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Eva Riechers
Eva Riechers
© Archiv Evangelische Stiftung Alsterdorf

Eva Riechers * 1926

Von-Axen-Straße 13 (Hamburg-Nord, Barmbek-Süd)


HIER WOHNTE
EVA RIECHERS
JG. 1926
EINGEWIESEN 1934
ALSTERDORFER ANSTALTEN
‚VERLEGT‘ 16.8.1943
‚HEILANSTALT‘
AM STEINHOF / WIEN
ERMORDET 13.2.1945

Eva Riechers, geb. 21.7.1926 in Hamburg, aufgenommen in den damaligen Alsterdorfer Anstalten (heute evangelische Stiftung Alsterdorf) am 6.2.1934, abtransportiert am 16.8.1943 nach Wien in die "Wagner von Jauregg Heil- und Pflegeanstalt der Stadt Wien" (auch bekannt als Anstalt "Am Steinhof"), dort gestorben am 13.2.1945.

Von-Axen-Straße 13

Eva Gertrud Klara (Rufname Eva) Riechers wurde am 21. Juli 1926 in Hamburg geboren. Ihre Eltern waren die Malerstochter Helene Emilie, geborene Spill, geboren am 8. Januar 1886 in Braunschweig, und Herrmann Theoder Riechers, geboren am 24. September 1881 ebenfalls in Braunschweig. Evas Vater war von Beruf Maler, bei der Heirat arbeitete er als Zugfahrer bei der Hochbahn. Eva Riechers hatte zwei Brüder: Albert Hermann Franz Riechers wurde am 24. April 1903 in Braunschweig geboren, Waldemar Otto Hermann am 6. Januar 1914. (Er heiratete am 9. September 1939 und starb als Soldat im Krieg am 15. Januar 1942.) Evas Mutter war blind.

Die Familie wohnte in der Von-Axen-Straße 13. Eva Riechers wurde am 24. September 1927 evangelisch-lutherisch getauft. Sie lebte bis zur Aufnahme mit knapp acht Jahren in den Alsterdorfer Anstalten bei ihren Eltern.

Ein Gutachten des Mediziners Buchholz vom 27. Dezember 1933 legte nahe, dass die blinde Mutter "der Erziehung und Pflege nicht gewachsen" sei. Eva Riechers sei ein "ausgesprochen schwachsinniges Mädchen" mit großer "sprachlicher Rückständigkeit". ("Schwachsinn" ist ein veralteter, herabwürdigender Begriff für geistige Beeinträchtigung). Im Gutachten hieß es weiter, dass die Geburt von Eva Riechers schwer gewesen sei. Das Mädchen habe mit zwei Jahren gehen und mit eineinhalb Jahren sprechen gelernt. Sie könne sich nicht allein an- und auskleiden und sei Bettnässerin. Sie habe bereits Zahnkrämpfe, Nesselfieber, Keuchhusten und Masern gehabt. Buchholz empfahl die Aufnahme in die Alsterdorfer Anstalten.

Am 6. Februar 1934, nachdem Jugendamt und Fürsorgewesen der Aufnahme zugestimmt hatten, nahmen die Alsterdorfer Anstalten Eva Riechers auf. Familie Riechers lebte wahrscheinlich in prekären finanziellen Verhältnissen, da das Fürsorgewesen für den Aufenthalt von Eva Riechers zahlte.

Die Krankenakte der Alsterdorfer Anstalten von Eva Riechers ist erhalten. Darin steht, dass sich das Mädchen schnell einlebte und gut mit den anderen Kindern auskam. Ihre Sprache sei unverständlich, sie spreche nur einige Worte verständlich, aber keine ganzen Sätze und verständige sich meistens über Gebärden. Sie höre gern Musik und könne dann alles um sich herum vergessen, bewege sich im Takt der Musik. Menschen, die sie einmal gesehen habe, erkenne sie gleich wieder. Sie esse alles.

Im Oktober 1934 erlitt sie ihren ersten epileptischen Anfall. Danach erhielt sie täglich Antiepileptika. Die Anfälle wiederholten sich und wurden im Laufe der Jahre schwerer, und Eva Riechers erbrach sich auch häufig dabei.

Anfang 1935 besuchte sie für mehrere Monate die Spielschule der Alsterdorfer Anstalten. Im Mai wurde sie daraus entlassen, da sie "nicht bildungsfähig" sei. Sie "gehe geistig sehr zurück", reagiere nicht mehr, wenn man sie mit ihrem Namen rufe und könne sich nicht allein anziehen. Sie schneide dauernd Grimassen.

In den neun Jahren in den Alsterdorfer Anstalten war Eva Riechers oft krank. Sie hatte Mumps, Ruhr, Läuse, Darmentzündungen, Windpocken, Grippe und Lungenentzündung. Besonders häufig litt sie an Follokulitis (schmerzhaften Entzündungen des Haarbalgs und des umliegenden Gewebes). Furunkel bildeten sich am ganzen Körper, die oft aufgeschnitten werden mussten.

