurückgelassen werden.

Die Jüdische Gemeinde war in die Organisation eingebunden, indem sie für Verpflegung der Menschen sorgte. Zudem hatte sie den Logensaal mit Doppelstockbetten ausgestattet, um die bevorstehende letzte Nacht in Hamburg erträglicher zu gestalten. Hier kam es zu einem Vorfall: Caroline stürzte nachts und zog sich Verletzungen im Gesicht zu. 
Am nächsten Morgen, den 18. November, wurden sie in geschlossenen Polizeiwagen zum Bahnhof Sternschanze gebracht, bewacht von Ordnungspolizisten. Dort wartete bereits ein Personenzug älterer Baureihe. Vor der Abfahrt wurde ein Leiter des Transports bestimmt sowie ein Verantwortlicher je Waggon. Dann fuhr der Zug über Hauptbahnhof zum Hannoverschen Bahnhof (heute Gedenkort HafenCity), wo er sich um 12.30 Uhr in Bewegung setzte. Neben den 409 Hamburgern befanden sich auch Jüdinnen und Juden aus Bremen in etwa gleicher Anzahl im Zug.

Nachfahren der Familie Mayer erinnern sich an einen Brief, den Hermine Mayer während der Fahrt nach Minsk geschrieben hat. Nach längerem Nachforschen konnte er in einem Hamburger Archiv gefunden werden, ein seltenes Dokument, das dazu beitragen kann, vage Vorstellungen über diese unmenschlichen Transporte in den Tod zu konkretisieren;


Schneidemühl, den 19.11.1941 (Schneidemühl, Bahnstation, heute Pila, Polen)

Meine liebe Else!
Soweit sind wir nun, 23 Std. unterwegs in rasend rüttelnden, alten tschechischen Wagen, ohne Wasserleitung, total verdreckt, ein kleiner Vorgeschmack. Da wir 10 Personen je Abteil (natürlich Personenzug) sind, ist an Schlaf nicht zu denken, das wird jetzt die 3. Nacht. Aber trotzdem ist die Stimmung nicht schlecht, wir lassen uns nicht unterkriegen.
Mit unserem Wagenobmann verstehen wir uns prima, haben für die vorigen Transporte gemeinsam gearbeitet. Die Kinder sind, soweit unter 6 Jahren, mit ihren Familien in Extrawaggons mit kleinen Hängematten untergebracht. Das Begleitpersonal (Landespolizei) ist nicht so grimmig, wie es nach dem aufgepflanzten Gewehr zuerst erscheint.
Der Zugführer ist auch gut, aber je weiter man nach Osten kommt, desto mehr merkt man auf den Bahnhöfen den steigenden Antisemitismus. Die Gemeinde hat alles fabelhaft organisiert, als Beispiel möchte ich dir sagen, dass die Finanzierung des letzten Transports von 1.000 Mann 70.000,- kostete.
Die Fahrt wird 5 Tage dauern, sehr erfreulich, besonders da Ruthi und ich keinen ständigen Sitzplatz haben und mit unserem Gepäck auf dem Korridor kampieren. Und Waschen ist Luxus mangels Wassers, das wir auf einigen Stationen ranschleppen dürfen...
Unter meinem Monstrum von Rucksack bin ich übrigens schon in Hamburg heulend zusammengekracht. Wenn wir nur in M. abgeholt werden! Sonst muss ich die Hälfte wegschmeissen. Hoffentlich dürfen uns unsere Männer (!) abholen. Nun es wird schon werden. Nur vor den Nächten graut mir so sehr.
Wenn es geht, schreib ich Dir, vorläufig wird dieser Brief wohl der letzte sein.


Der Brief war an Hermines Freundin Else van Cleef gerichtet, die 1938 nach Uruguay auswandern konnte. (s.a. www.stolpersteine-hamburg.de) Anzunehmen ist, dass Hermine ihn nach Hamburg zu Elses Verwandten sandte, die ihn dann nach Uruguay weiterschickten. 
Der Hinweis auf "unsere Männer" bezieht sich wahrscheinlich auf den Transport vom 8. November, mit dem überwiegend männliche Hamburger nach Minsk verschleppt wurden.

