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Friedrich Ruschinski
Friedrich Ruschinski
© Archiv Evangelische Stiftung Alsterdorf

Friedrich Ruschinski * 1867

Stresowstraße 62 (Hamburg-Mitte, Rothenburgsort)


HIER WOHNTE
FRIEDRICH RUSCHINSKI
JG. 1867
EINGEWIESEN 1935
ALSTERDORFER ANSTALTEN
´VERLEGT` 10.8.1943
´HEILANSTALT‘ MAINKOFEN
ERMORDET 4.5.1944

further stumbling stones in Stresowstraße 62:
Gustav Meier, August Postler, Martha Spreckels

Friedrich Ruschinski, geb. 20.4.1867 in Eichhorn/Ostpreußen (heute: Szczecinken, Polen), am 5.9.1929 aufgenommen in der Staatskrankenanstalt Friedrichsberg, am 22.3.1935 eingewiesen in die Alsterdorfer Anstalten (heute Evangelische Stiftung Alsterdorf), am 10.8.1943 "verlegt" in die Heil- und Pflegeanstalt Mainkofen bei Passau, dort gestorben am 4.5.1944

Stresowstraße 62 (ehemals Stresowstraße 129)

Friedrich Ruschinski und seine spätere Ehefrau Auguste Solka stammten beide aus dem Landkreis Oletzko im Regierungsbezirk Gumbinnen (heute Olecko, Polen) im Osten der Provinz Ostpreußen. Friedrich Ruschinski war am 20. April 1867 in dem kleinen Ort Eichhorn (heute Szczecinki, Polen) geboren und acht Tage später in der Kirche von Marggrabowa (umgangssprachlich auch Oletzko) lutherisch getauft worden. Auguste Solka kam am 11. Juni 1868 in dem nahe gelegenen Schwentainen (heute Świętajno, Polen) zur Welt.

Sollten sich beide schon damals gekannt haben, so kam es jedoch erst in Hamburg zu einer näheren Verbindung.

Friedrich Ruschinksis Eltern, so berichtete er später, seien Bauern gewesen, die starben, als er neun Jahre alt gewesen sei. Er sei mit vierzehn Jahren konfirmiert worden und habe dann eine dreijährige Schneiderlehre in Marggrabowa in Ostpreußen absolviert. Nach drei Jahren als Geselle habe er von 1887 bis 1890 in einem Füsilierregiment in Königsberg gedient. In Hamburg lebe er seit etwa 1891. Er arbeite als Schneider, machte sich jedoch nie selbständig. Von 1906 bis 1909 sei er bei einer Wach- und Schließgesellschaft angestellt gewesen.

Friedrich Ruschinski wohnte in Hamburg-Rothenburgsort bei seinem Bruder Ernst, der am 20. Oktober 1869 ebenfalls in Eichhorn geboren wurde und seit 1899 mit Marie Szostak verheiratet war. Auch sie stammte aus dem Kreis Oletzko. Ernst Ruschinski hatte an mehreren Adressen in Rothenburgsort gewohnt, zuletzt mit seinen vier Kindern in der Stresowstaße 129. Diese Wohnung übernahm später sein Bruder Friedrich.

Friedrich Ruschinskis spätere Ehefrau Auguste, geborene Solka, ebenfalls Schneiderin, hatte am 24. Oktober 1893 in Hamburg den Schmied Richard Reich aus Schönfließ in Ostpreußen geheiratet. Auch dieses Paar lebte in Rothenburgsort. Dort wurde am 15. Juni 1901 die Tochter Erna Margaretha geboren. Die Ehe wurde vom Herzoglichen Landgericht in Braunschweig mit Wirkung vom 8. Mai 1906 geschieden.

Ein Jahr später, am 27. Mai 1907, heirateten Auguste Reich und Friedrich Ruschinski in Hamburg. Drei Wochen nach der Eheschließung, am 10. Juni 1907, kam der gemeinsame Sohn Otto Karl Friedrich Ruschinski zur Welt. Am 19. Januar 1910 wurde als zweiter Sohn Friedrich Wilhelm Ruschinski in der Stresowstraße 129 geboren.

