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Walter Rissel
Walter Rissel
© Archiv Evangelische Stiftung Alsterdorf

Walter Rissel * 1889

Bachstraße 105 (Hamburg-Nord, Barmbek-Süd)


HIER WOHNTE
WALTER RISSEL
JG. 1889
EINGEWIESEN 1939
ALSTERDORFER ANSTALTEN
´VERLEGT` 7.8.1943
HEILANSTALT EICHBERG
12.10.1943 HADAMAR
ERMORDET 16.10.1943

Walter Rissel, geb. 11.7.1889 in Bielefeld, am 13.4.1939 aufgenommen in den damaligen Alsterdorfer Anstalten (heute Evangelische Stiftung Alsterdorf), am 7.8.1943 "verlegt" in die "Landesheilanstalt Eichberg" in Hattenheim (heute Eltville/Rheingau), weiterverlegt am 12.10.1943 in die "Landesheilanstalt Hadamar" (Kreis Limburg-Weilburg), dort ermordet am 16.10.1943

Bachstraße 105

Walter Rissel wurde als Sohn von Albert und Auguste Rissel, geborene Krentler, am 11. Juli 1889 in Bielefeld geboren. Er war ein sog. Siebenmonatskind und in seiner Kindheit häufig krank.
Über seine Schulzeit und Ausbildung erfahren wir etwas von seiner Ehefrau Minna Johanna: Sie berichtete nach seiner Aufnahme 1939 in den damaligen Alsterdorfer Anstalten, dass er die Mittelschule in Bielefeld bis zur ersten Klasse besucht habe. (Die erste Klasse war damals die höchste). Er habe den Beruf des Drehers erlernt, mehrere Jahre in diesem Beruf in Bielefeld und andernorts gearbeitet und es bis zum Vorarbeiter gebracht. Anfang des Ersten Weltkrieges habe Walter Rissel die Meisterausbildung begonnen und 1919 die Meisterprüfung bestanden. Von 1918 bis 1920 habe er eine Gewerbeakademie mit dem Ziel Ingenieur zu werden besucht.

Aus der Ehe mit Minna Johanna, geborene Flandermeier, geboren am 17. März 1890 in Bünde in Westfalen, ging am 1. Dezember 1915 in Hannover der Sohn Kurt hervor. Im Dezember 1917 ließ sich die Familie in Hamburg nieder. Seit 1921 war Walter Rissel im Hamburger Adressbuch in der Bachstraße 105 in Barmbek als Werkmeister verzeichnet.

Bereits mit 17 Jahren soll Walter Rissel – so seine Ehefrau – Krampfanfälle gehabt haben. Nachdem mehrere Jahre keine Anfälle aufgetreten waren, litt Walter Rissel ab Februar 1920 zweimal pro Woche darunter. Seine Frau erlebte ihn als vergesslich, missmutig und trübsinnig. Er konnte nun seinen Beruf bis auf kleine Aushilfsaufträge nicht mehr ausüben.

Nach drei Anfällen befand er sich 1921 fast drei Monate im Krankenhaus Barmbek, darunter mehrere Wochen in einem Dämmerzustand und in völliger Orientierungslosigkeit. Die Diagnose lautete Epilepsie. Die Anfälle wiederholten sich in den folgenden Jahren verbunden mit charakterlichen Veränderungen, durch die der Umgang mit ihm zunehmend schwieriger wurde. Nach zeitweiliger Einweisung in das Versorgungsheim Hamburg lebte Walter Rissel wieder zu Hause in der Bachstraße 105.

Am 20. Juni 1934 zeigte der niedergelassene Arzt Dr. W. Schaar, Hamburger Straße 95, bei dem sich Walter Rissel möglicherweise länger in ambulanter Behandlung befand, der Gesundheits- und Fürsorgebehörde an, dass Walter Rissel an "erblicher Fallsucht" leide.

Das Erbgesundheitsgericht entschied am 5. November 1934, dass Walter Rissel unfruchtbar zu machen sei. Die formale Grundlage für diesen Eingriff bildete das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses". Nach diesem im Juli 1933 erlassenen Gesetz konnte ein Mensch unfruchtbar gemacht (sterilisiert) werden, "wenn nach den Erfahrungen der ärztlichen Wissenschaft mit großer Wahrscheinlichkeit zu erwarten ist, dass seine Nachkommen an schweren körperlichen oder geistigen Erbschäden leiden werden." (s. Reichsgesetzblatt I Nr. 86/1933 S. 146 ff.).