Zu diesem Zeitpunkt war die einst lebendige Jüdische Gemeinde dort von der deutschen Besatzungsmacht bereits weitgehend gettoisiert bzw. ausgelöscht worden. Der zweite Zug aus Hamburg erreichte den Güterbahnhof Minsk fünf Tage später, erwartet von einem SS-Kommando und 25 Grad Kälte.


Als die Familie Mayer im Getto Minsk eintraf, bestanden innerhalb dessen dort bereits zwei Sondergettos, jeweils von Stacheldraht umzäunt. Sie fanden Unterkunft im Sondergetto II. Es bestand ein gemeinsamer Judenrat unter dem Hamburger Transportleiter Dr. Edgar Franck (siehe www.stolpersteine-hamburg.de), der eine Gemeinschaftsküche und eine provisorische Krankenstation einrichtete und die Koordinierung der Arbeitskräfte vornehmen musste.
 Etwa 1.400 der nach Minsk deportierten Juden wurden für Zwangsarbeiten in Reparaturwerkstätten, Versorgungslagern der Wehrmacht, der NS-Bauorganisation Todt und der Reichsbahn zugewiesen. Im Getto organisierte sich auch Widerstand gegen die Besatzer. Möglichst viele Menschen sollten aus dem Lager gerettet werden, um in den Wäldern im Umland Schutz zu finden. Doch nur 6 Menschen aus Hamburg überlebten die Deportation vom 18.11.1941. Zu ihnen gehörte keine der fünf Angehörigen der Familie Mayer. 


Als sich Hans später an ein Archiv in Minsk wandte, auf der Suche nach seinem Neffen Heinrich, erhielt er die Antwort: "There are no Jewish boys here.” Infolgedessen erlitt Hans einen Nervenzusammenbruch, von dem er sich nur langsam erholte. 


Auch Caroline Mayers Schwester fiel dem Holocaust zum Opfer. Erna Emma Eichwald, geb. Lazarus, lebte in Kiel und wurde am 19.7.1942 nach Theresienstadt und von dort am 21.9.1942 ins Vernichtungslager Treblinka deportiert.

Der oben erwähnte Grundstücksverkauf Humboldtstraße wurde im Mai 1948 Gegenstand eines Schriftverkehrs zwischen Oberfinanzdirektion und Devisenstelle. Daraus erfahren wir, dass das Vermögen Caroline Mayers – wie das aller Deportierter - im November 1941 zugunsten des Reichs eingezogen wurde. Sieben Jahre nach Enteignung und Deportation der jüdischen Geschädigten beschäftigten sich dieselben Dienststellen nun mit der Rekonstruktion der von ihnen unter NS-Gesetzgebung angeordneten Maßnahmen.

Bevor die Erben tätig werden konnten, musste die Erblasserin für tot erklärt werden. 1955 wurde das Datum anlässlich der Berechnung der Haftentschädigung (für 41 Monate) nach Beschluss des Amtsgerichts Hamburg auf den 8.5.1945 rückdatiert. 
Erben waren Carolines ausgewanderte Kinder Hans Mayer und Sofie Barry, geb. Mayer. 
Hans Mayer lebte zu der Zeit in Greensboro, North Carolina, USA und war in einer chemischen Fabrik beschäftigt. Er hatte einem in Hamburg lebenden Cousin die Vollmacht erteilt, in seinen Entschädigungsangelegenheiten tätig zu werden. Doch alle Konnten und Depots bei der Dresdner Bank waren aufgelöst und dem NS-Staat übereignet worden.