Am 5. September 1929 wies der Sekundärarzt (Assistenzarzt) im Hafenkrankenhaus, J. G. Brokate, Friedrich Ruschinski wegen Halluzinationen und Verwirrungszuständen "zum eigenen Schutz" in das Staatskrankenhaus Friedrichsberg ein. Er war bereits am 2. September 1929 einmal dorthin gebracht worden, als er verwirrt schien und unter Halluzinationen litt. Er soll einen niedergeschlagenen Eindruck vermittelt und sich von unbekannten Menschen verfolgt gefühlt haben, die ihn angeblich "beiseiteschaffen wollten". Stimmen hätten ihm zugerufen, dass er zum Tode verurteilt sei.

In Friedrichsberg wurde Friedrich Ruschinski als bescheiden, geordnet sowie zeitlich und örtlich orientiert wahrgenommen.
Im Aufnahmegespräch bezeichnete er seine Ehe als glücklich. Seine Tochter arbeite als Verkäuferin im Kaufhaus Karstadt, ein Sohn als Arbeiter in einem Furnierwerk, der andere sei in der Registratur der Röntgenfirma Müller beschäftigt.

Friedrich Ruschinski hatte zwar kein Gewerbe angemeldet, übernahm aber gelegentlich kleinere Schneideraufträge. Er berichtete, das Fehlen des Gewerbescheins habe ihn so sehr belastet, dass er seit etwa Juli 1929 glaubte, Passanten würden über ihn und die fehlende Gewerbeanmeldung sprechen und ihn verfolgen. Zeitweise trug er sich mit Suizidgedanken.

Am 22. März 1935 wurde Friedrich Ruschinski in die damaligen Alsterdorfer Anstalten verlegt. Auch dort äußerte er Wahnideen und meinte, er werde widerrechtlich festgehalten.
Er erhielt die Diagnose "Dementia paranoides". (Dies bezeichnet eine Form der Demenz, bei der die Betroffenen unter paranoiden Wahnvorstellungen leiden. Sie haben beispielsweise das Gefühl, verfolgt, bestohlen oder betrogen zu werden. Dies führt oft zu Misstrauen und Angst gegenüber Pflegenden und Angehörigen.)

An seiner Umgebung soll Friedrich Ruschinski keinen Anteil genommen haben, nicht spontan gesprochen und jede Beschäftigung abgelehnt haben. Auf Befragen habe er uneinsichtig mit abweisendem und unzufriedenem Gesichtsausdruck reagiert und sei dabei in Erregung geraten.

Nachdem die Alsterdorfer Anstalten während der schweren Luftangriffe der Alliierten auf Hamburg Ende Juli/Anfang August 1943 ("Operation Gomorrha") Schäden erlitten hatten, nutzte der Leiter der Alsterdorfer Anstalten, SA-Mitglied Pastor Friedrich Lensch, diese Situation und bat die Hamburger Gesundheitsbehörde um Genehmigung für den Abtransport von etwa 750 Anstaltsbewohnerinnen und -bewohnern, weil sie durch die Bombenangriffe obdachlos geworden seien. Daraufhin verließen zwischen dem 7. und dem 16. August 1943 drei Transporte mit insgesamt 469 Mädchen, Jungen, Frauen und Männern Alsterdorf in verschiedene Richtungen, darunter am 10. August 1943 ein Transport mit 113 Männern, Jugendlichen und Jungen mit dem Ziel "Heil- und Pflegeanstalt Mainkofen" in der Nähe von Passau. Unter ihnen befand sich Friedrich Ruschinski.

Auguste Ruschinski wurde im Sommer 1943 nach Erxleben (heute Landkreis Börde, Sachsen-Anhalt) evakuiert. Im August informierten die Alsterdorfer Anstalten sie darüber, dass ihr Ehemann in die Heil- und Pflegeanstalt Mainkofen bei Passau verlegt worden sei. Anfang 1944 bat sie dort um Auskunft über sein Befinden. Nachdem sie erfahren hatte, dass es Friedrich Ruschinski sehr schlecht ging, wollte sie ihn zusammen mit ihrer Tochter besuchen. Dazu kam es jedoch nicht, da ein Enkelkind an den Folgen einer im Juli 1943 erlittenen Rauchvergiftung gestorben war.