In der Familie von Walter Rissel waren Fälle von Fallsucht (Epilepsie) bisher nicht aufgetreten. Dennoch nahm das Gericht einen "Erbschaden" an, den es damit begründete, dass Fallsucht "fast immer auf erblichen Anlagen [beruht]. Bisweilen ist sie allerdings auch die Folge von Gehirnschädigungen durch Verletzung oder ansteckende Krankheiten. Dann sind die Verletzungen oder Krankheiten aber so schwer, dass sie der Umgebung des Kranken regelmassig stark auffallen und eine ärztliche Behandlung nötig machen. Da hier über derart schwere Schädigungen nichts Gewisses zu ermitteln ist, kommen nur erbliche Anlagen als Ursachen der Fallsucht in Betracht. Diese Anlagen pflegen sich erst zu äussern, wenn sie von Vater- und Mutterseite her gleichzeitig ererbt werden (verdeckter Erbgang). So erklärt es sich, dass einem Kranken, der an erblicher Fallsucht leidet, häufig keine Vorfahren oder Seitenverwandten bekannt sind, die an der gleichen Krankheit leiden. Die Erblichkeit ergibt sich dann nicht so sehr durch die Familiengeschichte, als aus allgemein massenstatistischen Erfahrungen."

Der Eingriff wurde am 10. Januar 1935 im Krankenhaus Barmbek von dem Assistenzarzt Alfred Bessin durchgeführt. Am 17. Januar wurde Walter Rissel wie es hieß "in gutem Zustand" nach Hause entlassen.

Am 15. Januar 1939 wurde Walter Rissel in den damaligen Alsterdorfer Anstalten (heute Evangelische Stiftung Alsterdorf) aufgenommen. Der Anlass dafür ist nicht dokumentiert. Walter Rissel machte bei der Aufnahme einen stark verwirrten Eindruck und starrte vor sich hin. In den Tagen nach der Aufnahme traten mehrere leichtere und ein schwerer Anfall auf. Obwohl keine Hinweise über eine Verbesserung seines Zustandes überliefert sind, wurde Walter Rissel am 23. Januar 1939 zu seiner Ehefrau entlassen.

Drei Monate später, am 14. April 1939, kam Walter Rissel erneut nach Alsterdorf. Kurz darauf leitete die Direktion der Alsterdorfer Anstalten seine Entmündigung ein, die das Amtsgericht mit der Begründung verfügte, sie sei wegen Geisteskrankheit erforderlich. Er sei nicht in der Lage, seine Angelegenheiten selbst ohne Schädigung seiner eigenen Belange wahrzunehmen. Obwohl offenbar nicht geschäftsfähig, wurde Walter Rissel zu einer von ihm unterschriebenen Erklärung veranlasst, mit der er sich bereit erklärte, gegen eine Entmündigung keine Einwendungen geltend zu machen.

Über seine weitere Entwicklung enthält Walter Rissels Patientenakte nur wenige Einträge. Sie enden am 7. August 1943 mit der Notiz des Anstaltsarztes und SA-Mitgliedes Gerhard Kreyenberg: "Wegen schwerer Beschädigung der Anstalten durch Fliegerangriff verlegt nach Eichberg."

Während der schweren Luftangriffe auf Hamburg im Sommer 1943 (Operation Gomorrha) erlitten auch die Alsterdorfer Anstalten in der Nacht vom 29./30. Juli 1943 und dann noch einmal vom 3./4. August 1943 Schäden. Der Anstaltsleiter, SA-Mitglied Pastor Friedrich Lensch, bat die Gesundheitsbehörde um Zustimmung zur Verlegung von 750 Patientinnen und Patienten, angeblich um Platz für Verwundete und Bombengeschädigte zu schaffen. Mit drei Transporten zwischen dem 7. und dem 16. August wurden insgesamt 468 Mädchen und Frauen, Jungen und Männer in die "Landesheilanstalt Eichberg" in Hattenheim (heute Eltville, Rheingau), in die "Heil- und Pflegeanstalt Kalmenhof" in Idstein im Rheingau, in die "Heil- und Pflegeanstalt Mainkofen" bei Passau und in die "Wagner von Jauregg-Heil- und Pflegeanstalt der Stadt Wien" in Wien verlegt.
Walter Rissel gehörte zu den 76 Männern und Kindern, die am 7. August 1943 in die "Landesheilanstalt Eichberg" gebracht wurden.