Hans Mayers Schwester Sofie lebte inzwischen in London, wo sie als Näherin beschäftigt war. Im Juli 1943 war sie die Ehe mit Christopher Barry (25.12.1913 Dangarvan, Ireland-Dez. 1992 Westminister, Greater London) eingegangen. Die Verhältnisse des Ehepaares müssen prekär gewesen sein. 1950 konnte Sofie die Gebühr zur Beschaffung ihrer Geburtsurkunde nicht aufbringen. 1957 ließen die hiesigen Behörden ihre persönlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse durch die deutsche Botschaft in London überprüfen, um über ihre evtl. Bedürftigkeit nach dem Bundesentschädigungsgesetz (BEG) entscheiden zu können. Zu diesem Zeitpunkt war Sofie Barry nicht berufstätig und ihr Ehemann bezog nur eine geringe Arbeitslosenunterstützung. Die Eheleute waren kinderlos und lebten unter dem Existenz-Minimum. Die Geldmittel aus den Wiedergutmachungsverfahren dürften eine gewisse Entspannung mit sich gebracht haben. Entschädigungen erhielt Sofie Barry für Haftzeiten sowie die Judenvermögensabgaben und Reichsfluchtsteuern, die ihre ermordeten Angehörigen entrichtet hatten. Erst Ende 1962 einigten sich die Parteien wegen des Grundstücks Humboldtstraße auf einen Rückerstattungsbetrag. Ein bitterer Beigeschmack bleibt: die Enteignungen vollzogen sich unter NS-Gesetzgebung in einem kurzen Zeitraum zwischen 1939 und 1941, Rückerstattung bzw. Wiedergutmachung konnten sich jahrzehntelang hinziehen. Hier bis in die 1960er Jahre.

Die seit 1992 verwitwete Sofie Barry starb um den Jahreswechsel 1997/98 im Großraum London.


Hans Mayer beantragte unter anderem auch Wiedergutmachung für seinen erlittenen Berufsschaden, denn in den USA angekommen, hatte er versucht, in der Getreidebranche wieder Fuß zu fassen, was sich nach zwei Monaten als unrealistisch herausstellte. Er hätte wieder als Lehrling anfangen müssen, mit Mitte dreißig. Das konnte er sich nicht erlauben, da er seine Familie nachkommen lassen wollte. So nahm er im August 1937 eine Stellung als ungelernter Arbeiter im Lagerhaus der Allied Kid Co., Wilmington/Delaware im Bundesstaat North Carolina an, wo er Leder abschabte. Er hatte keine Handschuhe für diese harte Arbeit, und ein Afroamerikaner gab ihm seine. Bei einem Firmenpicknick wurde Hans gesagt, er solle keinen Umgang mit den schwarzen Familien haben. Ein Jahr später konnte er bei der Firma als gelernter Arbeiter im Akkord arbeiten, das dauerte bis 1944. Wegen der schweren körperlichen Arbeit wechselte er zur Synvar Corporation, Allied Chemical – Plastics and Coal – Chemicals Division, die synthetische Bindemittel herstellte. Hans Mayer arbeitete nun als Vormann.

In Wilmington, einer Stadt am Atlantik, lebte die Familie zusammen mit Marthas Mutter, Jeanette Levy, geb. Hirsch. Sie war 1870 in Frankfurt/Main als Enkelin von Rabbi Samson Raphael Hirsch geboren worden, dem Verfasser vieler Bücher über die Tora. Sie starb am 2.2.1946 in Wilmington.

1951 wurde Hans Mayer stellvertretender Betriebsleiter in der neuen Filiale von Synvar in Greensboro, North Carolina. Dort arbeitete er auch 1955 noch, wie er in einem Lebenslauf darlegte, gerichtet an seinen Anwalt in Hamburg. In dem Schreiben heißt es abschließend: "Es ist leider völlig ausgeschlossen, dass ich hier jemals eine Stellung in meinem Alter finden kann, die der entspricht, zu der ich mich in Deutschland bei der GEG hätte heraufarbeiten können."