Am 5. Juni 1944 erhielt Auguste Ruschinski die telegrafische Mitteilung vom Tod ihres Mannes. Friedrich Ruschinski war am 4. Mai 1944 im Alter von 77 Jahren gestorben.
Der Leichenschauschein enthält "senile Geistesstörung und Lungentuberkulose" als Todesursache.

Von den 113 Alsterdorfer Jungen und Männern, die am 12. August 1943 in Mainkofen eintrafen, verstarben 74 bis Ende 1945. Als Todesursache tauchte "Lungentuberkulose" wie auch in anderen Sterbeanstalten immer wieder auf, so vierzig Mal bei 74 Alsterdorfer Patienten, die in Mainkofen gestorben sind. "Darmkatarrh" wurde fünfzehn Mal als Todesursache genannt. Nur 39 Menschen aus Alsterdorf überlebten das Jahr 1945, davon 15 Erwachsene sowie 24 Kinder und Jugendliche im Alter bis zu 21 Jahren. Die überlebenden Patienten wurden am 19. Dezember 1947 zurück nach Alsterdorf verlegt.

Die Heil- und Pflegeanstalt Mainkofen, in der vornationalsozialistischen Zeit ein psychiatrisches Krankenhaus, wurde systematisch zu einer Sterbeanstalt entwickelt. Von dort wurden während der ersten Phase der "Euthanasie"-Morde bis August 1941 Menschen in die Tötungsanstalt Schloss Hartheim in der Nähe von Linz verschleppt und mit Gas ermordet. 606 von ihnen sind namentlich bekannt (Stand 2016). Danach wurden die Patientinnen und Patienten in Mainkofen selbst ermordet, und zwar durch Nahrungsentzug im Rahmen des "Bayrischen Hungererlasses" (Hungerkost, fleisch- und fettlose Ernährung, in Mainkofen als "3-b Kost" bezeichnet), pflegerische Vernachlässigung und überdosierte Medikamentengaben. Nach dem Wissensstand von 2016 starben 760 Mainkofener Anstaltsbewohner an Unterernährung. Als angebliche Todesursache wurde insbesondere Darmkatarrh, Tuberkulose, Lungenentzündung bzw. Lungentuberkulose angegeben.

Die Familien der Brüder Ernst und Friedrich Ruschinski sowie ihre späteren Ehefrauen hatten sich alle im Hamburger Arbeiterstadtteil Rothenburgsort niedergelassen. Friedrich Ruschinski hatte schließlich mit seiner Frau Auguste und den Kindern eine eigene Wohnung in der Stresowstraße 129, die die Familie bis zur Ausbombung im Jahre 1943 bewohnte. Die Adresse existiert nicht mehr. Deshalb wurde der Stolperstein zur Erinnerung an Friedrich Ruschinski in der Stresowstraße 62, in der Nähe seiner früheren Adresse, in den Fußweg eingelassen.

© Ingo Wille

Quellen: Hamburger Adressbuch (diverse Jahrgänge); StaH 332-5 Standesämter 13940 Geburtsregister Nr. 2132/1903 (Friedrich Ernst Ruschinski), 114114 Geburtsregister Nr. 156/1910 (Friedrich Wilhelm Ruschinski), 3098 Heiratsregister Nr. 355/1907 (Friedrich Ruschinski/Auguste Reich); Evangelische Stiftung Alsterdorf Archiv, V 455 (Akte Friedrich Ruschinski); Michael Wunder, Ingrid Genkel, Harald Jenner, Auf dieser schiefen Ebene gibt es kein Halten mehr – Die Alsterdorfer Anstalten im Nationalsozialismus, Stuttgart 2016, S. 315 ff.

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