In Hamburg wurde währenddessen das Wohnhaus in der Bachstraße 105 bei den Bombardements im Juli/August 1943 zerstört. Minna Rissel zog zu Verwandten nach Lübbeke (Wiehengebirge, Ostwestfalen-Lippe). Auf ihre schriftliche Anfrage an die Alsterdorfer Anstalten vom 23. August 1943 nach ihrem Ehemann erhielt sie am 30. August 1943 die Information, dass dieser nach Eichberg "verlegt" worden sei.

Am 5. Oktober 1943 bat Minna Rissel mit einer Postkarte die "Landesheilanstalt Eichberg", sie umgehend über das Befinden ihres Ehemannes in Kenntnis zu setzen. Sie habe vor etwa fünf Wochen ihrem Mann mit einer beigefügten Rückantwortkarte geschrieben, aber keine Antwort erhalten. Diese Anfrage befindet sich in Walter Rissels Patientenakte. Mit blauem Farbstift ist Minna Rissels Schrift gut sichtbar mit einem Kreuz überzeichnet, das Walter Rissels Tod symbolisieren sollte. Es war in der "Landesheilanstalt Hadamar" im heutigen Kreis Limburg-Weilburg eingetragen worden. Dorthin war Walter Rissel am 12. Oktober 1943 aus Eichberg zusammen mit weiteren 23 Männern aus dem Alsterdorf-Transport weiterverlegt worden.

Die "Landesheilanstalt Hadamar" war von Januar bis August 1941 eine von sechs Tötungsanstalten des "Euthanasie"-Programms während des Nationalsozialismus, in denen Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen sowie psychischen Erkrankungen durch Giftgas ermordet wurden. Im Gegensatz zu 1941 wurden die Patientinnen und Patienten ab 1942 nicht mehr durch Gas, sondern durch überdosierte Medikamente, gezielte Mangelernährung und unterlassene medizinische Versorgung getötet. Nach der Aufnahme in Hadamar waren die Überlebenschancen verschwindend gering. Nur in Ausnahmefällen überlebten die Menschen länger als ein paar Wochen oder Monate.

Die "Landesheilanstalt Hadamar" schrieb mit Datum vom 18. Oktober 1943 an Minna Rissel, dass ihre an die Anstalt Eichberg gerichtete Karte vom 5. Oktober 1943 zuständigkeitshalber von der Anstalt Hadamar "erledigt" werde. Und weiter: "Ihr Ehemann wurde am 12.10.1943 in die hiesige Anstalt im Zuge kriegswichtiger Maßnahmen verlegt. Von der Verlegung konnten wir Sie leider nicht in Kenntnis setzen, da von der Heil- und Pflegeanstalt Hamburg Langenhorn bei der ersten Verlegung keine Akten mitgekommen waren und wir somit nicht in dem Besitz Ihrer Adresse waren. Zu unserem Bedauern müssen wir Ihnen nun mitteilen, dass Ihr Ehemann am 16. Oktober in der hiesigen Anstalt verstorben ist. Die Beerdigung findet heute auf unserem Anstalt-Friedhof in aller Stille statt."

Das Sterberegister enthält den Eintrag, dass Walter Rissel am 16. Oktober 1943 um 7:00 Uhr in der Landesheilanstalt Hadamar an Geisteskrankheit und Darmgrippe starb.

Das weitere Schicksal von Minna Johanna Rissel und ihres Sohnes Kurt kennen wir nicht.

Stand: Februar 2026
© Ingo Wille

Quellen: Adressbuch Hamburg 1921, 1922; StaH 352-11 Gesundheitsämter 3494 Erbgesundheitsgerichtverfahren Walter Rissel; Stadtarchiv Bünde Geburtsregister Nr. 132/1890 (Minna Johanna Flandermeier); Michael Wunder, Ingrid Genkel, Harald Jenner, Auf dieser schiefen Ebene gibt es kein Halten mehr – Die Alsterdorfer Anstalten im Nationalsozialismus, Stuttgart 2016, S. 299-314, insbesondere S. 306f.

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