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Anna Zieseberg (geborene Harm) * 1864
Soester Straße 18, ggü. Nr. 46 (Hamburg-Mitte, St. Georg)
HIER WOHNTE
ANNA ZIESEBERG
GEB. HARM
JG. 1864
EINGWIESEN 1935
ALSTERDORFER ANSTALTEN
‚VERLEGT‘ 16.8.1943
HEILANSTALT
AM STEINHOF / WIEN
ERMORDET 28.1.1945
Anna Zieseberg, geb. Harm, geb. 22.3.1864 in Grevesmühlen (Mecklenburg), am 8.8.1935 aufgenommen in den damaligen Alsterdorfer Anstalten (heute Evangelische Stiftung Alsterdorf), am 16.8.1943 abtransportiert nach Wien in die "Wagner von Jauregg-Heil- und Pflegeanstalt der Stadt Wien" (auch bekannt als Anstalt "Am Steinhof"), dort gestorben am 28.1.1945
Soester Straße 18 gegenüber Nr. 46 (früher Borgeschstraße 16)
Anna Maria Zieseberg (Rufname: Anna), geborene Harm, wurde am 22. März 1864 in Grevesmühlen im damaligen Mecklenburg-Schwerin als Tochter des Schornsteinfegers Franz Heinrich Christian Harm und seiner Ehefrau Catharina Marie Dorothea, geborene Vilsolgow (?), geboren.
Über ihre Kindheit und Jugend ist uns nichts bekannt.
Am 13. August 1886 heiratete sie im Standesamt in Ahrensburg den evangelischen Barbier Louis Friedrich Jacob Zieseberg, geboren am 28. September 1856 in Bargteheide. Zur Zeit der Heirat war sie als Näherin tätig. In den ersten Jahren wohnte das Paar in Ahrensburg. Anhand der Geburtsdaten und -orte der uns bekannten Kinder lässt sich ableiten, dass Anna und Louis Zieseberg ihren Wohnsitz zwischen 1892 und 1896 nach Hamburg verlegten.
Anna Zieseberg gab bei ihrer Aufnahme in der Staatskrankenanstalt Friedrichsberg im Jahr 1935 an, dass aus der Ehe sechs Kinder hervorgegangen seien, von denen eines früh verstorben sei. Von vier Kindern konnten wir die Lebensdaten feststellen: Noch in Ahrensburg wurde am 26. September 1892 Alma Dora Elise geboren. Henry August Emil wurde am 9. Juli 1896, Johannes Theodor Otto am 18. Dezember 1898 und Herbert Heinrich am 9. Oktober 1902 in Hamburg-St. Georg geboren.
Über die Lebenswege der Kinder ist nur wenig bekannt. Johannes Theodor fuhr später zur See und erhielt um 1924 die US-amerikanische Staatsbürgerschaft. Alma Dora Elise heiratete 1930 den Werkschutzmann Franz Kaps. Sie starb 1949 an Lungentuberkulose im Allgemeinen Krankenhaus Hamburg-Langenhorn.
Anna und Louis Zieseberg ließen sich am 3. Dezember 1899 – drei Jahre nach der standesamtlichen Heirat – in Hamburg kirchlich trauen. Anscheinend waren sie religiös.
Aus den Geburtsregistereinträgen der Kinder ergibt sich, dass Louis Friedrich Jacob Zieseberg in Hamburg nicht mehr als Barbier, sondern inzwischen als Arbeiter tätig war. Näheres ist nicht bekannt.
Die Ehe von Louis und Anna Zieseberg wurde am 17. Juni 1909 geschieden. Wenig später, am 20. April 1910, starb Louis Friedrich Jacob Zieseberg im Allgemeinen Krankenhaus St. Georg.
Wie es Anna Zieseberg in den folgenden Jahren ergangen ist, ist uns nicht bekannt. In den frühen 1930er Jahren lebte sie in wechselnden Untermietverhältnissen, unter anderem im Nagelsweg und in der Straße Brandsende. Aus ihrer noch vorhandenen Patientenakte der damaligen Alsterdorfer Anstalten wissen wir, dass sie 1934 ein Zimmer in der Borgeschstraße 16 bewohnte. Im April 1934 schrieb sie einen "Brief voller Wahnideen", wie es hieß, an die Polizei. Ein Polizeimeister, der aufgrund eines Hinweises der Vermieterin ein Gespräch mit ihr führte, berichtete, dass ihr Zimmer einen reinlichen und ordentlichen Eindruck mache. Auch Anna Ziesebergs Äußeres habe nichts Auffälliges aufgewiesen. Während des Gesprächs habe sie jedoch wirre und nicht zusammenhängende Reden geführt. Sowohl er als auch die Vermieterin waren der Meinung, dass sie an Wahnideen leide. Man legte ihr nahe, künftig keine Briefe mehr an Behörden zu schreiben.
Anfang 1935 schrieb Anna Zieseberg erneut an die Polizei. Sie behauptete, ein falscher Wachtmeister habe im Maschinenraum der Staatskrankenanstalt Friedrichsberg gestohlene Kinder missbraucht und getötet. Sie könne das Jammern der Kinder nicht mehr ertragen und verlangte, den Täter zu verhaften. Einen ähnlichen Brief schrieb sie im März. Als ihre Vermieterin im Juni 1935 erneut berichtete, dass Anna Zieseberg in dem Wahn lebe, in Friedrichsberg seien 28 Knaben getötet worden, kam ein Polizeiarzt zu dem Ergebnis, dass sie "offensichtlich geisteskrank" sei.