Doch nicht nur die prekären Arbeitsverhältnisse verhinderten, dass er optimistisch in die Zukunft blickte. Als er nach Kriegsende vom Tod seiner Mutter und Schwestern erfuhr, erlitt er einen Nervenzusammenbruch und war längere Zeit nicht arbeitsfähig.
Hans Mayer starb am 20.4.1983 in Daytona Beach/Florida, seine Frau Martha starb am 21.1.1995 im Clemmons jüdischen Altenheim in Forsyth, North Carolina.


Lora Mayer war seit dem 8.6.1952 mit Irving Samuel Silver (30.8.1930-2.2.1981) verheiratet. Die Eheleute hatten drei Söhne: Jeff, Eric und Philip Silver. Lora Mayer Silver engagierte sich in der Humane Society of the Piedmont und arbeitete für die Mediation Services of Greensboro. Sie liebte das Singen, insbesondere deutsche Lieder. Sie starb am 14.4.2007 in Greensboro.


Lutz Leo Mayer absolvierte sein Studium in den Fächern Violine und Komposition an der University of North Carolina in Chapel Hill sowie an der University of Illinois in Urbana-Champaign, wo er bei dem berühmten Geigenpädagogen und ungarisch-jüdischen Flüchtling Paul Roland studierte. Zudem war er als Professor an der State University of New York tätig. Lutz war über 40 Jahre lang mit der professionellen Klarinettistin, Sopran-Solistin und Autorin der Oxford University Press über J. S. Bach, Dr. Pamela L. Poulin, verheiratet. Pamela erwarb ihre Abschlüsse an der Eastman School of Music der University of Rochester und ist emeritierte Professorin am Peabody Conservatory of Music der Johns Hopkins University und war Gastprofessorin an der UNC Chapel Hill.


Lutz' Sohn David Louis Mayer erwarb ebenfalls seinen Abschluss an der UNC-Chapel Hill und ist bei Microsoft in Seattle beschäftigt. Alle lebten in Preble, New York, wo Lutz am 18.11.2020 verstarb.

Stand: März 2026
© Astrid Louven

Quellen: StaHH 314-15_R1939_0713_0064; StaHH 213-13_13111 + 3725 + 3726 + 3727; StaHH 351-11_3755 + 3756 + 1955 + 1956; StaHH Jüdische Gemeinden 522-01_0992_b_38159 + 38298 + 32573; StaHH 332-8 A 24 Bd. 390; StaHH 741.4 Fotoarchiv K7332; Adressbuch Altona 1895; Adressbuch Altona + Hamburg 1905-1914-1938; Adressbuch HH 1935; Deportationsliste Minsk 18.11.41; Patentplan Hamburg, Falk-Verlag o.J. Meldezettel 1919 und Mail vom 17.7.2025 von Sabine Schmitner-Laszakovits, Stadtarchiv Wiener Neustadt;
 https://ofb2.genealogy.net/famreport.php?ofb=juden_nw&ID=I136854&lang=dk
https://de.wikipedia.org/wiki/Ghetto_Minsk; https://collections.arolsen-archives.org/de/document/86384172 1945; Wegweiser zu ehemaligen jüdischen Leidensstätten der Deportationen von Hamburg nach Minsk. Hrsg. v. der Deutsch-Jüdischen Gesellschaft, Bearb. Wilhelm Mosel, Hamburg 1995, S. 10, 18, 22, 40, 78 Anmerkg. 23;
 Archiv FZH 6262 Judenverfolgung; Mails von Pamela Poulin 13.8., 13.9., 19.9., 25.9., 26.9.2023, 13.6., 17.6., 19.6.24, 3.11. + 19.11.2025; 15.-17.12.2025; 30.1.2026; February 13, 2026;

https://nashvilleholocaustmemorial.org/memorial-wall-profiles/ruth-and-hermine-mayer/; https://www.hartwellfuneralhome.net/obituary/lutz-mayer
https://www.legacy.com/us/obituaries/legacyremembers/lora-silver-obituary?id=27867759.
Mail von Hannen Beith, GB, vom 22.2.2026: Auskunft aus Lloyds Shipping Lists.

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