Eva Riechers bekam Besuch von ihrem Vater und erhielt mehrmals pro Jahr eine Beurlaubung für mehrere Tage, um ihre Familie zu besuchen. In der Akte ist vermerkt, dass sie nach der Rückkehr von einem Besuch sehr weinte und wieder nach Hause wollte.

Da das Fürsorgewesen Eva Riechers Aufenthalt in Alsterdorf bezahlte, musste Oberarzt und SA-Mitglied Gerhard Kreyenberg immer wieder "Gutachten" schreiben und begründen, warum ein weiterer Anstaltsaufenthalt notwendig sei. Die uns vorliegenden "Gutachten" sind nur mehrere Zeilen lang und offensichtlich aus der Krankenakte abgeschrieben. Sie endeten immer mit den Worten, dass ein weiterer Anstaltsaufenthalt erforderlich sei.
Kreyenberg bescheinigte in einem Brief an den Reichsarbeitsdienst am 4. Juni 1943, dass Eva Riechers nicht "arbeitsdiensttauglich" sei, da sie an "Idiotie und schwerer Epilepsie" leide.

Während der schweren Luftangriffe auf Hamburg Ende Juli/Anfang August 1943 ("Operation Gomorrha") erlitten auch die Alsterdorfer Anstalten Bombenschäden. Der Anstaltsleiter, SA-Mitglied Pastor Friedrich Lensch, nutzte die Gelegenheit, sich mit Zustimmung der Gesundheitsbehörde eines Teils der Bewohnerinnen und Bewohner, die als "arbeitsschwach, pflegeaufwendig oder als besonders schwierig" galten, durch Abtransporte in andere Heil- und Pflegeanstalten zu entledigen. Mit einem dieser Transporte wurden am 16. August 1943 aus Alsterdorf 228 Frauen und Mädchen sowie 72 Mädchen und Frauen aus der Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn nach Wien in die "Wagner von Jauregg-Heil- und Pflegeanstalt der Stadt Wien" (auch bekannt als Anstalt "Am Steinhof") "verlegt". Unter ihnen befand sich auch Eva Riechers.

Als sie am 17. August 1943 in Wien ankam, attestierte man ihr "Idiotie" und Kyphoskoliose (seitliche und dorsale Verkrümmung der Wirbelsäule). Sie könne nur ein wenige Worte sprechen und äußere ansonsten unverständliche Laute.

In der Wiener Krankenakte attestierte man ihr im Januar 1945, dass sie "vollkommen verblödet" sei und "nur ihren Taufnamen angeben" könne. 1942/43 hatte sie in den Alsterdorfer Anstalten zwischen 37 und 42 kg gewogen. Im Dezember 1944, kurz vor ihrem Tod, wog sie noch 32 kg.

Am 13. Februar 1945 um 11 Uhr starb sie angeblich an Bronchopneumonie (Lungenentzündung). Sie wurde nur 18 Jahre alt.

Aus dem Sektionsprotokoll wird deutlich, dass ihr gesamter Körper untersucht wurde. Ihr Gehirn wurde zur weiteren Untersuchung in ein Konservierungsmittel eingelegt. Damit war sie kein Einzelfall: Seit 1943 wurden in der Wiener Anstalt von rund der Hälfte aller sezierten Leichen die Gehirne für histologische Untersuchungen entnommen und ein Teil in der hirnanatomischen Sammlung verwahrt. Noch bis 2002 verwahrte die Wiener Anstalt 700 Gehirne, die bei Sektionen entnommen worden waren.

Die "Wagner von Jauregg-Heil- und Pflegeanstalt der Stadt Wien" in Wien war während der "Aktion-T4" (Bezeichnung für das "Euthanasie"-Programm der Nationalsozialisten, benannt nach dem Standort der Berliner "Euthanasie"-Zentrale in der Tiergartenstraße 4) eine Zwischenanstalt der Tötungsanstalt Hartheim bei Linz. Nach dem offiziellen Ende der Euthanasie-Morde in den Tötungsanstalten im August 1941 ging das Morden in den bisherigen Zwischenanstalten, auch in der Wiener Anstalt selbst, massenhaft weiter: durch Überdosierung von Medikamenten und Nichtbehandlung von Krankheiten, vor allem aber durch Nahrungsentzug.

Bis Ende 1945 waren von den 300 Hamburger Mädchen und Frauen 257 verstorben, 196 davon kamen aus Alsterdorf.

Man kann davon ausgehen, dass auch Eva Riechers keines natürlichen Todes gestorben ist, sondern verhungert, vernachlässigt oder durch fehlende oder überdosierte Medikamente gestorben ist.

Stand: Januar 2026
© Karin Gutjahr

Quellen: Adressbuch Hamburg 1934, StaH 332-5 Standesämter 7257 Sterberegister Nr. 663/1942 (Waldemar Otto Hermann Riechers), 6505 Heiratsregister Nr. 855/1913 (Hermann Theodor Riechers/Helene Emilie Spill), Evangelische Stiftung Alsterdorf Archiv Sonderakte V 251 (Eva Riechers). Michael Wunder, Ingrid Genkel, Harald Jenner, Auf dieser schiefen Ebene gibt es kein Halten mehr – Die Alsterdorfer Anstalten im Nationalsozialismus, Stuttgart 2016, S. 331-371.

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