Die 71-jährige Frau wurde am 27. Juli 1935 mit der Diagnose "Psychose, Verfolgungswahn” aus ihrem Zimmer in der Borgeschstraße 16 in die Staatskrankenanstalt Friedrichsberg eingewiesen. Die Einweisung stützte sich auf § 22 des Hamburger Verhältnisgesetzes von 1923. Demnach waren die Polizeibehörden und ihre Beamten und Angestellten befugt, "Personen in Verwahrung zu nehmen, wenn der eigene Schutz dieser Personen oder die Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ruhe oder die Abwehr von Gefahren für andere Personen diese Maßnahme erforderlich machen".
Eine systematische Befragung zur Klärung ihrer Krankengeschichte war angeblich wegen ihrer starken Schwerhörigkeit nicht möglich. Deshalb wurden offenbar auch keine therapeutischen Maßnahmen ergriffen.
Anna Zieseberg wurde am 8. August 1935 in die damaligen Alsterdorfer Anstalten verlegt. Als Grund wurde "senile Demenz" angegeben. In Alsterdorf wurde sie als freundlich und hilfsbereit wahrgenommen. Sie vertrug sich mit ihren Mitpatientinnen. In der Körperpflege war sie selbstständig, konnte jedoch zu keiner Arbeit herangezogen werden, der sie sich mit immer neuen Ausreden, wie beispielsweise dem Fehlen ihrer Brille, entzog. Sie soll "irre" geredet haben. Aufgrund von Fluchtversuchen bedürfe sie besonderer Aufsicht.
Die Leitung der Alsterdorfer Anstalten berichtete in den Folgejahren regelmäßig in gleicher Weise, zuletzt am 14. Juli 1943, an den Polizeipräsidenten. Demnach litt Anna Zieseberg an "seniler Demenz, schreckhaften Wahnideen und Erregungszuständen". Sie habe zu ihrem eigenen Schutze gemäß § 22 des weiteren Aufenthalts in der Anstalt bedurft.
Durch die schweren Luftangriffe auf Hamburg Ende Juli/Anfang August 1943 ("Operation Gomorrha”) erlitten auch die Alsterdorfer Anstalten Bombenschäden. Der Anstaltsleiter, das SA-Mitglied Pastor Friedrich Lensch, nutzte mit Zustimmung der Gesundheitsbehörde die Gelegenheit, um sich eines Teils der Bewohnerinnen und Bewohner, die als "arbeitsschwach, pflegeaufwendig oder besonders schwierig" galten, durch Abtransporte in andere Heil- und Pflegeanstalten zu entledigen. Mit einem dieser Transporte wurden am 16. August 1943 228 Frauen und Mädchen aus Alsterdorf sowie 72 Mädchen und Frauen aus der Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn in die "Wagner von Jauregg-Heil- und Pflegeanstalt der Stadt Wien” (auch bekannt als Anstalt "Am Steinhof”) in Wien "verlegt”. Unter ihnen befand sich Anna Zieseberg.
Im Oktober 1944 erhielt der Hamburger Polizeipräsident einen Bericht aus Wien, nach dem Anna Zieseberg "völlig desorientiert und verloren" und zuletzt auch "unrein und sehr pflegebedürftig" war. Gegen Jahresende wurde in der Patientenakte in Wien vermerkt, dass Anna Zieseberg an Körpergewicht abnehme, am 14. Januar 1945, dass sie schwach und zunehmend verfallen sei.
Anna Zieseberg starb am 28. Januar 1945 angeblich an Marasmus und Enterokolitis. (Marasmus ist eine schwere Form der Mangelernährung und Enterokolitis bezeichnet die Entzündung des Dünn- und des Dickdarms.)
Bei ihrer Aufnahme in der Anstalt in Wien hatte Anna Zieseberg noch 50 kg gewogen. Im Dezember 1944 wurde ihr Gewicht mit 33 kg eingetragen.
Die Anstalt in Wien war während der ersten Phase der NS-"Euthanasie” vom Oktober 1939 bis August 1941 eine Zwischenanstalt für die Tötungsanstalt Hartheim bei Linz. Nach dem offiziellen Ende der Morde in den Tötungsanstalten wurde in den bisherigen Zwischenanstalten, also auch in der Wiener Anstalt, massenhaft weitergemordet, beispielsweise durch Überdosierung von Medikamenten, Nichtbehandlung von Krankheiten und vor allem durch Nahrungsentzug. Bis Ende 1945 kamen von den 300 Mädchen und Frauen aus Hamburg 257 ums Leben, davon 196 aus Alsterdorf.
Anna Zieseberg wohnte vor ihrer Einweisung in die Staatskrankenanstalt Friedrichsberg in der Borgeschstraße 16, die seit 1938 Soester Straße heißt. Der Stolperstein, der an sie erinnert, wurde aufgrund der örtlichen Gegebenheiten nicht vor der Hausnummer 16, sondern vor der Hausnummer 18 gegenüber der Nummer 46 in den Fußweg eingelassen.
Stand: November 2025
© Ingo Wille
Quellen: Adressbuch Hamburg 1899; StaH 332-5 Standesämter 2395 Geburtsregister Nr. 1602/1896 (Henry August Emil Zieseberg), 2468 Geburtsregister Nr. 2458/1898 (Johannes Theodor Otto Zieseberg), 632 Sterberegister Nr. 688/1910 (Louis Friedrich Jacob Zieseberg). Stadtarchiv Ahrensburg Heiratsregister Nr. 18/1886 (Louis Friedrich Jacob Zieseberg/Anna Maria Harm); Evangelische Stiftung Alsterdorf Archiv Sonderakte V 208 (Anna Zieseberg). Michael Wunder, Ingrid Genkel, Harald Jenner, Auf dieser schiefen Ebene gibt es kein Halten mehr – Die Alsterdorfer Anstalten im Nationalsozialismus, Stuttgart 2016, S. 331-371.


